Interview mit dem neunzigjährigen Bischof Aloysius Jin Luxian
Der Marathonläufer der kleinen Schritte
Interview mit Bischof Aloysius Jin Luxian von Gianni Valente
Der Sekretärin von
Msgr. Aloysius Jin Luxian gefällt der riesige Teller mit der Abbildung
von Papst Ratzinger eigentlich nicht, sie findet ihn kitschig. Aber seinen
Freunden ist zu seinem 20jährigen Bischofsjubiläum eben kein
besseres Geschenk eingefallen.
Noch bis vor kurzem wäre der ein oder andere über dieses „Souvenir“ vielleicht konsterniert gewesen. Ist es doch ein Geschenk zum Gedächtnis einer Bischofsweihe, die der damals 70jährige Jesuit 1985 zwar mit Zustimmung der Regierung Pekings, aber ohne apostolisches Mandat, also ohne Genehmigung des Bischofs von Rom, erhalten hat.

Doch heute weiß er – wie er in dem
nachfolgenden Interview meint –, als Bischof des apostolischen Stuhls
implicite
anerkannt zu sein. Und sogar der Riesenteller mit der Abbildung des
den Segen spendenden neuen Papstes erscheint ihm nicht als
übertriebenes Geschenk – einem wie ihm, der fast fünf
Jahrzehnte im Gefängnis und unter Hausarrest zubringen mußte und
sich weitere zwanzig Jahre lang in Grenzgebieten und Grauzonen voller
Zwistigkeiten aller Art bewegte. Immerhin hat er ad maiorem Dei gloriam auch ein stilles
Martyrium ertragen; damals, als man ihn bezichtigte, Usurpator des Heiligen
zu sein, mit den Verfolgern der Kirche zu sympathisieren. Zwistigkeiten und
Ungerechtigkeiten, die auch dank der mutigen Weisheit jenes sensus fidei überwunden
werden konnten, der ihn vor Beginn des Interviews sagen läßt,
daß „man nicht die ganze Wahrheit sagen kann, weil man Gefahr
läuft, der Kirche wehzutun“, und daß „man niemals
vergessen darf, daß in China alles seine Zeit braucht. Und wer sich
Zeit nimmt, der wird es auch weit bringen.“
Eigentlich stand der Name Ihres Nachfolgers schon seit Jahren fest. Warum hat das Ganze dann trotzdem so lange gedauert?
ALOYSIUS JIN LUXIAN: Die Kongregation Propaganda Fide hat gezögert, weil auch andere Kandidaten in Erwägung zu ziehen waren. Und dann ist der neue Bischof Joseph auch sehr bescheiden, wollte seine Wahl zuerst nicht annehmen. Er hielt sich für zu jung und die Situation in China für zu komplex; da gibt es die Regierung, die kommunistische Partei, die patriotische Vereinigung, die „offenen“ Kirchen... Letzten Endes hat er aber doch angenommen.
Sie haben seine Wahl unterstützt. Was macht Sie glauben, daß er ein guter Bischof sein wird?
JIN: Als er vor 22 Jahren aus seinem Dorf in Shandong hierher aufs Seminar kam, konnte man sehen, daß er ein intelligenter, aufrichtiger junger Mann war: rechtschaffen, religiös, mit einer sehr traditionellen Lehre. Er stammt aus einer Familie katholischer Bauern, seine Brüder leben noch heute von der Feldarbeit. Deshalb habe ich seinen Bischof auch schon bald darum gebeten, ihn mir zu schicken, damit er in der Diözese Shanghai inkardiniert werden könnte. Nach der Weihe habe ich ihn gebeten, als Spiritual tätig zu sein, und sein Seminar-Professor hat ihn mir geschickt. Er war auch Kanzler der Diözese, bevor er Bischofsvikar und Rektor des Seminars wurde. Ich habe ihn darum gebeten, mich auf meinen Auslandsreisen zu begleiten, damit er sieht, wie die Kirche außerhalb Chinas ist. Wir waren gemeinsam in Australien; eine unserer Reisen hat vierzig Tage gedauert, uns nach Belgien, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz geführt. Einen Teil seiner Ausbildung hat er auch in den USA absolviert. Ich werde ihm jetzt noch zwei Jahre zur Seite stehen, und dann wird er die Diözese allein leiten.
Wie wurde bei der Liturgiefeier zur Weihe bekanntgegeben, daß der neue Bischof vom Papst ernannt worden war?
JIN: Das wussten alle. Es waren auch ca. ein Dutzend Priester aus Frankreich, Deutschland, den USA dabei, einschließlich der Oberen der Missions-Gesellschaft von Maryknoll. Auch ein vom Bischof von Hongkong, Joseph Zen, persönlich geschickter Priester, der Pater Xing vor der Weihe die geistlichen Exerzitien gepredigt hatte...
Ja, aber wurde bei der Feier irgendwann einmal unmissverständlich gesagt, daß der neue Bischof vom Bischof von Rom ernannt worden ist?
JIN: Das war nicht nötig. Er ist von Rom ernannt worden, und Rom ist sehr diskret, will nicht den Eindruck erwecken, sich einzumischen.
Sie waren der weihende Bischof. Es hieß immer, daß Sie als Bischof nie ein apostolisches Mandat vom Hl. Stuhl erhalten haben, also ein kanonisch gesehen illegitimer Bischof sind. Wenn Rom also einen von Ihnen geweihten Bischof ernannt hat, heißt das dann, daß auch Sie legitimiert wurden?
JIN: Das hat Rom implicite ohnehin schon getan. Indem Rom ausdrücklich wollte, daß ich die Weihe vornehme. Man hat gesagt: Bischof Jin muß Bischof Joseph weihen. Ein Hinweis, den ich von Propaganda Fide erhalten habe. Wie Sie sicher wissen, hängen die Kirchen Asiens und Afrikas von Propaganda Fide ab...
Haben Sie denn jemals darum angesucht, als Bischof legitimiert zu werden? Böse Zungen behaupten, nein...
JIN: Ich habe auf die Anerkennung Roms gehofft. Und dieser Hoffnung habe ich mündlich Ausdruck gegeben, weil das bei solchen Dingen der diskreteste Weg ist. Und Rom hat mir mit diesem Hinweis implicte gezeigt, daß ich anerkannt worden bin.

Das hat Sie sicher sehr gefreut...
JIN: Ja, sehr. Ich glaube, daß Rom das Ganze mit Klugheit und Diskretion anzugehen versteht. Ich glaube, daß man dort diese so komplexe Situation versteht.
Man hat Sie jahrelang bezichtigt, eine Marionette der chinesischen Regierung zu sein...
JIN: Ich muß mit der Regierung zwar nicht zusammenarbeiten, aber doch zumindest dialogieren, weil ich meine Diözese schützen muß. Wenn ich mich ihr gegenüber verschließe oder mich gar gegen die Regierung stelle, wird alles noch komplizierter. Man muß diplomatisch sein, mit Takt vorgehen. Man hat mir vorgeworfen, mit der Regierung zu sympathisieren. Aber warum sollte ich das tun? Um die Diözese am Leben zu erhalten. Wir haben jetzt mehr als 70 Priester, 120 Seminaristen im Priesterseminar, 30 im Knabenseminar, 90 junge Ordensschwestern, mehr als 100 Pfarreien, ein Verlagshaus und eine Druckerei. Und all das muß erhalten bleiben, mit der Regierung, die wir haben, die eine legitime Regierung ist. Die Kirche hat sich den legitimen Regierungen aus Prinzip nie entgegengestellt. Das ist für den Glauben nicht notwendig.
Seit den Zeiten des alten Rom, wo doch die Christen verfolgt wurden...
JIN: Wenn die Regierung dem Glauben nichts Böses will, muß man die Gesetze und Reglementierungen akzeptieren.
Haben die Untergrundgemeinschaften Zeichen für eine Öffnung dem neuen Bischof gegenüber gegeben?
JIN: Als sie von der möglichen Ernennung erfahren haben – vor fast einem Jahr – und man ihnen sagte, daß ihr Untergrundbischof keinen Nachfolger haben würde, hat sie das natürlich nicht sehr gefreut. Aber sie haben es akzeptiert – ungern zwar, aber doch. Sie haben gesagt: wir akzeptieren die Entscheidung des Papstes. Der Untergrundbischof hat Alzheimer, und Rom hofft auf die Einheit aller Katholiken Shanghais unter einem Bischof. Aber es wird seine Zeit brauchen, bis eine andere Mentalität überwiegen kann. Das wird nicht sofort geschehen.
Haben die Untergrundgemeinschaften auch die Kontrolle über die Kultstätten, wie das in anderen Teilen Chinas der Fall ist?
JIN: Die Priester, die von der Regierung als „Untergründler“ betrachtet werden, halten das Stundengebet in ihren Familien und zelebrieren die Messe in den Wohnungen der Gläubigen. Sie haben keine Kirchen, weil sie sich von den Regierungsbüros nicht als Priester registrieren lassen. Das scheint mir eine allzu radikale Haltung zu sein. Jetzt ist alles anders geworden. Shanghai hat sich verändert, auch die Kommunisten haben sich verändert, sind Kapitalisten geworden... [er lacht]. Wir haben den freien Markt. Es gibt andere Probleme, auch wir müssen uns ändern.
Warum sind die jüngsten Ausweisungen und Verhaftungen einiger Untergrundpriester fern von ihren Wohnorten erfolgt?
JIN: Kardinal Jozef Tomko hat, als er Präfekt von Propaganda Fide war, einige Richtlinien gegeben, nach denen die heimlich geweihten Bischöfe Jurisdiktion über ganz China hätten, ohne der Unterteilung in Diözesen Rechnung zu tragen. Wie man hört, fahren junge „Untergrund“-Priester mit dem Auto und dem Handy durch ganz China. Sie meinen, im Recht zu sein, wenn sie ihr Apostolat so verstehen. Und das ist wohl nicht sehr klug.
G.V.
Noch bis vor kurzem wäre der ein oder andere über dieses „Souvenir“ vielleicht konsterniert gewesen. Ist es doch ein Geschenk zum Gedächtnis einer Bischofsweihe, die der damals 70jährige Jesuit 1985 zwar mit Zustimmung der Regierung Pekings, aber ohne apostolisches Mandat, also ohne Genehmigung des Bischofs von Rom, erhalten hat.

Bischof Aloysius Jin Luxian
Eigentlich stand der Name Ihres Nachfolgers schon seit Jahren fest. Warum hat das Ganze dann trotzdem so lange gedauert?
ALOYSIUS JIN LUXIAN: Die Kongregation Propaganda Fide hat gezögert, weil auch andere Kandidaten in Erwägung zu ziehen waren. Und dann ist der neue Bischof Joseph auch sehr bescheiden, wollte seine Wahl zuerst nicht annehmen. Er hielt sich für zu jung und die Situation in China für zu komplex; da gibt es die Regierung, die kommunistische Partei, die patriotische Vereinigung, die „offenen“ Kirchen... Letzten Endes hat er aber doch angenommen.
Sie haben seine Wahl unterstützt. Was macht Sie glauben, daß er ein guter Bischof sein wird?
JIN: Als er vor 22 Jahren aus seinem Dorf in Shandong hierher aufs Seminar kam, konnte man sehen, daß er ein intelligenter, aufrichtiger junger Mann war: rechtschaffen, religiös, mit einer sehr traditionellen Lehre. Er stammt aus einer Familie katholischer Bauern, seine Brüder leben noch heute von der Feldarbeit. Deshalb habe ich seinen Bischof auch schon bald darum gebeten, ihn mir zu schicken, damit er in der Diözese Shanghai inkardiniert werden könnte. Nach der Weihe habe ich ihn gebeten, als Spiritual tätig zu sein, und sein Seminar-Professor hat ihn mir geschickt. Er war auch Kanzler der Diözese, bevor er Bischofsvikar und Rektor des Seminars wurde. Ich habe ihn darum gebeten, mich auf meinen Auslandsreisen zu begleiten, damit er sieht, wie die Kirche außerhalb Chinas ist. Wir waren gemeinsam in Australien; eine unserer Reisen hat vierzig Tage gedauert, uns nach Belgien, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz geführt. Einen Teil seiner Ausbildung hat er auch in den USA absolviert. Ich werde ihm jetzt noch zwei Jahre zur Seite stehen, und dann wird er die Diözese allein leiten.
Wie wurde bei der Liturgiefeier zur Weihe bekanntgegeben, daß der neue Bischof vom Papst ernannt worden war?
JIN: Das wussten alle. Es waren auch ca. ein Dutzend Priester aus Frankreich, Deutschland, den USA dabei, einschließlich der Oberen der Missions-Gesellschaft von Maryknoll. Auch ein vom Bischof von Hongkong, Joseph Zen, persönlich geschickter Priester, der Pater Xing vor der Weihe die geistlichen Exerzitien gepredigt hatte...
Ja, aber wurde bei der Feier irgendwann einmal unmissverständlich gesagt, daß der neue Bischof vom Bischof von Rom ernannt worden ist?
JIN: Das war nicht nötig. Er ist von Rom ernannt worden, und Rom ist sehr diskret, will nicht den Eindruck erwecken, sich einzumischen.
Sie waren der weihende Bischof. Es hieß immer, daß Sie als Bischof nie ein apostolisches Mandat vom Hl. Stuhl erhalten haben, also ein kanonisch gesehen illegitimer Bischof sind. Wenn Rom also einen von Ihnen geweihten Bischof ernannt hat, heißt das dann, daß auch Sie legitimiert wurden?
JIN: Das hat Rom implicite ohnehin schon getan. Indem Rom ausdrücklich wollte, daß ich die Weihe vornehme. Man hat gesagt: Bischof Jin muß Bischof Joseph weihen. Ein Hinweis, den ich von Propaganda Fide erhalten habe. Wie Sie sicher wissen, hängen die Kirchen Asiens und Afrikas von Propaganda Fide ab...
Haben Sie denn jemals darum angesucht, als Bischof legitimiert zu werden? Böse Zungen behaupten, nein...
JIN: Ich habe auf die Anerkennung Roms gehofft. Und dieser Hoffnung habe ich mündlich Ausdruck gegeben, weil das bei solchen Dingen der diskreteste Weg ist. Und Rom hat mir mit diesem Hinweis implicte gezeigt, daß ich anerkannt worden bin.

Aloysius Jin Luxian
JIN: Ja, sehr. Ich glaube, daß Rom das Ganze mit Klugheit und Diskretion anzugehen versteht. Ich glaube, daß man dort diese so komplexe Situation versteht.
Man hat Sie jahrelang bezichtigt, eine Marionette der chinesischen Regierung zu sein...
JIN: Ich muß mit der Regierung zwar nicht zusammenarbeiten, aber doch zumindest dialogieren, weil ich meine Diözese schützen muß. Wenn ich mich ihr gegenüber verschließe oder mich gar gegen die Regierung stelle, wird alles noch komplizierter. Man muß diplomatisch sein, mit Takt vorgehen. Man hat mir vorgeworfen, mit der Regierung zu sympathisieren. Aber warum sollte ich das tun? Um die Diözese am Leben zu erhalten. Wir haben jetzt mehr als 70 Priester, 120 Seminaristen im Priesterseminar, 30 im Knabenseminar, 90 junge Ordensschwestern, mehr als 100 Pfarreien, ein Verlagshaus und eine Druckerei. Und all das muß erhalten bleiben, mit der Regierung, die wir haben, die eine legitime Regierung ist. Die Kirche hat sich den legitimen Regierungen aus Prinzip nie entgegengestellt. Das ist für den Glauben nicht notwendig.
Seit den Zeiten des alten Rom, wo doch die Christen verfolgt wurden...
JIN: Wenn die Regierung dem Glauben nichts Böses will, muß man die Gesetze und Reglementierungen akzeptieren.
Haben die Untergrundgemeinschaften Zeichen für eine Öffnung dem neuen Bischof gegenüber gegeben?
JIN: Als sie von der möglichen Ernennung erfahren haben – vor fast einem Jahr – und man ihnen sagte, daß ihr Untergrundbischof keinen Nachfolger haben würde, hat sie das natürlich nicht sehr gefreut. Aber sie haben es akzeptiert – ungern zwar, aber doch. Sie haben gesagt: wir akzeptieren die Entscheidung des Papstes. Der Untergrundbischof hat Alzheimer, und Rom hofft auf die Einheit aller Katholiken Shanghais unter einem Bischof. Aber es wird seine Zeit brauchen, bis eine andere Mentalität überwiegen kann. Das wird nicht sofort geschehen.
Haben die Untergrundgemeinschaften auch die Kontrolle über die Kultstätten, wie das in anderen Teilen Chinas der Fall ist?
JIN: Die Priester, die von der Regierung als „Untergründler“ betrachtet werden, halten das Stundengebet in ihren Familien und zelebrieren die Messe in den Wohnungen der Gläubigen. Sie haben keine Kirchen, weil sie sich von den Regierungsbüros nicht als Priester registrieren lassen. Das scheint mir eine allzu radikale Haltung zu sein. Jetzt ist alles anders geworden. Shanghai hat sich verändert, auch die Kommunisten haben sich verändert, sind Kapitalisten geworden... [er lacht]. Wir haben den freien Markt. Es gibt andere Probleme, auch wir müssen uns ändern.
Warum sind die jüngsten Ausweisungen und Verhaftungen einiger Untergrundpriester fern von ihren Wohnorten erfolgt?
JIN: Kardinal Jozef Tomko hat, als er Präfekt von Propaganda Fide war, einige Richtlinien gegeben, nach denen die heimlich geweihten Bischöfe Jurisdiktion über ganz China hätten, ohne der Unterteilung in Diözesen Rechnung zu tragen. Wie man hört, fahren junge „Untergrund“-Priester mit dem Auto und dem Handy durch ganz China. Sie meinen, im Recht zu sein, wenn sie ihr Apostolat so verstehen. Und das ist wohl nicht sehr klug.
G.V.