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Aus Nr. 06 - 2011

Die Rückkehr zur Einfachheit des katholischen Glaubens


Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Sakrament der Beichte, die eucharistische Anbetung, die Aufforderung an die Fernstehenden, in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Ein Gespräch mit Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington.


Interview mit Kardinal Donald Wuerl von Giovanni Cubeddu


Wir treffen Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington, am 29. Juni im Pastoralzentrum seiner Diözese.

 

Kardinal Wuerl in der Basilika des Nationalheiligtums der Unbefleckten Empfängnis in Washington. [© Getty Images]

Kardinal Wuerl in der Basilika des Nationalheiligtums der Unbefleckten Empfängnis in Washington. [© Getty Images]

Herr Kardinal, Sie sind der Bischof einer wichtigen Diözese, einer Hauptstadt, die noch immer die “Hauptstadt der Welt” ist. Wenn man Ihre Hirtenbriefe liest, fällt auf, dass Sie vor allem die “Fernstehenden” ansprechen, jene, die sich von der Kirche entfernt haben. Das scheint Ihre Hauptsorge zu sein.

DONALD WUERL: Genau darum geht es bei der Neuevangelisierung, und das ist auch der Grund dafür, warum wir uns hier in der Erzdiözese Washington vor allem auf die Neuevangelisierung konzentrieren. Sie ist sozusagen die “Linse”, durch die wir alles sehen wollen, was wir tun: die “Fernstehenden” laden wir ein, zum Glauben zurückzukehren; die Jugendlichen dazu, den katholischen Glauben schätzen zu lernen, ihn zu verstehen und zu leben.

Meinen Hirtenbrief vom letzten Jahr (Disciples of the Lord: sharing the vision) habe ich deshalb dem Thema Neuevangelisierung gewidmet, weil es eine Generation von Katholiken gibt, die zwar getauft sind, aber nicht praktizierend. Die meisten dieser Katholiken haben in den 70er, 80er, und auch noch in einem Teil der 90er Jahre eine nur unzureichende Katechese erhalten. Damals hatte man in den Vereinigten Staaten keine klare Vorstellung davon, was gelehrt werden sollte und welche katechetischen und theologischen Texte für die Ausbildung der Jugendlichen herangezogen werden sollten. Das Ergebnis war, dass viele Katholiken – auch unter dem Einfluss der Kulturrevolution der 60er und 70er Jahre – einfach aufgehört haben, in die Kirche zu gehen. Sie betrachten sich zwar als Katholiken, nehmen am Leben der Kirche aber nicht teil. Als Papst Johannes Paul II. die Notwendigkeit einer Neuevangelisierung immer eindringlicher herauszustellen begann, wurde uns klar, wie wichtig es ist, die Menschen zur Rückkehr aufzufordern – und als Papst Benedikt XVI. dann den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung einrichtete, beschlossen wir, die Evangelisierung in den Mittelpunkt der Aktivität unserer Erzdiözese zu stellen. Wir wollen alle Fernstehenden zur Rückkehr bewegen. Ein Beispiel dafür ist unsere Einladung zum Sakrament der Beichte – eine Initiative, die wir “The light is on for you” [Das Licht ist an für dich, Anm.d.Red.] genannt haben. In dem Bemühen, die Bedeutung des Bußsakraments neu herauszustellen, haben wir fünf Jahre lang in der Fastenzeit in allen Pfarreien der Erzdiözese die Möglichkeit angeboten, das Sakrament der Beichte zu empfangen. Alle in der Gemeinschaft – Katholiken und Nicht-Katholiken – müssen wissen, dass Beichten etwas ist, das Katholiken tun; und dass jeden Mittwoch in der Fastenzeit, von 6.30 bis 20.00 Uhr, in jeder unserer Kirchen ein Priester zur Verfügung steht, der bereit ist, ihre Beichte zu hören und sie wieder in den Schoß der Kirche aufzunehmen. So haben wir in der U-Bahn, im Radio, in den Bussen und mit Werbeplakaten für die “Heimkehr” geworben. Diese Initiative wurde inzwischen auch von anderen amerikanischen und kanadischen Diözesen nachgeahmt.

Sie nehmen in Ihren Katechesen kein Blatt vor den Mund, geben praktische Ratschläge. In Ihrem Hirtenbrief God’s mercy and loving presence an die Priester, Ordensleute und Laien Ihrer Erzdiözese rühren Sie die Werbetrommel für “The light is on for you” und raten den Gläubigen, gemeinsam an der eucharistischen Anbetung teilzunehmen, dem Beispiel des hl. Alfonso Maria de’ Liguori folgend, den Sie in Ihren Schriften zitieren. Damit sagen Sie den Leuten praktisch, dass die Sakramente die Antwort sind.

Ja, absolut. Bei der Versammlung der amerikanischen Bischöfe vor ein paar Jahren sind wir übereingekommen, dass die Kirche unseres Landes Prioritäten setzen müsse. Und wir waren uns einig, dass die oberste Priorität die Evangelisierung sein müsse, die Katechese über die Sakramente. Dass wir die Gläubigen wieder den Sakramenten zuführen müssen. Das ist so naheliegend, macht soviel Sinn... Als sich Jesus, das fleischgewordene Wort, auf seine glorreiche Rückkehr zum Vater vorbereitete, setzte er eine Kirche ein, die ihm ähnlich sein sollte, eine spirituelle und sichtbare Kirche, in der der Heilige Geist wohnen sollte und die zugleich aus Menschen gemacht ist. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von der Kirche als dem großen Sakrament. Jesus hat die Sakramente eingesetzt, damit es ihm möglich sei, uns zu berühren, und damit wir ihn berühren können. Der Höhepunkt all dieser großen Momente der Begegnung ist die Eucharistie. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, hat Jesus gesagt. Und wir haben verstanden, dass Er jedes Mal, wenn wir das tun, in unserer Mitte sein würde. Ich glaube, dass die jungen Menschen verstehen, dass das nicht nur einfach ist, sondern wahr. Wir fordern unsere Jugendlichen heute auf, die Antwort zu geben, die Petrus gegeben hat, als Jesus die Jünger fragte: „Wer bin ich?“, wenn wir sie heute fragen: „Wer ist Jesus?“. Simon Petrus antwortete: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Wir helfen unseren Jugendlichen, dasselbe Glaubensbekenntnis abzulegen und zu Jesus Christus zu sagen: „Du bist der Sohn Gottes, und ich glaube an Dich.“ Und wir sehen, dass ihre Antwort nicht ausbleibt. Es ist nicht kompliziert. Jesus drückte sich auf eine Weise aus, die nicht schwer zu verstehen war. Ich glaube, dass die Antwort des Glaubens heute oft von einem Bezugspunkt überdeckt wird, der weltlich ist. Deshalb wollen unsere Jugendlichen heute ja auch, dass wir ihnen einfach nur von Jesus erzählen, von seinem Evangelium.

In Ihrem Hirtenbrief God’s Mercy and the Sacrament of Penance [Die Barmherzigkeit Gottes und das Bußsakrament, 2007] erinnern Sie daran, dass die „neue Schöpfung“ einfach der erlöste Mensch ist.

Paulus sagt uns, dass es bei dem Kampf in unserem Innern darum geht, dass sich der alte Mensch gegen den neuen Menschen wehrt, die neue Schöpfung, die im Werden begriffen ist, der Mensch im Zustand der Gnade, der Mensch, der erlöst wird in der Gnade. Oder ist das vielleicht nicht einer der Gründe, warum Jesus gekommen ist? Um alles zu heilen, was verletzt war? Die neue Schöpfung, die Schöpfung der Gnade, ist das Reich – die Gegenwart Gottes, des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit, des Mitgefühls, der Heilung. Die neue Schöpfung beginnt für uns alle mit der Taufe. Jeder von uns wird in der Taufe zu einem Geschöpf der neuen Schöpfung. Aber die alte Schöpfung will uns nicht loslassen, und die neue Schöpfung versucht, sich gegen all das durchzusetzen. Jeder von uns ist ein Bürger des Gottesreiches. Und der Moment, in dem dieses Reich kommt, ist jetzt – jedes Mal, wenn ein Gläubiger, jemand, der Christus folgt, in Güte handelt, in der Liebe, in der Wahrheit, in der Gerechtigkeit. Jede dieser Handlungen, die die Gegenwart Christi in uns sichtbar machen, ist etwas, das das Reich existieren lässt. Ein Mann, der sich mir als Atheist vorstellte, hat einmal gefragt: „Was bringen Leute wie Sie der Welt eigentlich?“ – und mit „Leute wie Sie“ meinte er die Kirche. Ich sagte zu ihm:„Wie würde die Welt Ihrer Meinung nach wohl aussehen, wenn man uns in den vergangenen Jahrhunderten, in den vergangenen Jahrtausenden, nichts von den zehn Geboten gesagt hätte? Wenn man uns nie gesagt hätte, dass wir einander mit Würde behandeln müssen, dass wir einander lieben, uns der geringsten unserer Brüder und Schwestern annehmen müssen? Wie würde die Welt Ihrer Meinung nach wohl aussehen?“. Seine ehrliche Antwort lautete: „Sie wäre ein einziges Chaos.“ Das sind die Zeichen des Himmelreiches, die sich in der Welt zu erkennen geben.

Das Schöne daran, Bischof zu sein ist, dass man durch die ganze Diözese kommt. In den Pfarreien dieser Ortskirche sehe ich Leute, die ihren Glauben leben; die versuchen, Christus nachzufolgen; die ihre Kinder großziehen und auch ihnen dabei helfen wollen, dem Weg Christi zu folgen. Man sieht Leute, die sich um alte und kranke Menschen kümmern, die den Bedürftigen helfen und versuchen, alles zu tun, was uns Jesus gesagt hat.

Kardinal Wuerl betet vor den Ketten des hl. Petrus, die in der römischen Basilika “San Pietro in Vincoli” aufbewahrt sind (Inbesitznahme der Basilika, Sonntag, 8. Mai 2011). [© Piotr Spalek/Catholic Press Photo/CNS Photo]

Kardinal Wuerl betet vor den Ketten des hl. Petrus, die in der römischen Basilika “San Pietro in Vincoli” aufbewahrt sind (Inbesitznahme der Basilika, Sonntag, 8. Mai 2011). [© Piotr Spalek/Catholic Press Photo/CNS Photo]

Wie der restliche amerikanische Klerus scheint auch der Erzbischof von Washington manchmal zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Auf der einen Seite leben wir – und hier zitiere ich die amerikanischen Bischöfe (das Dokument In support of Catechetical Ministry) – „in einer zunehmend säkularisierten, materialistischen Gesellschaft“, auf der anderen Seite gibt es in den USA auch die hispanischen Minderheiten, die Farbigen und die Asiaten, die einen ganz anderen Ansatz erkennen lassen...

Ja, aber ich glaube, dass wir uns doch über eines klar sind: die Verkündigung des Evangeliums wird in den USA von drei Barrieren behindert: dem Säkularismus, dem Materialismus und dem Individualismus. Das tritt in unserer Kultur immer deutlicher zutage – und darauf hat uns auch Papst Benedikt XVI. aufmerksam gemacht, als er 2008 in die USA gekommen ist. Vieles von dem, was man uns als amerikanische Kultur verkauft, wird uns in Wahrheit von der Unterhaltungs- und der Informationsindustrie suggeriert. Wenn man sich unter die Menschen mischt, in die Pfarreien geht, dorthin, wo gelebt und gearbeitet wird, dann sieht man, dass noch viel von den christlichen Grundwerten erhalten ist. Doch das wird von den Medien unter den Tisch gekehrt. Diese Werte werden ausgeklinkt. Alles, was mit der Religion, mit dem Glauben, der Spiritualität der Leute zu tun hat, wird ausgeblendet, und wir sind versucht zu glauben, dass das, was wir im Fernsehen sehen, im Radio hören oder in der Zeitung lesen, alles ist. Aber das stimmt nicht. Auf der anderen Seite haben wir – wie Sie schon angedeutet haben – diese Masse von Einwanderern. In der Erzdiözese Washington zelebrieren wir die Messe jedes Wochenende in 20 Sprachen! Dieser Widerschein der Weltkirche in der Hauptstadt der USA ist ein wahrer Segen! Die Einwanderer bringen den Reichtum des Glaubens. Viele von ihnen bringen uns einen Gemeinschaftssinn, einen Familiensinn, der dringend notwendig ist in einem säkularisierten Land wie den USA. Wir erleben derzeit die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, als wäre die Ehe nicht ohnehin schon die verifizierbare Realität eines Mannes und einer Frau, die sich das Versprechen geben, zusammen zu leben, Kinder zu zeugen und diese gemeinsam aufzuziehen. Die Einwanderer bringen einen Sinn für die Gemeinschaft, die kirchliche Gemeinschaft, mit ein. Ihre Glaubenserfahrung schließt die Kirche mit ein, und folglich auch das Lehramt, die apostolische Tradition und die Bischöfe als Nachfolger der Apostel. Und das unterscheidet sich von dem protestantischen Erbe der Vereinigten Staaten, für das „es mich und Gott gibt, Jesus mein Retter ist, und ich nichts anderes brauche“. Die katholische Kirche dagegen hat immer gesagt: „Jesus hat eine Familie eingesetzt, eine Familie des Glaubens“. Der Zustrom der Einwanderer bringt es mit sich, dass wir die traditionellen Werte der Familie und der Gemeinschaft fördern müssen.

In dem eben zitierten Dokument betonen die amerikanischen Bischöfe, dass die demokratischen Werte und der katholische Glaube zweierlei Dinge sind. Wie stehen Sie angesichts dieser klaren Unterscheidung zu den Vertretern der staatlichen Institutionen?

Ich denke, dass es hier zwei Dinge zu bedenken gibt. Erstens: Wir haben eine pluralistische demokratische Gesellschaft. Zweitens: Als Bischof der katholischen Kirche muss ich dieser pluralistischen demokratischen Gesellschaft eine Botschaft bringen. In meiner Predigt bei der Inbesitznahme der Diözese vor fünf Jahren habe ich gesagt, dass ein Teil der Verantwortung der Kirche in der Hauptstadt unseres Landes, dieser “Hauptstadt der Welt”, darin besteht, inmitten aller anderen Stimmen das Evangelium zu verkündigen. Wir verurteilen die anderen Stimmen nicht, erwarten aber, die Freiheit zu haben, auch unsere Stimme hören zu lassen. Meine Erfahrung hier in Washington ist es, dass man manchmal, wenn man zum Dialog, zur Diskussion und zum Zuhören bereit ist, das Evangelium durchaus in eine Diskussion mit einbringen kann. Es ist sehr wichtig, dass die Kirche präsent ist. Sie muss im politischen, sozialen und kulturellen Bereich präsent sein. Wir müssen einfach nur uns selber, dem Evangelium, treu bleiben. Wir müssen klar sagen, was Sache ist, was richtig und was falsch ist. Ein Beispiel dafür ist das, was die Erzdiözese im Rahmen der „Pro-Life-Bewegung“ [Lebensrechtsbewegung] getan hat – weshalb wir auch so stolz darauf sind, jedes Jahr eine Begegnung mit der Jugend und eine Pro-Life-Messe veranstalten zu können. Letztes Jahr haben 35.000 Jugendliche daran teilgenommen. 20.000 waren bei der Messe im Verizon Center dabei, 10.000 im D.C. Armory; weitere 5.000 in den Kirchen der ganzen Erzdiözese. Durch diese jungen Menschen hat die Kirche der politischen Welt, in der wir leben, einfach nur sagen wollen, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist.

In den USA sind die Debatten um die Gesundheitsreform noch immer im Gang. Die katholische Kirche kann niemanden unterstützen, der für die Abtreibung ist – ein Gesetz abzublocken, das bedürftigen Personen ein Sozialleistungs- und Krankenversicherungspaket zusichert, das sie selbst niemals bezahlen könnten, steht aber wohl auf einem anderen Blatt. Manchmal hat man den Eindruck, als sei die katholische Kirche in den USA nur in der Pro-Life-Bewegung engagiert und würde sich deswegen ständig mit der Regierung in die Haare geraten…

Ja, manchmal wird die katholische Kirche tatsächlich so dargestellt, als wäre sie nur daran interessiert, die Abschaffung der Abtreibung durchzusetzen. Dabei ist die katholische Kirche gleich nach dem Staat der größte „Sozialdienstleistende“ in den USA. Wir sind in allen Bereichen des Gesundheitswesens und des Sozialdienstes tätig; wir helfen Obdachlosen, bieten Armenspeisungen an, auch auf Pfarreiebene. Wir sind – außer dem Staat – die Institution, die am meisten für das Bildungswesen tut, vor allem für arme und bedürftige Menschen. Die katholische Kirche ist überall tätig, wo es um das Gebot Jesu geht, die Hungernden zu speisen, den Dürstenden zu trinken zu geben, die Nackten zu kleiden und die Kranken und Gefangenen zu besuchen. Genau das tun wir. Aber nicht immer beschreibt man uns so; dafür bekommen wir keine Anerkennung. 2007 haben die amerikanischen Bischöfe eine Art Leitfaden für Katholiken veröffentlicht, die in der Politik aktiv werden wollen (Faithful Citizenship). Ich glaube, dass dieser Text eine sehr solide Lehre enthält. Die amerikanischen Bischöfe haben ihn einstimmig gutgeheißen. Faithful Citizenship sagt den Katholiken und allen, die es lesen, dass es eine große Bandbreite an Themen gibt, die in Betracht gezogen werden müssen. Jesus sagt uns nicht nur, dass wir uns um die Frau kümmern müssen, die ein Kind gebärt, sondern dass diese Sorge auch danach weitergeht – für sie und ihr Kind. In gleicher Weise müssen wir auch den alten Menschen und allen unseren Nächsten beistehen, die unserer Hilfe bedürfen. All das ist Teil des katholischen Dienstes sozialer Gerechtigkeit.

Der Erzbischof von Washington, Donald Wuerl, nach dem Gebetstreffen in der "Old Saint Mary’s Catholic Church". [© Getty Images]

Der Erzbischof von Washington, Donald Wuerl, nach dem Gebetstreffen in der "Old Saint Mary’s Catholic Church". [© Getty Images]

Heute feiern wir das Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus. Bei der Morgenmesse im Franziskanerkloster “Holy Land” hier in Washington hat der Priester gesagt, dass die Bedeutung dieses Festes darin liegt, dass der Herr aus zwei sehr verschiedenen Persönlichkeiten – einem Fischer und einem Christenverfolger – große Heilige gemacht hat.

Das ist die Art und Weise, wie der Herr handelt. Wer hätte gedacht, dass der Fels, auf dem Christus seine Kirche bauen wollte, ein ungehobelter, aufbrausender Fischer sein würde! ... Und doch: mit der Gnade Gottes wird er zum Fels, auf dem die Kirche ruht. Und dann war da noch Paulus, der die Kirche verfolgte, und der mit der Gnade Gottes zum Instrument der Offenbarung wurde, dass die Kirche und Jesus eins sind. Als Saulus fragte: „Wer bist du?“, antwortete ihm eine Stimme: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Die Kirche und Christus sind eins. Paulus war der Vermittler dieser Offenbarung. Heute Morgen bei der Meßfeier habe ich gesagt, dass wir das Fest Peter und Paul nicht feiern können, wenn wir nicht erkennen, dass uns etwas mit Rom verbindet. Als mir das große Privileg zuteil wurde, meine Titelkirche in Rom in Besitz zu nehmen (San Pietro in Vincoli), habe ich die Anwesenden daran erinnert, dass uns – und damit meine ich jeden Katholiken – ein besonderes Band mit Petrus verbindet. Wir haben dieses Band, weil er der Prüfstein unseres Glaubens ist. Er lebt heute, er trägt den Namen Benedikt, und an ihn wenden wir uns, wenn wir wissen wollen, was Jesus zu uns sagt.

Was war die schönste Erfahrung, die Sie als Erzbischof von Washington gemacht haben?

Der freudvollste Aspekt der Kirche ist meiner Meinung nach heute, dass wir uns mitten in einer Neuevangelisierung befinden. Wir ähneln der Kirche der Anfänge; wir gehen hinaus und sagen den Leuten zum ersten Mal, wer Jesus ist. Er ist auferstanden, er ist bei uns. Viele Leute hören das heute zum ersten Mal. Sie glauben, es bereits gehört zu haben und es zu kennen, in Wahrheit aber hören sie es vielleicht zum ersten Mal. Das Aufregende heute ist, dass sich die Kirche einer vollkommen neuen Zukunft öffnet, und das ist ein Grund zur Freude. Ich glaube, dass die Leute in 50 Jahren zurückblicken und sagen werden, dass das die Tage waren, in denen die Erneuerung der Kirche begonnen hat.

In einer Ihrer Kolumnen haben Sie erst unlängst geschrieben: „Vor noch nicht allzu langer Zeit kam ein Mann nach der Ostermesse zu mir und fragte mich, ob ich das ernst gemeint hätte, was er mich in der Predigt sagen hörte: dass Jesus in seinem Leib von den Toten auferstanden sei, nicht nur in seiner Botschaft.“

Er ist auferstanden. In gewissen Schulen mögen die Leute die Lehre erhalten haben, dass die Auferstehung nur eine Redensart sei, dass er also auferstanden sei im Sinne seiner Fähigkeit, Einfluss zu nehmen. Wir sagen: „Nein! Er ist auferstanden in Seinem Leib.“ An der Universität hat einer meiner Studenten einmal zu mir gesagt: „Sie behaupten, dass Jesus von den Toten auferstanden ist“. „Ja, weil es das ist, was die Kirche lehrt“, antwortete ich. Und er: „Ja, schon gut, aber Sie meinen damit wirklich, in seinem Leib …“. „Ja, das ist es, worin die Auferstehung besteht“, sagte ich. Er wusste nicht, dass es das ist, was die Kirche glaubt. Jetzt weiß er ist. Ich bin froh, den jungen Menschen erzählen zu können, wer Jesus wirklich ist. Alles was wir brauchen, ist das Apostolische Glaubensbekenntnis. Wenn ich in Rom bin, wohne ich immer im Päpstlichen Nord­amerikanischen Kolleg. Es war mein Seminar, und dort gehen noch heute die Seminaristen aus Washington hin. Wenn ich dort bin, gehe ich mit den Seminaristen aus Washington immer in den Petersdom. Wir feiern die Morgenmesse um 7 Uhr, dann kommen wir aus der Krypta und beten vor der Confessio gemeinsam das Apostolische Glaubensbekenntnis. Und dann sage ich zu ihnen: „Das hier ist der richtige Ort“.



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