DIE AFROAMERIKANISCHEN KATHOLIKEN
We und nosotros im Mosaik der USA
Der Aufstieg der hispanischen und afroamerikanischen Minderheit macht das “e pluribus unum” immer konkreter und hilft den USA, die Welt besser zu verstehen.
Ein Gespräch mit Miguel H. Díaz, US-Botschafter beim Heiligen Stuhl.
von Miguel H. Díaz
![Miguel H. Díaz, US-Botschafter beim Heiligen Stuhl. <BR>[© Paolo Galosi]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/25-06-07-011.jpg)
Miguel H. Díaz, US-Botschafter beim Heiligen Stuhl.
[© Paolo Galosi]
Die jüngste Volkszählung hat gezeigt, dass wir in den Vereinigten Staaten 195,8 Millionen Weiße haben, 37,7 Millionen Schwarze, 50,5 Millionen Hispanoamerikaner und 14,5 Millionen Asiaten.
Wenn Sie aber die Hispanoamerikaner nach ihrer Identität fragen, antworten manche, dass sie sich als Schwarze fühlen. Das ist ihre Art und Weise, sich mit der schwarzen Gemeinde in den USA verbunden zu fühlen.
Schon bevor ich als Diplomat am Heiligen Stuhl akkreditiert wurde, habe ich mich gefragt, wie die afroamerikanischen Katholiken zum Bau von Brücken des Verständnisses und der Kooperation beigetragen haben. Dieses Thema steht ja auch im Mittelpunkt meiner Mission in Rom. Und ich musste zugeben, dass wir viel von ihnen lernen können: nicht nur von ihrer Art, die Welt und die Menschen zu betrachten, sondern auch davon, wie sie die Begegnung zwischen Religion und Gesellschaft sehen.
Die Geschichte der Afroamerikaner, und insbesondere die der schwarzen Katholiken, ist eine Geschichte des Leids, der erlittenen Gewalt – wie oft wurden Schwarze ohne Prozess gelyncht –, der Sklaverei in der Kolonialzeit, des Bürgerkriegs, der Emanzipation, der Bürgerrechtsbewegung (die Gestalten wie Martin Luther King jr. hervorbrachte) und schließlich der bürgerlichen Gesetzgebung. Präsident Obama ist der Erbe dieser langen Geschichte. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die dafür gekämpft haben, dass nicht nur ihre Menschenwürde akzeptiert wird, sondern auch ihre Hautfarbe. Die Geschichte der farbigen Katholiken ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Treue: sie haben ihre Propheten gehabt, haben sehr viel Geduld und Beharrlichkeit gezeigt – und vor allem immer fest daran geglaubt, dass das Gute letztendlich über das Böse siegen wird. So kommt auch in ihren eindringlichen Gesängen, den Spirituals, zum Ausdruck, dass sie in dem Bestreben, ihre Menschenwürde denen gegenüber zu verteidigen, von denen sie als “Menschen zweiter Klasse” gebrandmarkt wurden, aus einer unerschöpflichen Quelle religiöser Traditionen der unterschiedlichsten Kulturen Inspiration ziehen konnten. Wer also heute leidet oder die Freiheit sucht, der kann sich das Beispiel der Afroamerikaner und schwarzen Katholiken vor Augen halten, deren Geschichte eine Geschichte der Treue und der Hoffnung ist.
Von einem anthropologischen Gesichtspunktaus betrachtet, haben die afroamerikanischen Katholiken, ähnlich den Hispanoamerikanern, im Wesentlichen eine Gemeinschaft stradition: sie betrachten alle Menschen ihrer Gemeinschaft als “Verwandtschaft”. Und diese Gemeinschaft wiederum wird als “geliebte Gemeinschaft” verstanden, wie es der Philosoph Josiah Royce (1855-1916) definierte – ein Ausdruck, den ja auch Martin Luther King jr. später oft und gern gebraucht hat. Genau genommen haben wir es hier mit dem auf Erfahrung beruhenden Gedanken zu tun, dass alle, die um uns herum leben – die Menschen, die bei der Messe mit uns beten, der Mann, der im Nachbarhaus wohnt – zu unserer Familie gehören. Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit, die in der heutigen Welt großen Wert hat, weil sie den Unterschieden zwischen den Menschen ein positives Gewicht gibt. Jene, die sich so lange zwar wahrgenommen, aber nicht akzeptiert gefühlt haben, weil sie “anders” sind, können das sicher gut verstehen. Die Afroamerikaner können heute Zeugnis ablegen und uns die Schönheit der gegenseitigen Abhängigkeit lehren, der Gastfreundschaft und der goldenen Regel der Nächstenliebe.
Vor ein paar Jahren habe ich einen Artikel über eine Debatte geschrieben, bei der farbige und hispanische Intellektuelle darüber diskutierten, wie sie das “Anderssein” jeweils empfinden. Und dabei trat dieses starke Gefühl für Gemeinschaft zutage, das auch der Grund dafür ist, warum der Akzent nicht auf das Ich gelegt wurde, sondern auf die Person als Teil des Wir. Im Spanischen sagen wir dafür “nosotros” – ein starkes Wort, das dem Englischen we entspricht, wörtlich aber heißt: “Gemeinschaft, die die anderen miteinschließt “, also die Unterschiede akzeptiert. Das sind aber nicht nur Wörter aus dem afroamerikanischen und hispanischen Wörterbuch – sie haben Konsequenzen und zeigen, wie sehr diesen Gemeinschaften die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt. Martin Luther King jr. hat gesagt, er hätte “einen Traum von einer besseren Gesellschaft”, und damit meinte er in der Praxis Sozial- und Gesundheitsfürsorge für alle, ein für alle zugängliches Bildungssystem, Programme für die Bekämpfung von Armut und Obdachlosigkeit. Wir haben es hier mit dem Thema der Einbeziehung anderer zu tun, das global ist, und das sich bei der Suche nach gerechten Lösungen von der Erfahrung dieser Gemeinschaften inspirieren lassen kann. So überrascht es auch nicht weiter, dass ein afroamerikanischer Präsidentschaftskandidat in den USA tatsächlich Präsident werden konnte, weil er in seiner Wahlkampagne auf ein Motto gesetzt hat, das uns zeigt, dass wir bessere Resultate erzielen können, wenn wir zusammen, und nicht gegeneinander arbeiten: Yes We Can. Und das gilt für unsere direkten Nachbarn ebenso wie für die internationalen Beziehungen.
![US-Präsident Barack Obama nach seiner Rede zur Gesundheitsreform im College Park in Maryland (September 2009). [© Luke Sharrett/Redux/Contrasto]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/23-06-07-011.jpg)
US-Präsident Barack Obama nach seiner Rede zur Gesundheitsreform im College Park in Maryland (September 2009). [© Luke Sharrett/Redux/Contrasto]
Jede Gemeinde, die in die USA gekommen ist, wollte Teil dieses Landes werden, ist nicht in “Brachland” gekommen. Und jetzt helfen uns diese Gemeinden, indem sie einen einzigartigen Beitrag leisten. Dass uns die Zunahme von latinos in den USA beispielsweise auch eine hispanische Geschichte und Kultur beschert hat, die eng verbunden ist mit der jüdischen und muslimischen Welt, erweist sich als äußerst wertvoll, wenn die Begegnung mit der mediterranen Welt zur Priorität wird. Und es steht auch außer Zweifel, dass die schwarze Gemeinde dem Land in strategischer Hinsicht nach wie vor sehr hilfreich ist. Aber es ist vor allem der Aspekt ihrer ungewöhnlichen Treue, den wir für immer in uns tragen sollten.
(zus.gestellt von Giovanni Cubeddu und von Miguel H. Díaz überarbeitet)
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