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ORTHODOXE
Aus Nr. 07/08 - 2005

Wo die Eucharistie ist, ist die katholische Kirche


„Die Katholiken müssen den vom II. Vatikanischen Konzil betonten Begriff der vollen Katholizität der Ortskirche ernst nehmen und auf ihre Ekklesiologie anwenden.“ Ioannis Zizioulas, Metropolit von Pergamon, bringt die Debatte zwischen Katholiken und Orthodoxen in Sachen Primat auf den Punkt. Interview.


Interview mit dem Metropolit von Pergamon Ioannis Zizioulas von Gianni Valente


Auf diesen Seiten, die Mosaike der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts im Kloster Hosios Loukas, Daphni, Griechenland; 
hier oben, die Fußwaschung.

Auf diesen Seiten, die Mosaike der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts im Kloster Hosios Loukas, Daphni, Griechenland; hier oben, die Fußwaschung.

Wenn es in der Kirche des Ostens einen Sohn gibt, der in den vergangenen Jahren gezeigt hat, daß er die heikle Frage des Primats, in der Katholiken und Orthodoxe noch immer geteilt sind, mit objektiven Augen sieht, dann ist das Ioannis Zizioulas, Metropolit von Pergamon, Mitglied des Synods des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel. Er war es auch, der die Delegation aus Konstantinopel leitete, die nach Rom gekommen war, um dem neuen Bischof der Ewigen Stadt zum Hochfest Peter und Paul Ehre zu erweisen. Zizioulas, der als einer der namhaftesten Theologie-Experten unter den Orthodoxen gilt, wird für die orthodoxe Seite als Co-Präsident der internationalen Kommission des Dialogs zwischen katholischer und orthodoxer Kirche fungieren. Einer Kommission, die nun – nachdem sie jahrelang ins Stocken geraten schien – im kommenden Herbst wieder einberufen werden soll, um sich mit der Frage des Primats zu befassen. Vor diesem Hintergrund dürfte es wohl nicht weiter erstaunlich sein, daß die in den letzten Jahren von diesem höflichen, zurückhaltenden Metropoliten angestellten historischen Analysen und Reflexionen – dieselben, die er in diesem Interview mit 30Tage darlegt – einen mehr als zuverlässigen Bezugspunkt darstellen.

Eminenz, das Problem des Primats steht zweifelsohne im Mittelpunkt der Beziehungen zwischen römisch-katholischen und orthodoxen Gläubigen. Die orthodoxe Theologie ist in dieser Frage nicht monolithisch. Können Sie einige grundlegende Kriterien beschreiben, in denen die Meinungen der orthodoxen Theologen auseinandergehen?
IOANNIS ZIZIOULAS: Es gibt einige orthodoxe Theologen (in der Vergangenheit waren sie in der Mehrheit), die den Primat, jede Art von Primat, an die Organisation der Kirche binden und sagen, daß der Anspruch des Papstes hinsichtlich seines Primats jedes dogmatischen Inhalts entbehre, weshalb er auch relativiert werden könne. Für sie hat der Primat mit dem kanonischen Recht zu tun, betrifft nicht den Glauben. Sie sehen keine Verbindung zwischen dem Primat und dem Wesen der Kirche. Für sie gehört das Primatamt zum bene esse und nicht zum esse der Kirche.
Und die andere Gruppe?
ZIZIOULAS: Einige orthodoxe Theologen sind der Meinung, daß der Primat in der Kirche zum esse der Kirche gehört und nicht nur ein einfaches Faktum kanonischer Art ist. Sie sind sich dessen bewußt, daß ein Verzicht auf den Primat unweigerlich bedeutet, daß man etwas Wesentliches unseres Glaubens einbüßt. Das zeigt, daß das Thema des Primats nicht nur ein Problem ist im Bezug auf den Anspruch des Bischofs von Rom, sondern auch im Innern der orthodoxen Kirche selbst.
Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie die erste Gruppe argumentiert?
ZIZIOULAS: Einer der bedeutendsten orthodoxen Theologen, der verstorbene Professor Ioannis Karmiris, hat geschrieben: „Aufgrund der politischen Bedeutung Roms und der Apostolizität dieser Kirche, wie auch wegen des Martyriums, das die Apostel Petrus und Paulus hier erlitten haben, aufgrund ihrer herausragenden Werke der Nächstenliebe, des Dienstes und der Mission, wurde dem Bischof von Rom von den Konzilien, den Vätern und den frommen Kaisern – von Instanzen menschlicher und nicht göttlicher Ordnung also – ein einfacher Ehren- und Rangprimat verliehen, als Erstem unter ebenbürtigen Präsidenten der Teilkirchen.“ Nach dieser Sichtweise ist die derzeitige Primatstruktur, Primat des römischen Sitzes eingeschlossen, lediglich auf menschliche, vergängliche Faktoren zurückzuführen. Das heißt, daß die Kirche zwar ohne den Primat, nicht aber ohne die Bischöfe oder die Synoden existieren könnte, die ja schließlich Realitäten göttlichen Rechts sind und das esse der Kirche darstellen.
Die orthodoxen Theologen sprechen oft von „Ehren- und Rangprimat“. Was bedeutet das?
ZIZIOULAS: Wenn man von „Ehrenprimat“ spricht, will man das Recht des Primatsinhabers der Jurisdiktion über die anderen Bischöfe ausschließen. Es handelt sich allerdings um eine recht zweideutige Formulierung. Einen „einfachen Ehrenprimat“ gibt es nämlich nicht einmal in der orthodoxen Kirche.
Warum?
ZIZIOULAS: In der orthodoxen Kirche kann beispielsweise in Abwesenheit des Patriarchen oder während einer Sedisvakanz keine Bischofswahl erfolgen und auch keine kanonische Maßnahme ergriffen werden. Kann man also den Primat des Patriarchen einfach nur als Ehre beschreiben?
Hat diese Formulierung andere Bedeutungen?
ZIZIOULAS: Der Ausdruck „einfacher Ehrenprimat“ wird gebraucht, um den Umstand zu unterstreichen, daß alle Bischöfe, vom Papst bis zu den Patriarchen, bis hin zum letzten Bischof, vom Blickpunkt des Priesteramtes her (hieratikós) gleich sind.
Das ist jedoch sowohl für die Orthodoxen als auch für die römisch-katholischen Gläubigen ein traditionelles Prinzip...
ZIZIOULAS: Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: die römisch-katholischen Gläubigen beziehen diese Gleichheit nur auf die Ebene der sakramentalen Gnade, was nicht automatisch die Ausübung der Jurisdiktion (die missio canonica) mit sich bringt – die Orthodoxen dagegen treffen keine derartige Unterscheidung.
Halten Sie diese Ideen für korrekt?
ZIZIOULAS: Diese Positionen scheinen gewissen, in der orthodoxen Tradition vorhandenen Fakten, Fakten des Glaubens, nicht Rechnung zu tragen: dem einfachen und offensichtlichen Faktum, daß es ohne Primat keine Synodalität geben kann. In der orthodoxen Tradition hat es niemals einen Synod oder ein Konzil ohne einen protos, also einen primus gegeben – und das wird es auch nie geben. Und schließlich muß, wenn die Synodalität göttlichen Rechts ist, das mit derselben Berechtigung auch der Primat sein.
Hat schon ein orthodoxer Theologe versucht, diesen Widerspruch aufzulösen?
ZIZIOULAS: Alivisatos zum Beispiel ist der Meinung, daß es keines fixen protos bedarf; der Primat kann turnusmäßig ausgeübt werden. Ich halte das für wenig überzeugend: der Primat in der Kirche wurde nie turnusmäßig ausgeübt. Er ist an ein besonderes Amt, einen besonderen Dienst und eine besondere Person gebunden. Und wenn wir die Anwendung des Turnus gleichermaßen auch auf das Innere einer jeden autokefalen Kirche ausdehnen würden, würde das die Abschaffung der Ämter des Patriarchen und Metropoliten als persönliche und permanente Ämter bedeuten.
Andere orthodoxe Theologen berufen sich in ihrer Ablehnung des Primats auf die Demokratie...
ZIZIOULAS: Karmiris bezieht sich beispielsweise auf die Demokratie als Merkmal der orthodoxen Kirche. Er identifiziert die orthodoxe Position ausdrücklich mit der des westlichen Konziliarismus in dessen ablehnender Haltung dem Primat des Papstes gegenüber: es darf keinen Primat in der Kirche geben, weil die oberste Autorität, der wahre primus in der Kirche, das Konzil ist.
Um einen Ausweg aus dieser impasse aufzuzeigen, haben Sie bekräftigt, daß es in der Zeit vor und nach dem II. Vatikanischen Konzil neue Perspektiven gegeben hat. Warum?
ZIZIOULAS: Das Problem, das bereits in der langen Periode vor dem Konzil die Debatte anheizte, als so herausragende Persönlichkeiten wie Congar, Rahner, Ratzinger, de Lubac und andere der Theologie des II. Vatikanischen Konzils den Weg ebneten, war, ob die Fülle der Kirche, ihre Katholizität, mit ihrer universalen Struktur zusammenfällt oder nicht.
Und in dieser Frage orientierten sich die Konzilsväter an der Orthodoxie...
ZIZIOULAS: Hauptsächlich an der sogenannten „eucharistischen Ekklesiologie“ des russischen Theologen Nikolai Afanassieff, der das Axiom „wo die Eucharistie ist, ist die Kirche“ formulierte. Was bedeutet, daß jede Ortskirche, in der die Eucharistie gefeiert wird, als volle und katholische Kirche betrachtet werden müsse. Die römisch-katholischen Theologen waren von diesem Ansatz beeinflusst und folglich fand in den Dokumenten des Konzils auch eine Theologie der Ortskirche Niederschlag.
Die sich auch auf die Debatte um den Primat auswirkte...
ZIZIOULAS: Von orthodoxer Seite wurde die Debatte hauptsächlich von Theologen russischer Herkunft geführt, die anfänglich in Paris lebten und zum Teil später nach Amerika auswanderten. Vier davon – Afanassieff, Meyendorff, Schmemann und Koulomzine – stellten ein Gemeinschaftswerk mit dem Titel The Primacy of Peter in the Orthodox Church zusammen (englische Ausgabe 1973). Sie gingen von folgender Frage aus: wenn eine jede Ortskirche eine „katholische“ Kirche ist, warum muß man dann von einem universalen Primat oder von einer „universalen Kirche“ sprechen?
Würden Sie diese Frage auch so beantworten?
ZIZIOULAS: Nein. Afanassieff besteht beispielsweise darauf, daß die Kirche des Altertums bis zur Zeit Cyprians keine universale Ekklesiologie kannte. Auf dieser Linie behaupten einige orthodoxe Theologen, daß die universale Kirche nur ein Gelegenheits-Phänomen ist, das sich immer dann zeigt, wenn Bischöfe und Oberhäupter von Ortskirchen einander in den Konzilien begegnen. Wenn es keine Konzilien gäbe, gäbe es auch keine universale Kirche. Es gäbe dann nur Gemeinschaft im Glauben und sakramentale Gemeinschaft, ohne irgendeine strukturelle Konsequenz.
Benedikt XVI. mit Ioannis Zizioulas, Leiter der Delegation des ökumenischen Patriarchats Kontantinopel, die zum Hochfest Peter und Paul nach Rom gekommen war (29. Juni 2005)

Benedikt XVI. mit Ioannis Zizioulas, Leiter der Delegation des ökumenischen Patriarchats Kontantinopel, die zum Hochfest Peter und Paul nach Rom gekommen war (29. Juni 2005)

Und die anderen?
ZIZIOULAS: Schmemann sieht das beispielsweise anders. Für ihn hat die Kirche einen universalen Primat göttlichen Rechts gekannt. „Der Primat,“ schreibt er, „ist der notwendige Ausdruck der Einheit im Glauben und im Leben aller Ortskirchen.“
Und Meyendorff?
ZIZIOULAS: Für ihn ist der Primat eine unausweichliche Notwendigkeit der Existenz der Kirche in der Welt. „Es hat keine Epoche gegeben,“ schrieb er, „in der die Kirche nicht eine gewisse Rangordnung anerkannt hätte – vor allem unter den Aposteln und dann unter den Bischöfen –, und in dieser Rangordnung ein Apostel, Petrus, und in der Folge ein Bischof, an der Spitze einer Teilkirche nicht den Rang des Primas eingenommen hätte.“ Er wagte zu behaupten, daß „die Funktion dieses Bischofs die ist, auf weltweiter Ebene im Dienst der Einheit zu stehen, ebenso wie es die Funktion des Primas einer Region ist, auf regionaler Ebene als Einheitsfaktor zu fungieren.“
Wie stehen Sie persönlich dazu?
ZIZIOULAS: Die Orthodoxen haben den universalen Primat in der Kirche sowohl aus nicht theologischen wie auch theologischen Gründen abgelehnt. Nach dem großen Schisma haben die Orthodoxen den Primat des Papstes als kirchlichen Imperialismus empfunden. Heute beurteilen die orthodoxen Theologen den Primat gemeinhin als unvereinbar mit dem demokratischen Gedankengut der modernen Gesellschaft, und lassen somit zu, daß nicht theologische Argumente in einer theologischen Frage den Ausschlag geben. Wir müssen uns jetzt aber fragen, ob das aus der Sicht der orthodoxen Ekklesiologie eine korrekte Anschauung ist.
Und in Zukunft?
ZIZIOULAS: Vor allem müssen wir unsere Tradition in Betracht ziehen. Wie ich bereits gesagt habe, hat es in der orthodoxen Kirche niemals Synode ohne Primasse gegeben, und das zeigt klar und deutlich, daß wenn die Synodalität eine dogmatische Notwendigkeit ist, das auch für den Primat gelten muß. Wie auch der bekannte Apostelkanon unter Nr. 34 ausdrücklich festlegt...
Inwiefern?
ZIZIOULAS: Dieser Kanon aus dem 4. Jahrhundert kann die goldene Regel der Primatstheologie abstecken. Er legt fest, daß der protos eine conditio sine qua non für die synodale Institution ist und daß der Synod wiederum eine Voraussetzung für die Ausübung des Primats ist.
Der Umstand, daß die Synode einen Primas haben zeigt, daß auch die ökumenischen Synoden einen primus haben müßten. Das bedeutet unweigerlich den universalen Primat. Auf dieser Grundlage könnte die orthodoxe Theologie bereit sein, den Primat auf allen Ebenen der kirchlichen Struktur zu akzeptieren, ein­schließlich der universalen. Das Problem, das im Kontext des theologischen Dialogs zwischen römisch-katholischen und orthodoxen Gläubigen weiterhin offen bleibt, ist, an welche Art Primat man dabei denkt.
Welche Art Primat muß im Namen einer Aussöhnung in dieser entscheidenden Frage ausgeschlossen werden?
ZIZIOULAS: Die Orthodoxen können keine pyramidale Ekklesiologie akzeptieren, bei der der Inhaber des universalen Primats nicht im Dienst der Ortskirchen steht, sondern diese unterwirft. Der universale Primat kann nur im Bezug auf jene gelten, die die synodale Gemeinschaft ausmachen, niemals aber isoliert, also außerhalb einer Realität der Communio.
Warum ist es so wichtig, daß alle Primate (universaler eingeschlossen) vom Primas als Oberhaupt einer Ortskirche ausgeübt werden müssen?
ZIZIOULAS: Der Primat ist keine legalistische Vorstellung, die bedeutet, daß ein bestimmtes Individuum mit Macht ausgestattet wird, sondern eine Form der diakonia. Was auch bedeutet, daß dieses Amt die gesamte Gemeinschaft erreicht dank der Communio der Ortskirchen, die durch die das Konzil oder den Synod bildenden Bischöfe manifestiert wird. Aus diesem Grund soll der Primas auch das Oberhaupt einer Ortskirche sein, ein Bischof also. Als Oberhaupt einer Ortskirche, und nicht als Individuum, dient er der Einheit der Kirche als eine koinonia von vollkommen konstituierten Kirchen, und nicht als eine Art Kollage unvollständiger Teile einer universalen Kirche. Auf diese Weise wird die Integrität keiner Ortskirche vom Primat untergraben.
Warum ziehen Sie nicht auch die exegetischen Argumente in Sachen Primatsdebatte in Betracht?
ZIZIOULAS: Die biblische Exegese und die Geschichte sind ein rutschiges Terrain für eine Annäherung. Wenn die Führungsrolle des Petrus unter den Zwölfen auch von den Orthodoxen stets anerkannt wurde, wird die besondere Bedeutung, die ihr die römisch-katholischen Gläubigen beimessen, von den Orthodoxen doch entschieden abgelehnt. Der verstorbene Kardinal Yves Congar hat hier besonders klar gesehen. „Im Osten wurde die Autorität des Sitzes Rom nie als die eines Monarchen gesehen [...]. Der Leib Christi hat kein anderes Haupt als Christus selber [...]. Die byzantinischen Theologen lassen den Primat des Sitzes Rom nur selten auf den Apostel Petrus zurückgehen, obwohl namhafte Schriftsteller wie Maximus der Bekenner oder Theodorus Studites manchmal etwas derartiges behaupten.“
In dieser Richtung ist der Weg also versperrt?
ZIZIOULAS: Wenn wir darauf warten, daß sich die Biblisten in Sachen Beziehung zwischen der Rolle Petri im Neuen Testament und dem vom Sitz Rom ausgeübten Primat einig werden, werden wir die Erreichung der Einheit der Kirche wohl auf ein anderes Jahrtausend verschieben müssen, wenn nicht in die Ewigkeit...
Wie beurteilen Sie den Vorschlag, zu dem im ersten Jahrtausend gültigen Beziehungsmodell zurückzukehren?
ZIZIOULAS: Das scheint mir nicht sehr realistisch, vor allem deshalb, weil die römisch-katholische Kirche nicht bereit ist, ihr zweites Jahrtausend aus der Geschichte zu streichen, um die Einheit mit den Orthodoxen zu bewerkstelligen.
Wie kann Ihrer Meinung nach also ein realistisches Terrain für etwaige gemeinsame Antworten auf diese noch offenen Fragen aussehen?
ZIZIOULAS: Für die zukünftige Entwicklung des Dialogs zu diesem Thema ist es überaus wichtig, daß die Orthodoxen anerkennen, daß der Primat Teil des Wesens der Kirche ist und keine Frage der Organisation. Sie müßten auch anerkennen, daß es einen Primat auf universaler Ebene geben muß. Das ist in diesem Moment sehr schwer, aber es wäre sehr viel einfacher, wenn wir eingehender über die Natur der Kirche nachdenken würden. Die Kirche kann nicht Ortskirche sein, wenn sie nicht universale Kirche ist, und sie kann nicht universale Kirche sein, wenn sie nicht Ortskirche ist.
Und auf katholischer Seite? Was kann dort dem Dialog hilfreich sein?
Bartholomaios I. betet vor der Confessio des Petrusgrabes in den vatikanischen Grotten (29. Juni 2004).

Bartholomaios I. betet vor der Confessio des Petrusgrabes in den vatikanischen Grotten (29. Juni 2004).

ZIZIOULAS: Die Katholiken müssen dem beim II. Vatikanischen Konzil betonten Begriff der vollen Katholizität der Ortskirche Rechnung tragen und auf ihre Ekklesiologie anwenden. Das bedeutet, daß jede Form von Primat auf universaler Ebene die Ortskirche wiederspiegeln muß und keinerlei Einmischung in die Ortskirche ohne Zustimmung derselben erfolgen darf. Jede Ortskirche muß die Möglichkeit haben, ihre Katholizität im Bezug auf den Primat zu bekräftigen. Daher wiederhole ich, daß die goldene Regel für die korrekte Ausübung des Primats der Apostelkanon, Nr. 34, ist.
Wie ist eine Wiederannäherung auf der Grundlage einer neuen theologischen These möglich?
ZIZIOULAS: Die Anerkennung des römischen Primats wird von der Tatsache abhängen, daß man sich darüber einig ist, daß die Kirche aus vollkommen konstituierten Ortskirchen besteht, vereint in einer einzigen Kirche, ohne ihre kirchliche Fülle einzubüßen. Aber das ist keine theologische „Innovation“. Pater Congar glaubte, daß der Primat des Papstes, trotz der monarchischen Tendenzen, die damals vorherrschten, auch im Westen bis ca. zum 16. Jahrhundert im Innern einer Communio-Ekklesiologie ausgeübt wurde, als das Papsttum im gesamten Westen einfach den monarchischen Primat aufzwang. Wenn dem so ist, dann ist die Rückkehr zu einer solchen Communio-Ekklesiologie gar kein so unrealistischer Ansatz.
Eine letzte Frage. Sie haben Kardinal Ratzinger – heute Papst Benedikt XVI. – kennengelernt. Wie wird der neue Papst diese Probleme Ihrer Meinung nach angehen?
ZIZIOULAS: Ich hatte die Ehre und das Privileg, den damaligen Kardinal Ratzinger Anfang der Achtzigerjahre kennenzulernen, als wir Mitglieder der internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen Römisch-Katholischen und Orthodoxen waren. Er ist ein großer Theologe und ein Experte in Sachen Ekklesiologie, der westlichen wie der östlichen. In seiner neuen Eigenschaft als Papst kann er sicherlich entscheidend auf eine Konvergenz zwischen Römisch-Katholischen und Orthodoxen im Verständnis von Primat einwirken. In der Vergangenheit hat er wichtige Anregungen für die Lösung dieses Problems gegeben. Es mag providentiell erscheinen, daß in diesem entscheidenden Moment der Debatte über dieses Thema gerade er Papst ist.



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