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BEILAGE
Aus Nr. 07/08 - 2005

Luigi Giussani über die Begegnung Jesu mit den ersten beiden Jüngern

„Andreas und Johannes zeigen uns, was wir tun müssen“



zur Begegnung Jesu mit den ersten beiden Jüngern


Auf diesen Seiten, Freskendetails aus der Cappella degli Scrovegni, Giotto, Padua.

Auf diesen Seiten, Freskendetails aus der Cappella degli Scrovegni, Giotto, Padua.

Einleitung

Ich war im Irrtum, als ich glaubte, daß der Glaube, durch den wir an Gott glauben, keine Gabe Gottes wäre, sondern aus uns zu uns käme [...]. Ich habe nämlich nicht geglaubt, daß dem Glauben die Gnade Gottes vorausginge [...]. Gewiß habe ich geglaubt, daß wir nicht glauben könnten, wenn da nicht zuerst die Verkündigung der Wahrheit wäre, aber wenn uns das Evangelium erst einmal verkündet worden war, dann wäre es – wie ich glaubte – unser Werk, dem zuzustimmen, und daß wir das von uns selber hätten. Dieser Irrtum findet sich in vielen Büchern, die ich geschrieben habe, bevor ich Bischof wurde“ (Augustinus, De praedestinatione sanctorum 3,7).
In De praedestinatione sanctorum, dem Werk, das Augustinus in den letzten Jahren seines Lebens schrieb, gesteht er diesen Irrtum seinerseits mit Demut ein – und nicht zuletzt deswegen empfinden wir Augustinus auch als so modern und überzeugend –, der sich in vielen, vor seiner Bischofsweihe – also dreißig Jahre zuvor (395 oder 396) – verfaßten Büchern findet.
Der Irrtum des Augustinus scheint – wenn auch uneingestanden – die Szene der letzten Jahrzehnte des argumentierenderen und auffälligen Katholizismus zu beherrschen.
Bei Don Giussani dagegen wird uns die Einheit von Wort, Blick, Anziehungskraft der Gnade stets neu vorgeschlagen, beschrieben, vor Augen geführt, ausgehend von dem Kommentar, den er über diese Begegnung Jesu mit den ersten beiden Jüngern abgibt, Johannes und Andreas, die sich in folgendem Satz zusammenfassen läßt: „Sie sahen ihn reden.“ Oder um es mit den Worten zu sagen, die der damalige Kardinal Ratzinger beim Trauergottesdienst für Luigi Giussani ausgesprochen hat: „Don Giussani hat den Blick seines Lebens und seines Herzens immer auf Christus gerichtet. Er ist auf diese Weise zu der Erkenntnis gekommen, daß das Christentum kein intellektuelles System, kein Bündel von Dogmen, kein Moralismus ist, sondern eine Begegnung, eine ‚Liebesgeschichte‘, ein Ereignis“ (vgl. L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 10/2005).
Zu bekräftigen, daß der Glaube einem Staunen entspringt wie dem des Johannes und des Andreas – so könnte man vielleicht das Wort suavitas übersetzen, das das Erste Vatikanische Ökumenische Konzil in der dogmatischen Konstitution über den Glauben gebraucht (wo bezeichnenderweise jenes Zweite antipelagianische Konzil von Orange zitiert wird, an das Don Giussani so gern erinnerte) – bedeutet nicht, daß man nicht bedacht darauf wäre, in welcher Weise die christlichen Wahrheiten dargelegt werden. Es bedeutet, daß man die demütige Treue zur Lehre überwiegen läßt („Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn“, 2Joh 9) sowie das Gebet zu Dem in jedem Moment, der allein den Geist und das Herz des Menschen anrühren und anziehen kann.
Und schließlich finden wir auch im jüngst erschienenen Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche einen kleinen Satz, der mit Selbstverständlichkeit dieses Voraus-Gehen, Zuvor-Kommen der Gnade zum Ausdruck bringt und – wie ein Lichtstrahl, der die Fenster einer Kathedrale erhellt – alle darin enthaltenen Wahrheiten erleuchtet: „Das Gebet ist immer eine Gabe Gottes, der kommt, um dem Menschen zu begegnen“ (Nr. 534).


Einleitung zusammengestellt von Lorenzo Cappelletti

ER LIESS SICH TAUFEN,
WIE JEDER ANDERE AUCH

Was hat sich zuvor ereignet? Zuvor hat sich ereignet, daß Jesus in Betlehem geboren wurde, als ein Kind, und die Hirten haben sich versammelt. Dann ist er in seinem Zuhause großgeworden. Und dann, später, ließ er sich taufen, wie jeder andere auch. Und Johannes und Andreas, nachdem Jesus auf den Hinweis von Johannes dem Täufer, der gesagt hatte: „Seht, das Lamm Gottes“, die Menge hinter sich gelassen hatte, schickten sich an, diesem Individuum zu folgen. Und haben eine Beziehung zu diesem Individuum hergestellte, waren da, um ihm zuzuhören. Ich sage immer: „Sie haben ihn reden sehen!“1.

1 L’attrattiva Gesù, Bur, Mailand 1999, op. cit. S. 27.

DIESES DU ERFÜLLTE IHR ANTLITZ UND IHR HERZ

Und Andreas und Johannes – wie das erste Kapitel des Johannes berichtet –, die Christus fast wie eingeschüchtert folgten, haben, als er sich umdrehte und sie fragte: „Was wollt ihr?“ nicht einfach Du gesagt, sondern ihn gefragt: „Meister, wo wohnst Du?“. Es war eine Art, Du zu sagen. Und als sie wieder zu Hause waren und sagten; „Wir haben den Messias gefunden,“ war es dieses Du, das ihr Antlitz und ihr Herz erfüllte.2

2 Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 5, Mai 1991 von Litterae Communionis - CL, S. 25.



VOR IHREN AUGEN

Für Andreas und Johannes war das Christentum, oder besser, die Erfüllung des Gesetzes, das Sich-Erfüllen der alten Verheißung, in Erwartung derselben das gute Volk der Juden lebte [...], die sich das Volk der Juden erwartete, Derjenige, der kommen mußte, ein Mann, den sie vor Augen hatten: er ist ihnen unter die Augen getreten.
[...] Er war ein Mann, den sie vor Augen hatten [...]. Er war eine Sache, die passierte.
[...] Nicht, daß Johannes und Andreas gesagt hätten: „Es ist ein Ereignis, das uns da passiert ist.“ Offensichtlicherweise war es nicht nötig, es mit einer Definition klarzustellen, ja, mit einer Definition, das, was ihnen da passierte: was ihnen da passierte!3

3 L’avvenimento di Cristo e la sua permanenza nella storia, in Litterae Communionis - Tracce, Nr. 9, Oktober 1994, S. III.


SIE SAHEN IHN REDEN

Wie leicht können wir uns in diese beiden hineinversetzen, wie sie da sitzen und diesen Mann reden sehen; Dinge sagen, die sie nie gehört haben, und die doch so nah, so greifbar sind, so widerhallend.
Es waren die Worte, mit denen die große biblische Verheißung im Herzen eines jeden Juden deutlich wurde, von Generation zu Generation in ihrem Blut weitergegeben; die Worte, die dieser Mann benutzte, hatten Anteil an dieser Verheißung, aber sie verstanden nicht, waren ganz einfach wie gelähmt, unrettbar in seinen Bann gezogen von diesem Reden: Sie sahen ihn reden.4

4 Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 7, Juli 1994 von Litterae Communionis - Tracce, S. 24.

EINE GRÖSSERE
ENTSPRECHUNG

Wenn es ein Film wäre, würde man in der 1. Szene sehen, wie Johannes und Andreas Christus bei sich zuhause reden sehen.
Ein Zusammenprall: das Zusammenprallen mit einer Realität, von der sie spüren, daß sie entspricht, wie nie zuvor etwas entsprochen hat [...].
Je mehr ihn Andreas und Johannes ansahen, umso mehr Zugang hatten sie zu dem, was in Christus bereits im Gange war, Kenntnis der Wahrheit nämlich, Kenntnis der Gerechtigkeit, Kenntnis der Freude und des Glücks, „daß meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen sei“. Eine größere Entsprechung.5

5L’attrattiva Gesù, op. cit., SS. 44-45.

SO WURDE DIE ERSTE GEWISSHEIT ÜBER CHRISTUS GEBOREN

Das, was ihnen dieser Mann gesagt hatte, entsprach ihrem Herzen, der Erwartung ihres Herzens, so intensiv, in so offensichtlicher, unmittelbarer Weise, daß es war, als würden sie sagen: „Wenn wir nicht an diesen Mann glauben, dürfen wir auch unseren Augen nicht mehr trauen.“ So wurde die erste öffentliche Gewissheit geboren, konnte in der Geschichte der Welt entspringen, abgesehen von der Seiner Mutter und Seines Vaters: die erste Gewissheit über Christus [...].
Stellen wir uns folgendes vor: sie sind wieder zuhause und haben allen ihren Brüdern, Bekannten und den Leuten, die an ihrem kleinen Fischereiunternehmen beteiligt sind, gesagt: „Wir haben den Messias gefunden.“6

6 La comunione come strada, in Litterae Communionis - Tracce, Nr. 7, Juli/August 1994, S. III.

DAS GEDÄCHTNIS BEGINNT

Johannes und Andreas haben begonnen, diesem Mann zu folgen, und dieser Mann hat sich umgedreht, hat sie gefragt, und sie sind zu ihm nach Hause gegangen ... lauschten ihm - sie waren nicht unaufmerksam -, aber sie lauschten ihm, indem sie ihn ansahen.
Das ist das Gedächtnis. Damals hat das Gedächtnis begonnen, das von diesen beiden bis zu uns gelangt ist.7


v v v

Wenn man bedenkt: diese beiden haben uns aufgerüttelt! Von diesen beiden ausgehend, die Ihn reden sahen, die Ihn reden sahen voller Einfachheit, Demut, Herzensreinheit, sind wir aufgerüttelt worden: diese beiden haben unsere Leben aufgerüttelt und tun das immer noch!8

7Affezione e dimora, Bur, Mailand 2001, S. 215.
8Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 7, Juli/August 1994 von Litterae Communionis - Tracce, S. 24.


EINE SOFORTIGE VERTRAUTHEIT

Wie haben es diese beiden, die ersten beiden, Johannes und Andreas – Andreas war mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet und hatte Kinder – aber angestellt, sofort erobert zu werden und ihn zu erkennen (es gibt kein anderes Wort dafür, nur dieses ihn erkennen)?
Ich würde sagen, wenn sich dieses Faktum ereignet hat, diesen Mann zu erkennen, wer dieser Mann war, nicht, wer er nun wirklich und genau war, sondern zu erkennen, daß dieser Mann etwas Außergewöhnliches war, nicht gewöhnlich – er war absolut nicht gewöhnlich –, sich einer jeden Analyse entzog, dann war es einfach, ihn zu erkennen.9



Dieses Heim war ein anderes Heim, und dieser Mann benahm sich anderes, er dachte – das sah man ihm an den Augen an – anders, und wenn er seine Gedanken dann in Worte kleidete, sprach er anders: es war eine andere Sache.
Und es stellte sich sofort eine Vertrautheit mit Ihm ein; er war es, der sofort Vertrautheit schuf mit allen, denen er begegnete. Und mit Würde, Sanftmut sagte er Dinge, die das Leben jener betrafen, die Ihm lauschten, die Menschen, die ihm begegneten. Wie in jenem Fall: er hat ihr Leben verändert!10

9Il tempo e il tempio, Bur, Mailand 1993, SS. 46-47.
10 Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 6, Juni 1995 von Litterae Communionis - Tracce, S. 13.



SIE SIND EINS
SO ERFÜLLT SIND SIE
VON DER GLEICHEN SACHE

Und als sie zurückkehrten, am Abend, als sich der Tage dem Ende neigte – den Rückweg hatten sie wohl schweigend zurückgelegt, weil sie einander niemals zuvor in jenem großen Schweigen, in dem ein Anderer sprach, soviel gesagt hatten, in dem Er weitersprach und in ihnen wiederhallte.11



Stellt euch nur diese beiden vor, die einige Stunden zuhören und dann nach Hause gehen müssen. Er entlässt sie und sie gehen schweigend nach Hause. Schweigend, weil sie von dem Eindruck übermannt sind, den das gehörte, erahnte, gehörte Geheimnis bei ihnen hinterlassen hat. Und dann trennen sie sich. Jeder geht zu sich nach Hause. Sie verabschieden sich nicht voneinander, nicht, weil sie das nie getan hätten, sondern, weil sie sich auf eine andere Weise verabschieden, sich verabschieden, ohne sich zu verabschieden, weil sie erfüllt sind von der gleichen Sache; sie beide sind eins, so erfüllt sind sie von der gleichen Sache.12

11 Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 7, Juli/August 1994 von Litterae Communionis - Tracce, S. 25.
12 Il tempo e il tempio, op. cit., S. 48.


ER WAR NOCH DERSELBE, ABER ER WAR ANDERS

Sie hat ihn gefragt: „Was ist passiert?“, er hat sie umarmt. Andreas hat seine Frau umarmt und seine Kinder geküsst: er war noch derselbe, aber er war anders, noch nie hatte er sie so umarmt! Es war wie die Morgenröte oder die Dämmerung einer anderen Menschheit, einer neuen Menschheit, einer wahreren Menschheit. So als sage sie: „Endlich!“, ohne den eigenen Augen zu trauen. Aber es war zu offensichtlich, um ihren Augen nicht trauen zu können!15




Ihr Mann war zu etwas anderem geworden: nicht etwas Gedachtes, Vorgestelltes, sondern Reales, weil sie noch nie so von ihrem Mann umarmt worden war. Sie hat es gleich gemerkt: zuerst einmal, weil sie noch nie von ihrem Mann so angesehen worden war, dann, weil sie noch nie von ihrem Mann so umarmt worden war.
Und dann konnte sie ja auch am nächsten Tag sehen, wie er mit seinen Freunden umging, wie er mit den Kindern sprach: es war etwas geschehen, das das konkrete, fleischliche, zeitliche Gesicht ihres Lebens zu verwandeln begann.16

15 Exerzitien der Bruderschaft Comunione e liberazione, Beilage zu Nr. 7, Juli/August 1994 von Litterae Communionis - Tracce, S. 25.
16 L’avvenimento di Cristo e la sua permanenza nella storia, op. cit., S. III.


DIESE EMBRYONALE
VORSTELLUNG DAVON, WAS ER IST, GENÜGT,
DICH DARUM BITTEN
ZU LASSEN

Deine Beziehung zu Christus muß nicht entwickelt, reif sein, damit deine Persönlichkeit daraus geboren werden kann und deine Persönlichkeit daraus Gesellschaft zu schaffen versteht. Es genügt sozusagen die Überraschung, die Johannes und Andreas erlebten, die nichts verstanden; es genügt die Überraschung, es genügt die Spur von Verehrung, es genügt das Staunen; diese embryonale Vorstellung davon, was Er ist, genügt, um es dich erbitten zu lassen, und daher bittest du darum.18

18 L’attrattiva Gesù, op. cit., S. 23.





Luigi Giussani über die Begegnung Jesu
mit den ersten beiden Jüngern


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