Irak, Heimat aller
Der Dialog des Präsidenten der Republik Irak, Jalal Talabani, mit dem Patriarchen von Babylonien der Chaldäer, Emmanuel III. Delly. Exklusiv für 30Tage.
Interview mit dem irakischen Präsidenten und mit dem irakischen Patriarchen von Giovanni Cubeddu
„Nun kehrt ihr also gestärkt durch die Erfahrung der
Gemeinschaft an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus in
eure Heimatdiözesen zurück. Eine Gemeinschaft, die ihren
besonderen Ausdruck heute hier findet, wo wir unser gemeinsames Gebet
des Dankes zum Herrn erheben.

Ich ermutige euch also, meine Lieben, mit eurem
pastoralen Einsatz und eurem Dienst der Hoffnung für das gesamte
irakische Volk weiterzumachen. Eine jede eurer Gemeinschaften dem Schutz
der Gottesmutter anvertrauend, erteile ich euch allen, euren Priestern,
allen Ordensfrauen und -männern, gerne meinen apostolischen Segen,
Unterpfand des himmlischen Friedens und Trostes“. So
begrüßte Papst Benedikt am Ende der Audienz vom 12. November
Seine Seligkeit, Emmanuel III. Delly, Patriarch von Babylonien der
Chaldäer (Irak) und die Teilnehmer an der Sondersynode der
chaldäischen Bischöfe, die am 8. November begann und gerade erst
abgeschlossen wurde. Am Morgen des Donnerstag, 10. November, war der
irakische Präsident Jalal Talabani zum ersten Mal Papst Benedikt XVI.
begegnet. Am selben Tag war er am Sitz der „Opera della Chiesa“
in Rom Gast von Patriarch Delly und der chaldäischen Bischöfe. An
dem Essen nahmen auch der Sekretär für die Beziehungen mit den
Staaten, Erzbischof Giovanni Lajolo, und der Präfekt der
orientalischen Kirchen, Ignace Moussa I. Daoud, teil. Ein intensiver Tag,
an dem man versucht hat – mit manchmal expliziten Dialogen oder
diskreten diplomatischen Gesten –, vielen Hoffnungen der christlichen
Gemeinschaft im Irak Gestalt zu verleihen.
Der Papst sprach dann bei der Audienz von Dankbarkeit und Hoffnung. Jene Hoffnung, die aus dem herausklingt, was Patriarch Delly 30Tage gegenüber in folgendem, gemeinsam mit Präsident Talabani gegebenen Exklusivinterview vom 10. November berichtet hat.
Herr Präsident, wie Sie sicher wissen, war der Hl. Stuhl gegen den Krieg im Irak. Dies war Ihre erste Begegnung mit Papst Benedikt XVI. Über welche Themen haben Sie sich mit ihm unterhalten? Welche Erwartungen setzt der Hl. Stuhl in den neuen Irak, welche haben Sie?
JALAL TALABANI: Wir haben uns mit dem Papst über den Irak unterhalten. Ich habe ihn über die demokratischen Entwicklungen unterrichtet, die derzeit im Gange sind, über die allgemeine Situation und den Terrorismus. Und ich habe ihn um seinen Segen für das irakische Volk gebeten.
Ich habe dem Papst einige Details der neuen Verfassung dargelegt, mit denen sich das neue Parlament befassen wird.
Ich hoffe, daß der Papst den Christen im Irak helfen wird. Ich habe ihm erklärt, daß unsere christlichen Brüder und Schwestern allzu sehr leiden müssen – durch die Schuld der Terroristen, dann wieder der Extremisten, durch von Saddam Hussein aus dem Gefängnis befreite Banden, die Leute entführen, um Lösegeld zu erpressen. Dann kam es zu einer Verlagerung unserer Christen nach Syrien, obwohl wir sie ermutigt haben, sich im irakischen Kurdistan niederzulassen; es gibt keinen Weg, sie aufzuhalten. Ich habe den Heiligen Vater gebeten, unseren christlichen Brüdern und Schwestern zu helfen, und er hat versprochen, das auch zu tun.
Welche Forderungen – wenn ich das einmal so sagen darf – stellt der Hl. Stuhl an den Präsidenten des neuen Irak?
TALABANI: Das Papst war wirklich mehr als freundlich, hat uns allen seinen Segen erteilt. Er war froh über die Entwicklung unserer Situation und über meine Erklärungen der neuen Verfassung.
Seligkeit, Sie haben gehört, was Präsident Talabani eben gesagt hat. Was können Sie uns über die Unterstützung sagen, die der Hl. Stuhl seit dem Krieg der chaldäischen Kirche zu geben versucht?
EMMANUEL III DELLY: In Wahrheit hat der Hl. Stuhl nie aufgehört, sich für den Frieden im Irak einzusetzen, hat den Krieg nie gewollt. Von Anfang an – bis zum heutigen Tage – hat der Hl. Stuhl verlangt, daß im Irak Friede und Stabilität herrschen, und es gibt nichts, worum wir den Hl. Stuhl gebeten haben, was man uns verweigert hätte. Als ich dem Heiligen Vater sagte, daß der Irak krank sei, meinte er: „Die Medizin ist das Gebet.“ Und dann hat er versprochen, zu beten und alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit im Irak, dem Land Abrahams, Frieden herrsche.
Herr Präsident, die Verfassung hat die Prüfung „Referendum“ bestanden, in Kürze stehen neue Parlamentswahlen ins Haus. Kann man den Irak denn schon als wirklich demokratisches Land bezeichnen?
TALABANI: Das neue Parlament ist ein großer Schritt vorwärts in Richtung eines neuen demokratischen Irak. Ich glaube, daß wir zum ersten Mal eine ausgewogene Repräsentanz der sozialen Komponenten im Irak haben. Dieses Mal wird es – neben den Kandidaten der anderen Listen – fünf Sitze für die Christen geben. Und zum ersten Mal haben wir auch eine Liste der sunnitischen Araber – die sich recht zahlreich aufstellen lassen – so kann man wohl sagen, daß es nach der Erfahrung dieses Jahres neue parlamentarische Repräsentanten geben wird.
Das Parlament und die neue Verfassung stellen natürlich die ersten beiden Schritte in Richtung Demokratisierung dar. Aber das ist nicht genug. Wir müssen Erfahrung sammeln, die Gleichheit aller Iraker erreichen, und wir müssen alles tun, damit die Verfassung durch die Schaffung neuer Föderationen in anderen Teilen des Irak effektiv wird.
Seligkeit, darf ich Sie fragen, wie die chaldäische Kirche die Approbation dieser Verfassung aufgenommen hat? Immerhin fehlt in dem Text jene Freiheitsgarantie, die sich die Christen vom neuen Irak erhofft hatten...
DELLY: Alle Bischöfe des Irak, Katholiken oder auch nicht, haben die Verfassung studiert und darin viele gute Dinge finden können – aber auch das ein oder andere, was uns Sorgen macht. Damit meine ich vor allem Artikel 2, dessen Abschaffung oder zumindest Änderung wir bereits gefordert haben. Das ist auch der Grund, warum wir all jene, die hier etwas tun können, gebeten haben, sich für uns einzusetzen. Wir danken auch dem Vatikan, der alles nur Mögliche getan hat, um auch weiterhin die Freiheit eines jeden Irakers zu gewährleisten, ohne Unterschied; ganz besonders danken wir für die Unterstützung des Botschafters beim Hl. Stuhl, der ein Christ ist... und das auch sein muß, da er so die Praktiken des Vatikan besser kennen kann, die er nicht verstehen würde, wenn er einer nicht-christlichen Religion angehören würde.
Der Vatikan tut also alles für das Wohl unseres Landes. Ich habe Herrn Jalal, den Präsidenten, gefragt: „Wie ist das jetzt mit dieser Verfassung?“, und er hat mir genau das geantwortet: „Seien Sie beruhigt, die Verfassung garantiert die Freiheit der Christen und der Minderheiten im Irak.“
Herr Präsident, auch die internationale Gemeinschaft verlangt von Ihrem Land ein Programm zum Schutz der Minderheiten. Was können Sie uns dazu sagen?
TALABANI: Der Schutz der Minderheiten ist eine Pflicht unserer Nation, hat mit unseren moralischen Prinzipien zu tun, ist nicht wichtig, weil es die internationale Gemeinschaft verlangt, sondern, weil es im Interesse des irakischen Volkes ist. Die Minderheiten sind ein wichtiger Teil des Irak und sie spielen eine wirklich wichtige Rolle – vor allem die Christen – im Bereich der Kultur, des Bildungswesens, im Bereich der Hilfeleistung, die sie unserem Land geben. Die Kirchen haben den Irakern, Muslimen, Yazidi und anderen schon immer geholfen. Und daher ist es auch unsere heilige Pflicht, ihren Schutz zu gewährleisten. Dank unserer Verfassung haben wir nun einige Artikel, die die Religionsfreiheit gewährleisten, die Gleichheit aller Iraker, und wir werden versuchen, das mit allen Mitteln durchzusetzen – vor allem wollen wir unser Land sicherer machen. Wir werden den Rechtsstaat durchsetzen, und somit werden alle Minderheiten respektiert und geschützt werden.

Seligkeit, wie könnte das politische und soziale
Leben der Christen in Ihrem Land aussehen? Haben Sie dazu eine konkrete
Vorstellung? In der chaldäischen Kirche wurden auch schon Stimmen
laut, die eine militantere und „organisiertere“ Kirche
wünschen...
DELLY: Dazu kann ich nur sagen – und das etwa nicht, weil er hier neben mir sitzt – daß der Präsident mir mehrfach, bei jeder unserer Begegnungen, folgendes zugesagt hat: „Du bist mein Bruder, ich bin bereit, zu tun, was Du willst, was die Christen wollen. Weil alle Iraker meine Kinder sind und ich mich um ein jedes von ihnen kümmern muß. Besonders ihr Christen braucht keine Angst zu haben, ich bin da, um euch zu helfen. Ich bin Dein Bruder, ich werde alles in meiner Macht stehende für die Minderheiten im Irak tun.“ Der Präsident liebt alle, ohne Unterschied, und er hat uns auch zu sich nach Hause zum Essen eingeladen... Auch der apostolische Nuntius im Irak war dabei, und andere Bischöfe, Schwestern und Priester. Ja, der Präsident versteht sich als Vater aller und will allen Gutes tun, ohne Unterschied. Das ist es, was wir über ihn denken.
Herr Präsident, wie werden Sie die Sunniten – nach wie vor die wichtigste Minderheit – in die Regierung des Landes miteinbeziehen?
TALABANI: Ich glaube, daß Sie die arabischen Sunniten meinen. Dann sollte man mal nicht vergessen, daß auch ich Sunnit bin! Wir haben von Anfang an versucht, die arabischen Sunniten an der Regierung teilhaben zu lassen, haben einen Sunniten zum Vizepräsidenten gewählt. Der Parlamentssprecher ist Sunnit, der stellvertretende Ministerpräsident ist Sunnit, sechs Regierungsminister – darunter der Verteidigungsminister und der für die Industrie. Wir haben sie dazu ermutigt, am Referendum über die Approbation der Verfassung teilzunehmen, und sie haben es getan, ihre Ja- oder Nein-Stimmen abgegeben. Jetzt ermutigen wir sie dazu, sich am Wahlprozess zu beteiligen. Wir haben heute zahlreiche Listen von arabischen Sunniten, die ins Parlament wollen, und wenn die Sunniten gewählt werden sollten, haben sie eine größere Möglichkeit, in die Regierung vorzudringen, an die wichtigen Posten, können so an der Leitung des Landes mitwirken, die Politik des Irak mitprägen.
Erlauben Sie mir noch eine Frage, Herr Präsident. Das, was im Irak passieren wird, kann mehr oder weniger den gesamten Nahost-Raum stabilisieren – oder auch nicht. Es gibt noch ungelöste Probleme in der Region, die das Schicksal Ihres Landes direkt beeinflussen, in primis der israelisch-palästinensische Friedensprozess – im Libanon befinden sich noch immer palästinensische Flüchtlinge... Vom Iran ganz zu schweigen.
TALABANI: Vor allen Dingen sind wir zunächst einmal mit dem Wiederaufbau unseres Landes befaßt. Uns interessiert, einen demokratischen und friedliebenden Irak zu schaffen, und dieser – demokratische und föderale – Irak wird den gesamten Nahost-Raum mit seinem Beispiel beeinflussen, und nicht durch die Besatzung anderer Länder. Dieser Irak wird friedliebend sein in seinem Innern und auch seinen Nachbarn gegenüber. Wir werden versuchen, die Gleichheit aller Iraker zu erreichen, Muslime, Schiiten, Sunniten, Kurden, Araber, Turkmenen, Christen. Wir wollen der ganzen Region mit unserem Beispiel vorangehen: beispielsweise dahingehend, wie man die Rechte der Minderheiten respektiert, die der Turkmenen ebenso wie die der Christen – wobei man nicht vergessen darf, daß wir verschiedene Gruppen von Christen haben – oder der Kurden... Ich denke, daß der Irak mit diesem Beispiel durchaus auf Nahost Einfluß haben kann.
Auch auf Israel und Palästina?
TALABANI: Was die Schwierigkeiten zwischen Arabern und Israel angeht, muß angemerkt werden, daß sich der Irak, der – wie Sie ja wissen – Gründungsmitglied der Arabischen Liga ist, verpflichtet hat, die Charta der Arabischen Liga sowie die von der ihr approbierten Beschlüsse und Resolutionen zu achten. Bei der letzten Begegnung der Arabischen Liga in Beirut haben die arabischen Länder den Vorschlag des damaligen Prinzen und jetzigen saudischen Königs, Abdallah, angenommen. Auf der Grundlage dieses Vorschlags verlangen die Araber von Israel, die von den Vereinten Nationen approbierten Resolutionen zu übernehmen. Wenn Israel diese von der UNO approbierten Resolutionen akzeptiert, werden die arabischen Länder, einschließlich dem Irak, bereit sein für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel, und zwar auf diplomatischer, wirtschaftlicher wie auch jeder anderen Ebene. Es liegt also ganz bei den Israelis. Und sie müssen eine Antwort geben. Wenn sie den Vorschlag annehmen wird es, glaube ich, keine Schwierigkeiten oder Kriege zwischen Arabern und Israelis geben.
Und was die in arabische Länder geflüchteten Palästinenser angeht, müssen Sie wissen, daß ich persönlich ihnen große Sympathie entgegenbringe, weil es sich um ein Volk handelt, das viel zuviel gelitten hat. Sie wurden aus ihrem Land deportiert, mußten durch die Schuld der arabischen Länder, und nicht nur Israels, viel Leid ertragen. Ich bin aber trotzdem der Meinung, daß die Frage der in den Libanon geflüchteten Palästinenser eine interne Frage des Libanon ist, die unter Achtung der Unabhängigkeit und der Souveränität dieses Landes, wie auch des Gleichgewichts aller sozialen Komponenten, gelöst werden muß. Wenn sie nämlich eine größere Zahl an Muslims aufnehmen wird dieses Gleichgewicht unweigerlich verändert. Meiner Meinung nach wird man die Frage in Zukunft nach und nach lösen können, wenn der Disput zwischen Arabern und Israelis erst einmal beigelegt ist.
Seligkeit, welche Botschaft möchten Sie – nach diesem Besuch des Präsidenten im Vatikan und angesichts der harten heutigen Realität Ihres Landes – an die chaldäischen Gläubigen auch in der Diaspora richten?
DELLY: Das einzige, was man tun kann, ist stets mit der Regierung zusammenzuarbeiten: so lautet die Politik des chaldäischen Patriarchats. Unsere Autoritäten respektieren, wie uns schon Paulus sagte, den zivilen Regierenden gehorchen, die des nachts wachen, wenn wir schlafen. Der Regierung, die sich um alle kümmert, müssen wir mit unserer Treue Dank sagen. Und ich glaube, daß all unsere Christen, wie der verehrte Herr Präsident weiß, loyal sind, weil sie sich geliebt fühlen. Der Präsident hat sie mehrfach aufgefordert, in den Norden des Irak zu gehen, aber die Leute können ihr zuhause nicht verlassen, alles verkaufen und wegziehen – der Irak ist unsere Heimat, genauso, wie er die Heimat unserer muslimischen Brüder ist. Wir sind seit Tausenden von Jahren da und – als Christen – schon seit Beginn des Christentums. Daher müssen wir mit der rechten und rechtmäßigen Regierung zusammenarbeiten, müssen ihr stets treu sein, besonders dem Präsidenten, der uns liebt und den auch wir lieben.

Hier oben, der irakische Präsident Jalal Talabani mit Patriarch Emmanuel III. Delly, am Sitz der „Opera della Chiesa“ (Werk der Kirche) am 10. November 2005.
Der Papst sprach dann bei der Audienz von Dankbarkeit und Hoffnung. Jene Hoffnung, die aus dem herausklingt, was Patriarch Delly 30Tage gegenüber in folgendem, gemeinsam mit Präsident Talabani gegebenen Exklusivinterview vom 10. November berichtet hat.
Herr Präsident, wie Sie sicher wissen, war der Hl. Stuhl gegen den Krieg im Irak. Dies war Ihre erste Begegnung mit Papst Benedikt XVI. Über welche Themen haben Sie sich mit ihm unterhalten? Welche Erwartungen setzt der Hl. Stuhl in den neuen Irak, welche haben Sie?
JALAL TALABANI: Wir haben uns mit dem Papst über den Irak unterhalten. Ich habe ihn über die demokratischen Entwicklungen unterrichtet, die derzeit im Gange sind, über die allgemeine Situation und den Terrorismus. Und ich habe ihn um seinen Segen für das irakische Volk gebeten.
Ich habe dem Papst einige Details der neuen Verfassung dargelegt, mit denen sich das neue Parlament befassen wird.
Ich hoffe, daß der Papst den Christen im Irak helfen wird. Ich habe ihm erklärt, daß unsere christlichen Brüder und Schwestern allzu sehr leiden müssen – durch die Schuld der Terroristen, dann wieder der Extremisten, durch von Saddam Hussein aus dem Gefängnis befreite Banden, die Leute entführen, um Lösegeld zu erpressen. Dann kam es zu einer Verlagerung unserer Christen nach Syrien, obwohl wir sie ermutigt haben, sich im irakischen Kurdistan niederzulassen; es gibt keinen Weg, sie aufzuhalten. Ich habe den Heiligen Vater gebeten, unseren christlichen Brüdern und Schwestern zu helfen, und er hat versprochen, das auch zu tun.
Welche Forderungen – wenn ich das einmal so sagen darf – stellt der Hl. Stuhl an den Präsidenten des neuen Irak?
TALABANI: Das Papst war wirklich mehr als freundlich, hat uns allen seinen Segen erteilt. Er war froh über die Entwicklung unserer Situation und über meine Erklärungen der neuen Verfassung.
Seligkeit, Sie haben gehört, was Präsident Talabani eben gesagt hat. Was können Sie uns über die Unterstützung sagen, die der Hl. Stuhl seit dem Krieg der chaldäischen Kirche zu geben versucht?
EMMANUEL III DELLY: In Wahrheit hat der Hl. Stuhl nie aufgehört, sich für den Frieden im Irak einzusetzen, hat den Krieg nie gewollt. Von Anfang an – bis zum heutigen Tage – hat der Hl. Stuhl verlangt, daß im Irak Friede und Stabilität herrschen, und es gibt nichts, worum wir den Hl. Stuhl gebeten haben, was man uns verweigert hätte. Als ich dem Heiligen Vater sagte, daß der Irak krank sei, meinte er: „Die Medizin ist das Gebet.“ Und dann hat er versprochen, zu beten und alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit im Irak, dem Land Abrahams, Frieden herrsche.
Herr Präsident, die Verfassung hat die Prüfung „Referendum“ bestanden, in Kürze stehen neue Parlamentswahlen ins Haus. Kann man den Irak denn schon als wirklich demokratisches Land bezeichnen?
TALABANI: Das neue Parlament ist ein großer Schritt vorwärts in Richtung eines neuen demokratischen Irak. Ich glaube, daß wir zum ersten Mal eine ausgewogene Repräsentanz der sozialen Komponenten im Irak haben. Dieses Mal wird es – neben den Kandidaten der anderen Listen – fünf Sitze für die Christen geben. Und zum ersten Mal haben wir auch eine Liste der sunnitischen Araber – die sich recht zahlreich aufstellen lassen – so kann man wohl sagen, daß es nach der Erfahrung dieses Jahres neue parlamentarische Repräsentanten geben wird.
Das Parlament und die neue Verfassung stellen natürlich die ersten beiden Schritte in Richtung Demokratisierung dar. Aber das ist nicht genug. Wir müssen Erfahrung sammeln, die Gleichheit aller Iraker erreichen, und wir müssen alles tun, damit die Verfassung durch die Schaffung neuer Föderationen in anderen Teilen des Irak effektiv wird.
Seligkeit, darf ich Sie fragen, wie die chaldäische Kirche die Approbation dieser Verfassung aufgenommen hat? Immerhin fehlt in dem Text jene Freiheitsgarantie, die sich die Christen vom neuen Irak erhofft hatten...
DELLY: Alle Bischöfe des Irak, Katholiken oder auch nicht, haben die Verfassung studiert und darin viele gute Dinge finden können – aber auch das ein oder andere, was uns Sorgen macht. Damit meine ich vor allem Artikel 2, dessen Abschaffung oder zumindest Änderung wir bereits gefordert haben. Das ist auch der Grund, warum wir all jene, die hier etwas tun können, gebeten haben, sich für uns einzusetzen. Wir danken auch dem Vatikan, der alles nur Mögliche getan hat, um auch weiterhin die Freiheit eines jeden Irakers zu gewährleisten, ohne Unterschied; ganz besonders danken wir für die Unterstützung des Botschafters beim Hl. Stuhl, der ein Christ ist... und das auch sein muß, da er so die Praktiken des Vatikan besser kennen kann, die er nicht verstehen würde, wenn er einer nicht-christlichen Religion angehören würde.
Der Vatikan tut also alles für das Wohl unseres Landes. Ich habe Herrn Jalal, den Präsidenten, gefragt: „Wie ist das jetzt mit dieser Verfassung?“, und er hat mir genau das geantwortet: „Seien Sie beruhigt, die Verfassung garantiert die Freiheit der Christen und der Minderheiten im Irak.“
Herr Präsident, auch die internationale Gemeinschaft verlangt von Ihrem Land ein Programm zum Schutz der Minderheiten. Was können Sie uns dazu sagen?
TALABANI: Der Schutz der Minderheiten ist eine Pflicht unserer Nation, hat mit unseren moralischen Prinzipien zu tun, ist nicht wichtig, weil es die internationale Gemeinschaft verlangt, sondern, weil es im Interesse des irakischen Volkes ist. Die Minderheiten sind ein wichtiger Teil des Irak und sie spielen eine wirklich wichtige Rolle – vor allem die Christen – im Bereich der Kultur, des Bildungswesens, im Bereich der Hilfeleistung, die sie unserem Land geben. Die Kirchen haben den Irakern, Muslimen, Yazidi und anderen schon immer geholfen. Und daher ist es auch unsere heilige Pflicht, ihren Schutz zu gewährleisten. Dank unserer Verfassung haben wir nun einige Artikel, die die Religionsfreiheit gewährleisten, die Gleichheit aller Iraker, und wir werden versuchen, das mit allen Mitteln durchzusetzen – vor allem wollen wir unser Land sicherer machen. Wir werden den Rechtsstaat durchsetzen, und somit werden alle Minderheiten respektiert und geschützt werden.

Benedikt XVI. mit dem irakischen Präsidenten Jalal Talabani (10. November 2005).
DELLY: Dazu kann ich nur sagen – und das etwa nicht, weil er hier neben mir sitzt – daß der Präsident mir mehrfach, bei jeder unserer Begegnungen, folgendes zugesagt hat: „Du bist mein Bruder, ich bin bereit, zu tun, was Du willst, was die Christen wollen. Weil alle Iraker meine Kinder sind und ich mich um ein jedes von ihnen kümmern muß. Besonders ihr Christen braucht keine Angst zu haben, ich bin da, um euch zu helfen. Ich bin Dein Bruder, ich werde alles in meiner Macht stehende für die Minderheiten im Irak tun.“ Der Präsident liebt alle, ohne Unterschied, und er hat uns auch zu sich nach Hause zum Essen eingeladen... Auch der apostolische Nuntius im Irak war dabei, und andere Bischöfe, Schwestern und Priester. Ja, der Präsident versteht sich als Vater aller und will allen Gutes tun, ohne Unterschied. Das ist es, was wir über ihn denken.
Herr Präsident, wie werden Sie die Sunniten – nach wie vor die wichtigste Minderheit – in die Regierung des Landes miteinbeziehen?
TALABANI: Ich glaube, daß Sie die arabischen Sunniten meinen. Dann sollte man mal nicht vergessen, daß auch ich Sunnit bin! Wir haben von Anfang an versucht, die arabischen Sunniten an der Regierung teilhaben zu lassen, haben einen Sunniten zum Vizepräsidenten gewählt. Der Parlamentssprecher ist Sunnit, der stellvertretende Ministerpräsident ist Sunnit, sechs Regierungsminister – darunter der Verteidigungsminister und der für die Industrie. Wir haben sie dazu ermutigt, am Referendum über die Approbation der Verfassung teilzunehmen, und sie haben es getan, ihre Ja- oder Nein-Stimmen abgegeben. Jetzt ermutigen wir sie dazu, sich am Wahlprozess zu beteiligen. Wir haben heute zahlreiche Listen von arabischen Sunniten, die ins Parlament wollen, und wenn die Sunniten gewählt werden sollten, haben sie eine größere Möglichkeit, in die Regierung vorzudringen, an die wichtigen Posten, können so an der Leitung des Landes mitwirken, die Politik des Irak mitprägen.
Erlauben Sie mir noch eine Frage, Herr Präsident. Das, was im Irak passieren wird, kann mehr oder weniger den gesamten Nahost-Raum stabilisieren – oder auch nicht. Es gibt noch ungelöste Probleme in der Region, die das Schicksal Ihres Landes direkt beeinflussen, in primis der israelisch-palästinensische Friedensprozess – im Libanon befinden sich noch immer palästinensische Flüchtlinge... Vom Iran ganz zu schweigen.
TALABANI: Vor allen Dingen sind wir zunächst einmal mit dem Wiederaufbau unseres Landes befaßt. Uns interessiert, einen demokratischen und friedliebenden Irak zu schaffen, und dieser – demokratische und föderale – Irak wird den gesamten Nahost-Raum mit seinem Beispiel beeinflussen, und nicht durch die Besatzung anderer Länder. Dieser Irak wird friedliebend sein in seinem Innern und auch seinen Nachbarn gegenüber. Wir werden versuchen, die Gleichheit aller Iraker zu erreichen, Muslime, Schiiten, Sunniten, Kurden, Araber, Turkmenen, Christen. Wir wollen der ganzen Region mit unserem Beispiel vorangehen: beispielsweise dahingehend, wie man die Rechte der Minderheiten respektiert, die der Turkmenen ebenso wie die der Christen – wobei man nicht vergessen darf, daß wir verschiedene Gruppen von Christen haben – oder der Kurden... Ich denke, daß der Irak mit diesem Beispiel durchaus auf Nahost Einfluß haben kann.
Auch auf Israel und Palästina?
TALABANI: Was die Schwierigkeiten zwischen Arabern und Israel angeht, muß angemerkt werden, daß sich der Irak, der – wie Sie ja wissen – Gründungsmitglied der Arabischen Liga ist, verpflichtet hat, die Charta der Arabischen Liga sowie die von der ihr approbierten Beschlüsse und Resolutionen zu achten. Bei der letzten Begegnung der Arabischen Liga in Beirut haben die arabischen Länder den Vorschlag des damaligen Prinzen und jetzigen saudischen Königs, Abdallah, angenommen. Auf der Grundlage dieses Vorschlags verlangen die Araber von Israel, die von den Vereinten Nationen approbierten Resolutionen zu übernehmen. Wenn Israel diese von der UNO approbierten Resolutionen akzeptiert, werden die arabischen Länder, einschließlich dem Irak, bereit sein für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel, und zwar auf diplomatischer, wirtschaftlicher wie auch jeder anderen Ebene. Es liegt also ganz bei den Israelis. Und sie müssen eine Antwort geben. Wenn sie den Vorschlag annehmen wird es, glaube ich, keine Schwierigkeiten oder Kriege zwischen Arabern und Israelis geben.
Und was die in arabische Länder geflüchteten Palästinenser angeht, müssen Sie wissen, daß ich persönlich ihnen große Sympathie entgegenbringe, weil es sich um ein Volk handelt, das viel zuviel gelitten hat. Sie wurden aus ihrem Land deportiert, mußten durch die Schuld der arabischen Länder, und nicht nur Israels, viel Leid ertragen. Ich bin aber trotzdem der Meinung, daß die Frage der in den Libanon geflüchteten Palästinenser eine interne Frage des Libanon ist, die unter Achtung der Unabhängigkeit und der Souveränität dieses Landes, wie auch des Gleichgewichts aller sozialen Komponenten, gelöst werden muß. Wenn sie nämlich eine größere Zahl an Muslims aufnehmen wird dieses Gleichgewicht unweigerlich verändert. Meiner Meinung nach wird man die Frage in Zukunft nach und nach lösen können, wenn der Disput zwischen Arabern und Israelis erst einmal beigelegt ist.
Seligkeit, welche Botschaft möchten Sie – nach diesem Besuch des Präsidenten im Vatikan und angesichts der harten heutigen Realität Ihres Landes – an die chaldäischen Gläubigen auch in der Diaspora richten?
DELLY: Das einzige, was man tun kann, ist stets mit der Regierung zusammenzuarbeiten: so lautet die Politik des chaldäischen Patriarchats. Unsere Autoritäten respektieren, wie uns schon Paulus sagte, den zivilen Regierenden gehorchen, die des nachts wachen, wenn wir schlafen. Der Regierung, die sich um alle kümmert, müssen wir mit unserer Treue Dank sagen. Und ich glaube, daß all unsere Christen, wie der verehrte Herr Präsident weiß, loyal sind, weil sie sich geliebt fühlen. Der Präsident hat sie mehrfach aufgefordert, in den Norden des Irak zu gehen, aber die Leute können ihr zuhause nicht verlassen, alles verkaufen und wegziehen – der Irak ist unsere Heimat, genauso, wie er die Heimat unserer muslimischen Brüder ist. Wir sind seit Tausenden von Jahren da und – als Christen – schon seit Beginn des Christentums. Daher müssen wir mit der rechten und rechtmäßigen Regierung zusammenarbeiten, müssen ihr stets treu sein, besonders dem Präsidenten, der uns liebt und den auch wir lieben.