Rubriken
Aus Nr.08/09 - 2010


SCHIMON PERES.

„Seiner Heiligkeit Benedikt XVI., einem Hirten, der uns zu den Weiden des Segens und des Friedens führen will.“


Benedikt XVI. und Schimon Peres. [© Associated Press/La Presse]

Benedikt XVI. und Schimon Peres. [© Associated Press/La Presse]

Am 2. September stattete Schimon Peres Papst Benedikt in Castel Gandolfo einen Besuch ab. Der L’Osservatore Romano weiß zu berichten: „Als Gastgeschenk überreichte der israelische Staatspräsident dem Papst einen siebenarmigen Leuchter. Die in Silber gearbeitete, 30cm große Menora, die von einem israelischen Künstler angefertigt wurde, trägt eine persönliche Widmung des Staatspräsidenten für Benedikt XVI.: Er nennt ihn einen ‚Hirten, der uns zu den Weiden des Segens und des Friedens führen will‘.“




DIONIGI TETTAMANZI.

Newman und die Mailänder Kirche


Die Seligsprechung von John Henry Newman. [© Associated Press/La Presse]

Die Seligsprechung von John Henry Newman. [© Associated Press/La Presse]

Am 19. September erschien in Avvenire ein Artikel aus der Feder von Kardinal Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Mailand. Thema: Das unvermutete Band zwischen Kardinal John Henry Newman (den Benedikt XVI. bei seiner jüngsten Großbritannienreise seliggesprochen hat) und der Kirche von Mailand. Hier ein Auszug: „Ich möchte gerne auf die Beziehung Newmans zu einer Ortskirche der besonderen Art eingehen – der ambrosianischen [Mailänder] –, der er sich nicht nur wegen ihres Bezugs zu dem ‚erhabenen Ambrosius‘ – wie er ihn nannte – verbunden fühlte, sondern auch, weil er sich selbst auf der Durchreise nach Rom vom 20. September bis 23. Oktober 1846 in Mailand aufhielt: ein Aufenthalt, der sich unauslöschlich in Newmans Seele eingebrannt hatte, wie er selbst in den acht Briefen schrieb, die er seinen Freunden in England aus Mailand schickte [...]. Es ist eine in einem gewissen Sinn ‚besondere‘ Kirche, die Newman im Mailänder Dom und in den anderen Kirchen der Stadt vorfindet. Besonders beeindruckt ist er von dem häufigen Kommunionempfang: ‚Ich war sehr beeindruckt von dem häufigen Kommunionempfang; sie wird nicht nur jeden Tag gespendet – in weniger als einer Stunde ist die Balustrade vollgestopft mit Menschen, und das mehrmals am Tag... ich glaube, dass ich nie eine Messe erlebt habe, in der nicht jemand die Kommunion empfangen hätte – von den Kommunionen, die außerhalb der Messe gespendet werden, ganz abgesehen‘. Hier ‚in der Stadt des hl. Ambrosius‘, stellt er fest, ‚versteht man die Kirche Gottes besser als an den meisten anderen Orten; hier ist man gewogen, an all jene zu denken, die ihre Glieder sind. Und darüber hinaus handelt es sich nicht einmal um reine Einbildung... es gibt ca. zwei Dutzend offene Kirchen hier, und in jeder davon befinden sich ihre Reliquien, und das Allerheiligste, das zur Anbetung bereitsteht, schon bevor man eintritt. Nichts hat mir jemals so stark die Einheit der Kirche gezeigt wie die Allgegenwart ihres göttlichen Stifters und seines Lebens überall, wohin ich gehe‘. Die ‚Eindrücke‘, die die Mailänder Kirchen auf Newman machten, verraten uns nicht nur interessante Aspekte ihrer Vergangenheit – sie zeigen uns auch, wie die ‚Heiligkeit des Volkes‘ – Frucht eines von der ganzen Gemeinschaft im Alltag gelebten Glaubens – in ihm einen starken Missionsgeist entfesselte, den Wunsch, sich hinterfragen und erobern zu lassen [...]. So konnte Newman auch schreiben: ‚Es ist der wunderbarste Ort – er fasziniert mich fast noch mehr als Rom. Gewiss, ich war noch nicht Katholik, als ich hierher kam, aber Mailand übte eine noch größere Faszination auf mich aus als Rom, mit dessen Geschichte ich ja schon vertraut war. Hier haben nicht nur Ambrosius gelebt, sondern auch die hl. Monika, der hl. Athanasius, usw. Rom dagegen wird erst mit dem hl. Leo historisch interessant – einige große Märtyrer wie den hl. Laurentius vielleicht ausgenommen‘. In einem Brief an seine Schwester gesteht er: ‚Ich war noch nie in einer Stadt, die mich so sehr in ihren Bann gezogen hat: hier kann man vor den Gräbern so großer Heiliger wie Ambrosius oder Karl Borromnäus stehen – jene Stätten sehen, wo Ambrosius die Arianer in die Schranken gewiesen hat, wo die hl. Monika eine Nacht lang die Wache mit der ‚pia plebs‘ übernahm, wie Augustinus das einfache Volk nannte – und den Ort, wo Augustinus getauft wurde. Unsere ältesten Kirchen in England sind mit den Kirchen hier nicht zu vergleichen, und damals wurde die Asche der Heiligen in alle Windrichtungen gestreut. Es ist so überwältigend, dort zu sein, wo der Beginn, die Wiege, des Christentums war und noch immer ist‘ [...]. Und weiter: ‚Karl Borromäus ist hier überall gegenwärtig. Überall wird man an ihn erinnert – das Kruzifix, das der Pest Einhalt gebot, als er es durch die Straßen trug –, seine Bischofsmütze, sein Ring – seine Briefe. Vor allem aber seine heiligen Reliquien: jeden Tag wird an seinem Grab die Messe zelebriert, und das kannst du von oben sehen. O bone pastor in populo: alles hier scheint an ihn zu erinnern. Und es ist als bestünde ein Band zwischen ihm und uns...‘. Mit diesem ‚uns‘ meint er die Engländer, für die Newman zu dem heiligen Reformer betet, damit sie den wahren Glauben und das katholische Leben wiederfinden: ‚Ich kann gar nicht anders als zuversichtlich sein, dass er etwas für uns tun wird von da oben, wo er Macht hat – denn wir befinden uns auf einer Seite der Alpen, er aber gehörte zu der anderen ‘.“




GAD LERNER.

Das Judentum und die Moschee am „Ground Zero“


IMoses empfängt die Gesetzestafeln/I, Marc Chagall.

IMoses empfängt die Gesetzestafeln/I, Marc Chagall.

Der Plan, dort, wo vor dem 11. September 2001 die Zwillingstürme standen, eine Moschee zu bauen, hat nicht wenige Polemiken ausgelöst. Hier ein Auszug aus einem Artikel von Gad Lerner (la Repubblica vom 17. August): „Auch das Judentum ist in seiner Meinung zur ‚Moschee am Ground Zero‘ geteilt. Die einen sind dafür, wie Bürgermeister Bloomberg, der Argumenten konstitutioneller Art die grundlegenden Prinzipien der Torah entgegenhält; andere wieder dagegen – wie die Anhänger der Anti-Defamation League, deren Argumente immer weniger von den grundlegenden Gesetzen des Judentums inspiriert sind, sondern sich vielmehr auf eine Art neue Schoah-Religion stützen. Ihr Argument ist historisch-emotiv: was würde man wohl zum Bau eines deutschen Kulturzentrums in Auschwitz sagen? (Meine persönliche Antwort lautet: in 200m Entfernung, warum nicht?). Diese Menschen sind von politischen Interessen getrieben, die sie jedoch gerne mit einem gewissen moralischen Druck absolut setzen würden, indem sie sich zu Anwälten der Opfer aufschwingen. Ihrer Meinung nach stützt sich das Judentum am Ausklang seines 5. Jahrtausends weniger auf die biblischen Prinzipien als vielmehr auf eine Hervorhebung des erlittenen Unrechts.“





Pius X.

Pius X.

Kirche/1
Pius X.: Eucharistie keine Belohnung, sondern Heilmittel für die menschliche Schwäche

Am 8. August erschien im L’Osservatore Romano ein Artikel aus der Feder des Historikers Gianpaolo Romanato. Thema: die Dokumente von Papst Pius X. über die eucharistische Kommunion. Hier ein Auszug: „Man darf nicht vergessen, dass eine tief verwurzelte Mentalität jansenistischer Prägung die Christen vom Brauch des häufigen Kommunionempfangs entfernt hat, fast als wäre es die Krönung des Weges zur christlichen Vollkommenheit statt der Weg, um dorthin zu gelangen, ‚eine Prämie, und nicht ein Heilmittel für die menschliche Schwäche‘, wie der Papst schrieb. Mit der Intuition, die dieser große Seelsorger besaß, räumte Pius X. nicht nur entschlossen alle Ängste und Perplexitäten aus, die bei den Theologen noch sehr verbreitet waren, sondern befürwortete mit dem Dekret Tridentina Synodus vom 16. Juli 1905 sogar die gegenteilige Praxis: den häufigen – auch täglichen – Kommunionempfang. Fünf Jahre später vollendete er mit dem Dekret Quam singulari – dessen hundertsten Jahrestag wir nun begehen können – sein Reformprojekt für die Seelsorge und setzte das Alter für die Erstkommunion auf 7 Jahre herunter, auf ein Alter also, in dem – wie er es nannte –, ‚das Kind beginnt, die Vernunft zu gebrauchen‘. Mit diesen beiden Vorkehrungen wurde eine rigoristische weltliche Kultur beiseite geschoben und die Rückkehr zu einer Praxis eingeläutet, die bereits in den ersten Jahrhunderten des Christentums üblich war und dann nicht nur vom Lateran-Konzil des Jahres 1215, sondern auch vom Konzil von Trient bekräftigt wurde [...]. Pietro Gasparri, der damals auf Befehl des Papstes an der Kodifizierung des kanonischen Rechtes arbeitete, zählt dieses Dekret zu den ‚memorandi‘ Akten des Pontifikats von Pius X.: ‚Gott gebe, dass es überall Beachtung finden möge‘.“


Kirche/2
Dickens und die unerwartete Verbeugung vor Karl Borromäus

„Der Heilige, der hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, verdient jeden christlichen Ehrerweis!“ rief der englische Schriftsteller Charles Dickens aus, als er den Mailänder Dom besichtigte: „Im Heiligenkalender gibt es viele gute und wahrhaftige Heilige; der hl. Karl Borromäus aber [...] hat ‚meine ganze Sympathie‘. Als mildtätigen Arzt der Kranken, treuen Freund der Armen, und nicht aus blindem Fanatismus, sondern, weil er ein entschiedener Gegner der schlimmen Mißbräuche der (papistischen Kirche) war, kann ich sein Andenken nur ehren. Und ich kann ihn nicht weniger ehren, weil er fast von einem Priester ermordet wurde, den andere Priester dazu angestiftet hatten, ihn am Altar zu töten, als Dank für die Anstrengungen, die er unternommen hatte, um eine Bruderschaft falscher und scheinheiliger Mönche zu reformieren. Gott beschütze alle, die in seine Fußstapfen treten! Selbst in unserer Zeit hätte ein Reformpapst ein wenig Schutz nötig“. Diese Verbeugung von Charles Dickens vor dem Erzbischof von Mailand (enthalten in Impressioni d’Italia, Carabba, Lanciano 2004) stand am 12. August im L’Osservatore Romano zu lesen. Titel: Charles Dickens zeigt sich von einer ungewohnten Seite: fasziniert vom Mailänder Bischof!


Kultur
Die Absurditäten der Finanzwelt und die Menschenopfer

„Die Frage aber bleibt, und genau sie ist das wahre Problem. Das sagt uns auf den Seiten der New York Times vom 21. August Nobelpreisträger Paul Krugman: „Jene, die der Welt die Wirtschaftspolitik diktieren – Banker, Finanzexperten, Minister, Möchtegern-Verteidiger der großen steuerlichen Tugenden – machen es wie die Priester finsterer antiker Kulte: bei jeder Wende, bei jedem Ereignis, das sie ‚Veränderung‘ nennen, fordern sie Menschenopfer, als ob man den Zorn eines unsichtbaren Gottes besänftigen müsste. Wie sollte man sonst – fragt sich der Träger des Nobelpreises für Wirtschaft 2008, ‚erklären, dass fast alles, was diese Priester aufdrängen, nicht nur kontinuierliche Bilanzkürzungen mit sich bringt, sondern auch steigende Arbeitslosigkeit, einen Börsencrash nach dem anderen, Menschen, die von den über sie hereinbrechenden Schicksalsschlägen verunsichert sind – Verlust ihres Eigentums, der Arbeit, des Rechts auf Bildung? Ich frage mich daher: wann werden wir damit aufhören, dem Gott einer Elite vermeintlicher Experten, die die Welt ruiniert, Opfer zu bringen und stattdessen anfangen, die Ärmel hochzukrempeln und die Wirtschaft zu sanieren?‘. Ich frage mich das auch.“ (Furio Colombo im il Fatto Quotidiano vom 29. August 2010).


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