WER DER NEUE WEIHBISCHOF VON SHANGHAI IST.
Den Papst würde ich nur bitten: beten Sie für uns
von Gianni Valente

Momentaufnahmen von der von Msgr. Joseph Xing gefeierten Sonntagsmesse (Kathedrale Zikawei, 10. Juli).
Zur Zeit der Kulturrevolution waren Sie noch ein Kind. Damals, als die Regierung jegliche Praxis christlichen Lebens verbot und Mao sagen konnte: „Die Religion gibt es in China nicht mehr....“
JOSEPH XING WENZHI: Als ich acht Tage alt war, wurde ich getauft. Ich habe zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Man konnte nicht in die Kirche gehen. Alle Kirchen waren geschlossen, zerstört oder „zweckentfremdet“ worden. Wenn man beten wollte, schloß man die Wohnungstür hinter sich. Die wichtigsten Dinge waren für mich damals, vor dem Herrn das Knie zu beugen und abends, vor dem Schlafengehen, zu Jesus, Josef und Maria zu beten. Dann gingen wir ins Bett, und die Erwachsenen beteten weiter. Ich kann mich daran erinnern, daß ich beim Klang der Gebete einschlief. Dann, 1977, traten einige Priester wieder an die Öffentlichkeit. 1978 betrat ich zum ersten Mal eine Kirche. Mein Vater brachte mich dorthin, ca. 70km von unserem Dorf entfernt.
Wann ist in Ihnen der Wunsch gereift, Priester zu werden?
XING: Am Anfang habe ich ehrlich gesagt nicht viel darüber nachgedacht. Als am Seminar von Sheshan auch Jungen aus meiner Provinz aufgenommen wurden, gab ein alter Verwandter von mir auch meinen Namen an. Ich mußte mich einer Art Katechismus-Prüfung unterziehen; sechs von 10 Kandidaten aus Shandong wurden zugelassen.
Sie haben Ihre Studien im Seminar von Sheshan begonnen und in Amerika beendet...
XING: Von Januar 2003 bis Mai 2004 war ich in den Vereinigten Staaten. Zuerst im Staate New York, als Gast des Maryknoll, dann in Washington, an der Catholic University of America. Aber dann mußte ich schnell wieder zurückkehren...
Werden Sie sich in Ihrer neuen Rolle als Bischof Prioritäten setzen?
XING: Im Moment gehe ich noch Bischof Jin zur Hand. Schon in den Monaten vor meiner Weihe habe ich die Pfarreien besucht, ich war im Seminar, in den Häusern der Schwestern, im Altenheim bei den alten Priestern. Überall dort habe ich mich eine Woche aufgehalten, um die Probleme der verschiedenen Situationen kennenzulernen. Ich hoffe, dazu beitragen zu können, daß die Kirche weiter in der Einheit und im Frieden wächst und die Konflikte zwischen Priestern und Gläubigen überwunden werden. Und daß sie, wenn sie vereint ist, auch besser für das Wohl der Gesellschaft tätig sein kann, indem man beispielsweise alten Menschen hilft, die immer mehr sich selbst überlassen sind. Weil die Kirche in der Gesellschaft lebt, keine von der Realität der Menschen getrennte Welt ist. Meiner Meinung nach muß man es genauso machen wie Matteo Ricci...
Wie meinen Sie das?
XING: Jeder hat gesehen, daß er, ein Christ, der Gesellschaft seiner Zeit Gutes getan hat. Er war aus Italien gekommen, hat sich aber in die Chinesen hineinversetzt, wurde einer von ihnen. Und daß er Werke für sie und zu ihrem Vorteil vollbrachte, löste Sympathien für das Christentum aus.
Scheint der Glaube, der die Verfolgungen überleben konnte, nun schwächer zu werden?
XING: In der Zeit der Verfolgungen gab es einen Angriff von außen – die Roten Garden, die Kulturrevolution – das veranlaßte die Seelen, bei Gott Hilfe zu erflehen. Zu beten. Sie hatten Angst, den Glauben zu verlieren. Und so sagten sie: Jesus, nimm mich in deine Arme und beschütze mich. Nun scheint es, zumindest in Shanghai, als ob jeder Herr seiner eigenen Existenz wäre. Daß man niemanden um Hilfe bitten muß, alles spielt sich im Innern des eigenen Herzen ab.
Die alten Priester sagen: die Leute denken nur daran, Geld zu scheffeln, gehen nicht mehr in die Kirche...
XING: Es ist nicht so, daß sie nicht wollen, aber sie arbeiten eben viel, haben immer etwas zu tun… Meiner Meinung nach haben auch die mittleren Alters, die sogenannte „verlorene Generation“ , weil sie in den Jahren der Kulturrevolution jung waren, viele, einst verschüttete Fragen, die nun aus der Tiefe ihres Herzens aufsteigen.

XING: Auch sie leben ein frenetisches Leben. Haben viele Dinge. Doch dann bleibt vielleicht doch eine gewisse Unzufriedenheit. Eine Art Langeweile. Eine nicht klar zu definierende Erwartung von etwas Großem, ein unendliches Gut. Wie die Liebe, die Jesus für einen jeden von ihnen empfindet.
Bischof Jin hat gesagt, daß Sie Ihre Bischofsernennung zunächst nicht annehmen wollten. Was hat Sie dann doch überzeugt?
XING: Am Anfang habe ich gezögert, weil mir meine Unzulänglichkeit nur allzu bewußt war. Ich sagte mir: „Ich bin nicht intelligent, gewandt genug, kann keine Fremdsprachen...“ Doch dann habe ich gedacht: Ich bin in Gottes Hand, und er kann alles tun. Wenn ich nicht in der Lage bin, wird Er mir helfen. Und je unfähiger ich bin, umso mehr wird man sehen, daß alles Sein Werk ist. Wie schon Paulus sagte: „Immer dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.“
Wenn Sie dem Papst etwas sagen könnten, das ihn die derzeitige Situation der Kirche Chinas besser verstehen läßt, was wäre das?
XING: Die Chinesen lieben den Papst. Sie liebten Johannes Paul II., der die Kirche Chinas im Herzen trug. Sie lieben auch den neuen Papst. Ganz bestimmt werde nicht ich dem Papst erklären müssen, wie die Dinge stehen. In Rom gibt es Personen, die genau wissen, wie die Situation ist. Ich würde ihn nur um eines bitten: Heiliger Vater, beten Sie für uns.
G.V.