Nomen omen
Eine kleine Parade der ersten neun Päpste mit dem Namen Benedikt. Von Benedikt I. (575-579), der diesen Namen kurz nach dem Tod des Heiligen aus Nursia annahm, bis Benedikt IX. Sie alle waren Römer.
von Lorenzo Cappelletti
Eine kleine Parade der
Päpste mit dem Namen Benedikt sollte unweigerlich einem Kriterium
folgen. Das der chronologischen Abfolge ist wohl das objektivste. Daher
werden wir in diesem Artikel auch mit den „dienstältesten“
beginnen – den neun oder zehn Päpsten und Antipäpsten (auf
die Ungewißheit, was Zahl und Art betrifft, wird noch eingegangen),
die zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert regierten, in der Zeit des
Frühmittelalters also. Danach werden wir mit denen fortfahren, die zu
Beginn der Neuzeit regierten; den Abschluß werden jene beiden
Päpste bilden, die im 18. Jahrhundert den Namen Benedikt trugen, mit
einem Sonderbericht über Benedikt XV. Unser Abriss ist zwar kurz, aber
deshalb nicht weniger faszinierend – immerhin führt er uns in
eine Geschichte wie die der Kirche ein, die das Paradigma der Geschichte
ist. Und in der Tat wird sie geleitet – durch von ihm selbst gemachte
Verheißung – vom Herrn selbst, dessen Werk zu folgen wohl das
Faszinierendste und Lehrreichste ist, was es gibt.

Gerade deshalb darf man keinesfalls denken, daß
ein Name allein schon eine Garantie für die Kontinuität eines
Kurses oder einer Führung wäre. Wenn man dieses Kriterium
anwenden würde, würde man zu keinen historischen, sondern
kabalistischen Ergebnissen kommen. Und doch ergibt schon eine rein
historische Überprüfung, daß der Name Benedikt durchaus
etwas aussagt. Vor allem, weil er vor dem letzten Viertel des 6.
Jahrhunderts nicht auftaucht – erst 575 – und offensichtlich in
Anlehnung an den um 547 verstorbenen hl. Benedikt von Nursia angenommen
wurde. Und schließlich findet er sich vor der „epoca
nova“ – dem Anfang der Neuzeit – ausschließlich
für Repräsentanten des römischen Klerus, die ihren Kaisern
üblicherweise treu ergeben waren. Und oft waren es überaus
wertvolle Männer, auch wenn der einzige Papst mit diesem Namen, der
das Prädikat heilig trägt, der zweite Benedikt war – den
seligen Benedikt XI. (1303-1304) einmal ausgenommen, der als unmittelbarer
Nachfolger von Papst Bonifaz VIII. gerade in die beginnende Neuzeit
fällt.
Über den ersten Papst Benedikt (575-579) weiß das Liber Pontificalis (die wichtigste Quelle in Sachen Papstbiographien vom Altertum bis zum Frühmittelalter, Ende des 19. Jahrhunderts herausgegeben von Louis Duchesne, dem großen französischen Gelehrten, den man damals des Modernismus bezichtigte) zu berichten, daß er „natione romanus“ war und inmitten der Wirren lebte und starb, die Italien von den Barbareneinfällen des 6. Jahrhunderts beschert worden waren. Dieselben Wirren, die der hl. Benedikt zuerst im Leben – durch die Goten – und dann nach seinem Tod kennenlernte – als Montecassino gerade in der Zeit des Pontifikats von Benedikt I. von den Langobarden Zotons geplündert wurde (was danach noch andere Male geschah, bis in unsere Zeit – bekanntlich noch im 20. Jahrhundert).

Der zweite Benedikt regierte (mehr als ein Jahrhundert
nach dem ersten) nicht einmal ein Jahr lang und verbrachte nach seiner Wahl
mehr Zeit damit, auf die Bestätigung aus Byzanz (vom 3. Juli 683 bis
zum 26. Juni 684) zu warten, als tatsächlich zu regieren. Weshalb er
den byzantinischen Kaiser, zu dem er gute Beziehungen unterhielt, auch
darum bat, daß die Papstwahl vom Exarchen in Ravenna bestätigt
werden könne, dem byzantinischen Bevollmächtigten für
Italien.
Benedikt II. war nicht nur „natione romanus“, sondern hatte – so das Liber Pontificalis – seine gesamte Laufbahn im römischen Klerus zugebracht, schon seit der Zeit als „Ministrant“: das war der reguläre iter, der, wie Fr. Baix im Dictionnaire d’Histoire et de Géographie ecclésiastique (DHGE VIII, col. 10) schreibt, „für den römischen Klerus das juridische Ideal war“. Wenn man ihm folgte, wurde man heilig.
Mit ihm beginnt „der schwierige, länger als ein Jahrtausend dauernde Dialog zwischen dem Papst von Rom und den Nationalkirchen“ (Dizionario storico del papato, herausgegeben von Ph. Levillain, I, S. 155). Für uns, die wir geraume Zeit nach Ende der Herrschaft der Christenheit geboren wurden, in der die Kirche mit der Nation einig gesetzt wurde und dem Souverän unterstand (das ist es nämlich, was man unter der historiographischen Kategorie „Nationalkirchen“ versteht), ist es nicht einfach zu verstehen, wie problematisch und tückisch dieser Dialog war. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum so mancher jener Epoche nachtrauert.

Der Text, den das Liber
Pontificalis Benedikt III. (855-858) widmet, ist
sehr ausführlich, beschreibt seinen gesamten, turbulenten Aufstieg.
Louis Duchesne weiß dahingehend zu berichten: „Zwei Parteien
standen einander gegenüber, die Partei des verstorbenen Papstes
– gegen eine Verschärfung des Protektorats – und die
Partei des Kaisers. Kandidat der letzteren war Anastasius“ (I primi tempi dello Stato pontificio, S. 100). Der Bibliothekar Anastasius war in den Jahrzehnten vor
– und mehr noch nach – dem Pontifikat von Benedikt III. eine
umstrittene und einflußreiche Persönlichkeit. Leo IV. hatte ihn
wegen seines allzu offensichtlichen Strebens nach dem Papststuhl
exkommuniziert. Doch dann konnte Anastasius, dank seines kulturellen backgrounds, vor allem aber dank
der Unterstützung des karolingischen Kaisers Ludwig II. ein paar Tage
lang im Lateran Einzug halten, obwohl Benedikt bereits kanonisch
gewählt – wenn auch noch nicht geweiht – worden war.
Letzten Endes konnte aber doch Benedikt den Sieg davontragen, weil er
einerseits vom in Santa Maria Maggiore versammelten Klerus und
römischen Volk noch einmal gewählt wurde, und weil das mit
Zustimmung des Kaisers erfolgt war. Überwältigende Siege sind oft
nicht – wie man eigentlich annehmen sollte – wirkliche Siege.
Das sind die Siege, die aus Kompromissen geboren werden, die wiederum
günstige Umstände ermöglicht haben – und darüber
hinaus sind das Siege, bei denen niemand überwältigt wird.
Interessant ist, was Fr. Baix diesbezüglich schreibt, das Liber pontificalis kommentierend:
„Alle, Freunde und Feinde, und mit noch größerem Eifer
als die Freunde die Feinde, eilten zu Benedikt, sich ihm zu
Füßen zu werfen, gerührt von der Möglichkeit der
Gnade“ (DHGE VIII, col. 16). Den „Fall“ Anastasius
löste Benedikt mit wahrem Großmut.
Aber das ist noch nicht alles. Auch der Patriarch von Konstantinopel, Photos, fand lobende Worte für unseren Benedikt III. Dieser hatte nämlich, nach dem Vorbild seines Vorgängers Leo IV., in Rom den Brauch bewahrt, das Credo auf Griechisch, in seiner alten Version, zu sprechen. In seinem Liber de Spiritus Sancti mystagogia schreibt Photos: „Das tat nicht nur Leo IV. in seinem Pontifikat, sondern auch sein Nachfolger auf dem Papststuhl, der vortreffliche Benedikt, sanftmütig und duldsam, bekannt für seine Praxis der Askese“ (Patrologia Greaca 102, col. 377). Wie man auch aus anderen Quellen weiß, ließen diese beiden Päpste, gut sichtbar, in den Basiliken der Heiligen Petrus und Paulus auch die silbernen Schilder anbringen, auf denen sowohl die griechische als auch lateinische Version des Credo eingraviert war. Vittorio Peri schrieb in seinem Da Oriente e da Occidente. Le Chiese cristiane dall’Impero romano all’Europa moderna ausführlich darüber.
Im 10. Jahrhundert gab es sogar vier Päpste namens Benedikt. Deren Herrschaft war recht turbulent, wie eben dieses ganze bewegte Jahrhundert – wenn dessen Grausamkeit manchmal auch allzu sehr herausgestellt wurde. Alle vier waren Römer. Benedikt IV. (900-903) herrschte in den Jahren, die von den Kontrasten zwischen „Formosianern“ und „Antiformosianern“ geprägt waren – zwischen denen also, die meinten, die Amtshandlungen – besonders die Weihen in sacris – von Papst Formosus nicht entkräften zu können, und jenen, die dagegen sogar das Gedächtnis dieses Papstes auslöschen wollten. Doch niemandem, nicht einmal dem Papst, ist es gestattet, nach Gutdünken über die Sakramente zu verfügen. Und wie negativ das Urteil über einen Vorgänger auch sein mag – wie hätte man gültige Priester- oder Bischofsweihen auslöschen sollen? In diesem Sinne war Benedikt ein „Formosianer“. Sein Epitaph lobt seine Großzügigkeit und Güte und berichtet, daß er sich um „bedürftige Witwen kümmerte und arme Kinder betreute, als wären es seine eigenen.“

Nach gerade zwei Monaten Pontifikat (Mai- Juni 964)
wurde Benedikt V., ein Römer und von der Gesamtheit der Römer
gewählt, eine unstatthafte Autonomie, Ende Juni von einer Synode im
Lateran – unter Vorsitz von Papst Leo VIII. und im Einklang mit dem
Sachsenkaiser Otto I. – abgesetzt. Der Kaiser pochte nämlich auf
das alte kaiserliche Recht bezüglich der Papstwahl –
zunächst ein Recht der Karolinger, noch früher der byzantinischen
Kaiser –, das er schon einmal eingefordert hatte, nämlich ein
Jahr zuvor, als er Johannes XII. absetzen und Leo wählen ließ.
So wurde Benedikt schließlich, Ende des Jahres 964, von Otto auf
deutschen Boden geleitet. Und wenn er auch nicht mehr Papst war, wurde er
in Hamburg doch mit großem Respekt empfangen – man darf nicht
glauben, daß sich hier immer Grand-Guignol–Situationen wiederholen würden, nur weil wir im
Frühmittelalter sind. In Hamburg führte er ein derart
vorbildliches Leben, daß man ihn nach dem Tod Leos im Jahr 965 sogar
als Nachfolger seines einstigen Kontrahenten handelte.
Zu Leo VIII. und Benedikt V. weiß kein Geringeres als das Päpstliche Jahrbuch zu berichten, daß „gegen Mitte des 11. Jahrhunderts Wahlen durchgeführt wurden, bei denen man aufgrund der Schwierigkeit, historische und kanonisch-theologische Kriterien abzustimmen, nicht endgültig entscheiden kann, auf welcher Seite die Legitimität liegt, die – da de facto existierend – die legitime ununterbrochene Kontinuität der Nachfolger Petri gewährleistet“ (S. 12*, Anm. 19). Wenn also „Papst Leo VIII. rechtmäßiger Papst war [...], ist Benedikt V. Antipapst“ (S. 13*, Anm. 20). Überaus interessante Anmerkungen, die jeder übertriebenen curiositas einen Riegel vorschieben, die normalerweise typisch ist für Möchtegern-Historiker, die meinen, in Sachen Papstgeschichte die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Das, was für die apostolische Sukzession wirklich zählt, ist die Sukzession in facto. Der Rest darf niemals herausgestellt werden. Wie das dagegen jene tun, die – mehr oder weniger bewußt – das Wesentliche verdunkeln oder mystifizieren.
Einige Jahre nach Benedikt V., konnte Benedikt VI. (972-974), auch er Römer, dank eines Abkommens mit Kaiser Otto I., den Petrusstuhl besteigen. Nach dem Tod des Kaisers wurde er allerdings zuerst in der Engelsburg eingekerkert und dann erdrosselt. Neue lokale Mächte, repräsentiert durch die Familie Crescenzi und mit Sicherheit von Byzanz unterstützt, wollten nämlich in der Zeit des Übergangs von Otto I. und Otto II. Rom und das Papsttum zurückgewinnen. Benedikt VI. „wurde von einem ‚nationalen‘ Papst ersetzt“ – wie Duchesne schreibt (I primi tempi dello Stato pontificio, S. 150) – „dem Diakon Francone, Sohn des Ferruccio“, „waschechter Römer“, aber deswegen noch lange nicht Parteigänger der in jenem Augenblick in Rom ansässigen Gottesbürgerschaft. Augustinus docet.
Die ersten sechs Päpste mit dem Namen Benedikt haben also alle kurz regiert – keiner länger als zwei oder drei Jahre. Und wenn das allein auch noch nichts aussagt – im Mittelalter gab es viele kurze Pontifikate –, ist doch umso bedeutungsvoller, daß der erste Benedikt mit einem langen Pontifikat Benedikt VII. war. Ein Pontifikat, das von einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Kaiser Otto II. gekennzeichnet war, dessen Regierungszeit genau mit der von Benedikt VII. zusammenfiel (973-983). Interessant ist, daß Benedikt VII. während seines Pontifikats das Entstehen einer monastischen Gemeinschaft auf dem Aventin unterstützte, die den Heiligen Bonifazius und Alexius geweiht wurde und sich aus Benediktiner- und Basilianermönchen zusammensetzte. Lateinern und Griechen also, was bezeugt, daß das christliche Abendland in Rom noch Ende des 10. Jahrhunderts dem Morgenland nicht fremd war. Dort starb übrigens – nachdem er das Mönchsgewand wieder angelegt hatte („ut tandem scelerum veniam mereatur habere“, wie es in seinem Epitaph heißt) – jener Crescenzio, der der Rädelsführer der „nationalen“ Erhebung in den Siebziger und Achtzigerjahren gewesen war. Die Gottesbürgerschaft kann man stets zurückgewinnen.
Mit Benedikt VIII. (1012-1024) haben wir bereits die Schwelle zum schicksalsträchtigen Jahr 1000 überschritten – eine Jahrtausendwende, an der die aus mancherlei Gründen beunruhigende Gestalt Silvesters II. regierte. Benedikt VIII. stammte zwar aus der römischen „Provinz“ (aus dem Geschlecht der – oft unbegründet – berüchtigten Tuscolani), war aber keinen parteilichen Interessen hörig und wollte stattdessen eine Beziehung des Friedens und der Zusammenarbeit mit der kaiserlichen Autorität, die ebenfalls in der Lage war, keine parteilichen Motive ins Spiel kommen zu lassen. So kam es, daß sein Pontifikat noch länger war (1012-1024) als das des vorherigen Benedikt und daß– ein in seinem Fall keinesfalls unbedeutender Zufall – die Herrschaft von Kaiser Heinrich II., mit dem der Papst erfolgreich für die Kirchenreform zusammengearbeitet hatte, im selben Jahr (1024) endete, nur wenige Monate nach dem Tod des Papstes. Benedikt hatte, wie um die Reform auf zeitlicher Ebene zu konsolidieren, für die Unterwerfung Süditaliens die militärische Allianz mit dem Kaiser gesucht. Aber diese Pläne waren, wie später bei noch vielen anderen heiligen Päpsten, von keinem großen Erfolg gekrönt. Ein Zeichen?
Kommen wir zu Benedikt IX., dessen Geschichte die komplexeste Geschichte der ersten Päpste mit dem Namen Benedikt ist. Wenn man dem Päpstlichen Jahrbuch glauben darf, war Benedikt IX. nämlich gleich dreimal Papst. Und wir werden bald sehen, warum.
Auch er hieß Theophilactus und gehörte zur Familie der Tuscolani, wie schon sein Onkel Benedikt VIII. Gewählt wurde er 1032. Er war sehr jung, wenn auch wohl sicher kein Knabe, wie aus jenen Quellen hervorgeht, die ihn als willenlose Marionette beschreiben. Wenn man ihn auch wegen seiner Verwandtschaft mit einem mächtigen und beim Papst alles andere als schlecht angeschriebenen Haus gewählt hatte (was überdies oft, um nicht zu sagen, immer in der Geschichte des Pontifikats geschehen ist, und daher auch nicht überraschen darf), „verstand er es doch, die Kirche in den [ersten!] 12 Jahren seines Pontifikats mit fähiger Hand zu leiten“. Auch in den Territorien südlich von Rom zeigte er größere Geschicktheit als seine Vorgänger, unterstützte beispielsweise „das Kloster Montecassino, das seine Unabhängigkeit wiedererlangen konnte“ und „legte den Grundstein zu einer umfassenden kirchlichen Umstrukturierung.“ Er hielt „die Kontakte zu den reformorientierten Kreisen“ aufrecht und konnte sich in Frankreich „großer Wertschätzung“ erfreuen, wo er sich für den Frieden einsetzte und für die Verbreitung der sogenannten tregua Dei sorgte, also der Einstellung jeglicher kriegerischen Aktivität in verschiedenen Perioden des Jahres, eine der weitblickendsten Initiativen von Cluny (alle Zitate stammen aus dem bereits zitierten Dizionario storico del papato, I, SS. 159-160, aber jeder Text, der gründlich genug ist, die Gesamtheit der Quellen in Betracht zu ziehen, schreibt unweigerlich dasselbe).
An einem gewissen Punkt angelangt, genau genommen – was nicht unwichtig ist – nach 12 Jahren Pontifikat, mußte Benedikt IX. im September 1044 wegen einer wahrscheinlich angestachelten Erhebung aus der Ewigen Stadt fliehen. Grado (Venedig) gegen den Willen des Kaisers Patriarchatssonderrechte zugestanden zu haben, dürfte ihm wohl dessen Protektion verwirkt haben. Die Römer, oder jener Teil der Römer, die ihn in die Flucht geschlagen hatten, wählten (die Wahl war damals noch nicht restriktiv, da es das Kardinalskollegium als solches noch nicht gab) mit dem Namen Silvester III. einen gewissen Giovanni, Bischof von Sabina. Benedikt konnte Rom im März 1045 manu militari jedoch zurückerobern. Doch schon nach kurzer Zeit beschloß er, das Pontifikat abzugeben. Mit einer richtigen Verzichtsurkunde und gegen Entschädigung ging es an Giovanni de’ Graziani, der den Namen Gregor VI. annahm. Die Situation war verworren. Im Dezember wurden, obwohl ihre Legitimationstitel nicht denselben Wert hatten (Silvester wird von allen Quellen, auch vom Päpstlichen Jahrbuch, als Eindringling betrachtet), sowohl Benedikt IX. als auch Silvester III. und Gregor VI. von einer Synode unter Vorsitz des Kaisers abgesetzt. An ihrer Stelle wurde der erste deutsche Papst gewählt, auch wenn er das nicht im absoluten ist: Klemens II.

All dem zum Trotz scheinen Benedikt IX., Silvester III.
und Gregor VI., deren Pontifikatszeiten sich eher überschneiden als
aufeinanderzufolgen, vollkommen normal in der Liste der Päpste auf,
Benedikt IX. sogar dreimal. Nach dem Tod von Klemens II. am 9. Oktober 1047
halfen ihm seine Anhänger nämlich noch einmal, den Petrusstuhl zu
besteigen. Und da mußte erst ein anderer deutscher Papst her –
Damasus II. – und dann noch ein anderer, der hl. Leo IX., bevor
Benedikt am Ende endlich bereit war, sich ins Kloster von Grottaferrata
zurückzuziehen, wo er zwischen 1055 und 1056 starb.
Da wäre noch einiges über Benedikt X. zu sagen. Auch er war Römer, wohl ein Neffe von Benedikt IX., von den Römern gewählt, und herrschte von April bis Dezember 1058. Er gilt jedoch offiziell als einer der Antipäpste aufgrund der feierlichen Absetzung, die von seinem Nachfolger Nikolaus II. um 1060 ausgesprochen wurde. Außerdem hatte Benedikt X. eine wichtige mäeutische Funktion, weil sein Pontifikat den Beschluß – der sich als definitiv erweisen sollte – entschied, die Wahl des Papstes den Kardinälen zu überlassen: „Sein Pontifikat [...] lieferte die Gelegenheit für das Dekret über die Wahl des Papstes von 1059, durch das sich die Gruppe der Reformatoren einen entscheidenden Einfluß auf die Wahl sicherte und vor allem darum bemüht war, die Wahl von Nikolaus II. als legitim zu dekretieren; eine Wahl, die in einer Weise erfolgt war, die gemäß den Regeln, die vorher in Gebrauch waren nur sehr schwer als kanonisch betrachtet werden konnte“ (Dizionario storico del papato, I, 161).
Fast schon als eine Art posthume „Entschädigung“ wird in der chronologischen Aufzählung der Päpste mit dem Namen Benedikt auch Benedikt X. erwähnt. Der nächste Papst, der nach 250 Jahren wieder diesen Namen annehmen sollte, ist nämlich der selige Benedikt XI. Doch dazu mehr beim nächsten Mal.

Links, das Mittelschiff des Doms zu Siena mit den in Hochrelief befindlichen Portraits der Päpste. Von hier stammen die auf diesen Seiten abgebildeten Büsten der Päpste mit Namen Benedikt.
Über den ersten Papst Benedikt (575-579) weiß das Liber Pontificalis (die wichtigste Quelle in Sachen Papstbiographien vom Altertum bis zum Frühmittelalter, Ende des 19. Jahrhunderts herausgegeben von Louis Duchesne, dem großen französischen Gelehrten, den man damals des Modernismus bezichtigte) zu berichten, daß er „natione romanus“ war und inmitten der Wirren lebte und starb, die Italien von den Barbareneinfällen des 6. Jahrhunderts beschert worden waren. Dieselben Wirren, die der hl. Benedikt zuerst im Leben – durch die Goten – und dann nach seinem Tod kennenlernte – als Montecassino gerade in der Zeit des Pontifikats von Benedikt I. von den Langobarden Zotons geplündert wurde (was danach noch andere Male geschah, bis in unsere Zeit – bekanntlich noch im 20. Jahrhundert).

Benedikt II. war nicht nur „natione romanus“, sondern hatte – so das Liber Pontificalis – seine gesamte Laufbahn im römischen Klerus zugebracht, schon seit der Zeit als „Ministrant“: das war der reguläre iter, der, wie Fr. Baix im Dictionnaire d’Histoire et de Géographie ecclésiastique (DHGE VIII, col. 10) schreibt, „für den römischen Klerus das juridische Ideal war“. Wenn man ihm folgte, wurde man heilig.
Mit ihm beginnt „der schwierige, länger als ein Jahrtausend dauernde Dialog zwischen dem Papst von Rom und den Nationalkirchen“ (Dizionario storico del papato, herausgegeben von Ph. Levillain, I, S. 155). Für uns, die wir geraume Zeit nach Ende der Herrschaft der Christenheit geboren wurden, in der die Kirche mit der Nation einig gesetzt wurde und dem Souverän unterstand (das ist es nämlich, was man unter der historiographischen Kategorie „Nationalkirchen“ versteht), ist es nicht einfach zu verstehen, wie problematisch und tückisch dieser Dialog war. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum so mancher jener Epoche nachtrauert.

Aber das ist noch nicht alles. Auch der Patriarch von Konstantinopel, Photos, fand lobende Worte für unseren Benedikt III. Dieser hatte nämlich, nach dem Vorbild seines Vorgängers Leo IV., in Rom den Brauch bewahrt, das Credo auf Griechisch, in seiner alten Version, zu sprechen. In seinem Liber de Spiritus Sancti mystagogia schreibt Photos: „Das tat nicht nur Leo IV. in seinem Pontifikat, sondern auch sein Nachfolger auf dem Papststuhl, der vortreffliche Benedikt, sanftmütig und duldsam, bekannt für seine Praxis der Askese“ (Patrologia Greaca 102, col. 377). Wie man auch aus anderen Quellen weiß, ließen diese beiden Päpste, gut sichtbar, in den Basiliken der Heiligen Petrus und Paulus auch die silbernen Schilder anbringen, auf denen sowohl die griechische als auch lateinische Version des Credo eingraviert war. Vittorio Peri schrieb in seinem Da Oriente e da Occidente. Le Chiese cristiane dall’Impero romano all’Europa moderna ausführlich darüber.
Im 10. Jahrhundert gab es sogar vier Päpste namens Benedikt. Deren Herrschaft war recht turbulent, wie eben dieses ganze bewegte Jahrhundert – wenn dessen Grausamkeit manchmal auch allzu sehr herausgestellt wurde. Alle vier waren Römer. Benedikt IV. (900-903) herrschte in den Jahren, die von den Kontrasten zwischen „Formosianern“ und „Antiformosianern“ geprägt waren – zwischen denen also, die meinten, die Amtshandlungen – besonders die Weihen in sacris – von Papst Formosus nicht entkräften zu können, und jenen, die dagegen sogar das Gedächtnis dieses Papstes auslöschen wollten. Doch niemandem, nicht einmal dem Papst, ist es gestattet, nach Gutdünken über die Sakramente zu verfügen. Und wie negativ das Urteil über einen Vorgänger auch sein mag – wie hätte man gültige Priester- oder Bischofsweihen auslöschen sollen? In diesem Sinne war Benedikt ein „Formosianer“. Sein Epitaph lobt seine Großzügigkeit und Güte und berichtet, daß er sich um „bedürftige Witwen kümmerte und arme Kinder betreute, als wären es seine eigenen.“

Zu Leo VIII. und Benedikt V. weiß kein Geringeres als das Päpstliche Jahrbuch zu berichten, daß „gegen Mitte des 11. Jahrhunderts Wahlen durchgeführt wurden, bei denen man aufgrund der Schwierigkeit, historische und kanonisch-theologische Kriterien abzustimmen, nicht endgültig entscheiden kann, auf welcher Seite die Legitimität liegt, die – da de facto existierend – die legitime ununterbrochene Kontinuität der Nachfolger Petri gewährleistet“ (S. 12*, Anm. 19). Wenn also „Papst Leo VIII. rechtmäßiger Papst war [...], ist Benedikt V. Antipapst“ (S. 13*, Anm. 20). Überaus interessante Anmerkungen, die jeder übertriebenen curiositas einen Riegel vorschieben, die normalerweise typisch ist für Möchtegern-Historiker, die meinen, in Sachen Papstgeschichte die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Das, was für die apostolische Sukzession wirklich zählt, ist die Sukzession in facto. Der Rest darf niemals herausgestellt werden. Wie das dagegen jene tun, die – mehr oder weniger bewußt – das Wesentliche verdunkeln oder mystifizieren.
Einige Jahre nach Benedikt V., konnte Benedikt VI. (972-974), auch er Römer, dank eines Abkommens mit Kaiser Otto I., den Petrusstuhl besteigen. Nach dem Tod des Kaisers wurde er allerdings zuerst in der Engelsburg eingekerkert und dann erdrosselt. Neue lokale Mächte, repräsentiert durch die Familie Crescenzi und mit Sicherheit von Byzanz unterstützt, wollten nämlich in der Zeit des Übergangs von Otto I. und Otto II. Rom und das Papsttum zurückgewinnen. Benedikt VI. „wurde von einem ‚nationalen‘ Papst ersetzt“ – wie Duchesne schreibt (I primi tempi dello Stato pontificio, S. 150) – „dem Diakon Francone, Sohn des Ferruccio“, „waschechter Römer“, aber deswegen noch lange nicht Parteigänger der in jenem Augenblick in Rom ansässigen Gottesbürgerschaft. Augustinus docet.
Die ersten sechs Päpste mit dem Namen Benedikt haben also alle kurz regiert – keiner länger als zwei oder drei Jahre. Und wenn das allein auch noch nichts aussagt – im Mittelalter gab es viele kurze Pontifikate –, ist doch umso bedeutungsvoller, daß der erste Benedikt mit einem langen Pontifikat Benedikt VII. war. Ein Pontifikat, das von einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Kaiser Otto II. gekennzeichnet war, dessen Regierungszeit genau mit der von Benedikt VII. zusammenfiel (973-983). Interessant ist, daß Benedikt VII. während seines Pontifikats das Entstehen einer monastischen Gemeinschaft auf dem Aventin unterstützte, die den Heiligen Bonifazius und Alexius geweiht wurde und sich aus Benediktiner- und Basilianermönchen zusammensetzte. Lateinern und Griechen also, was bezeugt, daß das christliche Abendland in Rom noch Ende des 10. Jahrhunderts dem Morgenland nicht fremd war. Dort starb übrigens – nachdem er das Mönchsgewand wieder angelegt hatte („ut tandem scelerum veniam mereatur habere“, wie es in seinem Epitaph heißt) – jener Crescenzio, der der Rädelsführer der „nationalen“ Erhebung in den Siebziger und Achtzigerjahren gewesen war. Die Gottesbürgerschaft kann man stets zurückgewinnen.
Mit Benedikt VIII. (1012-1024) haben wir bereits die Schwelle zum schicksalsträchtigen Jahr 1000 überschritten – eine Jahrtausendwende, an der die aus mancherlei Gründen beunruhigende Gestalt Silvesters II. regierte. Benedikt VIII. stammte zwar aus der römischen „Provinz“ (aus dem Geschlecht der – oft unbegründet – berüchtigten Tuscolani), war aber keinen parteilichen Interessen hörig und wollte stattdessen eine Beziehung des Friedens und der Zusammenarbeit mit der kaiserlichen Autorität, die ebenfalls in der Lage war, keine parteilichen Motive ins Spiel kommen zu lassen. So kam es, daß sein Pontifikat noch länger war (1012-1024) als das des vorherigen Benedikt und daß– ein in seinem Fall keinesfalls unbedeutender Zufall – die Herrschaft von Kaiser Heinrich II., mit dem der Papst erfolgreich für die Kirchenreform zusammengearbeitet hatte, im selben Jahr (1024) endete, nur wenige Monate nach dem Tod des Papstes. Benedikt hatte, wie um die Reform auf zeitlicher Ebene zu konsolidieren, für die Unterwerfung Süditaliens die militärische Allianz mit dem Kaiser gesucht. Aber diese Pläne waren, wie später bei noch vielen anderen heiligen Päpsten, von keinem großen Erfolg gekrönt. Ein Zeichen?
Kommen wir zu Benedikt IX., dessen Geschichte die komplexeste Geschichte der ersten Päpste mit dem Namen Benedikt ist. Wenn man dem Päpstlichen Jahrbuch glauben darf, war Benedikt IX. nämlich gleich dreimal Papst. Und wir werden bald sehen, warum.
Auch er hieß Theophilactus und gehörte zur Familie der Tuscolani, wie schon sein Onkel Benedikt VIII. Gewählt wurde er 1032. Er war sehr jung, wenn auch wohl sicher kein Knabe, wie aus jenen Quellen hervorgeht, die ihn als willenlose Marionette beschreiben. Wenn man ihn auch wegen seiner Verwandtschaft mit einem mächtigen und beim Papst alles andere als schlecht angeschriebenen Haus gewählt hatte (was überdies oft, um nicht zu sagen, immer in der Geschichte des Pontifikats geschehen ist, und daher auch nicht überraschen darf), „verstand er es doch, die Kirche in den [ersten!] 12 Jahren seines Pontifikats mit fähiger Hand zu leiten“. Auch in den Territorien südlich von Rom zeigte er größere Geschicktheit als seine Vorgänger, unterstützte beispielsweise „das Kloster Montecassino, das seine Unabhängigkeit wiedererlangen konnte“ und „legte den Grundstein zu einer umfassenden kirchlichen Umstrukturierung.“ Er hielt „die Kontakte zu den reformorientierten Kreisen“ aufrecht und konnte sich in Frankreich „großer Wertschätzung“ erfreuen, wo er sich für den Frieden einsetzte und für die Verbreitung der sogenannten tregua Dei sorgte, also der Einstellung jeglicher kriegerischen Aktivität in verschiedenen Perioden des Jahres, eine der weitblickendsten Initiativen von Cluny (alle Zitate stammen aus dem bereits zitierten Dizionario storico del papato, I, SS. 159-160, aber jeder Text, der gründlich genug ist, die Gesamtheit der Quellen in Betracht zu ziehen, schreibt unweigerlich dasselbe).
An einem gewissen Punkt angelangt, genau genommen – was nicht unwichtig ist – nach 12 Jahren Pontifikat, mußte Benedikt IX. im September 1044 wegen einer wahrscheinlich angestachelten Erhebung aus der Ewigen Stadt fliehen. Grado (Venedig) gegen den Willen des Kaisers Patriarchatssonderrechte zugestanden zu haben, dürfte ihm wohl dessen Protektion verwirkt haben. Die Römer, oder jener Teil der Römer, die ihn in die Flucht geschlagen hatten, wählten (die Wahl war damals noch nicht restriktiv, da es das Kardinalskollegium als solches noch nicht gab) mit dem Namen Silvester III. einen gewissen Giovanni, Bischof von Sabina. Benedikt konnte Rom im März 1045 manu militari jedoch zurückerobern. Doch schon nach kurzer Zeit beschloß er, das Pontifikat abzugeben. Mit einer richtigen Verzichtsurkunde und gegen Entschädigung ging es an Giovanni de’ Graziani, der den Namen Gregor VI. annahm. Die Situation war verworren. Im Dezember wurden, obwohl ihre Legitimationstitel nicht denselben Wert hatten (Silvester wird von allen Quellen, auch vom Päpstlichen Jahrbuch, als Eindringling betrachtet), sowohl Benedikt IX. als auch Silvester III. und Gregor VI. von einer Synode unter Vorsitz des Kaisers abgesetzt. An ihrer Stelle wurde der erste deutsche Papst gewählt, auch wenn er das nicht im absoluten ist: Klemens II.

Da wäre noch einiges über Benedikt X. zu sagen. Auch er war Römer, wohl ein Neffe von Benedikt IX., von den Römern gewählt, und herrschte von April bis Dezember 1058. Er gilt jedoch offiziell als einer der Antipäpste aufgrund der feierlichen Absetzung, die von seinem Nachfolger Nikolaus II. um 1060 ausgesprochen wurde. Außerdem hatte Benedikt X. eine wichtige mäeutische Funktion, weil sein Pontifikat den Beschluß – der sich als definitiv erweisen sollte – entschied, die Wahl des Papstes den Kardinälen zu überlassen: „Sein Pontifikat [...] lieferte die Gelegenheit für das Dekret über die Wahl des Papstes von 1059, durch das sich die Gruppe der Reformatoren einen entscheidenden Einfluß auf die Wahl sicherte und vor allem darum bemüht war, die Wahl von Nikolaus II. als legitim zu dekretieren; eine Wahl, die in einer Weise erfolgt war, die gemäß den Regeln, die vorher in Gebrauch waren nur sehr schwer als kanonisch betrachtet werden konnte“ (Dizionario storico del papato, I, 161).
Fast schon als eine Art posthume „Entschädigung“ wird in der chronologischen Aufzählung der Päpste mit dem Namen Benedikt auch Benedikt X. erwähnt. Der nächste Papst, der nach 250 Jahren wieder diesen Namen annehmen sollte, ist nämlich der selige Benedikt XI. Doch dazu mehr beim nächsten Mal.