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KIRCHENGESCHICHTE
Aus Nr. 11 - 2005

Ein diskontinuierliches „continuum“


In unserer Parade der Päpste mit dem Namen Benedikt begegnen wir hier Benedikt XI., Nachfolger von Bonifaz VIII., und Benedikt XII., dem dritten der sogenannten „Avignoner“ Päpste. Aber auch den beiden Antipäpsten Benedikt XIII. und Benedikt XIV.


von Lorenzo Cappelletti


Im 12. und 13. Jahrhundert hat es keinen Papst namens Benedikt gegeben – in der Zeit der inzwischen gereiften Früchte der Gregorianischen Reform, deren Anfänge vom Antagonismus der Reformatoren „zwei Benedikts“ gegenüber geprägt waren: Benedikt IX., dessen starke Resistenz – zwischen 1032 und 1048 – sein ungewöhnliches, dreifaches Pontifikat möglich gemacht hatte; und Benedikt X., der 1059 von Nikolaus II. abgesetzt wurde. Aber darüber haben wir ja schon in der letzten Nummer von 30Tage berichtet.
Der Name Benedikt taucht dann – vielleicht kein Zufall, wie man a posteriori sagen könnte – mit Benedikt XI. (1303-1304) wieder auf, unmittelbarer Nachfolger von Bonifaz VIII. (1294-1303), der an der Schwelle zum 14. Jahrhundert einer der letzten Fahnenträger dieser Reform war und meinte, den König schachmatt setzen zu können.

Büste Bonifaz’ VIII., aus seiner Kapelle, Sala San Giovanni, Vatikanischer Apostolischer Palast, Vatikanstadt.

Büste Bonifaz’ VIII., aus seiner Kapelle, Sala San Giovanni, Vatikanischer Apostolischer Palast, Vatikanstadt.

Benedikt XI.
Benedikt XI. nahm diesen Namen, wie es scheint, nicht als Zeichen der Diskontinuität, sondern des Ehrerweises Bonifaz VIII. (Benedetto Caetani) gegenüber an, dem er bis in den Tod treu ergeben war. Und doch weist sein Pontifikat, im Bereich der Möglichkeiten und seiner allzu kurzen Dauer von acht Monaten, eine gewisse Diskontinuität mit dem seines Vorgängers auf. Eine Diskontinuität, die sich – laut der namhaften Studien Gerhart Ladners – schon in der Form seiner Tiara zeigt, die im Gegensatz zur imposanten, mit einem dreifachen Kronreif verzierten Tiara des Bonifaz sehr einfach war. Was macht es da schon, daß diese Diskontinuität eher Frucht einer Ohnmacht war denn einer ausgeklügelten Strategie? Ist die Kirche nun des Herrn oder nicht? Diese alten und neuen Idealismen, der Rechten und der Linken, sind es, die in der Geschichte der Päpste gerne zwischen starken und schwachen Persönlichkeiten unterscheiden, als wären es dialektische Phasen: „Der Glaube und die unerschütterliche Willenskraft“ (G. Falco, La Santa Romana Repubblica, 346) des Bonifaz einerseits; die Unzulänglichkeit und Unfähigkeit Benedikts XI. andererseit, Leitmotiv des ihm gewidmeten Kapitels in der jüngst erschienenen Enciclopedia dei papi [Papstenzyklopädie]. Ein Kapitel, das im 35 Jahre zuvor erschienenen Dizionario Biografico degli Italiani wortgetreu so nachgelesen werden kann (sogar die Absätze sind gleich!) – nicht gerade eine gute Werbung für den Treccani-Verlag! (Ganz besonders angesichts der zahlreichen Studien, die erst kürzlich von Vito Sibilio, Carlo Longo und anderen durchgeführt wurden.)
In Wahrheit war die Diskontinuität des Pontifikats Benedikts XI. ebenso ausgeprägt wie seine Treue zu Bonifaz unverändert. Indem Benedikt geringere Ansprüche stellte als sein Vorgänger, bewahrte er nicht nur dessen Gedächtnis, sondern auch die apostolische Sukzession. Die posthum erfolgte Verurteilung Bonifaz’ durch ein von den Ratgebern des französischen Königs unbedingt gewolltes Konzil hätte nämlich die Annullierung aller von ihm erlassenen Akte bedeutet – und das galt es unbedingt zu vermeiden.
Benedikt XI., mit weltlichem Namen Niccolò di Boccassio, Sohn eines Notars aus Treviso, trat 1257 in den Dominikaner-Orden ein. Im Kloster seiner Heimatstadt folgte seine Laufbahn dem normalen iter – zunächst als Lehrer, dann Oberer im Ordo praedicatorum, was, neben seiner „Neigung, große Zwiste beizulegen“ (wie es in der Bibliotheca sanctorum heißt – man darf schließlich nicht vergessen, daß Benedikt XI. als einziger unter den Päpsten dieses Namens selig gesprochen wurde), im Moment seiner Wahl zum Generalmeister des Ordens im Mai 1296 sozusagen sein „As im Ärmel“ war. Damals tobte gerade der erbitterte Streit, in dem sich die Familie Colonna – sozusagen die Erben des alten Anspruchs römischer Adelsfamilien auf das Papsttum – und Bonifaz VIII. gegenüberstanden. Ein Anspruch, der schon bald von dem neuen, vom König von Frankreich, Philipp IV. dem Schönen, erhobenen, unterstützt werden sollte.
Beim Generalkapitel von 1297 setzten sich Niccolò di Boccassio und sein Orden entschieden für Bonifaz ein, dessen Legitimität von jenem Kampf in Frage gestellt worden war. Mit seiner ein Jahr späteren Erhebung in den Rang des Kardinals und der 1300 erfolgten „Beförderung“ zum Dekan des Kardinalskollegiums wurde ihm diese Treue vergolten. Eine Treue, die ihn nicht nur als Legaten in verschiedenen Friedensmissionen agieren, sondern ihn auch am Drama der letzten Tage des Bonifaz Anteil haben ließ – angefangen beim Attentat von Anagni bis zur Rückkehr und zum Tod des Papstes in Rom im Oktober 1303. Besagte Missetat ereignete sich „palam [...] in nostris etiam oculis“, wie Benedikt XI. später in der Bannbulle schreiben sollte, in der er die tatsächlichen Drahtzieher des Attentats – darunter Sciarra Colonna und Guillaume de Nogaret – zur Verantwortung zog.
Hier oben, Benedikt XI., Grabmahldetail, Schule des Arnolfo di Cambio, Kirche „San Domenico“ , Perugia.

Hier oben, Benedikt XI., Grabmahldetail, Schule des Arnolfo di Cambio, Kirche „San Domenico“ , Perugia.

Man darf aber nicht vergessen, daß er eben doch nicht Bonifaz war – weder, was sein Temperament betraf, noch seinen Werdegang. Die Kardinäle wählten ihn schon im ersten Wahlgang, weil sie einen Papst wollten, der Bonifaz zwar nicht dementierte, ihn aber auch nicht wiederholte. Gerade durch seine Sanftmut wie auch die Tatsache, super partes zu sein, konnten – zumindest anfangs – katastrophale Konflikte vermieden werden. So daß einige Historiker, beispielsweise der Dominikaner Pierre Mandonnet, in Benedikt XI. den prophetischen Veltro Dantes wiederzuerkennen glaubten, der die von der Wölfin symbolisierte cupiditas dominandi bekämpfen und den Frieden wiederbringen wird: „… Und werden immer mehr, bis daß der Veltro / Einst kommen wird, der es [das Tier, die Wölfin] in Schmerzen tötet. / Der wird sich nicht von Geld und Ländern nähren, / Vielmehr von Tugend, Weisheit und von Liebe, / Und sein Geschlecht liegt zwischen beiden Feltro. / Er wird das schlichte Land Italien retten, / Für das Camilla einst verstarb, die Jungfrau, / Nisus, Eurialus und Turnus fielen. / Der wird es dann durch alle Städte jagen, / Bis er zur Hölle es zurückgetrieben, / Von wo aus dereinst der Neid es ausgesendet“ (Die Göttliche Komödie, Die Hölle, I, 101-111).
So kam es, daß Benedikt den Kirchenbann gegen Philipp den Schönen und das Interdikt in verschiedenen französischen Städten aufhob, allen Vergebung gewährte. Mit Ausnahme derer, die am Attentat von Anagni direkt beteiligt waren. Ihnen drohte – so sie nicht vor ihm erscheinen sollten – die feierliche Verkündigung des Kirchenbannes (wozu es durch den plötzlichen Tod des Papstes jedoch nicht mehr kam). Auch die beiden Kardinäle Giacomo und Pietro Colonna befreite er – wenn von einer Wiederaufnahme ins Kardinalskollegium auch keine Rede mehr sein konnte – vom Kirchenbann. Und Iacopone da Todi aus dem Gefängnis.
Um die Ausmaße derartiger Akte der Milde verstehen zu können, muß man bedenken, daß die – auch aus politischen und steuerlichen Gründen – allzu verbreitete Praxis des Kirchenbanns und des Interdikts (was bedeutete, daß nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Städte und Provinzen nicht mehr in den Genuß der Sakramente kommen konnten) in der ersten Hälfte der Neuzeit eines der Motive der Entrüstung war. Es war also nicht nur eine diplomatische escamotage, wenn Benedikt in seinem Schreiben an Philipp den Schönen vom 2. April 1304 seine pastorale Sorge als Grund für diesen Großmut angab.
Trotz aller diplomatischen und pastoralen Umsicht war Benedikt jedoch bereits einen Monat später gezwungen, das für ihn erneut gefährlich gewordene Rom zu verlassen und sich nach Perugia zu flüchten, von wo er nicht mehr zurückkehren sollte. Er starb am 7. Juli an einer plötzlichen, wohl von Feigen ausgelösten Dysenterie. Vergiftete Feigen? „Der plötzliche Tod gab Anlaß zu verschiedensten Vermutungen, von Gift war die Rede – gereicht von den Kardinälen oder vielleicht sogar von Nogaret“, tut die Enciclopedia dei papi den Vorfall hastig ab – schließlich hatte sie wegen des Großen Jubiläums schnell zu erscheinen. Aber wäre es angesichts der Ränke, die einige Kardinäle mit Nogaret gemeinsam schon geschmiedet hatten und weiter schmiedeten, nicht angemessen, diese Vermutungen wenigstens zur Hypothese werden zu lassen? Vox populi...
Mit Benedikt XI. kehrten Päpste und Kurie also der Ewigen Stadt den Rücken – 60 Jahre lang. Er war der erste „Avignoner“ Papst. Aber schließlich war Avignon (was man viel zu selten bedenkt) nicht mehr oder weniger päpstlich als Anagni oder Segni. Und die Päpste hatten ja auch schon in den beiden Jahrhunderten zuvor mehr Zeit außerhalb Roms als in Rom verbracht. Weshalb die von Petrarca beklagte „Babylonische Gefangenschaft“ in Avignon auch nicht sehr überzeugen kann. Im 20. Jahrhundert durchgeführte Studien klärten das.
Papst Benedikt XII., Büste von Paolo 
von Siena, 14. Jh., Vatikanische Grotten, Vatikanstadt.

Papst Benedikt XII., Büste von Paolo von Siena, 14. Jh., Vatikanische Grotten, Vatikanstadt.


Benedikt XII.
Der andere Papst, der im 14. Jahrhundert den Namen Benedikt annahm, war Benedikt XII. (1334-1342). Hier scheint die Namenswahl wieder vor allem mit dem Patriarchen des abendländischen Mönchstum zusammenzuhängen. Benedikt XII. war Zisterzienser. Vielleicht wollte er aber auch an Benedikt XI. erinnern. Die beiden Päpsten hatten nämlich eine tiefe Religiosität und eine überaus disziplinierte Lebensform gemeinsam. Und beide zeichneten sich auch durch eine große persönliche Treue zu ihren unmittelbaren Vorgängern aus – wie auch die Notwendigkeit, sich von diesen zu distanzieren –, die in derart erbitterte Kämpfe mit der königlichen oder kaiserlichen Macht (die sich inzwischen nur noch durch Nationalität unterschieden) verwickelt gewesen waren, daß sie gezwungen waren, nicht weniger bittere Reaktionen zu zeigen als die, die es zu bekämpfen galt. Wenn sich Bonifaz VIII., Vorgänger Benedikts XI., noch auf einen unerbittlichen Kampf mit Philipp dem Schönen eingelassen hatte, mußte Johannes XXII. (1316-1334) dem – aus lehrmäßiger wie auch disziplinärer Sicht – noch schlimmeren Affront Ludwigs des Bayern standhalten, der sich in Rom sogar von einem eigens dafür gewählten Antipapst hatte krönen lassen.
Herrscher wie Päpste bekämpften sich mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, einschließlich einer Armee von Schreibern und einem Meer von Traktaten. Die Stunde der offiziellen Geburt der Traktate über Ekklesiologie war gekommen: „Während die große Scholastik keine eigenen Traktate über Ekklesiologie hervorgebracht hatte, erschienen nun auf einmal, im Laufe weniger Jahre, viele mit ähnlichen Titeln. Bedeutungsvollen Titeln, in denen im wesentlichen von den Mächten die Rede war, von den beiden Mächten und ihren schwierigen Beziehungen.“ So Yves Congar in L’Eglise de saint Augustin à l’époque moderne (Neuauflage von 1997, 270-271).
Das Klima jener Epoche war von kontrastierenden Machtansprüchen geprägt, bei denen jede Parteiung, auch die legitimste, letzten Endes doch einem Sonderinteresse diente. Je mehr die Globalität theoretisiert wurde, umso mehr taten die Fakten alles, sie Lügen zu strafen. Nicht mehr der Papst, sondern ein Franzose, dem ein Italiener gegenübergestellt wird, nicht mehr der Kaiser, sondern ein Deutscher, dem man einen Anjou gegenüberstellt. Familien und Parteien, Nationen und Kleriker, jeder kämpfte gegen jeden: die Colonnas gegen die Caetanis, Guelfen gegen Gibellinen, Franzosen gegen Engländer, Weltklerus gegen Ordensklerus. Nicht nur Dantes Monarchia (ein Werk, das – wohlgemerkt! – auf dem Index stand, bis zu seiner „Rehabilitierung“ 1921 durch die Enzyklika eines anderen Benedikts, In praeclara von Benedikt XV.) verwies auf die Notwendigkeit und die notwendige Autonomie der kaiserlichen Macht. Etwa zur selben Zeit beklagten auch schon namhafte Juristen wie Bartolo da Sassoferrato, daß blutige Tyrannien gerade dank der Schwächung des Reiches entstehen konnten: „Cum imperium fuit in statu et in tranquillitate totus mundus fuit in pace et in tranquillitate ut tempore Octaviani Augusti et cum imperium fuit prostratum insurrexerunt dirae tyrannides“ (De tyranno). Und wenn die weltliche Politik aus den Fugen gerät, bekommt das auch die Freiheit in der Kirche zu spüren. Diese schmerzliche Erkenntnis allein – oder diese Liebe, wenn Sie so wollen – war der Grund dafür, daß Männer wie Dante und Bartolo nicht schweigen konnten. „Der Grundgedanke Dantes ist nicht die Rechtfertigung der weltlichen Macht. Sondern der, daß der Kampf gegen die cupiditas die Dualität der Heilmittel erfordert,“ schrieb Augusto Del Noce in einer seiner vielen Schriften, die noch ihrer Veröffentlichung harren.
Aber kommen wir wieder auf Benedikt XII. zurück, mit weltlichem Namen Jacques Fournier. Den dritten der sieben sogenannten Avignoner Päpste, dessen „Amtszeit“ am kürzesten war – von Dezember 1334 bis April 1342. Geboren wurde er in der Grafschaft Foix (Pyrenäen), wo die Häresie der Katarer fruchtbaren Boden gefunden hatte (die Eltern Nogarets, ebenfalls aus dem Languedoc, waren der Inquisition zum Opfer gefallen): eine Häresie, gegen die Jacques Fournier, Bischof von Pamiers und dann von Mirepoix, entschieden einschreiten sollte. Auch aus diesem Grund machte ihn Johannes XXII. im Dezember 1327 zum Kardinal, wollte ihn als Theologen in der päpstlichen Kurie immer an seiner Seite haben: Ein wahres Glück, wie wir noch sehen werden.
Seine Wahl zum Papst erfolgte nach nur wenigen Tagen Konklave, auch das erinnert schon an Benedikt XI. „Es scheint, als wäre seine Wahl eine Überraschung: der neue Papst hatte keinerlei Erfahrung in politischen Fragen; seine theologische Kompetenz, seine pastorale Aktivität, seine Selbstdisziplin waren dergestalt, daß man sich in Fragen der Lehre, der Moral und der Administration einen redlichen Einsatz erhoffen durfte […] Seit seinem ersten geheimen Konsistorium forderte er die Kardinäle auf, ihm dabei zu helfen, ‚den Weinberg des Herrn Frucht tragen zu lassen‘ (aus Dizionario Biografico degli Italiani, herausgegeben von Bernard Guillemain, neben Guillaume Mollat vielleicht der namhafteste Experte in Sachen Avignoner Papsttum).
Man darf mit Sicherheit davon ausgehen, daß er damit nicht den finanziellen Aspekt der Avignoner Kurie meinte. Der verschlechterte sich nämlich. Zu Beginn des Pontifikats zog er „expectantiae“ (Zuteilung eines noch nicht vakanten Benefiziums) und Kommenden (Erhalt des wirtschaftlichen Gewinns aus einem Amt, ohne wirkliche Ausübung desselben) zurück; er setzte die Steuern für Pastoralbesuche herab und ließ die Einnahmen der Kurienbeamten kontrollieren. Vor allem bemühte er sich aber, das Leben des Weltklerus zu reglementieren – die Klerikermassen, die sich erwartungsvoll um Avignon geschart hatten, schickte er in ihre jeweiligen Kirchen zurück – wie auch das der neuen Orden, die sich nicht nur durch ihren Eifer auszeichneten, sondern in der Christenheit für manchen Aufruhr sorgten, weil sie oft lediglich als religiöser Deckmantel für die ein oder andere Faktion dienten und einfach nur einen Störfaktor darstellten.
Durch den ihm von vielen Seiten entgegengesetzten Widerstand wurden die Initiativen des Papstes zum Teil vereitelt. Gegen den Zeitgeist, der nun einmal nicht greifbar ist (schließlich erinnert uns schon Paulus daran, wie viel Gewicht die Mächte der Luft haben, die zwar dem Herrn unterworfen sind, sich aber doch auf unser Leben auswirken), ist nun einmal kein Kraut gewachsen. In Italien konnte beispielsweise das Schisma, in dem sich viele Landesfürsten an Ludwig den Bayern angeschlossen hatten, nach der formalen Anerkennung ihrer Macht über die jeweiligen Territorien beigelegt werden; Signorien, die jedoch bald auf Kollisionskurs gehen sollten: jeder gegen jeden, und alle gegen den Papst. Besonders in Bologna, das die erste Brücke für die Rückkehr des Papstes nach Rom aus Avignon sein sollte, wurde gerade jener, der den Aufstand gegen den Papst geleitet hatte, von diesem als „Verwalter der Rechte und der Güter der Kirche“ bezeichnet,“ schreibt Guillemain und schließt das entsprechende Kapitel im Dizionario Biografico degli Italiani mit folgenden bitteren Worten: „In Wahrheit führte Papst Benedikt weder im Kirchenstaat noch in der europäischen Politik irgendeine Veränderung herbei.“
Außerhalb Europas jedoch, begünstigt durch dasselbe Klima, das die im Innern gärenden Zwistigkeiten ausgelöst hatte, bot sich Mönchen und fahrendem Volk auf ihren Wegen von Persien nach China die Möglichkeit der Begegnung mit fremden Völkern. „Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen…,“ hatte Paulus schon im Areopag gesagt. Das Wandern der Menschen, Völker und Nationen, wird letztendlich von Gott geleitet. Und Papst Benedikt war gewillt, ihm Schützenhilfe zu leisten.
Seinen größten Erfolg hatte Papst Benedikt XII. jedoch auf theologischem Gebiet. „Das wichtigste Dokument des kirchlichen Lehramts in Sachen intermediäre Eschatologie ist zweifellos die Konstitution Benedictus Deus von Benedikt XII.“ (C. Pozo, Teologia dell’aldilà). Selbst Jahrhunderte später kann man noch in jedem beliebigen Eschatologie-Traktat ein ähnliches Urteil lesen. Und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, wie hochmütig Theologen oft sein können.
Man muß weit ausholen, wenn man verstehen will, warum der Beitrag Benedikts XII. in dieser Frage so entscheidend war. Sein Vorgänger hatte sich zu gefährlichen Gedanken hinreissen lassen und in einer Reihe von Predigten behauptet, daß die Seelen bis zum Moment des Jüngsten Gerichts, wenn sie mit dem Körper vereint werden, keine vollkommene Glückseligkeit kennen. Eine These, die laut Johannes XXII. von der Autorität des hl. Bernhard gestützt wurde. Benedikt XII., damals noch Kardinal, konnte nicht nur die Rechtgläubigkeit des hl. Bernhard wahren, indem er seine Schriften in einer Weise interpretierte, die ihm gerecht wurde, sondern auch die Johannes’ XXII., indem er seine These auf eine rein persönliche Meinung über eine noch nicht formell definierte Frage reduzierte. In der Zwischenzeit – während er jene dogmatische Definition vorbereitete, die seit damals in dieser Frage ausschlaggebend ist (vgl. Denzinger-Hünermann 1000-1002) – gelang es ihm, den Papst doch noch umzustimmen, so daß dieser, als er starb, seine Meinung änderte. Die Worte, die Umberto Eco Johannes XXII. in dem Bestseller Der Name der Rose in den Mund legt sind jene, die der Papst – laut Benedikt – tatsächlich gesagt hat, die Atmosphäre, in der er sie ansiedelt, ist jedoch ein Entgegenkommen an die konventionelle Interpretation jener Zeit –das ihm prompt vergolten wird.
Dante träumt, von drei wilden Tieren angegriffen zu werden (Die Hölle, I), 
Detail des Freskos von Joseph Anton Koch, Dante-Zimmer, Casino Massimo, Rom.

Dante träumt, von drei wilden Tieren angegriffen zu werden (Die Hölle, I), Detail des Freskos von Joseph Anton Koch, Dante-Zimmer, Casino Massimo, Rom.

Aber damit nicht genug. In De statu animarum, einem bedeutenden, 6bändigen Traktat, herausgegeben, als er Papst geworden war, beschäftigte sich Benedikt – ganz thomistischer Theologe, gleichzeitig aber auch mit der Lehre im Hinterkopf, die der hl. Bernhard von den Kirchenvätern, ganz besonders Augustinus, gelernt hatte – mit dieser komplexen Frage, und ließ u.a. einen möglichen Weg für ein korrektes Verständnis davon erkennen, wie man – ohne Thomas von Aquin oder Augustinus betrügen zu müssen – von einer Zunahme der Intensität der seligmachenden Schau zwischen dem individuellen Gericht und dem Jüngsten Gericht sprechen kann. Heute, wo auch einige berühmte Autoren eine absolute Übereinstimmung der beiden Momente behaupten, ja sogar die Bedeutung des Jüngsten Gerichts selbst auslöschen, könnte es klug sein, wieder auf die Lehre Benedikts zurückzugreifen, wie übrigens bereits von Pater Henri de Lubac geraten (Cattolicismo, 81-92).

Benedikt XIII. und Benedikt XIV.: Die Antipäpste
Aber kommen wir wieder auf die Geschichte zurück. An der Schwelle zum 15. Jahrhundert begegnen wir zwei anderen Benedikts. Ein näherer Blick auf den Aragonier Pedro de Luna, den Antipapst, der Ende des 14. Jahrhunderts in der avignonesischen oder clementistischen Linie des Großen Abendländischen Schismas den Namen Benedikt XIII. annahm, wäre lohnend. Und das nicht nur wegen seiner facettenreichen Persönlichkeit, sondern auch wegen der mit seiner Wahl verbundenen Probleme (erst 2002 erschien eine ihm gewidmete Monographie, die sich fragt: Benedicto XIII, antipapa o papa?). Wir müssen uns hier jedoch auf einige kurze Anmerkungen beschränken, um nicht auch noch die letzten 25 Leser zu verlieren, die wir bisher bei der Stange halten konnten.
Noch von Gregor XI., vor seiner definitiven Rückkehr aus Avignon, 1375 zum Kardinal kreiert, beeilte er sich, Klemens VII. alle iberischen Reiche zu unterwerfen. Klemens war 1378 als Alternative zum römischen Nachfolger von Gregor XI. gewählt worden. 1394 wurde er dann selbst der Nachfolger von Klemens VII. und stellte nach seiner 1417 vom Konzil von Konstanz beschlossenen Absetzung den Anspruch, weiter zu regieren. Ein Konzil, das nicht nur das Problem der Co-Existenz von Benedikt XIII. und dem römischen Papst gelöst hatte, sondern auch eines inzwischen aufgetauchten dritten Papstes, indem man diesen ebenfalls absetzte und die Abdankung des römischen Papstes begünstigte.
Der Anspruch Benedikts XIII. blieb, wie bereits gesagt, bis zu seinem Tod im Jahr 1423 im Schloß von Peñiscola intakt und lag vor allem im unbezähmbaren Charakter dieses Mannes begründet. Obwohl ihm noch zwei andere folgten, war er der letzte wahre Antipapst. Einer davon, Benedikt XIV., war der Antipapst des Antipapstes; einer der vier Kardinäle und Jünger von Pedro de Luna hatte ihn gegen den Kandidaten der anderen drei gewählt. Das Ende des Imperiums reduzierte die Antipäpste dann aber zu bedauernswerten Don Quichottes auf verlorenem Posten. In der Kirche sollte es keine anderen mehr geben außer dem kurzlebigen Felix V. (1439-1449), der als der absolut letzte Antipapst gilt. Daher die Illusion, daß der Feind in der Neuzeit nur außen patroulliert.
Über die legitimen Päpste Benedikt XIII. und Benedikt XIV. sprechen wir in der nächsten Folge.


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