Die Eucharistie und der aggressive Spiritualismus der Sekten
Man muß sich auch fragen, warum viele aus der Kirche austreten. In der heutigen Gesellschaft gibt es Tendenzen wie den Individualismus, die Anmaßung, sich sein eigenes Heil zu stricken, den Emotionalismus, die auch auf religiöser Ebene einen freien Markt schaffen und fördern, der in steter Bewegung ist.
Interview mit Kardinal Geraldo Majella Agnelo von S. Falasca
Geraldo Macella Agnelo,
Erzbischof von São Salvador da Bahia und Kardinalprimas Brasiliens,
ist ein Mann, der nicht gerne dramatisiert. Die gedämpften Töne
zieht er vor, auch angesichts der besorgniserregenden Phänomene, mit
denen die Kirche in seinem Land, dem mit den meisten Katholiken auf der
Welt, zu kämpfen hat. Von allzu alarmierenden Tönen hält er
nicht viel, und ebenso wenig von „magischen“ oder
spektakulären Lösungen. Für ihn sollte man auch die
„Ent-Katholisierung“ des Landes, diesen Winter der katholischen
Kirche, der für seinen Vorgänger Lucas Moreira Neves gerade vom
Frühling der brasilianischen Sekten ausgelöst wird, einfach mit
den gewöhnlichen Werkzeugen der pastoralen Praxis angehen. Den
alltäglichen und sonntäglichen.

Eminenz, wozu war diese Synode über die
Eucharistie nützlich?
GERALDO MAJELLA AGNELO: In der Eucharistie liegt unsere Identität. Wir leben davon, von dieser Gegenwart Christi in unserem Leben, die die Quelle unseres Glaubens und unserer Hoffnungsgewißheit ist. Und die Eucharistie setzt unser Leben auf Erden in Beziehung zum ewigen Leben, erinnert uns stets auch an den Umstand, daß wir auf dieser Welt nicht für immer weilen. Die Möglichkeit, in den Genuß dieses Geschenks zu kommen, ist jedoch gewissen Bedingungen unterworfen. Und das wirft Probleme auf, wenn es beispielsweise nicht genug Priester gibt für die Eucharistiefeier in allen Gemeinschaften. Und dann wären da auch noch die Fälle jener, die aus verschiedenen Gründen vom Kommunionempfang ausgeschlossen sind.
Diese beiden Probleme haben das Leben der Kirche in Brasilien nachhaltig geprägt. Haben Sie die diesbezüglich bei der Synode ins Spiel gebrachten Antworten zufriedengestellt?
AGNELO: Man kann nicht gerade sagen, daß diese Fragen gründlich studiert wurden. Was beispielsweise den Priestermangel angeht, kann man als Lösung nicht nur eine ausgewogenere Verteilung auf die verschiedenen Gebiete vorschlagen, wobei Priester von einem Ort genommen und an einen anderen versetzt werden. Die Priester sind auch an die Gemeinschaften und Ortskirchen gebunden, dort, wo die Berufungen erblühen. Und dann gibt es noch die Missionare, jene, die sich mit der Kirche identifizieren, in die sie geschickt werden, und die können sicher nicht entbehrt werden. Meiner Meinung nach bringt es nicht viel, wenn man Priester für kurze „Arbeitseinsätze“ in Gemeinschaften schickt, die von ihrer ursprünglichen weit entfernt sind.
Irreguläre Lebensgemeinschaften sind in Brasilien an der Tagesordnung. Auf der Synode wurde auch das Thema der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion angesprochen.
AGNELO: Auch hier ist es nicht damit getan, die Bedingungen für die Zulassung zum Sakramentenempfang zu „erleichtern“. Wenn es zur Gewohnheit wird, seinen Ehepartner einfach so zu verlassen, dann bedeutet das, daß oft kirchlich geheiratet wird, ohne daß man den Ritus als Sakrament empfindet.
Bei der Synode hat Kardinal Hummes gesagt, daß die Zahl derer, die sich als Katholiken bezeichnen, in Brasilien in 10Jahren von 83% auf 67% gesunken ist. Die charismatischen Sekten befinden sich dagegen eindeutig auf dem Vormarsch, die Zahl ihrer Amtsdiener ist bereits doppelt so groß wie die der katholischen Priester. Wie beurteilen Sie diese Daten?
AGNELO: Das ist kein neues Phänomen. Und dann muß man sich auch fragen: warum treten viele aus der Kirche aus? In der heutigen Gesellschaft gibt es Tendenzen wie den Individualismus, die Anmaßung, sich sein eigenes Heil zu stricken, den Emotionalismus – Tendenzen, die auch auf religiöser Ebene einen freien Markt schaffen und fördern, der in steter Bewegung ist. Man schwenkt von einer Sekte zur anderen, und in diesem ständigen Hin- und Her gibt es auch das Phänomen der Rückkehr zum Katholizismus.
Einer alten Theorie zufolge soll die Befreiungstheologie schuld sein, die in den vergangenen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit auf die politischen Probleme gelenkt hätte und das Übernatürliche in Vergessenheit geraten ließ.
AGNELO: Aber die Geheimnisse des christlichen Glaubens, wie das Geheimnis der Eucharistie, haben nichts mit dem aggressiven Spiritualismus der Sektengruppen zu tun. Die Religiosität der Lateinamerikaner ist ein positiver Faktor. In den Jahren der Befreiungstheologie hat diese Religiosität auch die Hoffnung auf eine Lösung der realen, von Elend und Ungerechtigkeit ausgelösten Probleme genährt. Die große Versuchung lag damals darin, die Ideologie als richtige Antwort auf diese Erwartungen darzustellen. Und mit den Sekten ist das jetzt in einem gewissen Sinne dasselbe. Nur die Ideologie hat sich verändert, man ist zu einer pragmatistischen Ideologie übergegangen, die sich an anderen einflußreichen kulturell-politischen Modellen orientiert. Aber der Mechanismus ist derselbe.
Wollen Sie damit sagen, daß das Phänomen der Sekten vor allem politisch eingefärbt ist?
AGNELO: Das politische Element wird mit Versprechungen eines geglückten Lebens vermischt, und damit werden neue „Jünger“ angeworben, wie auch mit der Disponibilität der Mittel, die die Sekten zur Verfügung stellen können. So sagen sie beispielsweise: wenn Du zu uns kommst, wird es für Dich kein Leid und keine Armut mehr geben, wir werden Dir den Erfolg sichern. Mit einer gehörigen Portion „Wunderglauben“ wie auch der Bereitstellung materieller Ressourcen, mit denen wir nicht mithalten können. Und dann muß man auch zugeben, daß die Sekten wissen, wie man den Menschen Aufnahme bereitet. Bei uns war früher einmal unter den vier niederen Weihen für Priesterkandidaten auch das Ostiariat.Der Ostiarier, oder Pförtner, war jener, der die Aufgabe hatte, über die Pforte der Kirche zu wachen und die Gläubigen zu empfangen. Vielleicht sollte in der Ausbildung der Priester auch diese traditionelle Rolle wieder eingeführt und aufgewertet werden.

Geraldo Macella Agnelo, Erzbischof von São Salvador da Bahia und Kardinalprimas Brasilien
GERALDO MAJELLA AGNELO: In der Eucharistie liegt unsere Identität. Wir leben davon, von dieser Gegenwart Christi in unserem Leben, die die Quelle unseres Glaubens und unserer Hoffnungsgewißheit ist. Und die Eucharistie setzt unser Leben auf Erden in Beziehung zum ewigen Leben, erinnert uns stets auch an den Umstand, daß wir auf dieser Welt nicht für immer weilen. Die Möglichkeit, in den Genuß dieses Geschenks zu kommen, ist jedoch gewissen Bedingungen unterworfen. Und das wirft Probleme auf, wenn es beispielsweise nicht genug Priester gibt für die Eucharistiefeier in allen Gemeinschaften. Und dann wären da auch noch die Fälle jener, die aus verschiedenen Gründen vom Kommunionempfang ausgeschlossen sind.
Diese beiden Probleme haben das Leben der Kirche in Brasilien nachhaltig geprägt. Haben Sie die diesbezüglich bei der Synode ins Spiel gebrachten Antworten zufriedengestellt?
AGNELO: Man kann nicht gerade sagen, daß diese Fragen gründlich studiert wurden. Was beispielsweise den Priestermangel angeht, kann man als Lösung nicht nur eine ausgewogenere Verteilung auf die verschiedenen Gebiete vorschlagen, wobei Priester von einem Ort genommen und an einen anderen versetzt werden. Die Priester sind auch an die Gemeinschaften und Ortskirchen gebunden, dort, wo die Berufungen erblühen. Und dann gibt es noch die Missionare, jene, die sich mit der Kirche identifizieren, in die sie geschickt werden, und die können sicher nicht entbehrt werden. Meiner Meinung nach bringt es nicht viel, wenn man Priester für kurze „Arbeitseinsätze“ in Gemeinschaften schickt, die von ihrer ursprünglichen weit entfernt sind.
Irreguläre Lebensgemeinschaften sind in Brasilien an der Tagesordnung. Auf der Synode wurde auch das Thema der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion angesprochen.
AGNELO: Auch hier ist es nicht damit getan, die Bedingungen für die Zulassung zum Sakramentenempfang zu „erleichtern“. Wenn es zur Gewohnheit wird, seinen Ehepartner einfach so zu verlassen, dann bedeutet das, daß oft kirchlich geheiratet wird, ohne daß man den Ritus als Sakrament empfindet.
Bei der Synode hat Kardinal Hummes gesagt, daß die Zahl derer, die sich als Katholiken bezeichnen, in Brasilien in 10Jahren von 83% auf 67% gesunken ist. Die charismatischen Sekten befinden sich dagegen eindeutig auf dem Vormarsch, die Zahl ihrer Amtsdiener ist bereits doppelt so groß wie die der katholischen Priester. Wie beurteilen Sie diese Daten?
AGNELO: Das ist kein neues Phänomen. Und dann muß man sich auch fragen: warum treten viele aus der Kirche aus? In der heutigen Gesellschaft gibt es Tendenzen wie den Individualismus, die Anmaßung, sich sein eigenes Heil zu stricken, den Emotionalismus – Tendenzen, die auch auf religiöser Ebene einen freien Markt schaffen und fördern, der in steter Bewegung ist. Man schwenkt von einer Sekte zur anderen, und in diesem ständigen Hin- und Her gibt es auch das Phänomen der Rückkehr zum Katholizismus.
Einer alten Theorie zufolge soll die Befreiungstheologie schuld sein, die in den vergangenen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit auf die politischen Probleme gelenkt hätte und das Übernatürliche in Vergessenheit geraten ließ.
AGNELO: Aber die Geheimnisse des christlichen Glaubens, wie das Geheimnis der Eucharistie, haben nichts mit dem aggressiven Spiritualismus der Sektengruppen zu tun. Die Religiosität der Lateinamerikaner ist ein positiver Faktor. In den Jahren der Befreiungstheologie hat diese Religiosität auch die Hoffnung auf eine Lösung der realen, von Elend und Ungerechtigkeit ausgelösten Probleme genährt. Die große Versuchung lag damals darin, die Ideologie als richtige Antwort auf diese Erwartungen darzustellen. Und mit den Sekten ist das jetzt in einem gewissen Sinne dasselbe. Nur die Ideologie hat sich verändert, man ist zu einer pragmatistischen Ideologie übergegangen, die sich an anderen einflußreichen kulturell-politischen Modellen orientiert. Aber der Mechanismus ist derselbe.
Wollen Sie damit sagen, daß das Phänomen der Sekten vor allem politisch eingefärbt ist?
AGNELO: Das politische Element wird mit Versprechungen eines geglückten Lebens vermischt, und damit werden neue „Jünger“ angeworben, wie auch mit der Disponibilität der Mittel, die die Sekten zur Verfügung stellen können. So sagen sie beispielsweise: wenn Du zu uns kommst, wird es für Dich kein Leid und keine Armut mehr geben, wir werden Dir den Erfolg sichern. Mit einer gehörigen Portion „Wunderglauben“ wie auch der Bereitstellung materieller Ressourcen, mit denen wir nicht mithalten können. Und dann muß man auch zugeben, daß die Sekten wissen, wie man den Menschen Aufnahme bereitet. Bei uns war früher einmal unter den vier niederen Weihen für Priesterkandidaten auch das Ostiariat.Der Ostiarier, oder Pförtner, war jener, der die Aufgabe hatte, über die Pforte der Kirche zu wachen und die Gläubigen zu empfangen. Vielleicht sollte in der Ausbildung der Priester auch diese traditionelle Rolle wieder eingeführt und aufgewertet werden.