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CHINA
Aus Nr. 07/08 - 2005

Auch in Shanghai gibt es etwas neues


Eine Reise zu den Christen der Stadt, die das neue China symbolisiert. Die Berichte der einen, die einst, in Zeiten der Verfolgung, den Glauben bezeugten, und der Neubeginn der anderen, die heute Christen werden. In einem Moment, in dem der neue, vom Papst ernannte Weihbischof geweiht wurde. Mit Einverständnis der Regierung...


von Gianni Valente. Fotos von Massimo Quattrucci



Die Kathedrale St. Ignatius in Zikawei

Die Kathedrale St. Ignatius in Zikawei

Joseph, der frischgebackene Bischof, hat das unverdorbene Gesicht eines rechtschaffenen jungen Mannes und bewegt sich dort vorn am Altar – die lilafarbene Kalotte auf dem Kopf – so schüchtern, als wüßte er gar nicht, wie ihm geschieht. Um sieben Uhr morgens ächzen die Ventilatoren an der Decke der Kathedrale schon sichtlich unter der Mühe, die schwere, feuchte Luft des Shanghaier Sommers durchzuwirbeln. Vor der Messe haben die knienden Gläubigen bereits gemeinsam den Rosenkranz und den Kreuzweg gebetet. Der ein oder andere verharrt am Eingang, vor einem Tisch mit den Büchern über das Leben der Heiligen, über dem ein Megaposter von Papst Benedikt hängt. In der Kapelle hinter dem Altar stehen Gläubige Schlange, um Kerzen anzuzünden und vor dem Gemälde, auf dem Wojtyla abgebildet ist, niederzuknien. An diesem Sonntag erläutert Jesus im Evangelium das Gleichnis vom Sämann. Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt: „sobald er aber um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall. “In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, „der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerischeReichtum, und es bringt keine Frucht.“Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, „der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.“
Am Morgen des 28. Juni ist Joseph Xing Wenzhi in dieser Kathedrale zum ersten chinesischen Bischof unter dem Pontifikat von Papst Ratzinger geweiht worden; einem Tag, der noch heißer war als sonst, so daß man, um den stolzen dreitausend Personen, die hier zusammengekommen waren, Linderung zu verschaffen, im ganzen Kirchenschiff riesige Eisblöcke verteilen mußte. Ernannt hatte ihn, kurz vor seinem Tod, Johannes Paul II. Dann hat ihn die Mehrheit der Diözesanrepräsentanten – Priester, Schwestern, Laien der Diözese Shanghai – „gewählt.“ Und schließlich erging auch die „Genehmigung“ seitens der Pekinger Regierung. So konnte ihn sein neunzigjähriger Bischof, Aloysius Jin Luxian, seit 1988 an der Leitung der Diözese Shanghai, mit Einverständnis der Regierung, aber – noch – ohne Genehmigung des Hl. Stuhls, durch Handauflegung bei der Liturgiefeier der Bischofsweihe zum Nachfolger der Apostel machen. Man kann also sagen, daß Jin Luxian seine komplizierte Nachfolge sozusagen selbst „dirigiert“ hat. Eine Nachfolge, bei der all die kontroversen und anomalen Elemente, die die Kirche Chinas in den letzten 55 Jahren prägten, zum Tragen kommen. Immerhin ist Shanghai für jemanden, der dort Bischof sein muß, nicht gerade einfach.

ZIKAWEI, 8. SEPTEMBER 1955
Anfang des 17. Jahrhunderts – er hatte gerade die Taufe empfangen – machte der Mandarin Xu Guangqi, mächtiger Freund des Jesuiten Matteo Ricci, die Gebiete rund um die Kathedrale, wo sich heute Wolkenkratzer und Einkaufszentren erheben, der Kirche zum Geschenk. Noch heute trägt das Viertel Xujiahui – Zikawei in Shanghaier Dialekt – den Namen von Xus Familie. Hier hatten die Jesuiten Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, in den Vororten dessen, was schon damals eine große kosmopolitische Metropole war, ihre christliche Stadt zu errichten. Die Kathedrale, die Seminare, das astronomische Observatorium. Die damalige Residenz der Patres ist heute die Bibliothek von Zikawei, das antike Refektorium dient als Lesesaal. Wo einst die Schwestern untergebracht waren, befindet sich heute ein Restaurant für die Reichen, auf der anderen Seite der Puxi Road. Hier in Zikawei war Pater Zhang Boda als Rektor des St.-Ignatius-Kollegs tätig – nach jenem ersten Jesuiten benannt, der 1951 als gegenrevolutionärer Märtyrer in den Kerkern Maos starb. Hier in Zikawei schlug die Strategie Maos zur Vernichtung der chinesischen Kirche – indem man sie von der sichtbaren Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri trennte – am gnadenlosesten zu. Immerhin waren die Diözese Shanghai und deren Bischof Ignatius Gong Pinmei ein Symbol für das gesamte immense Land, die Hochburg des katholischen Widerstands gegen den Plan der kommunistischen Partei, eine Nationalkirche des Regimes zu schaffen, die jegliche Bindung an den Apostolischen Stuhl ablehnte, den man als „imperialistische Zentrale“ des Vatikan sah. Auch der Laie Simon He, der heute 71 Jahre alt ist und damals gerade die Mittelschule absolviert hatte, wird diese Nacht des 8. September 1955 wohl nie wieder vergessen: „Die Polizei umstellte alle Gebäude, in denen religiöse Einrichtungen untergebracht waren: die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag lang. Mehr als 400 Menschen wurden verhaftet, alles, was Rang und Namen hatte: Bischof Gong, alle Priester, die seine engsten Mitarbeiter waren, sowie fast alle Laien, die der Legion of Mary angehörten. Man beschuldigte sie, eine paramilitärische Gruppierung zu sein, die für kapitalistische Mächte arbeitete. Weitere tausend mußten im Knabenseminar drei Jahre lang Gehirnwäsche über sich ergehen lassen, den Versuch also, die Jugendlichen für den Sozialismus einzunehmen und gegen den imperialistischen Vatikan aufzuwiegeln.“ Ihrer Führungskräfte und des Großteils ihrer Seelenhirten beraubt, lebte die Kirche Shanghais jahrelang in einer Art Limbo der Unsicherheit. Bis zu dem Moment – Mitte der Sechzigerjahre –, in dem auch hier, wie über ganz China, die dunkle Nacht der Kulturrevolution hereinbrach. „Das Seminar wurde zum Krankenhaus umfunktioniert,“ erinnert sich Simon. „Das Haus, in dem die Schwestern einst zuhause waren, war eine Schirmfabrik geworden, die Schwestern selbst Fabrikarbeiterinnen. Alle Kirchen wurden entweder beschlagnahmt oder geschlossen. Wir aber haben nicht aufgehört, zu beten, haben uns in unsere Privathäuser verlegt. Auch der Kathedrale Zikawei wurde übel mitgespielt. Die Roten Garden schlugen die Scheiben ein, beschädigten das Dach und die Turmspitzen. Der Rest blieb jedoch unbeschädigt.“

Bischof Aloysius Jin Luxian legt Joseph Xing Wenzhi bei der Bischofsweihe am 28. Juli das Evangelium auf.

Bischof Aloysius Jin Luxian legt Joseph Xing Wenzhi bei der Bischofsweihe am 28. Juli das Evangelium auf.

„Wir müssen nicht mehr die Helden spielen“
Das alles scheint nun der Vergangenheit anzugehören. Wer heute nach Zikawei kommt, findet dort eine Kirche vor wie jede andere, die von den Gläubigen in aller Freiheit frequentiert werden kann. Heute muß sich niemand mehr verstecken, wenn er beten oder die Kommunion empfangen will. Gleich neben der Kathedrale wurde vor kurzem auch der neue Bischofspalast eingeweiht und die 10 Stockwerke hohe Residenz für Priester, über der die Marmorstatuen der vier Evangelisten thronen. Dennoch haben die Wirren der vergangenen Jahre unter der scheinbaren Normalität des Lebens der Kirche Shanghais noch die ein oder andere offene Wunde hinterlassen.
Vor fünfzig Jahren waren der junge Jesuit Aloysius Jin und sein Bruder im Priesteramt, Joseph Fan Zhongliang, zwei der engsten Mitarbeiter von Bischof Gong Pinmei. Auch sie wurden in der Nacht der großen Razzia verhaftet. Beide genossen das Vertrauen ihres Bischofs: ersterer war Rektor des Priesterseminars geworden, dem zweiten war das Knabenseminar anvertraut. Im Jahr 1954, als der Wirbelsturm nahte, waren auch sie mit ihrem Bischof zum Marienheiligtum Unsere Liebe Frau von Sheshan emporgestiegen und hatten geschworen, mit Hilfe der Jungfrau Maria, niemals ihren Glauben zu verleugnen. Nach den schrecklichen Jahren der Kulturrevolution, nach fast 50 Jahren Gefängnis und Ausgegrenztsein, wurden schließlich auch Jin und Fan befreit, wie Tausende von Priestern, Ordensleuten und Gläubigen damals auch. Das China Deng Xiaopings ließ die Kirchen wieder öffnen, forderte Priester, Ordensschwestern und Bischöfe auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, wenn auch unter strenger politischer Überwachung. Und das war der Moment, in dem sich die Wege der beiden Jesuiten trennten.
Jin wurde Rektor des Seminars; 1985 wurde er zum Weihbischof von Shanghai geweiht, mit Genehmigung der Regierung, aber ohne die des Papstes von Rom; 1988 wurde ihm die Leitung der Diözese übertragen, während der betagte Gong Pinmei, rechtmäßiger Inhaber des Bischofssitzes, weiterhin unter Zwangsarrest stand (im Mai jenes Jahres sollte sein Exil in Connecticut beginnen). Fan dagegen lehnte jegliche Zusammenarbeit mit den „patriotischen“ Vereinigungen ab, mit denen das Regime das Leben der Kirche kontrollieren wollte. 1985 wurde auch er, ohne Regierungsgenehmigung, zum Bischof geweiht und der Vatikan erkannte ihn als einzigen rechtmäßigen Nachfolger des im Jahr 2000 verstorbenen Gong Pinmei an. Die Gemeinschaft der „Untergrund“-Gläubigen, die auch weiterhin den Rosenkranz betete, in Privathäusern Messen feierte und sich von den Kirchen fernhielt, die nach und nach unter Kontrolle der Regierung geöffnet wurden, gruppierten sich um Fan und fühlten sich in ihrem gewollten unerschütterlichen Widerstand von Rom unterstützt. Sie waren die „treue Kirche“, diejenigen, die im Namen der vollen Treue zum Nachfolger Petri jeden Kompromiß mit der separatistischen Linie abgelehnt hatten, die das Regime den chinesischen Katholiken auferlegen wollte. Jin, seine Kurie und seine Priester, waren Verräter, Marionetten des Regimes. Sie waren das Unkraut im Garten des Herrn.
Bischof Fan ist heute schwerkrank: er leidet an Alzheimer, verbringt seine Tage ohne Erinnerung in der Wohnung, wo das Regime 20 Jahre lang zwar seine „illegalen“ Aktivitäten toleriert, ihn aber stets beobachtet und in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt hat. Den Untergrund-Gemeinschaften wurde mitgeteilt, daß der Hl. Stuhl keinen anderen Untergrundbischof für die Kirche Shanghais anerkennen würde, und daß – nach seiner Pensionierung – der einzig rechtmäßige Hirte für die Katholiken Shanghais sein Nachfolger Joseph Xing wäre, der von der Pekinger Regierung anerkannt ist.
Ein Paradox kirchlicher Undankbarkeit? Zeigt die römische Kurie gerade denen die kalte Schulter, die dem Papst den höchsten Treue-Tribut entrichtet haben? Verbündet sie sich mit jenen, die Kompromisse mit den Verfolgern eingegangen sind? In Wahrheit wird gerade anhand dieser Bischofsweihe in Shanghai die Wahrheit der komplexen Geschichte der chinesischen Christenheit in den letzten 50 Jahren deutlich. Und jegliche falsche Theorie, laut der es in China zwei Kirchen gibt – eine Papsttreue und eine Parteitreue – ins Reich der Legende verbannt.
In den letzten Jahren hat man in Rom erkannt, daß Jin den 1954 vor Unserer Lieben Frau von Sheshan geleisteten Eid niemals gebrochen hat. Die kanonische Unverfrorenheit, mit der er akzeptiert hatte, ohne Erlaubnis des Papstes Bischof zu werden, hatte ihm den Ruf eingebracht, ein Schismatiker zu sein. Aber mit der Zeit konnte man dann doch sehen, daß auch er – wie der Großteil der Bischöfe, die in jenen Jahren unrechtmäßig die Bischofsweihe empfangen haben – keineswegs mit der von der Regime-Propaganda unterstützten, „autarken“ Landeskirche liebäugelte. Es handelte sich vielmehr um den Versuch, sich die wenigen Öffnungen, die das Regime dem kirchlichen Leben zugestand, zunutze zu machen. Und dafür Sorge zu tragen, daß die Kontinuität der kirchlichen Einrichtungen wie auch das Spenden der für die Gläubigen notwendigen Sakramente gewährleistet war – und zwar in aller Öffentlichkeit. So ist es nicht verwunderlich, wenn die meisten von ihnen bereits Anfang der Achtzigerjahre auf inoffiziellem Weg beim Apostolischen Stuhl darum ansuchten, als rechtmäßige Bischöfe anerkannt zu werden, um ihre Situation auch von einem kanonischen Gesichtspunkt aus regeln zu können.
Die Tatsache schließlich, daß Shanghai in jenen Jahren der „Normalität“ für die Diözese so viele reiche Früchte hervorbringen konnte, spricht Bände: in der ganzen Stadt wurden neue Kirchen gebaut, ein modernes Seminar entstand, eine Druckerei, die für ganz China Evangelien druckte, der Vereinigung der katholischen Intellektuellen wurde neuer Auftrieb gegeben, Verbindungen zu katholischen Universitäten und Einrichtungen der ganzen Welt hergestellt. „Ecclesia catholica una est, auch in China,“ meint Pater Joseph Lu lächelnd. Er hat in den USA studiert, leitet zwei Pfarreien im Zentrum, und hat nun um ein Visum angesucht, um nach Europa kommen zu können, vielleicht sogar nach Köln, um den 20. August herum, wenn sich auch der Papst dort aufhalten wird. „Wir und die ‚Untergründler‘ sind zwei Gesichter ein und derselben Medaille. Früher hat man bei den ‚Untergrund-‘Gemeinschaften schon einmal den ein oder anderen sagen hören, daß wir ‚offenen‘ Kirchen in der Hölle enden würden. Aber das ist mir nun schon lange nicht mehr zu Ohren gekommen. Wenn wir alle demselben Hirten folgen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Aussöhnung kommen wird. Und dann werden sie an die Öffentlichkeit treten und die offenen Kirchen frequentieren. Das wäre ja noch schöner, wenn wir dann ‚Untergründler‘ werden sollten! Und das auch, weil es wirklich nicht notwendig ist. Wenn die Kirchen offen sind, warum soll man dann zuhause versteckt die Messe feiern? Zumindest in Shanghai muß man nun nicht mehr die Helden spielen!“


Gläubige beim Beten einer Kreuzwegstation vor der Sonntagsmesse.

Gläubige beim Beten einer Kreuzwegstation vor der Sonntagsmesse.

DAS HERZ VERGISST
Das Shanghai ohne Helden ist jenes dekadente und vergnügungssüchtige Shanghai, das sich am Bund zur Schau stellt, am linken Ufer des Huangpu, wo in den Glaspalästen im europäischen Stil die eleganten Restaurants und Repräsentanzbüros der chinesischen Finanzkolosse untergebracht sind. Und die der intellektuellen Elite, die sich des abends in New Heaven and Earth zu vergnügen pflegt, jenem Stadtviertel im Stil Anfang der Neunzigerjahre, mit seinen italienischen Restaurants, französischen Stripperinnen, der lateinamerikanischen Musik, dem deutschen Bier und den Designerbüros der neuen Shanghaier Kunst. Das Finanz-Herz der Megalopolis, das heute in einem wahrhaft atemberaubend schnellen Rhythmus schlägt, befindet sich heute in Pudong, jenseits des Flusses. Jenem Gebiet, wo der ausufernde Kapitalismus, der das postkommunistische China prägte, zu einem zyklopenhaften Städtebauprojekt geworden ist. Dort, in der Peripherie des Finanz-Herzens von ganz Asien, sind Pater John Gong und seine tausend Pfarrkinder der Pfarrei Unbefleckte Empfängnis die schlichte Kirche Jesu Christi. Eine Kirche, die es dort seit Mai gibt. Ein einfaches Samenkorn, hier inmitten der Wolkenkratzer aus Glas und Zement und den hermetisch abgeschlossenen Wohnanlagen der Neureichen. Wo es – angesichts der veränderten Zeiten – nicht selten vorkommt, daß eine nicht eingestandene Sehnsucht nach jenen vergangenen Zeiten wieder aufwallt, in denen die Christen so mutig für ihren Glauben Zeugnis ablegten.
Auch Pater John, der hier jeden Morgen das Brevier liest und dann für seine Gläubigen die Messe feiert, war einer der jungen Seminaristen, die – nach 1955 – drei Jahre lang die von den Maoisten im Seminar von Zikawei durchgeführten „Umerziehungskurse“ in Sachen Sozialismus und Verschwörungen des Vatikan über sich ergehen lassen mußten. Dann hat er dreißig Jahre lang geduldig darauf gewartet, daß der Sturm vorüberzog. Das in der Jugend gegebene Versprechen hat er gehalten. Er hat nie geheiratet und trat 1987 in das Seminar von Sheshan ein, das erste, das in den Jahren der von Deng eingeleiteten Öffnung wieder seine Tore öffnen konnte. Erst 1990, im stolzen Alter von 52 Jahren, wurde er Priester. Aber jetzt, wo ihm von Pudong aus ein guter Einblick in das China von morgen möglich ist, kann er erkennen, daß die Rechnung nicht aufgeht. „Als sich die Verfolgung abzuzeichnen begann, riet uns Bischof Gong Pinmei, uns bereit zu halten. Betet, daß uns der Herr beistehe und uns den Glauben bewahre, unseren einzigen Schatz. Heute habe ich den Eindruck, daß sich niemand mehr dieses Schatzes bewußt ist. Die Leute wollen nur Geld scheffeln, arbeiten auch 12 Stunden am Tag. Für die jungen Leute, auch die aus christlichen Familien, gehören die Geschichten derer, die den Glauben in jenen schwierigen Jahren bewahrt haben, der Vergangenheit an. Das Herz der Menschen vergißt oft auch die größte Vergangenheit.“

EINER NACH DEM ANDEREN
Im Westen spekulieren phantasievolle Journalisten derweil über eine ‚Explosion‘ christlicher Spiritualität in China – eine ‚Nebenwirkung‘ der ausufernden Konsum-Homologisierungsprozesse im chinesischen Universum sozusagen. Ob dem wirklich so ist, sei dahingestellt – in den gesättigten Gesichtern der Menschen, denen man in dieser brodelnden, scheinbar nie zur Ruhe kommenden Stadt begegnen kann, ist jedenfalls nichts davon zu erkennen. Auch wenn der ein oder andere ein Kruzifix um den Hals trägt, vielleicht um irgendeinen der hier bekannten Rapper zu imitieren. Aber sicher nicht, weil er etwas von den lateinischen Litaneien weiß, die in den Lagern gesungen wurden, von der patriotischen Vereinigung, der Regierung, die alle ausspionierte, und noch weniger von den zwanzig Jahren ‚brüderlicher Zwistigkeiten‘ zwischen Christen im ‚Untergrund‘ und denen der ‚offenen‘ Kirchen.
Mitte der Sechzigerjahre brach über China die dunkle Nacht der Kulturrevolution herein. „Das Seminar wurde zum Krankenhaus umfunktioniert,“ erinnert sich Simon. „Das Haus, in dem die Schwestern einst zuhause waren, war eine Schirmfabrik geworden, die Schwestern selbst Fabrikarbeiterinnen. Alle Kirchen wurden entweder beschlagnahmt oder geschlossen. Wir aber haben nicht aufgehört, zu beten, haben uns in unsere Privathäuser verlegt. Auch der Kathedrale Zikawei wurde übel mitgespielt. Die Roten Garden schlugen die Scheiben ein, beschädigten das Dach und die Turmspitzen. Der Rest blieb jedoch unbeschädigt.“
Auch Therese aus Peking wußte nichts davon. Als sie noch ein Kind war, haben ihr ihre Eltern, kommunistische Funktionäre, sicher nichts davon erzählt. Auch, weil sie nie zuhause, viel zu sehr mit ihrer politischen Karriere in der Mongolei beschäftigt waren. Dann hat sie eine christliche Freundin gefunden, begann, in die Kirche zu gehen, empfing mit 25 Jahren die Taufe. Sie erzählt, daß sie, als man sie fragte, welchen christlichen Namen sie denn wählen würde, antwortete, den der liebsten Heiligen. „Die Taufpatin sah mich zunächst überrascht an, schenkte mir dann aber ein Buch über das Leben von Theresa von Lisieux... Als ich ins Ausland ging, fragte mich ein ausländischer Priester, ob ich der ‚Untergrund‘-Kirche angehöre. Ich wußte gar nicht, wovon er sprach. Ich antwortete ihm, daß man in China keine unterirdischen Kirchen gebaut hätte, ich in den U-Bahn-Stationen nie solche gesehen hätte...“ Heute fühlt sie sich im pulsierenden Shanghai pudelwohl. Sie hält sich gern bis spät in die Nacht in den Ateliers der Künstler auf oder in den neuen Restaurants, in denen sie sich mit ihren Freunden zu treffen pflegt. Und sie ist es auch, die die Evangeliumsszenen und die chinesischen Symbole auf die Glasscheiben der Kathedrale von Zikawei zeichnet. Dieselben, die noch vor einiger Zeit von den Steinen der Roten Garden eingeworfen wurden.
Auch die Seminaristen, die jungen Priester und Schwestern, die in der St.-Peter-Pfarrei von Shanghai zusammenkommen, bevor sie sich in ganz Shanghai verteilen, um Sommerkurse in Katechismus zu halten, scheint es nicht sehr zu kümmern, ob das Christentum, das in der spirituellen Wüste der chinesischen Megalopolis doch auf so fruchtbaren Boden fallen sollte, nun wirklich auf dem Vormarsch ist oder nicht. Aber auch der satte Konsumismus ihrer Altersgenossen scheint ihnen kein Kopfzerbrechen zu bereiten. „Das ist nun einmal die Zeit, in der wir leben,“ meint Anthony Zhao mit einer resignierenden Handbewegung. Der Theologiestudent im letzten Semester am Seminar von Sheshan hat im Juli an den von der Diözese organisierten vier Einkehrtagen teilgenommen, an denen man Methoden studieren wollte, „wie man den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, für die wir Katechismusunterricht geben, den Glauben nahebringen kann.“ In dem Wissen, daß – wie schon bei den armen Teufeln, die in den Arbeitslagern für Jesus Christus Zeugnis ablegten – es nicht die guten Vorsätze sein werden, mit denen der Glaube wieder neu erblühen oder bewahrt werden kann. Daß in China, wie auch der übrigen Welt, auch heute der kleine Rest derer, die den Namen Christi tragen, eine von einem Anderen gehütete wehrlose Herde ist.
Damit tröstet sich vielleicht auch der neue Bischof, Joseph Xing, wenn er an die abenteuerlichen Jahre denkt, die ihm bevorstehen: weder sein Können und seine Fähigkeiten, noch seine Fehler und Limits werden dafür ausschlaggebend sein, ob der Same christlicher Freude, der ja sogar in den stürmischen Zeiten der Verfolgung Früchte trug, auf chinesischem Boden verdorren oder – einer nach dem anderen – wundersam aufblühen wird in den Herzen der Männer und Frauen dieser immensen Lichterstadt.




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