Rubriken
Aus Nr.09 - 2011


CHRISTENTUM

“Wer” oder “was” das mysterium iniquitatis zurückhält


Der hl. Johannes Chrysostomus.

Der hl. Johannes Chrysostomus.

Im Osservatore Romano (25. September) kommentierte Msgr. Enrico dal Covolo, Rektor der Päpstlichen Lateran-Universität, die Worte des Apostels Paulus aus dem zweiten Brief an die Thessalonicher, Kapitel II, Vers 6-7, und stellt insbesondere heraus, wie die Antiochenischen Väter die Frage beantwortet haben, “wer” oder “was” (tò katèchon), das mysterium iniquitatis zurückhalte.
„In seiner vierten Predigt geht Johannes Chrysostomus auf dieses Problem ein und stellt sich zwei Fragen: zunächst einmal will er klären, was dieses katèchon ist; danach, warum Paulus eine so düstere Sprache wählt. In seiner Antwort auf die erste Frage weist Chrysostomus die Interpretation des Severianus von Gabala zurück, der das katèchon mit der Gnade des Geistes identifiziert. Auch Theodor von Mopsuestia stimmt mit Chrysostomus in der Ablehnung der These des Severianus überein. Auf der Grundlage ihrer Einwände, die wir hier nicht kommentieren wollen, ist anzunehmen, dass Severianus in einer Kirche der Charismen das beste und wirksamste Bollwerk gegen den Vormarsch der Mächte des Bösen sieht. Chrysostomus weist also die Meinung des Severianus zurück und äußert eine zweite, die, wie er zugibt, er selber vertritt: nämlich die, die das katèchon mit dem Römischen Reich identifiziert. Paulus hat – so Chrysostomus – deshalb eine so düstere und rätselhafte Sprache gewählt, weil er das katèchon mit dem Römischen Reich identifiziert und so natürlich nicht allzu deutlich werden konnte. Das Kommen des Antichrists würde mit dem Niedergang des Römischen Reiches erfolgen, das, indem es aufhört, „zurückzuhalten“, der parusìa den Weg ebnen würde, zunächst den des Antichrists, und dann schließlich den Jesu, des Herrn. Das Reich „hält zurück“, indem es Furcht einjagt; solange diese Furcht anhält, werde niemand einen Zustand der Anomie herstellen können.“
In seinem Artikel bezieht sich der Autor auch auf eine Reflexion von Carl Schmitt, der gesagt hat: „Ich glaube an das katèchon; für mich ist es die einzige Möglichkeit, die Geschichte als Christ zu verstehen und sinnvoll zu finden.“





WELTGESCHEHEN

Die Überraschungen, die Putin bereithält


Wladimir Putin. [© Associated Press/LaPresse]

Wladimir Putin. [© Associated Press/LaPresse]

„In nur 30 Tagen sorgt Wladimir Putin gleich für zwei Überraschungen. Nicht genug damit, dass er wieder für das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation kandidiert, lässt er sein Volk und die Welt bereits jetzt wissen, welch großartiges Projekt er nach seinem Wahlsieg im kommenden März (ein Datum, das für alle festzustehen scheint) voranzutreiben gedenkt: die Wiedererrichtung, mit allmählicher und teilweiser Erweiterung, eines Teils des geographischen Raums, der bis 1991 Sowjetunion hieß. Bekanntgegeben hat Wladimir Putin dies – in Erwartung seines nunmehr dritten Mandats für die Leitung seines Landes – höchstpersönlich in einem für Izvestia geschriebenen Artikel, der sich durch eine milde, ja geradezu einladende und so gar nicht alarmierende Sprache auszeichnet, bei der nicht der Politjargon, sondern die Wirtschaftsterminologie überwiegt. Hier die entscheidende Passage: “Wir schlagen das Modell einer mächtigen Supranationalen Union vor, die in der Lage ist, einer der Pole der modernen Welt zu werden und ein effizientes Band zwischen Europa und der dynamischen Region des asiatischen Pazifikraums zu knüpfen”.“ So Enzo Bettiza in der Stampa vom 5. Oktober.





LEBENSPORTRÄT. EINE KURZBIOGRAPHIE VON CARLO MARIA MARTINI

„Es ist wichtiger, die Freunde die Demut zu lehren als die Feinde mit der Wahrheit herauszufordern“


Aldo Maria Valli, <I>Storia di un uomo. Ritratto di Carlo Maria Martini</I>, Ancora, Rom 2011, 208 SS., 16,00 Euro.

Aldo Maria Valli, Storia di un uomo. Ritratto di Carlo Maria Martini, Ancora, Rom 2011, 208 SS., 16,00 Euro.

Im Corriere della Sera (14. September) rezensiert Armando Torno das Buch von Aldo Maria Valli, Storia di un uomo. Ritratto di Carlo Maria Martini. In besagtem Artikel wird der Kardinal als ein sehr einfacher, bescheidener Mensch beschrieben. So schreibt Torno: „Im Grunde kann man seinen Stil – wie Valli in seinem jüngsten Buch anmerkt – sehr gut mit einem Satz des hl. Augustinus beschreiben: “Es ist wichtiger, die Freunde die Demut zu lehren als die Feinde mit der Wahrheit herauszufordern”.“ Titel des Artikels: Martini und der Mut der Demut.





ITALIEN

Der italienische Staatspräsident Napolitano, der 11. September und der Zusammenprall der Zivilisationen


Giorgio Napolitano. [© LaPresse]

Giorgio Napolitano. [© LaPresse]

„Der 11. September hat vor allem bewirkt, dass sich die internationale Gemeinschaft einer nie dagewesenen Bedrohung und Provokation, bewusst wurde und erkannt hat, dass diese Bedrohung, diese Provokation, nicht nur Amerika, den USA, galt. Das hatte man schon verstanden, bevor diese Attentate auch in Europa fortgesetzt wurden, in europäischen Großstädten wie Paris, London und Madrid. Wir können also festhalten, dass sich in der Art, wie wir unsere Sicherheit verstehen, etwas Tiefgreifendes verändert hat, und nicht nur von Seiten einiger Staaten. Eine Folge des Attentats auf die Zwillingstürme, den die Auftraggeber nicht vorhergesehen hatten, war die Annäherung der Mitglieder der internationalen Gemeinschaft. Von diesem Moment an hatten nämlich auch sehr verschiedene, alles andere als alliierte Staaten – von den USA zu den EU-Staaten, von Russland zu China – erkannt, dass da ein gemeinsamer Feind war, den es zu bekämpfen galt. Das war für alle nachfolgenden Schritte wesentlich. [...] In den 10 Jahren, die seither verstrichen sind, hat sich die Welt unter vielerlei Aspekten verändert. Vor allem uns westlichen Staaten, Amerika und Europa, musste klar sein, dass wir nicht in die Falle jener tappen durften, die die Terrorakte Al-Qaedas als einen Zusammenprall der Zivilisationen verkaufen wollten. Man musste sich darüber klar sein, dass die Terrorakte weder mit dem Islam noch mit der islamischen Kultur verwechselt werden durften; vielmehr galt es, einen Weg zu finden, Missverständnisse zwischen verschiedenen Welten zu zerstreuen und zu einer gemeinsamen Auffassung von Sicherheit und Fortschritt zu gelangen – also letztendlich vom Frieden und der Gerechtigkeit unter den Nationen.“ So Giorgio Napolitano in einem Interview mit Bruno Vespa in der bekannten italienischen Talkshow Porta a Porta (10. September 2011) zum 10. Jahrestag des Terroranschlags auf die New Yorker Zwillingstürme.





Kurznachrichten


Paul VI. mit Kardinal Ratzinger. [© LaPresse]

Paul VI. mit Kardinal Ratzinger. [© LaPresse]

Kirche/1
Ecclesiam Suam


„Fest verankert im Glauben an den Eckstein, der Christus ist, bleiben wir in ihm wie die Rebe, die aus sich heraus keine Frucht tragen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt. Allein in ihm, durch ihn und mit ihm wird die Kirche errichtet, das Volk des Neuen Bundes. Hierzu hat der Diener Gottes Paul VI. geschrieben: “Die erste Frucht der Vertiefung des Bewusstseins der Kirche von sich selbst ist die erneute Entdeckung ihrer lebendigen Beziehung zu Christus. Eine sehr bekannte Tatsache, aber eine grundlegende, unerlässliche, nie genug gekannte, bedachte und betonte Tatsache” (Enzyklika Ecclesiam Suam, 35, 6. August 1964; dt.: Die Wege der Kirche. Rundschreiben “Ecclesiam Suam”, Johannes Verlag, Leutesdorf am Rhein 1966)“. So Benedikt XVI. beim Angelus vom Sonntag, 2. Oktober.

 


Carlo Caffarra bei der Messe am Festtag des hl. Petronius (4. Oktober 2011).

Carlo Caffarra bei der Messe am Festtag des hl. Petronius (4. Oktober 2011).

Kirche/2
Caffarra: Der erste Dienst der Kirche an der Zivilgesellschaft ist die Eucharistiefeier

„So ist den meisten ein Teil der Predigt entgangen, die der Kardinal von Bologna, Carlo Caffarra, am 4. Oktober zum Fest des hl. Petronius gehalten hat. Wie allgemein üblich, hat auch er bei dieser Gelegenheit von der Stadt gesprochen. Er hat sich gefragt, welcher “der erste Dienst” ist, den die Kirche für das Gemeinschaftsleben anbietet – und bekräftigt, dass sie nicht hauptsächlich eine moralische Stütze oder ein Bezugspunkt in Sachen Zivilethik zu sein habe, sondern im konkreten Leben ein wahres Zeichen der Brüderlichkeit setzen müsse. Einer Brüderlichkeit, die keinen Raum, keinen “Auftrag” für sich selbst beansprucht, sondern sich als Gemeinschaft versteht, die aus dem eucharistischen Mahl ihre regelnde, nicht geregelte Norm erhält. “Der erste und grundlegende Dienst der christlichen Gemeinde ist daher die Feier der Eucharistie, Sakrament der Passion des Herrn”.“ So Alberto Melloni im Corriere della Sera (8. Oktober).

 


Kardinäle
Kardinal Mazombwe wird achtzig

Am 24. September wurde der afrikanische Kardinal Joseph Mazombwe Medardo, emeritierter Erzbischof von Lusaka, achtzig Jahre alt. 2010 wurde er von Benedikt XVI. zum Kardinal kreiert. Ende September setzte sich das Kardinalskollegium aus 193 Kardinälen zusammen, 113 davon sind in einem eventuellen Konklave wahlberechtigt.

 


Ildefonso Schuster. <BR>[© LaPresse]

Ildefonso Schuster.
[© LaPresse]

Geschichte
Die Mailänder Kirche und der Faschismus

In der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz Avvenire vom 4. Oktober steht ein Artikel von Giorgio Rumi († 2006) zu lesen. Darin rekonstruiert der namhafte katholische Historiker die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem Mailänder Faschisten-Regime und dem damaligen Erzbischof der Stadt, dem seligen Kardinal Ildefonso Schuster: „Ende der dreißiger Jahre waren die Beziehungen zwischen Kirche und Regime hier in Mailand, wo drei große Protestbewegungen gegen das liberale Italien ihren Ausgang nahmen (die katholische, die sozialistische und schließlich die faschistische), ein einziges Kräftemessen: der Sekretär der faschistischen Föderation in Mailand schilderte Mussolini die Dinge aus seiner Sicht wie folgt: “Vor etwa 5 Jahren haben Sie mir vertrauensvoll den Auftrag erteilt, die Geschicke des Mailänder Faschismus zu lenken [...]. Der damalige [1933] Kardinal war ein bekannter Anti-Faschist, der versucht hat, auf jede nur erdenkliche Weise – manchmal offen, manchmal versteckt –, die Arbeit des Mailänder Faschismus zu behindern. [...] Während ich also entschlossen [...] auf das Volk setzte, hatte ich nicht nur den Kardinal, sondern die gesamte Katholische Aktion im Rücken, die sich nicht daran hindern lassen wollten, ihr Zersetzungswerk voranzutreiben [...]”.“ Den definitiven Bruch bezeichnete – wie der Sekretär aus Mailand schreibt – „die Ansprache Kardinal Schusters, mit der unsere Rassenpolitik bekämpft wird“. Nach besagter Episode – schrieb der Sekretär an Mussolini – „habe ich natürlich alle Beziehungen zum Kardinal abgebrochen.“

 


Ernesto Olivero.

Ernesto Olivero.

Katholiken
Ernesto Olivero Europabürger des Jahres

Am 2. Oktober vergab das Europäische Parlament den Preis “Civi Europaeo Praemium”. Der Gewinner, Ernesto Olivero, Gründer des SERMIG, ist schon seit geraumer Zeit im Bereich des Volontariats, der Integration und des Dialogs zwischen den Völkern tätig. Vorgeschlagen hatte den Kandidaten Oreste Rossi von der Lega Nord; der Preisträger nahm die Auszeichnung aus den Händen des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, Gianni Pittella, entgegen. (Avvenire, 6. Oktober)

 


Kurie
Neubesetzungen in der Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten

Am 21. September ernannte der Papst Msgr. Giuseppe Versaldi (68), seit 2007 Bischof des norditalienischen Alessandria, zum Präsidenten der Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls. Er tritt damit die Nachfolge von Kardinal Velasio De Paolis (76) an. Versaldi wurde auch die Bischofswürde verliehen.
Am 21.September erfolgte auch die Ernennung des Sekretärs der Präfektur. Es handelt sich um den spanischen Priester Lucio Ángel Vallejo Balda (50), seit 1991 Generaladministrator des Bischofssitzes von Astorga.

 


Wirtschaft
„Nur die Euro-Bonds können die EU retten“

In La Stampa vom 11. Oktober steht ein Interview mit Christopher Sims und Thomas Sargent zu lesen, denen tags zuvor der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde. Auf die Krise angesprochen, meinte Sims: „In einer unserer Studien geht es um die prekären Prämissen der Währungsunion. Hier liegt schon an der Wurzel ein großes Übel: ihr habt die Zentralbank, aber keine Behörde, die die Steuerpolitik festsetzen oder Bonds ausgeben kann. So kommt es, dass man in Krisenzeiten wie den jetzigen nicht weiß, wer die Befugnis hat, die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Der Euro hat keine Zukunft, wenn der Zentralbank nicht bald eine Behörde zur Seite gestellt wird, die Eurobonds ausgeben und die Steuerpolitik koordinieren kann.“ Nach Sims kommt auch Thomas Sargent zu Wort, der meint: „Als Ende des 18. Jahrhunderts die USA geschaffen wurden, waren die Bedingungen dort ähnlich wie heute in Europa. Es gab 13 Staaten, die alle befugt waren, Münzen zu prägen, Schulden zu machen und ihre Steuerpolitik festzulegen. Die Bundesregierung war ausgesprochen schwach. Besagte Staaten konnten sogar ihre eigenen Regeln für den Außenhandel bestimmen, was Amerika London gegenüber in eine ausgesprochen missliche Lage gebracht hat. Die Gründerväter, die zu einem großen Teil Gläubiger der verschiedenen Staaten waren, schrieben die Verfassung gerade zu dem Zweck, dieses grundlegende Übel zu korrigieren. Die Zentralregierung übernahm die gesamten Schulden der 13 Staaten, die dafür die absolute Wirtschaftsautonomie einbüßten, die sie bis zu diesem Moment gehabt hatten.“ Der Titel des Inter­views lautet: „Nur Euro-Bonds können die EU retten.“



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