Archiv 30Tage
Der zu bewahrende Schatz ist wichtiger als der Wächter
Auszüge aus den Briefen von Papst Cölestin I. (422-432)
von Lorenzo Cappelletti

Detail des Triumphbogens: neben dem Thron Gottes stehen die Heiligen Petrus und Paulus mit der Inschrift Xystus episcopus plebi Dei, Basilika Santa Maria Maggiore in Rom.
Wir schreiben den 10. September 422. Der neue Bischof von Rom heißt Cölestin I. Damit steigt ein Mann auf den Stuhl Petri, dessen Leben uns praktisch unbekannt ist. Trotzdem wissen wir aus seinen wenigen Schriften, die uns erhalten geblieben sind, daß er sich auf den Glauben des Fischers aus Galiläa beruft und ihn als einzigen Grund für sein Sein und Handeln auf dem Stuhl Petri nennt. Die Briefsammlung, die aufgrund der wiederholten Zerstörungen des Archivs der römischen Kirche nur fragmentarisch überliefert ist, wurde vor kurzem zum ersten Mal in einer vollständigen italienischen Übersetzung im Verlag Città Nuova herausgegeben. Die Originaltexte finden sich in den Acta Conciliorum Oecumenicorum (Ausgabe von E. Schwartz) und in Migne Patrologia Latina. Die Sammlung besteht großenteils aus Cölestins Stellungnahmen zur nestorianischen Krise vor, während und nach dem Konzil von Ephesus 431. Wenn wir im folgenden seine Briefe auszugsweise veröffentlichen, so treten wir damit nicht als Kämpfer gegen Irrlehren auf oder erforschen den Irrtum des Nestorius, den ja bereits das erwähnte Konzil verurteilt hat. Wir wollen vielmehr die Kriterien herausarbeiten, von denen sich Cölestin leiten ließ.
Der von den Aposteln uns vollständig und eindeutig überlieferte Glaube muß vor Zusätzen und Abstrichen bewahrt werden
Wenn man bedenkt, wie Cölestin die nestorianische Frage angeht, so fällt einem sofort auf, daß er sich nicht im Geringsten mit der Theologie und den Argumenten des Nestorius auseinandersetzt, das heißt mit der Frage, warum dieser den Titel Christòtokos (Mutter Christi) dem Titel Theotòkos (Mutter Gottes) vorzog. Gewiß ist dies eine heikle Frage, aber sie unterliegt nicht dem Charisma Roms, dessen Originalität es sozusagen ist, keine theologische Originalität zu besitzen, keine eigenen Lösungen vorzulegen. Cölestin hält sich deshalb an die Formel des apostolischen Glaubensbekenntnisses, in dem es ganz einfach heißt, daß der eingeborene Sohn Gottes aus Maria Fleisch angenommen hat.
Zur gleichen Zeit macht sich Cölestin die Erfahrung der Vergangenheit zunutze. Zu Beginn des Briefes an Nestorius vom August des Jahres 430 zeichnet er die jüngsten Ereignisse um den Bischofsstuhl von Konstantinopel nach: „Nach seinem Tod [gemeint ist Attikos, der von 406 bis 425 Bischof von Konstantinopel war] war unsere Sorge groß. Denn wir fragten uns, ob sein Nachfolger ihm auch im Glauben folgen würde, da das Gute nur schwerlich lange währt. Denn oft folgt ihm das Böse und nimmt seinen Platz ein. Dennoch hatten wir nach ihm den heiligen Sisinnios, einen für seine Einfachheit und Heiligkeit berühmten Mitbruder, der den Glauben verkündete, wie er ihn vorgefunden hatte. Leider ging er aber schon bald wieder von uns [im Jahr 427]. In seiner einfachen Heiligkeit und heiligen Einfachheit hatte er gelesen, daß man eher Furcht als fundiertes Wissen haben und außerdem nicht zu viel grübeln soll, und nochmals: “Wer etwas anderes verkündet, als wir verkündet haben, der soll mit dem Anathema belegt werden.”“ Cölestins Sorge war, daß Nestorius, der „lieber seinen eigenen Vorstellungen diente als Christus“ und „anders über das Wort Gottes sprechen will, als der gemeinsame Glaube denkt“ , durch sein „übermäßiges Reden“, das depositum fidei entweder bereichert oder schmälert: „Man darf die Reinheit des überlieferten Glaubens nicht durch lästerliche Worte über Gott zerstören. Wer würde denn nicht zu Recht mit einem Anathema belegt, wenn er dem Glauben etwas hinzufügte oder wegnähme? Denn der von den Aposteln vollständig und eindeutig überlieferte Glaube muß vor Zusätzen und Abstrichen bewahrt werden. Wir lesen in unseren Büchern, daß man weder irgend etwas hinzufügen noch etwas entfernen darf. Denn wer hinzufügt oder entfernt, den trifft eine harte Strafe [...]. Wir bedauern, daß die Worte, die uns die Hoffnung unseres ganzen Lebens und des Heils verheißen, aus dem von den Aposteln überlieferten Glaubensbekenntnis entfernt wurden.“ Und dann spricht Cölestin ganz persönlich, als er den pluralis majestatis ablegt: „Agitur ut mihi totius spei meae causa tollatur“, übersetzt: „Es geht darum, daß ich des Grundes all meiner Hoffnung beraubt werde.“ Es handelt sich um einen wirklich entscheidenden Abschnitt: Es darf keinen anderen Glauben geben als die fides communis, den Glauben der Apostel, denn paradoxerweise ist nur der gemeinsame Glaube in der Lage, die persönliche und berechtigte Hoffnung eines Menschen zu nähren. „Die Bewahrung des depositums ist nichts Mechanisches, sondern ein freies Handeln, sie ist Liebe: „Die Bewahrung der überlieferten Lehre ist nicht weniger wichtig als die Aufgabe dessen, der sie überliefert [weist die Betonung des Umgekehrten, die wir heute erleben, etwa nicht auf einen Mangel an Liebe hin?]. Die Apostel haben den Samen des Glaubens ausgestreut, unser Eifer bewahre ihn, damit unser Herr bei seiner Ankunft reiche Frucht vorfindet; zweifellos ist ihm allein das Gedeihen zuzuschreiben [heute müssen wohl einige Zweifel aufgekommen sein, daß wir so sehr beunruhigt sind]. Denn wie unser auserwähltes Gefäß [der heilige Paulus] sagt, genügt das Pflanzen und Gießen nicht, wenn Gott nicht wachsen läßt. Daher müssen wir uns gemeinsam bemühen, um die Lehren zu bewahren, die uns anvertraut worden sind und die wir uns durch die apostolische Sukzession bis heute zu eigen gemacht haben.“ Diese Zeilen schrieb Cölestin am 8. Mai 431 auf dem Konzil von Ephesus. Einige Jahre zuvor, als er auf die disziplinären und theologischen Eigenheiten der Provinz Arles reagierte, machte Cölestin deutlich, daß die Suche nach Neuheiten in einen trügerischen Aberglauben einmündet, so wie auf der anderen Seite der Glaube der Apostel die persönliche Hoffnung nährt. So schrieb er in seinem Brief an die Bischöfe von Vienne und Narbonne vom 26. Juli 428: „Wir wissen, daß einige Priester des Herrn [gemeint sind die Bischöfe] sich eher dem Dienst des Aberglaubens als der Reinheit des Geistes beziehungsweise des Glaubens hingegeben haben [...]. Wenn wir anfangen, Neuheiten zu suchen, treten wir die uns von den Vätern überlieferten Vorschriften mit Füßen und geben wertlosem Aberglauben Raum. Wir dürfen daher den Geist der Gläubigen nicht auf derartige Äußerlichkeiten lenken. Denn sie sollen erzogen und nicht betrogen werden.“

Der Herr erscheint dem Abraham, Tafel des Mittelschiffs, Basilika Santa Maria Maggiore in Rom.
Für Cölestin gibt es aber noch einen weiteren Grund zur Sorge. Nicht nur Nestorius, sondern auch die Bischöfe der Provence hatten die herkömmlichen Vorschriften zur Bischofswahl mißachtet. Nach Cölestins Ansicht war der Bischof aus dem Klerus der eigenen Kirche zu wählen. Es mußte sich um einen Kandidaten handeln, der bereits in den niederen und höheren Weihen einen Beweis seiner guten Lebensführung gegeben hatte. In dem zuvor zitierten Brief erklärt er dies eindringlich: „Niemandem darf ein unerwünschter Bischof vorgesetzt werden. Die Zustimmung ist notwendig, und der Wunsch des Klerus, des Volkes und der Mitglieder des Weihestands ist zu berücksichtigen. Ein anderer, der zu einer anderen Kirche gehört, ist nur dann zu wählen, wenn in der Stadt, für die ein Bischof geweiht werden soll, im Klerus kein würdiger Kandidat zu finden ist, was unserer Meinung nach nicht vorkommt. Denn in diesem Fall sollen diese Kleriker erst noch einmal geprüft werden, damit man mit Recht einige Mitglieder anderer Kirchen vorzieht. Jeder erlange die Frucht seines Dienstes in der Kirche, in der er sein Leben verbracht und alle Aufgaben wahrgenommen hat. Niemand rühre Dienste an und wage es, für sich den Lohn zu beanspruchen, der anderen gebührt. Die Kleriker sollen die Möglichkeit besitzen, sich zu widersetzen, wenn sie meinen, sie trügen eine zu schwere Last, und sich nicht fürchten, jene abzulehnen, die sie auf krummen Wegen eingeführt sehen. Sie müssen ihre Meinung frei zum Ausdruck bringen über den, der sie leiten soll, wenn er nicht die Person ist, die sie verdienen.“ Einige Jahre später lobte er den neuen Bischof von Konstantinopel und bestritt auch den Ruf des Nestorius als berühmter Theologe (der bereits vom Bischofsstuhl in Konstantinopel entfernt worden war). Nestorius war von anderswoher gekommen. An den Klerus und das Volk von Konstantinopel schrieb er am 15. März 432: „[Maximianus] ist weder unbekannt, noch wurde er von einem anderen Ort geholt. Ihr habt ein erhabenes Urteil über eine Person getroffen, die unter euch lebt, ihr, die ihr euch in der jüngsten Vergangenheit unglücklicherweise vom Ruf einer abwesenden Person täuschen ließet.“
In euch siegt der, dessen Gottheit man meinte, in Frage stellen zu können
Außerdem läßt sich am errungenen Sieg abschätzen, wie der Glaube, der, obwohl er siegt, nichts mit einem Plan zur Vernichtung des Irrenden zu tun hat. Es wird deutlich: „Unser Gott duldet es nicht, daß verhüllt bleibt, was er spendet, denn die himmlischen Güter bleiben nie verborgen.“Cölestin bleibt dem treu, was er in Paragraph 8 des Indiculus schreiben ließ: „Daß bestimmte Dinge von Gott nicht oberflächlich oder unnütz erbeten werden, zeigt das konkrete Ergebnis, da Gott sich herabläßt, viele von jeder Art von Irrtum zu befreien, und nachdem er sie der Macht der Finsternis entrissen hat, führt er sie ins Reich des Sohnes seiner Liebe und verwandelt sie aus Schalen des Zornes in Schalen der Barmherzigkeit. Und all dies ist als göttliches Werk zu begreifen, umso mehr, da der Ertrag der Gnade und das Lob dafür, daß Gott sie erleuchtet und gebessert hat, immer mehr ihm, der dies bewirkt, zuteil wird“. Wenn es um die Verurteilung der Anhänger des Nestorius geht, bittet Papst Cölestin die Konzilsväter um Gehör: „Desweiteren verfügen wir über die, die offensichtlich mit ebenso großer Gottlosigkeit die Lehre des Nestorius verfochten und sich zu Komplizen seiner Verbrechen machten, das was wir für richtig halten, auch wenn in eurem Beschluß ihre Verurteilung zu lesen ist.“ Er rät zur Anwendung desselben Großmuts, der sich gegenüber den Pelagianern als erfolgreich erwiesen hatte: „Bei diesen Fragen gilt es sehr viele Aspekte zu bedenken, denen der Apostolische Stuhl immer Rechnung getragen hat [die Fähigkeit, die Gesamtheit der Faktoren zu berücksichtigen, ist ein besonderes Zeichen für die Katholizität]. Dies bestätigen die Tatsachen, deren Protagonisten die Cölestinianer [Pelagianer] sind, die bis dahin auf das Konzil hofften. Wenn sie sich eines Besseren besannen, hatten sie die Möglichkeit, in die Kirche zurückzukehren, was nicht nur für diejenigen galt, von denen feststand, daß sie durch die Unterschrift aller Brüder mit den Urhebern der Irrlehre verurteilt worden waren. Denn dank Gottes Barmherzigkeit freuen wir uns, daß schon einige von ihnen zu uns zurückgekehrt sind [...]. Ich rate euch, in Bruderliebe diesem Beispiel zu folgen.“ Cölestin ging gegen die armen “anonymen Pelagianer”, über die die Vertreter der beiden entgegengesetzten Schulen in Ephesus ja zum eigenen Vorteil herzogen, nicht grausam vor. Der Sieg von Ephesus war nämlich nicht der Sieg der einen theologischen Richtung (der alexandrinischen) über eine andere (die antiochenische). In Wirklichkeit „siegt in euch der, dessen Gottheit man meinte, in Frage stellen zu können [...]. Gemäß dem Wort des Herrn durfte eine Pflanze nicht herausgerissen werden, die der Vater eingesetzt hatte und die in ihm bewies, daß sie gute Früchte hervorbrachte. Das Haus Israel ist der Weinberg des Herrn, und deshalb braucht man sich nicht zu wundern, daß sein Haus, dessen Wächter, wie zu lesen ist, weder schläft noch schlummert, von Dieben verschont blieb [...]. Deshalb, geliebte Brüder, bleibt in Dem, der in euch ist, damit ihr siegt (permanete in eum qui est, ut vincatis, in vobis).“ Wer meinte, im Namen einer Theologie gesiegt zu haben, geriet schon bald auf Abwege. Nach dem Tod des Cyrill (444), des Patriarchen von Alexandrien, der der eigentliche Vorreiter der Verteidigung des apostolischen Glaubens gewesen war, nahm Dioskoros seinen Platz ein. Der neue Patriarch stützte sich nicht mehr auf den Glauben des Petrus (den dieser Stuhl, den der Evangelist Markus errichtet hatte, mit Rom teilte), sondern auf die Genialität der Schule des Clemens, Origenes und Apollinarios. Er berief 449 jenes Konzil ein, das in die Geschichte als latrocinium ephesinum eingegangen ist, als schrecklichster Verrat am Konzil von Ephesus. Denn es verkündete nicht nur einen eindeutig häretischen Glauben, sondern war auch von einer unrechtmäßigen Intoleranz beherrscht. Leo der Große, der damalige Papst und nach der Überlieferung einst treue Diakon des Cölestin, wiederholte die Worte seines Vorgängers: „Das Gute währt nur schwerlich lange. Denn oft folgt ihm das Böse und nimmt seinen Platz ein.“

Die heiligen drei Könige beten das Jesuskind an, Mosaik des Triumphbogens, Basilika Santa Maria Maggiore in Rom.
Zum Schluß wollen wir noch untersuchen, welche Rolle Cölestin der politischen Autorität in kirchlichen Angelegenheiten beimaß. Wir gehen hier nicht von einem Zitat aus den Briefen Cölestins, sondern von einem Abschnitt aus der Einführung von Franco Guidi aus: „Cölestin erkennt auch, daß die kaiserliche Macht von Christus stammt, doch die Anerkennung dient nicht ihrer Verherrlichung, sondern sie legt vielmehr nahe, daß sie sich Christus und demzufolge den Interessen der Kirche unterordnen muß. Und in diesem Sinne ist die Ermahnung an den Kaiser zu verstehen, er solle sich mehr um die Sache des Glaubens als um die Geschicke des Reiches kümmern, die von den Geschicken der Kirche abhängen. Wie man sieht, widerspricht diese Auffassung der kaiserlich-papalistischen Politik Konstantins und Konstantius II., auch wenn hier noch nicht der Primat der auctoritas sacrata pontificum vorliegt, die später bei der Definierung des Verhältnisses zwischen Kirche und kaiserlicher Macht im Mittelalter eine Rolle spielt“. Wir erlauben uns, dieser Auslegung zu widersprechen und sie als anachronistisch zu bezeichnen. Es scheint so, als sähe Cölestin notwendigerweise das gregorianische Hegemoniestreben als Gegensatz zum byzantinischen Kaiserpapalismus voraus. Cölestin ginge es daher offenbar darum, eine rebellische politische Macht zu zügeln. Liest man allerdings die Briefe, stößt man auf eine viel weltlichere Sicht. Cölestin erkennt die politische Autorität zwar an, aber weder „um sie zu verherrlichen“, noch um etwas „nahezulegen“: Er erkennt sie schlicht und einfach nur an. Dies entspricht eher dem Anfang von Kapitel 13 des Römerbriefs oder dem 1. Petrusbrief oder dem Gottesstaat von Augustinus, den Cölestin aufgrund gedanklicher und zeitlicher Nähe wohl besser kannte als die gregorianischen Ansprüche. Cölestin schrieb an Cyrill von Alexandrien am 7. Mai 431: „Die Aufmerksamkeit des Kaisers in bezug auf Gott, der die Herzen der Herrscher in Treue lenkt, ist nicht unnütz, insbesondere wenn es um göttliche Fragen geht.“ An das Konzil von Ephesus schrieb er am 15. März 432: „Es verwundert nicht, daß das Herz des Königs, das in der Hand Gottes liegt, im Einklang mit denen steht, von denen er weiß, daß sie seine Priester sind.“
Zum Zeugnis dafür, was zu Lebzeiten „der Grund seiner Hoffnung“ war, wollte Cölestin als Toter ad nymphas sancti Petri, in den Priszilla-Katakomben ruhen, wo Petrus der Überlieferung nach den ersten Christen von Rom das Sakrament der Taufe spendete. Wer immer seine Grabinschrift verfaßt hat, sie bringt jenes „Vertrauen zum Ausdruck, das aus der Einfachheit kommt“, die den Papst ein Leben lang begleitet hat: „Dies ist der Grabhügel des Leibes, hier ruhen Gebeine und Asche. Nichts von diesem Menschen wird untergehen. Alles Fleisch wird auferstehen im Herrn.“
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