Ein Schatz von Worten, den die Gnade wieder erblühen läßt
Interview mit Kardinal Christoph Schönborn über das Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche
Interview mit Kardinal Christoph Schönborn von Gianni Valente

Kardinal Christoph Schönborn.
Nachdem Sie jahrelang an der Abfassung des Katechismus gearbeitet haben, werden Sie jetzt, nach Erscheinen des Kompendiums, sicher das Gefühl haben, am Ende eines langen, beschwerlichen Weges angekommen zu sein...
CHRISTOPH SCHÖNBORN: Es ist das Ergebnis einer langen Arbeit, die mit der außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode des Jahres 1985 eingeleitet wurde. Die Synodenväter hatten sich damals beim Papst für die Abfassung eines Katechismus eingesetzt, der die Inhalte des katholischen Glaubens zusammenfassen sollte. 1987 holte man mich in das von Kardinal Ratzinger (der heute unser Papst ist) geleitete Vorbereitungskomitee. Somit hatte ich Gelegenheit, lange Zeit Seite an Seite mit ihm zu arbeiten. Dann wünschten die Teilnehmer des internationalen Katechetischen Kongresses, dass auf der Grundlage des Katechismus eine leichter handhabbare Zusammenstellung der selben Glaubensinhalte erarbeitet würde. So entstand das Kompendium, das – wie Benedikt XVI. erklärte – „eine getreue und sichere Zusammenfassung des Katechismus der Katholischen Kirche“ ist und „in knapper Form alle wesentlichen und grundlegenden Elemente des Glaubens der Kirche enthält“.
Wie beurteilen Sie das Ende Juni veröffentlichte Kompendium?
SCHÖNBORN: Eine klare Darlegung des Glaubens ist stets eine gute Sache; wir brauchen das immer. Wie alles, was Menschen geschaffen haben, wird es nicht absolut perfekt sein. Es ist aber mit Sicherheit ein Werk der Kirche, und kann dem Leben der Gläubigen Trost und Hilfe sein. Schon allein die Art und Weise, wie das Kompendium vorgestellt wurde, war überaus eindrucksvoll.
Inwiefern?
SCHÖNBORN: Es war mir ein großer Trost, dass die Feier in der Sala Clementina nicht nur die Vorstellung eines Buches, eine rein profane Feier, war. Das Kompendium wurde der Kirche bei der Feier der hora sexta des Stundengebets überreicht. Unter Vorsitz des Papstes. So wurde in beredter Weise dargetan, dass die Glaubensgeheimnisse in der Liturgie und im Gebet gegenwärtig werden, betrachtet und weitergegeben werden können. Katechese und Liturgie sind untrennbar miteinander verbunden. Und dann feierte die Liturgie der Kirche auch gerade an diesem Tag den heiligen Irenäus.
Ein Heiliger, der Ihnen besonders am Herzen liegt.
SCHÖNBORN: Auch er hat – als er sein umfassendes Werk gegen die Häretiker zusammenfasste – eine Art Kompendium geschrieben, die Demonstratio der Predigt der Apostel. Er schickte es seinem Freund Marcianus und stellte es auch wirklich als eine Art Kompendium vor: „Eine Reihe von Anmerkungen zu grundlegenden Punkten, sodaß du auf wenigen Seiten viel Inhalt finden wirst, weil die grundlegenden Linien des Gebäudes der Wahrheit kurz zusammengefasst sind“. Und schließlich wird an seinem Festtag bei der Messe eine Passage der Genesis verlesen, zu der gerade Irenäus eine wirklich beeindruckende Interpretation abgegeben hat...
Welche?
SCHÖNBORN: Die Erzählung von Lot und seiner Familie, die der mitleidige Herr aus Sodom fliehen ließ, bevor die Stadt zerstört wurde, und die sich auf der Flucht nicht umsehen sollten. Die Frau Lots blickte aber unglücklicherweise doch zurück und wurde zu einer Salzsäule. Wegen der typisch weiblichen Neugier, wie zynische Kommentatoren meinen...
Und was sagt Irenäus dazu?
SCHÖNBORN: Der Bischof und Märtyrer aus Lyon sieht in dieser Episode hingegen eine Gestalt der Kirche, die wie die Frau Lots eine Mutter ist, die erst dann Ruhe findet, wenn sie sich davon überzeugen konnte, dass all ihre Kinder in Sicherheit sind. Daher hält sie inne, blickt sich um, zögert nicht, ihr Leben hinzugeben. Jede Geste der Kirche, auch der Katechismus, entspringt einer solchen Barmherzigkeit, die der Widerschein der Barmherzigkeit der Jungfrau Maria in der Kirche ist, weshalb man auch von beiden sagen kann, dass sie causa nostrae salutis sind...
Und doch haben gerade Sie des öfteren von einer vorgefaßten Feindseligkeit schon gegenüber dem Gedanken an einen Katechismus gesprochen.
SCHÖNBORN: Für mich als Bischof ist es sehr bitter zu sehen, wie wenig dieses im Katechismus enthaltene Zeugnis apostolischen Glaubens in unseren Diözesen aufgenommen wird. Ich gestehe, dass ich den heiligen Irenäus angerufen habe. Er war der erste, der Zeugnis dafür ablegte, dass die Kirche auch auf deutschem Boden erblühen konnte und dass die Brüder auch dort im Glauben mit der Kirche von Rom übereinstimmten. Mit jener Kirche, die den apostolischen Glauben – gerade durch das Privileg, auf die Apostel gegründet zu sein – niemals verloren hat.
Vielleicht wird diese vorgefasste Feindseligkeit noch durch jene verstärkt, die das Kompendium als Inbegriff des katholischen Hochmuts präsentieren möchten…
SCHÖNBORN: Wo der Katechismus doch eher mit dem Bild eines Kindes zu tun hat, das von der Mutter sprechen lernt. Es lernt die Wörter, und die Wörter sind die Namen der Dinge, die es entdeckt, und alles ist eine einzige Überraschung, etwas Neues. So lernen Kinder die Wörter, die ihnen das ganze Leben lang hilfreich sein werden. Étienne Gilson hat einmal gesagt, er habe alles, was er für sein Leben des Glaubens brauchte, in seinem Katechismus gefunden. Als junger Priester habe ich einmal etwas erlebt, das mich nachhaltig geprägt hat...

Auf diesen Seiten, Abbildungen aus dem Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche; rechts, die Titelseite des Kompendiums; oben, Die Anbetung der Weisen, Gentile da Fabriano, Uffizien-Galerie, Florenz.
SCHÖNBORN: Es gab da einen verheirateten Mann, der ein ausschweifendes Leben führte, andere Frauen hatte. Als seine Frau plötzlich starb, plagten ihn die schlimmsten Gewissensbisse, weil er sie vernachlässigt hatte. Er kam jeden Tag zur Messe, schon morgens um sieben. Ich war überrascht zu sehen, dass er, der seit langen Jahren die christliche Lebenspraxis verlassen hatte, sich noch an die Formeln des Katechismus erinnern konnte. Die Sätze des Katechismus, die er als Kind gelernt hatte, kamen ihm wie selbstverständlich über die Lippen, einer nach dem anderen. Im Schiffbruch seines Lebens erwuchsen diese Formeln aus seinem Gedächtnis wie Rettungsflösse, an denen man sich festhalten konnte: die einzigen Heilsversprechen. Das hat mir gezeigt, wie hilfreich es sein kann, sich in der Erinnerung wenigstens einen Schatz an Worten bewahrt zu haben. Worte, die man selbst vielleicht als Kind gelernt hat, ohne sie wirklich zu verstehen, die aber in jenem wichtigen Moment da, verfügbar waren.
Sie haben Gilson zitiert. Auch Charles Péguy sagte, daß sein ganzer Glaube im Katechismus der Diözese Orléans lag, „dem Katechismus der Geburtspfarrei, dem der kleinen Kinder.“
SCHÖNBORN: Der Katechismus darf niemals zum Vorwand für Anmaßung und Hochmut werden, zeigt er uns doch, dass wir im christlichen Leben stets Anfänger, Kinder sind. Dem Katechismus gegenüber bleiben das Kind und der Lehrer immer auf gleichem Niveau, weil wir alle den Glaubensgeheimnissen gegenüber stets Kinder sind. Das Kind, dem Augustinus am Strand von Civitavecchia begegnete und das ihm zu verstehen gab, dass er auch mit dem größten theologischen Bemühen niemals die Tiefe des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ausschöpfen könne, ist für mich wie eine Ikone des Katechismus.
Die Medien haben sich vor allem auf die Fragen der Sittlichkeit und der öffentlichen Ethik konzentriert. So als wäre das Kompendium ein Handbuch für Anleitungen und moralische Verbote. Kardinal Honoré, Mitglied des Vorbereitungskomitees, hat hierzu einmal geschrieben, dass man in diesem Bereich sehr energisch einen Ansatz korrigiert habe, der in den ersten Entwürfen pelagianisch erscheinen konnte...
SCHÖNBORN: Das Kompendium greift den Katechismus natürlich auch hierin wieder auf. Unter Nr. 417 wird beispielsweise klargestellt, dass „auf Grund der Sünde das natürliche Sittengesetz nicht immer und nicht von allen mit gleicher Klarheit und Unmittelbarkeit erkannt“ wird. Und in Nr. 419 wird angefügt, dass das alte Gesetz, wenngleich heilig, geistlich und gut, „dennoch unvollkommen“ ist, „denn es gibt nicht von sich aus die Kraft und die Gnade des Geistes zu seiner Erfüllung“. Die Ursünde lässt bei den Einzelnen oft auch das rechte Empfinden dafür abstumpfen, wenn man gegen die Gebote des Naturgesetzes verstößt. Wie schon Kardinal Ratzinger im Heiligen Jahr gesagt hat, als er das Dokument über die Schuld der Kirche vorstellte, erlaubt nur die Vergebung, das Faktum der Vergebung, das ehrliche Eingestehen der Sünde.
Woher rühren Ihrer Meinung nach die Vorbehalte gegen das Instrument des Katechismus, die sich auch unter jenen finden, die sich sozusagen „von Berufs wegen“ mit diesen Dingen befassen?
SCHÖNBORN: Auf der einen Seite hat die Bibelbewegung bereits Ende der Fünfzigerjahre begonnen, auch auf die Praxis der Katechese Einfluß zu nehmen und zwar mit der – an sich nachvollziehbaren – Einladung, auch in der Katechese die Bezüge auf den Reichtum der biblischen Geschichte wiederaufzugreifen und so den bisweilen trockenen und abstrakten Charakter der bis dahin benutzten Formeln zu überwinden. Auf der anderen Seite gab es da aber auch das Vorurteil, dass man die Wahrheit nicht in Sätze kleiden kann, in Sentenzen, die sie definieren. Und das ist ein Irrtum, weil niemals der Anspruch erhoben wird, dass der Lehrsatz die von ihm aufgezeigte Wahrheit beinhalten und erschöpfen könnte. Schon Léon Bloy betonte die Kraft und doch gleichzeitig auch die Unzulänglichkeit der dogmatischen Formulierungen. Und der hl. Thomas stellte klar, daß „Fides non terminatur ad enuntiabile, sed ad rem“ [Der Glaube hat als Ziel nicht die Worte, sondern die Sache]. Und dann muss man auch zugeben, dass manchmal selbst die Worte Jesu einen sozusagen didaktischen Zug aufweisen. Jesus, der wahre Lehrer, hat auch die Weisheit des Erziehers. Viele seiner Aussprüche sind Sentenzen, die sich leicht ins Gedächtnis einprägen.
Apropos Didaktik: viele halten die vom neuen Kompendium wiederaufgegriffene Frage-Antwort-Methode für überholt.
SCHÖNBORN: Im Buchladen eines Flughafens bin ich einmal – zwischen einem Buch über den Dalai Lama und einem über Esoterik – auf eine Art Hindu-Katechismus in Frage-Antwort-Form gestoßen. Er hieß Daddy, am I a hindu? Der Sohn stellte darin die Fragen, der Vater gab die Antworten...
Was wollen Sie damit sagen?

Bedeutet das, dass die Wahrheiten des christlichen Glaubens genauso weitergegeben werden wie die jeder anderen Lehre oder Ideologie auch?
SCHÖNBORN: Die Originalität liegt nicht in der gewählten Form, sondern in dem, den Augustinus den „inneren Lehrer“ nennt, Christus selbst, den Sohn Gottes. Jedes Mal, wenn wir im Leben des Glaubens am Anfang und bei einem jeden neuen Schritt – jenen faszinierenden Moment erleben, in dem wir die geheimnisvolle Entsprechung zwischen einer Wirklichkeit, einer Wahrheit des Glaubens und unserem Herzen wahrnehmen – und das sieht man auch an den strahlenden Augen – dann ist das das Werk Christi.
In De praedestinatione sanctorum erkennt Augustinus, dass es für das initium fidei nicht genügt, dass die Wahrheit verkündet wird. Wäre der Glaube nämlich eine reine Zustimmung zur verkündeten Wahrheit, dann wäre er – wie er sagt – ein allein von uns bewerkstelligtes Werk...
SCHÖNBORN: Das ist das Wichtigste für den Katecheten, und auch für den Prediger, der zwar weiß, dass er die Wahrheit mit allergrößter Klarheit darlegen muss, dem aber auch klar ist, dass nicht er es ist, der das Werk ihrer Annahme vollbringt. In der Apostelgeschichte ist es stets der Heilige Geist, der dem Wort das Tor auftut. Wenn Er es nicht auftut, kann die verkündete Wahrheit nicht eintreten. (Übersetzung des italienischen
Originals: 30Tage)