Rubriken
Aus Nr.06/07 - 2010


PAPST.

Der übernatürliche sensus fidei ist „vorhergehendes Lehramt“


Therese von Lisieux.

Therese von Lisieux.

Bei der Generalaudienz vom 7. Juli erinnerte Benedikt XVI. an den sel. Johannes Duns Scotus. Hier ein Auszug: „Theologen von Wert, wie Duns Scotus hinsichtlich der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, haben mit ihrem spezifischen intellektuellen Beitrag das bereichert, was das Volk Gottes bereits von sich aus zur seligen Jungfrau glaubte und in den Taten der Frömmigkeit, in den künstlerischen Ausdrucksformen und im Allgemeinen im christlichen Leben offenbarte. So war sowohl der Glaube an die Unbefleckte Empfängnis als auch der Glaube an die leibliche Aufnahme der Jungfrau in den Himmel bereits im Volk Gottes gegenwärtig, während die Theologie noch nicht den Schlüssel gefunden hatte, um ihn in der Ganzheit der Glaubenslehre zu interpretieren. Das Volk Gottes geht also den Theologen voraus, und all dies dank jenes übernatürlichen ‚sensus fidei‘, das heißt jener vom Heiligen Geist eingegossenen Begabung, die dazu befähigt, die Wirklichkeit des Glaubens in Demut des Herzens und des Geistes zu umfassen. In diesem Sinn ist das Volk Gottes ‚vorhergehendes Lehramt‘, das dann von der Theologie vertieft und intellektuell angenommen werden muss. Mögen die Theologen stets auf diese Quelle des Glaubens hören und die Demut und Einfachheit der Kleinen bewahren! Ich hatte daran vor ein paar Monaten erinnert, als ich sagte: ‚Es gibt große Gelehrte, große Fachleute, große Theologen, Lehrer des Glaubens, die uns vieles gelehrt haben. Sie haben sich zwar eingehend mit Detailfragen der Heiligen Schrift [...] befasst, aber es ist ihnen nicht gelungen, das Mysterium selbst zu erkennen, den eigentlichen Kern... Das Wesentliche blieb ihnen verborgen!... Es gibt aber auch in unserer Zeit die Kleinen, die dieses Mysterium erkannt haben. Denken wir nur an die hl. Bernadette Soubirous; an die hl. Therese von Lisieux mit ihrer neuen, ‚unwissenschaftlichen Art, die Bibel zu lesen, die jedoch in das Herz der Heiligen Schrift eintritt‘ ( Predigt bei der Heiligen Messe mit den Mitgliedern der Internationalen Theologenkommission, 1. Dezember 2009).“




HL. STUHL.

Normen über schwerwiegende Delikte


IIncipit des Decretum Gratiani/I, Apostolische Vatikanische Bibliothek.

IIncipit des Decretum Gratiani/I, Apostolische Vatikanische Bibliothek.

Am 15. Juli wurde die neue Version der Normen über schwerwiegende Delikte (delicta graviora) veröffentlicht. Der Text, den Benedikt XVI. am 21. Mai bei der Audienz für den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal William J. Levada, approbiert und promulgiert hat, ersetzt die Normen, die zum ersten Mal mit dem motu proprio Sacramentorum sanctitatis festgelegt wurden. Mit diesem Dokument aus dem Jahr 2001 übertrug Johannes Paul II. dem ehemaligen Heiligen Offizium die kirchenrechtliche Befugnis zur Rechtsprechung über besonders schwere Vergehen wie beispielsweise sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche.
Bei der Vorstellung im Presseamt des Hl. Stuhls war außer dem vatikanischen Pressesprecher Federico Lombardi auch Kirchenanwalt Msgr. Charles J. Scicluna anwesend: der „Staatsanwalt“ der Kongregation erläuterte, dass die in den neun Jahren, die seit der Herausgabe der Normen und ihrer jetzigen Aktualisierung verstrichen sind, angewendeten „Sonderbefugnisse“ nun in einen organischeren Rahmen eingefügt werden: „Das ist sehr wichtig“, erläuterte Scicluna, „weil die Befugnisse nichts Beständiges sind, vom Willen der Päpste abhängen. So hat Papst Benedikt auch unmittelbar nach seiner Wahl im Jahr 2005 den Wunsch zum Ausdruck gebracht, die Befugnisse der Kongregation für die Glaubenslehre zu Normen zu erheben.“ Die „Sonderbefugnisse“ erlöschen nämlich mit Ableben des Papstes, von dem sie gewährt wurden. Am 6. Mai 2005 bestätigte Benedikt XVI. bei einer Audienz für den damaligen Sekretär des Dikasteriums, Erzbischof Angelo Amato, diese Befugnisse nicht nur, sondern brachte auch den Wunsch zum Ausdruck, dass sie als Gesetz kodifiziert werden sollten.
Mit diesen neuen Normen werden die von Johannes Paul II. gewährten Sonderbefugnisse kodifiziert, vor allem die Möglichkeit, in besonders schwierigen Fällen außergerichtliche und somit beschleunigte Gerichtsverfahren (Verwaltungsprozess oder direkt vom Papst verfügte Entlassung aus dem Klerikerstand) zu ermöglichen; die Möglichkeit, die Kirchengerichte nicht nur mit Priestern zu besetzen, sondern auch mit Laien; das Recht (dies gilt allerdings nur auf Befehl des Papstes und von Fall zu Fall), über Kardinäle, Patriarchen, Nuntien, Bischöfe und Generalobere religiöser Orden zu befinden (wogegen – wie Scicluna erläutert – bei Anklagen, die auf delicta graviora lauten, das päpstliche Mandat nicht notwendig ist). Die neuen Normen verjähren nicht mehr nach 10, sondern nach 20 Jahren, und diese Frist gilt – im Falle minderjähriger Missbrauchsopfer – stets ab Vollendung des 18. Lebensjahres des oder der Betroffenen, was die delicta graviora praktisch „unverjährbar“ macht („Damit kommen wir der Garantie der Gerechtigkeit und des öffentlichen Wohls der Kirche einen deutlichen Schritt näher“, erläutert Scicluna).
Die am 15. Juli veröffentlichten Normen betreffen nicht nur die bereits in der Vergangenheit gewährten Sonderbefugnisse, sondern schließen nun auch Vergehen gegen den Glauben (Häresie, Apostasie und Schisma), Kinderpornographie und die versuchte Priesterweihe von Frauen mit ein. Neu ist auch die Möglichkeit, die Strafmaßnahmen schon ab Beginn der Ermittlungen, und nicht erst mit der Aufnahme des Prozesses festzusetzen (Entfernung aus dem Amt, Hausarrest, Verbot, öffentlich die Messe zu zelebrieren).




AKTUELLES.

Die Gnade des Glaubens und der Sinn der Sünde


Jesus und die Sünder: Petrus, König David, der gute Schächer, Maria Magdalena.

Jesus und die Sünder: Petrus, König David, der gute Schächer, Maria Magdalena.

In der la Repubblica vom 10. Juli steht ein interessanter Artikel von Pietro Citati zu lesen (Die Gnade des Glaubens und der Sinn der Sünde). Hier einige Auszüge: „Laut Benedikt XVI. ist das Reich der Sünde an der Schwelle zum 21. Jahrtausend deutlich größer geworden. Die Leute beten nicht mehr, gehen nicht mehr in die Kirche; fast niemand denkt noch an Gott und an Christus, respektiert die Gesetze, die die Kirche hinsichtlich Leben und Tod vorschreibt. Die Gesellschaft ist zutiefst a-religiös und a-christlich. Wenn wir den Teufel auch nicht so deutlich sehen können wie zu Zeiten Hitlers und Stalins, so wird die Welt doch von Tausenden kleinen Teufeln bevölkert. Auch die Außenwände der Arche sind morsch geworden: die Sünde ist in die Kirche eingedrungen, wie die Fälle pädophiler Priester zeigen, die Benedikt XVI. so erschüttert haben. Fast jede Spur jenes leuchtenden und triumphalen Gefühls, das aus den Worten von Johannes Paul II. herausklang, scheint verloren. In den Worten von Benedikt XVI. liegt vor allem Schmerz und Bitterkeit. Die deutliche Wahrnehmung der Sünde ist eine Bereicherung für das Christentum und macht es komplexer, und diese Komplexität fehlt beispielsweise dem Islam, der die Sünde Adams weitgehend ignoriert. Der Christ hört in sich hinein, wägt seine Gefühle ab, analysiert seine Gedanken, um herauszufinden, ob die Lüge und das Aufbegehren tief in seinem Herzen nicht doch Spuren hinterlassen haben. Er lässt sich nicht täuschen von den theatralischen Erscheinungsformen des Guten. Jeder Form von Optimismus steht er kritisch gegenüber. So kann es zu großartigen Seelenerfahrungen kommen, wie denen des Paulus, des Augustinus, Pascals. Jedes Mal, wenn das Christentum den Gedanken an die Sünde beiseite geschoben hat, hat es riskiert, in die Irre zu gehen.“ Nach dem Verweis auf das „Bewusstsein um die Sünde, das Benedikt XVI. so klar ist“, fährt Citati fort: „Das christliche Leben kann nur von Freude erfüllt sein: der Freude darüber, dass wir leben, lachen, sehen und umhergehen können, dass wir die Bilder des Geistes und der Welt entdecken dürfen: der Freude der Gegenwart, die die Freude der Vergangenheit nachholt und die die Freude der Zukunft vorwegnimmt; die Freude der Kinder, denen es vielleicht gelingt, sich diese Kindesbefindlichkeit bis zum Tod zu bewahren. Wir wissen, was der Ursprung dieser Freude ist. Das Licht der Gnade kommt vom Himmel herab und hüllt nach und nach die ganze Erde ein: es erhellt die Gedanken und die Gefühle, jeden Winkel der Erde, ganz gleich, ob bewohnt oder verwaist. In der Form des Glaubens kehrt diese Gnade dann wieder in den Himmel zurück, von dem sie gekommen ist: der Glaube nämlich ist nichts anderes als humanisierte Gnade.“ Citati lässt seinen Artikel mit den Worten ausklingen, dass „die Kirche ein Widerschein oder ein Abglanz des Christentums der Apostel und der Väter inmitten der heutigen Gesellschaft bleiben muss.“




GESCHICHTE.

De Felice: 1968 und der Nazismus


Aldo Moro.

Aldo Moro.

In der Zeitschrift der italienischen Bischofskonferenz, Avvenire (22. Juli), steht die Rezension eines Artikels von Giuseppe Parlato zu lesen (erschienen in der Zeitschrift Ventunesimo secolo, Titel: De Felice, 1968 und die Verteidigung des Rechtsstaats (eine Analyse des Zeitraums von 1968 bis 1978).
In besagtem Artikel steht unter anderem: „1972 fühlten sich Tautologen durch den 50. Jahrestag des Marsches auf Rom dazu berechtigt, Vergleiche mit der Gegenwart anzustellen, denen De Felice analoge Vergleiche der 68er-Verfechter mit der nazistischen, gegen die Weimarer Republik ausgerichteten antiparlamentarischen Linken entgegenhielt, ganz im Zeichen jenes ‚revolutionären Nihilismus‘, über den sich Del Noce damals den Kopf zerbrach (ein Thema, mit dem sich De Felice schon seit dem Erwachen seines Interesses für den Faschismus befasste). Diese inmitten jener konfusen extraparlamentarischen Hirngespinste feststellbare Gedankenleere [...] wird von De Felice mit dem Ende der historistischen Kultur und der Invasion der angloamerikanischen Soziologie in Verbindung gebracht, die sich auf das intellektuelle italienische Panorama so katastrophal auswirken sollte.“





Benedikt XVI. in Sulmona (Sonntag, 4. Juli). BR[© Osservatore Romano]

Benedikt XVI. in Sulmona (Sonntag, 4. Juli). BR[© Osservatore Romano]

Papst
„Gott kommt uns stets zuvor“

Am Sonntag, dem 4. Juli, sagte Benedikt XVI. bei der Heiligen Messe anlässlich seines Besuchs in Sulmona: „Noch ein zweites Element sollte stets herausgestellt werden: wenn Petrus Anglerius [Papst Coelestin V.] den Herrn entdecken konnte, dann ist das nicht auf eine Anstrengung seinerseits zurückzuführen, sondern wurde durch die Gnade Gottes möglich, der jeder Anstrengung zuvorkommt. Was er hatte, was er war, kam nicht von ihm selbst: es war ihm geschenkt worden, es war eine Gnade, und damit auch eine Verantwortung vor Gott und vor den anderen. Und auch wenn unser Leben ganz anders ist, gilt dies doch auch für uns: alles Wesentliche unseres Daseins ist uns ohne eigenes Zutun geschenkt worden. Dass ich lebe, hängt nicht von mir ab; dass es Menschen gegeben hat, die mich ins Leben begleitet, mich gelehrt haben, was es bedeutet, zu lieben und geliebt zu werden, die mir den Glauben vermittelt und mir den Blick auf Gott geöffnet haben: all das ist Gnade und nicht ‚von mir bewirkt‘. Wir hätten aus eigener Kraft nichts tun können, wenn es uns nicht schon gegeben wäre: Gott kommt uns stets zuvor; in jedem Leben gibt es Schönes und Gutes, das wir deutlich als seine Gnade, als Lichtstrahl seiner Gnade, erkennen können.“ ( Übersetzung 30Tage).


Kardinäle
Rücktrittsgesuch der Erzbischöfe von Jakarta und Bogotá angenommen

Am 28. Juni wurde dem Rücktrittsgesuch von Kardinal Julius Riyadi Darmaatmadja (76) stattgegeben. Der Jesuit war seit 1996 Erzbischof von Jakarta (Indonesien). Sein Nachfolger wird Msgr. Ignatius Suharyo Hardjoatmodjo (60), seit Juli 2009 sein Koadjutor.
Am 8. Juli wurde das Rücktrittsgesuch von Kardinal Pedro Rubiano Sáenz (78) angenommen. Er war seit 1994 Erzbischof von Bogotá (Kolumbien). Sein Nachfolger, Rubén Salazar Gómez (68), ist seit 1999 Erzbischof von Barranquilla und derzeit Präsident der kolumbianischen Bischofskonferenz.


Kurie/1
Kardinal Ouellet neuer Präfekt der Kongregation für die Bischöfe

Am 30. Juni wurde der kanadische Kardinal Marc Ouellet (66) zum Präfekten der Kongregation für die Bischöfe und Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika ernannt. Er wird somit der Nachfolger von Kardinal Giovanni Battista Re, der im Januar 2009 das 75. Lebensjahr vollendet hat. Ouellet wurde 1968 zum Priester geweiht. Von 2001 bis 2002 war er Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. 2002 erfolgte seine Ernennung zum Erzbischof von Québec. Im Jahr 2003 wurde er von Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert.


Kurie/2
Fisichella beim Rat für die Neuevangelisierung, Koch beim Rat zur Förderung der Einheit der Christen

Am 30. Juni wurde Erzbischof Rino Fisichella (59) zum Präsidenten des neugegründeten Päpstlichen Rates für die Förderung der Neuevangelisierung ernannt. 1976 wurde Fisichella in der Diözese Rom zum Priester geweiht. Bisher war er Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben und Rektor der Päpstlichen Lateran-Universität.
Am 1. Juli wurde der Schweizer Bischof Kurt Koch zum Erzbischof und Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ernannt. Koch, der 1982 zum Priester geweiht wurde, war seit 1995 Bischof von Basel. Sein Vorgänger Kardinal Walter Kasper konnte im März seinen 77. Geburtstag feiern.


Kurie/3
Tobin Sekretär der Kongregation für die Personen geweihten Lebens

Am 2. August wurde der amerikanische Redemptorist Joseph William Tobin (58) zum Sekretär der Kongregation für die Personen geweihten Lebens ernannt. Der aus Detroit stammende Tobin legte 1972 die zeitliche Profess ab, 1976 die ewige. Zwei Jahre später empfing er die Priesterweihe.
1991 wurde er zum Generalkonsultor der Redemptoristenpater ernannt, 1997 zum Generaloberen. Ein Amt, in dem er für den Zeitraum 2003 bis 2009 bestätigt wurde.


Hl. Stuhl/1
Dal Covolo Rektor der Lateran-Universität, Carrasco bei der Akademie für das Leben

Am 30. Juni wurde Don Enrico dal Covolo (60) zum Rektor der Päpstlichen Lateran-Universität ernannt. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1979 war er Generalpostulator für die Heiligsprechungsprozesse der Salesianerfamilie (2003). Er ist auch Konsultor der Kongregation für die Glaubenslehre (seit 2002) und der Kongregation für den Klerus (seit 2008). Seit 1999 ist er Mitglied des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften und Berater der Päpstlichen Akademie für Theologie. Im vergangenen Jahr wurde er zum Mitglied der Päpstlichen Kommission für sakrale Archäologie ernannt. Der Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Bücher wurde im vergangenen Februar von Benedikt XVI. beauftragt, für den Papst und die Römische Kurie die geistlichen Exerzitien zu predigen.
Am 30. Juni wurde der spanische Monsignore Ignacio Carrasco de Paula (73), aus dem Klerus des Opus Dei, zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben ernannt, deren Kanzler er bereits war.


Hl. Stuhl/2
De Paolis Delegat bei den Legionären Christi

Am 9. Juli wurde der Scalabrianer-Erzbischof Velasio De Paolis, Präsident der Präfektur der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Hl. Stuhls (75), zum Päpstlichen Delegaten für die Kongregation der Legionäre Christi ernannt.


Kirche
Tettamanzi im Libanon: der östliche Einfluss auf die ambrosianische Kirche

Am 21. Juli hielt der Erzbischof von Mailand, Kardinal Dionigi Tettamanzi, am Kloster Mar Roukoz von Dekwaneh, in der Peripherie Beiruts, einen Vortrag über die Präsenz religiöser und politischer Autoritäten im Libanon. Hier einige Auszüge, die auch in der italienisch-sprachigen Ausgabe des L’Osservatore Romano (24. Juli) zu lesen standen: „Der östliche Einfluss in der Kirche von Mailand ist immer noch deutlich spürbar, was man ja auch an vielen Aspekten ihres liturgischen Lebens sehen kann. Die Kirchenlieder, die regelmäßige Wiederkehr der Fastenzeit und der Sonn- und Feiertage, Prozessionen wie die mit dem Kreuznagelreliquiar und die der Heiligen Drei Könige, das Ritual in der Osternacht, bei dem die Lampe der Kirche San Sepolcro zum Anzünden der Osterkerze in den Dom getragen wird, die Anaphoren und die zyklisch stattfindenden Bibellesungen: all das zeugt davon, wie eng die Traditionen des Ostens und des Westens in Mailand miteinander verbunden sind. Aber vor allem in den Riten der Osterwoche ist eine authentische Synthese erkennbar zwischen der byzantinische Mystik des sanften und freudvollen Lichts, das die Herrlichkeit der Schöpfung und der Auferstehung preist, und dem westlichen, römischen und gallikanischen Pragmatismus.“ Zum Abschluss seiner Ausführungen zitierte der Erzbischof Textstellen aus dem Instrumentum laboris für die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten: „Den Christen des Nahen Ostens dürfen wir noch heute sagen: ‚Fürchte dich nicht, du kleine Herde‘ (Lk 12, 32), du hast eine Sendung, von dir hängen das Wachstum deines Landes und die Vitalität deiner Kirche ab; Dinge, die nur mit dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Gleichheit aller Bürger zustande gebracht werden können“ (Nr. 119). Und weiter: „‚Von der Hoffnung, die der Heilige Stuhl hegt, sind seit 2000 Jahren alle Völker und alle Menschen der Erde beseelt, die sich in einer schwierigen Lage befinden. Inmitten aller Schwierigkeiten und der sich uns stellenden Anforderungen bleibt sie eine unerschöpfliche Quelle des Glaubens, der Liebe und der Freude, die Zeugen des auferstandenen Herrn herausbilden kann, die in den Gemeinschaften seiner Jünger allzeit präsent sind‘ (Nr. 120). Dieser Hoffnung, die vom auferstandenen Herrn und von seinem Geiste kommt, bedürfen wir alle.“


Naher Osten/1
Cameron in der Türkei: „Gaza: Gefängnis unter freiem Himmel“

Bei seinem Besuch in der Türkei verurteilte der britische Premierminister David Cameron das dem Gazastreifen auferlegte Embargo. In einem Artikel vom 28. Juli steht zu lesen: „Bei seinem Besuch in Ankara gab der britische Regierungschef vor einer Gruppe türkischer Geschäftsmänner folgende Stellungnahme ab: ‚Es darf kein Zweifel daran bestehen, dass in Gaza einiges anders werden muss. Wir können und dürfen den Gazastreifen kein Gefängnis unter freiem Himmel bleiben lassen. Es wurden zwar Fortschritte gemacht, aber die Lage ist noch immer schwierig. Wir haben bereits deutlich gemacht, dass wir für die Aufhebung des Einfuhrstopps nach Gaza sind‘.“


Naher Osten/2
Amos Gitai: Israel soll die Weisheit der alten Juden wiedererlangen

Am 11. Juli eschien in der La Stampa ein Interview mit Amos Gitai, in dem der israelische Regisseur von einem „Klima der Angst“ sprach: „Die religiösen Strömungen sind heute stärker als früher, die russische Emigration war massiv, aber die Russen haben sehr nationalistische Ansichten. Wir wissen nur allzu gut, dass Israel in der Region von Feindseligkeit umgeben ist, und manchmal lassen es die Israelis an Vorsicht fehlen. Mit der Geschichte der russischen Schiffe beispielsweise haben sie sich großen Ärger eingehandelt. Ich glaube, dass die Israelis lernen müssen, vorsichtiger zu sein [...] Sie müssen sich ein für allemal entscheiden, wie sie handeln wollen. Es wäre nicht schlecht, wenn sie etwas von der Weisheit der alten Juden wiedererlangen könnten und sich wieder jene Eigenschaften aneigneten, die es einer so kleinen Gruppe von Personen wie den Juden ermöglicht haben, viele Jahrhunderte lang zu überleben. Ich meine die Kunst der Mäßigung und der Ausgewogenheit.“


Diplomatie
Ein Repräsentant des Hl. Stuhls in Vietnam

Am 26. Juni wurde in einem Kommunikee, das das Staatssekretariat nach der zweiten Begegnung der gemeinsamen Arbeitsgruppe Vietnam/Hl. Stuhl herausgegeben hat, bekanntgemacht, dass „zum Zweck der Vertiefung der Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und der katholischen Ortskirche beschlossen wurde, zur päpstlichen Ernennung eines nicht residierenden Repräsentanten des Hl. Stuhls in Vietnam zu schreiten.“ Der vatikanische Vorsitzende der gemeinsamen Arbeitsgruppe ist Msgr. Ettore Balestrero, Untersekretär der Sektion des Staatssekretariats für die Beziehungen mit den Staaten.


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