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ZEUGNISSE
Aus Nr. 04 - 2005

Nachruf auf Johannes Paul II.



Die Erinnerungen von 20 Kardinälen. 2. Teil


Gabriel Zubeir Wako.

Gabriel Zubeir Wako.

SEINE REISE IN DEN SUDAN
von Kardinal Gabriel Zubeir Wako
Erzbischof von Khartum

Meine lebhafteste und freudvollste Erinnerung an Papst Johannes Paul II. rankt sich um jene neun Stunden, die ich am 10. Februar 1993 mit ihm verbringen durfte; jenem Tag, an dem er zum ersten Mal in den Sudan reiste. Wie sollte ich seine Ankunft am Flughafen vergessen, wo er – nachdem er aus dem Flugzeug gestiegen war – den Boden küsste und sagte: „Der Friede sei mit euch.“ Wie hätte man nicht zutiefst berührt sein sollen von dieser Geste der Liebe des Heiligen Vaters! Wer die Situation im Sudan kennt, weiß, was sein Kommen und diese Geste in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wie dem uns­rigen bedeutete. Er gab den Diplomaten und den Regierungsvertretern gegenüber unmißverständlich zu verstehen, daß er im Namen des Friedens gekommen war; daß er seine verfolgten Kinder besuchen wollte, die soviel Unrecht erdulden mußten. Er war sichtlich zufrieden, zum ersten Mal in einem fundamentalistisch-islamischen Land öffentlich die Eucharistie feiern zu können. Der Papst hat uns allen mit seinem kurzen Besuch neue Hoffnung gegeben. 10 Jahre nach diesem Besuch, im Jahr 2003, gefiel es dem Heiligen Vater, mich ins Kardinalskollegium zu berufen. „Sie kommen aus dem geliebten afrikanischen Kontinent,“ sagte er zu mir. „Der Kirche von Khartum und dem gesamten sudanesischen Volk sei unser steter Dank und Segen gewiß.“ Zutiefst bewegt sagte ich ihm, daß es mein größter Wunsch sei, getreu dem Vorbild meines Vorgängers und Gründers der sudanesischen Kirche zu folgen: dem hl. Daniele Comboni.


Justin Francis Rigali

Justin Francis Rigali

WIE SAMSON KRAFT AUS DEN HAAREN
ZOG , ZOG SIE WOJTYLA
AUS DEM GEBET
von Kardinal Justin Francis Rigali
Erzbischof von Philadelphia

Als die Wahl von Papst Johannes Paul II. angekündigt wurde, befand ich mich gerade auf dem Balkon des Staatssekretariats. Tags darauf wurde ich dem Papst vorgestellt; ich war damals Direktor der englischsprachigen Abteilung des Staatssekretariats. Ich war an dem Abend dabei, als der Papst Bischof Deskur seinen Besuch abstattete, einem polnischen Jugendfreund, der einen Schlaganfall erlitten hatte. Dieses erste Mal, daß der Papst den Vatikan verließ, stand also ganz im Zeichen seines großen Mitgefühls, seiner Loyalität und seiner Barmherzigkeit: er wollte einem Kranken beistehen. Sein Pontifikat begann also im Zeichen der Barmherzigkeit, der Großzügigkeit, der pastoralen Liebe und der Energie. Der Energie, sich selbst zu geben, sich dem Reich Gottes und dem Volk Gottes mit vollkommener Hingabe zu schenken.
Dann begann der Papst, zu reisen, und die erste von vielen glücklichen Gelegenheiten, den Papst in Länder zu begleiten, wo englisch gesprochen wird, war seine dritte internationale Reise, die ihn nach Irland und in die Vereinigten Staaten führte. 400.000 Menschen erwarteten ihn an der Galway Bay, an der irischen Westküste; es waren größtenteils junge Menschen, und der Papst wurde 42mal von tosendem Applaus unterbrochen. Besonders der 41. Applaus war unglaublich: er dauerte fast eine Viertelstunde. Was war der Grund gewesen? Er hatte den irischen Jugendlichen das gesagt, was er wenig später auch den Amerikanern und allen Jugendlichen der Welt sagen sollte: „Meine lieben Jugendlichen, ich liebe euch!“. Und da erkannte ich seine Methode: er wollte das Wort Gottes verkünden, die Jugendlichen dazu bringen, etwas aus ihrem Leben zu machen, ihnen – wie uns das II. Vatikanische Konzil lehrt – sagen, daß ihre Erfüllung in Jesus Christus liegt, daß nur Er das Leben und die Menschheit erklärlich machen kann, und daß sie sich vor all dem vorsehen sollten, was sie dieses Erbes und ihrer Freiheit berauben könnte. Die Jugendlichen verstanden, daß er sie liebte – und zwar auch, obwohl er wußte, daß sie vielleicht nicht alles akzeptierten, was er bekräftigte – und das hat man dann ja in Rom gesehen, an den unzähligen Jugendlichen, die gekommen sind, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.Ich begleitete den Papst auf seiner Reise nach Marokko, wo er in aller Offenheit zu den 60.000 Jugendlichen sprach, die ihn erwarteten, alle Muslime. Er sagte, daß sich die Völker unterschiedlicher Religionen gegenseitig respektieren müßten, auch in der Verschiedenheit, deren größte in unserem Glauben an Jesus Christus liegt. Er meinte, daß wir alle das Geschenk der Menschheit gemeinsam hätten, daß wir alle Kinder Gottes seien, und daß es für die Welt dringend notwendig sei, daß wir eine von Frieden und Respekt geprägte Beziehung zueinander hätten. Um sein gesamtes Pontifikat zu verstehen, muß man allerdings, wie ich glaube, seine erste Enzyklika verstehen, Redemptor hominis. Papst Johannes Paul II. war nämlich davon überzeugt, daß das Konzil recht hatte zu bekräftigten, daß es Jesus ist, der den Menschen dem Menschen erklärlich macht und daß wir Gott durch Jesus erkennen, Glanz des Vaters. Und Papst Wojtyla, der sowohl die Schrecken der Nazi-Zeit als auch die des Kommunismus erlebt hatte, kannte den Wert der Menschenwürde und wußte, daß nichts toleriert werden kann, was sie schwächt oder zerstört.Die unermüdliche Energie dieses Papstes war für alle offensichtlich. Wie Samson im Alten Testament, dessen enorme Kraft in seinen Haaren lag – eine Kraft, die abnahm, wenn ihm diese geschnitten wurden –, so zog Johannes Paul II. Kraft aus seinem Leben des Gebets, und das ist auch der Grund, warum wir ihn immer beten gesehen haben. Ich erinnere mich noch an einen Abend in Afrika, als er – am Ende eines sehr intensiven Tages voller Begegnungen, Ansprachen – nachdem er zu Abend gegessen hatte, noch dem Sicherheitspersonal, den Köchen danken wollte, und ihm der Diözesanbischof einfach noch weitere Personen vorstellte... Erst sehr viel später ebbte die Menschenschlange endlich ab. Und da konnten ein polnischer Kollege und ich ein paar Worte mit dem Papst wechseln, uns kurz über den miteinander verbrachten Tag und die vielen Dinge, die wir getan hatte, unterhalten. Er war sehr zufrieden, aber sichtlich müde. Doch nur zwei Minuten später erhob er sich und begab sich in die Kapelle, um das Allerheiligste Altarsakrament zu besuchen. Dort brachte er fast eine halbe Stunde zu, und als er herauskam und wir ihn ansahen, hatten mein Kollege und ich beide denselben Eindruck: er war bereit, weiterzumachen, war wie neugeboren. Draußen begannen die Jugendlichen, zu singen, und der Papst ging ans Fenster, um sie zu grüßen, er sang ein bißchen mit ihnen, und erst dann zog er sich zur verdienten Nachtruhe zurück. So war Johannes Paul II., und man kann ihn nur verstehen, wenn man sein Geheimnis kennt, die Quelle seiner Energie, aus der er mehr als 26 Jahre lang schöpfte. Es ist leicht, am Anfang Gutes zu tun, er aber hat es, wie Jesus, bis zum Schluß getan. Eine ganz besondere Papstreise war die nach Mexiko, weil der Papst dort vor dem Bildnis Unserer Lieben Frau von Guadalupe niederkniete und verstand, zu welcher Sendung ihn Gott berufen hatte. Er sagte damals, daß die Kirche, um Christus treu zu sein, der Menschheit dienen muß, und er war sehr stolz auf den Titel „Servus servorum Dei“, Diener der Diener Gottes, wie schon Gregor der Große. Das war seine Herausforderung, sein Zweck, seine Sendung. Aber dann ließ er uns in sein Geheimnis eintreten: all diese Jahre hat er uns zu beten gelehrt; uns gelehrt, uns zum Herrn zu wenden und um Kraft zu bitten, weil wir, wenn wir unsere Sendung erfüllen wollen, zum Herrn im Allerheiligsten Altarsakrament gehen müssen. Er hat uns die Eucharistie gelehrt, und am Ende ist er im Jahr der Eucharistie gestorben. Er hat uns, wie er am Anfang gesagt hat, die Barmherzigkeit gelehrt. Und in Dives in misericordia hat er geschrieben, daß die Barmherzigkeit die größte Eigenschaft Gottes ist. Und was ist die Barmherzigkeit? Die Liebe Gottes, die in Kontakt tritt zu unserer Schwäche, zu unserer Bedürftigkeit, unseren Sünden. Der Papst hat den Menschen gesagt, daß sie nicht den Mut verlieren sollen, weil uns Christus im Bußsakrament die Vergebung anbietet, weil Er barmherzig ist. Die Barmherzigkeit ist die Liebe Gottes unseren Sünden gegenüber. Der Papst hat nicht nur diese Enzyklika geschrieben, sondern auch Schwester Faustina Kowalska von Krakau seliggesprochen, die Privatoffenbarungen über die göttliche Barmherzigkeit hatte. Die Lehre der Kirche kommt jedoch nicht von ihr, sondern von der Heiligen Schrift. Schwester Faustina wurde am zweiten Sonntag in der Osterzeit des Jahres 1993 seliggesprochen, den Johannes Paul II. in der Folge „zweiten Sonntag in der Osterzeit oder Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit“ nannte. Und der Papst ist in der ersten Vesper des zweiten Sonntags in der Osterzeit oder Sonntags der göttlichen Barmherzigkeit gestorben, nachdem sein Sekretär, Erzbischof Stanislaus Dziwisz, in seinem Zimmer die Eucharistie gefeiert hat. In Rom konnte man überall Plakate sehen, auf denen hinter dem Gesicht des Papstes das Bild des Barmherzigen Jesus zu erkennen ist. An jenem Sonntag habe ich die Messe in meiner Kathedrale gefeiert und die Gläubigen daran erinnert, daß sie dieselben Lesungen vernommen hatten, denen der Papst, kurz vor seinem Tod, gelauscht hatte.Die Barmherzigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Pontifikat. Der Papst betrachtete sich als einen Apostel der göttlichen Barmherzigkeit, aus der sich seine Liebe erklärt, seine vollständige Hingabe, und schließlich sein Tod, der die Krönung seines mit so vollständiger Großzügigkeit gegebenen Lebens war. Daraus erklärt sich, daß sein Gesicht im Tod so friedlich und gelöst wirkte; weil er eben seine Sendung zu Ende geführt hatte, die Sendung dessen, der die Barmherzigkeit Gottes verkündet und die Würde eines jeden Menschen verteidigt, ganz gleich, ob Mann, Frau oder Kind.

Tarcisio Bertone.

Tarcisio Bertone.

DAMIT CHRISTUS,
WENN ER WIEDERKOMMT,
WIEDER DEN GLAUBEN VORFINDET
von Kardinal Tarcisio Bertone
Erzbischof von Genua

Vor einem Jahr wurde ich gefragt, ob ich nach meiner Versetzung nach Genua nicht Heimweh nach Rom gehabt hätte. Ich antwortete, daß ich nur die Begegnungen mit Johannes Paul II. vermissen würde, die alle zwei Wochen, manchmal auch jede Woche stattfanden.
Nachdem ich am 16. Oktober 1978 die Verkündigung des „Gaudium magnum“ miterleben durfte, begann 1979 meine Arbeit für den Hl. Stuhl und für den Papst. Ich war als Konsultor für verschiedene Dikasterien der römischen Kurie tätig, insbesondere für die Kongregation für die Glaubenslehre; eine Tätigkeit, in deren Rahmen ich – dank des von Kardinal Ratzinger in mich gesetzten Vertrauens – häufig an den Studientagen des Heiligen Vaters teilnehmen durfte, die normalerweise dienstags stattfanden, was schließlich ermöglichte, daß mich der Papst am 13. Juni 1995 zum Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre ernannte.Im Gegensatz zu dem, was die Medien – besonders zu Beginn seines Pontifikats – verbreiteten, war Johannes Paul II. kein autoritärer Papst, sondern ein Mann, der mehr als andere zu fragen und zuzuhören pflegte.Er stellte tiefgreifende Fragen, schaute dir dabei direkt in die Augen und erwartete motivierte Antworten. Er konnte aber auch scherzen, wirklich geistreiche Bemerkungen machen und auch über Themen plaudern, die über die Tagesordnung hinausgingen (wie die Fußballweltmeisterschaft 1998).Bei den Arbeitssitzungen erteilte er mir immer mit folgenden Worten das Wort: „Und jetzt wollen wir hören, was der Rector Magnificus der Salesianer-Universität zu sagen hat“. Als er mich 1991 zum Erzbischof von Vercelli ernannte, und ich vor meiner Abreise aus Rom zu ihm ging, um mich von ihm zu verabschieden, hängte er mir ein Brustkreuz um, ein überaus wertvolles Geschenk. Sein Sekretär, Msgr. Stanislaus, fragte den Heiligen Vater: „Wie werden wir Don Bertone nun nennen, wo er nicht mehr Rector Magnificus ist?“, worauf der Papst schlagfertig antwortete: „Erzbischof Magnificus natürlich!“, und dann mußte er lauthals lachen. Der päpstliche Fotograf schoß gerade in diesem Moment ein Foto, und dieses Bild mit dem Papst, der neben mir steht und herzhaft lacht, steht noch heute auf dem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer in Genua.Über die Sonderaudienzen mit Johannes Paul II. habe ich ein Tagebuch geführt, in dem ich heute gerne wieder lese; es sind Seiten, aus denen sein Wissensreichtum hervorgeht, und zwar sowohl, wenn er eine Enzyklika vorbereitete, wie Fides et ratio, oder die Erklärung Dominus Iesus, oder auch, wenn er mit väterlichem Verständnis die Probleme der Priester behandelte, die Probleme von Eheleuten oder die von Hunderten von Gläubigen, Katholiken und Nicht-Katholiken.Der Reichtum seiner Lehren ist eine unerschöpfliche Quelle, und zwar sowohl, was den Wagemut bei dem Bestreben angeht, Glaube und Wissenschaft, Kirche und Modernität, miteinander in Einklang zu bringen, als auch den Ansatz des ökumenischen und interreligiösen Dialogs, aber auch den neuen Stil, mit der Inspiration eines christlichen sittlichen Projekts die sozialen und ökonomischen Problematiken weltweit zu beleuchten.Aber Johannes Paul II. hat vor allem für die Fähigkeit Zeugnis abgelegt, die Jugendlichen Christus zuzuführen, dem höchsten Ziel einer jeden menschlichen Erwartung. In einer seiner schönsten Ansprachen hat er gestanden, daß er sein Leben geben wolle, damit Christus, wenn er wiederkommt, auf der Erde in den Menschen den Glauben vorfindet. Dieses konkrete Ideal, das das Ideal des Reiches Gottes ist (Don Bosco sagte: „Die Politik des Vaterunser“), ruft unser ganzes Engagement auf den Plan.

José Saraiva Martins.

José Saraiva Martins.


DER PAPST, DER IN DIE FERNE BLICKTE
von Kardinal Saraiva Martins

Es kam oft vor, daß die Fernsehkameras Johannes Paul II. zeigten, während sein Blick – inmitten der Menschenmengen – in die Ferne schweifte. Ja, ich glaube nämlich, daß er mehr als jeder andere alles zu betrachten verstand, einen jeden mit dem Blick eines tiefen Glaubens ansah, eines gelebten, fast schon greifbaren Glaubens.
Mit dem Tod Johannes Pauls II. ist einer der größten Päpste der Kirchengeschichte von uns gegangen. Sein Pontifikat war nicht nur eines der längsten, sondern auch eines der intensivsten und fruchtbarsten, ein wahres Geschenk Gottes an die Kirche an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend.Wir haben sicher noch alle die Worte in den Ohren, die der neugewählte Papst „aus einem fernen Land“, an jenem denkwürdigen 22. Oktober 1978 äußerte: „Fürchtet euch nicht. Öffnet die Tore für Christus, seiner erlösenden Macht.“Diese wahrlich prophetischen Worte, mit denen der neugewählte Papst sich der Kirche und der Welt vorstellte, enthalten bereits den Kern des breitangelegten Programms seines Pontifikats, auf Christus aufgebaut, Erlöser des Menschen, wie der Titel seiner Antrittsenzyklika heißt.
Wojtylas Pontifikat war ein außergewöhnlich reiches Pontifikat. Reich ist das Erbe seines Amtes in Glaubenslehre und Pastoral, von dem die Kirche, in der Zukunft, nicht mehr absehen können wird, in der Ausübung ihrer Sendung unter den Menschen unserer Zeit.
Einige Aspekte des Pontifikats des polnischen Papstes verdienen aufgrund ihrer großen Bedeutung und brennenden Aktualität eine genauere Betrachtung.
Vor allem seine Pastoraltätigkeit, die auf allen Ebenen des Lebens der Kirche und der heutigen Gesellschaft unermüdlich und extrem effizient war. Am besten wird das anhand seiner zahlreichen apostolischen Reisen deutlich. Johannes Paul II. leitete eine neue Vorgangsweise des Papstes ein: indem er reiste, sich auf den Straßen der Menschen auf den Weg gemacht hatte, um sozusagen der Realität der verschiedenen Ortskirchen auf den verschiedenen Kontinenten ins Auge zu blicken und allen Menschen und allen Völkern das Evangelium zu verkündigen. Johannes Paul II. war so, in den mehr als 26 Jahren seines Pontifikats, der erste und größte Missionar. Es handelt sich um eine Anschauung des Petrusdienstes in perfektem Einklang mit den Erfordernissen der Zeit.
Ein anderes Merkmal des Pontifikats von Papst Wojtyla war seine konstante und väterliche Nähe zum Menschen von heute. In seiner Enzyklika Redemptor hominis sagt er, daß „der Mensch der Weg der Kirche“ ist. Eine Behauptung, die von enormer pastoraler Relevanz ist, und die der Papst nie vergessen hat. Er war dem Menschen immer nah, seinen Problemen, und hat stets, mit großem Mut, die Würde der menschlichen Person verteidigt, deren legitime Bestrebungen, ihre grundlegenden, und daher, sakrosankten, unveräußerlichen, Rechte. Zu Recht konnte Don Giussani anläßlich des 25. Jahrestags seines Pontifikatsbeginns sagen: „In Johannes Paul II., in seiner Person, definiert das Christentum die menschliche Befindlichkeit, liegt die Straße zur Erfüllung der menschlichen Glückseligkeit.“ Dank Karol Wojtyla ist sich die Welt dessen bewußt geworden, daß das Christentum dazu neigt, wirklich die Verwirklichung des Menschlichen zu sein. In seinem letzten Buch schrieb der Papst jene Worte nieder, die dem Genius des Christentums entsprechen: „Gloria Dei vivens homo“, die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch.
Der Papst hat uns oft daran erinnert, daß jeder Affront gegen den Menschen ein schwerer Affront gegen Gott ist, der ihn nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Man darf nicht vergessen, daß sich Johannes Paul II. gerade durch sein hartnäckiges Eintreten für die Verteidigung des Menschen auch Angriffen und Bösartigkeiten ausgesetzt hat. Er wird für immer ein mutiger und glaubhafter Zeuge der Menschenwürde bleiben.
Aber Johannes Paul II. wird auch als der Papst des Friedens unter den Menschen und unter den Völkern in die Geschichte eingehen. Seine jährlichen Botschaften zum Weltfriedenstag sind hervorragende Lektionen zu diesem wertvollen Geschenk, das Christus, der Friedensfürst, auf die Erde gebracht hat. Und seine häufigen und leidenschaftlichen Appelle für den auf die Wahrheit gegründeten Frieden, die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Liebe, die Vergebung und die Aussöhnung, sind auch Aufrufe zur Verpflichtung, die allen Menschen auferlegt ist – Gläubige oder auch nicht –: wahre und überzeugte Baumeister des Friedens zu sein.
Ein anderer grundlegender Aspekt des Pontifikats des Papstes ist der der Heiligkeit. Papst Wojtyla hat mehr Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen als alle seine Vorgänger zusammen seit 1588, dem Jahr, in dem das Dikasterium der Selig- und Heiligsprechungsprozesse geschaffen wurde. Die Heiligkeit liegt im DNA der Kirche Christi. Ist eines ihrer Bestandteile. Und in Novo millennio ineunte sagt er, daß der Zweck der gesamten Pastoralaktivität der Kirche der ist, in den Gläubigen die Sehnsucht nach der Heiligkeit zu wecken (Nmi, 37).
Und schließlich wird Johannes Paul II. auch als Papst der Jugendlichen in die Geschichte eingehen. Seit Anbeginn seines Pontifikats hat sich zwischen ihm und den Jugendlichen ein wirkliches feeling eingestellt. Die Jugendlichen liebten den Papst, und der Papst liebte die Jugendlichen, in denen er zu recht die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft sah. Besonders bedeutungsvoll war folgende, an sie gerichtete Aufforderung: „Meine lieben Jugendlichen, fürchtet euch nicht davor, die Heiligen des dritten Jahrtausends zu sein.“


Paul Poupard.

Paul Poupard.

WIE PETRUS sAGtE er: „HERR,
DU WEISST, DASS ICH DICH LIEBE“
von Kardinal Paul Poupard

Genau hier, in San Callisto, nahm ich mein erstes Abendessen mit dem damaligen Erzbischof von Krakau ein. Er wußte, daß ich im Staatssekretariat arbeitete und bat mich, ihm jenes „mysteriöse Ding“ zu erklären, das die Büros des Apostolischen Palastes für ihn darstellten. Ein anderes Mal, in Laibach, erzählte mir Kardinal Wojtyla nach einem Theaterbesuch, daß auch er sich als junger Mann als Schauspieler versucht hatte. Ein paar Monate nach seiner Ernennung zum Papst empfing er mich, und wir unterhielten uns u.a. über Paris. So erfuhr ich, daß er am Institute catholique Französisch studiert hatte. Dann stellte er mir folgende Frage: „Sie haben so lange für meinen großen Vorgänger gearbeitet, Paul VI.: erzählen Sie mir doch von ihm!“. Wieviele Treffen hat es danach mit Papst Wojtyla gegeben...! Das letzte, Mitte Dezember vergangenen Jahres, war ein gemeinsames Mittagessen. Ich zeigte ihm das Brustkreuz, das Seine Heiligkeit, der Patriarch von Moskau, Alexej II., mir als Zeichen der Glaubensgemeinschaft geschenkt hatte, sowie die Fotos meiner Begegnung mit Alexej. Worauf der Papst meinte: „Die Kultur ist der Schlüssel zur Begegnung.“ Was könnte ich noch mehr über ihn sagen? Daß er ein Mann von ganz außergewöhnlicher Menschlichkeit war, die in vollkommenem Einklang mit seinem Glauben stand. Und das immer im Kreuz Christi.
Nie werde ich die mit ihm konzelebrierten Messen vergessen, besonders die in der Privatkapelle. Vor allem eine. Wir waren nur wenige Personen, und er forderte mich auf, die Lesung des Evangeliums zu übernehmen. Es war das Johannes-Evangelium, dort, wo der Herr zu Petrus sagt: „Simon, liebst du mich?“. Und jedes Mal, wenn Jesus diese an Simon gerichtete Frage wiederholte, antwortete er, der vor mir stand, stumm, sozusagen mit seinem Körper: er faltete seine Hände noch fester in Gebetsgeste, führte sie an sein Gesicht, schloß die Augen und antwortete voller Inbrunst: „Herr, du weißt, daß ich dich liebe.“


Jean-Louis Tauran.

Jean-Louis Tauran.

DAS VON IHM HINTERLASSENE ERBE
von Kardinal Jean-Louis Tauran

Ich bin der Meinung, daß das von Papst Johannes Paul II. hinterlassene Erbe das eines großen Zeugen ist. In den 13 Jahren, in denen ich Sekretär für die Beziehungen des Hl. Stuhls mit den Staaten war, hatte ich das Privileg, jeden Mittwoch empfangen zu werden, um ihn über die aktuelle internationale Situation zu informieren und Anweisungen zu erhalten.
Von diesen Unterhaltungen ist mir vor allem das Zeugnis eines Kirchenmannes im Gedächtnis geblieben, der ganz in Gott versunken lebte. In Anbetracht dessen, was ich gesehen habe, habe ich oft bekräftigt, daß alle großen Entscheidungen oder päpstlichen Stellungnahmen nicht so sehr am Schreibtisch entstanden waren, sondern auf Knien vor dem Tabernakel der Privatkapelle.
Mir scheint auch, daß Papst Johannes Paul II. ein leidenschaftlicher Verfechter der Würde der menschlichen Person und ihrer grundlegenden Rechte war, ganz besonders des Rechtes auf Gewissens- und Religionsfreiheit.
Die persönliche Erfahrung der beiden totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts machte ihn für die Gefahren noch sensibler, die sich dem Menschen unserer Tage durch Systeme stellen, die die spirituelle Dimension zunichte machen. Der Materialismus, der Kommunismus, einige Abartigkeiten auf dem Gebiet der Biotechnologie, die Schwächung der Familie oder – schlimmer – die Mißachtung des Lebens wurden von ihm als ebenso schädlich betrachtet wie die Ideologien des vergangenen Jahrhunderts. Sein Wirken im Dienst der Menschheit brachte ihn dazu, die internationale Gesellschaft als eine Nationengemeinschaft zu verstehen, in der die wohlhabenderen den weniger wohlhabenden unter die Arme greifen... wie in einer Familie! In den diplomatischen Beziehungen wurde Johannes Paul II. nie müde, seinen Gesprächspartnern gegenüber zu betonen, daß Recht und Gerechtigkeit die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden sind.
Seine Person, seine Lehren und seine apostolischen Reisen haben der Kirche sicherlich eine Sichtbarkeit verliehen, die es ihr erlaubt hat – und auch weiterhin erlauben wird – ihre spirituelle Sendung besser zu erfüllen, ihr ökumenisches Engagement und ihren Beitrag zum interreligiösen Dialog. Sie wiederum hat ihm – entlang des Weges der Menschen – das Geschenk gemacht, ein Weggefährte zu sein, der in aller Einfachheit daran erinnert, daß „der Mensch nicht allein vom Brot lebt.“


Francesco Marchisano.

Francesco Marchisano.

DIESE MESSE IM GEMELLI-KRANKENHAUS
von Kardinal Francesco Marchisano

Ich bin Karol Wojtyla im Jahr 1962 begegnet. Ich glaube, daß nur wenige ihn schon so lange kannten. Ich arbeitete in der Kongregation für das katholische Bildungswesen und war damit betraut, die Seminare der Nationen zu betreuen, die englisch- oder deutschsprachig waren, die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs und die kirchlichen Kollegien Roms. Wenige Tage vor dem Konzil kam der Rektor des polnischen Kollegs zu mir und meinte: „Sie müssen mir einen Gefallen tun.“ Als ich ihm antwortete, daß ich das nur allzu gerne tun würde, sagte er: „Ich habe gerade die polnischen Bischöfe hier in meinem Kolleg, und sie wissen nichts über Italien, haben so viele Dinge – Positives und Negatives – gehört. Können Sie sie nicht ein wenig aufklären?“. Ich war damals noch sehr jung und fühlte mich bei diesem Gedanken sehr unbehaglich, aber der Rektor wollte keine Ausflüchte gelten lassen. Ich hatte gerade noch Zeit, mich ein wenig auf die Begegnung vorzubereiten. Ich sprach eine Stunde und 20 Minuten lang, drückte mich in einfachen, kurzen Sätzen aus, auf polnisch – ich habe nicht mehr als Grundkenntnisse – und auf italienisch. Am Schluß dankten mir die polnischen Bischöfe so überschwenglich und herzlich, daß ich fast schon beschämt war. Der letzte in der Reihe war der junge Weihbischof von Krakau, Msgr. Wojtyla, den ich nicht kannte. Er sagte folgende Worte in einem damals noch recht gebrochenen Italienisch zu mir: „Ich danke Ihnen, ich habe alles verstanden, was Sie gesagt haben, und wenn ich es verstanden habe, dann haben es alle Bischöfe Polens verstanden.“ Dann machte er mit der Hand eine Geste, wie um eine Barriere zu bezeichnen, und fuhr fort: „Wir sind von Europa abgeschnitten; wir wissen nicht, ob wir, wenn das Konzil vorbei ist, nach Rom zurückehren können. Aber wenn doch, können wir uns dann wieder treffen? Sie sagen, was Sache ist...“ „Exzellenz, es wäre mir eine Freude!“ antwortete ich.
In der Folge wurde er zum Erzbischof von Krakau und Präsidenten der bischöflichen Kommission für die polnischen Seminare und theologischen Fakultäten ernannt, und ich wurde Untersekretär der Kongregation für das katholische Bildungswesen. Zwischen 1962 und 1978 ist er mindestens 40 oder 50mal nach Rom gekommen, wenn nicht öfter.
Ich möchte nur noch eines erwähnen, was mich schon immer beeindruckt hat: seine grenzenlose Menschlichkeit. Ich habe ihn einmal in Krakau besucht. Er wollte mir um jeden Preis sein Zimmer anbieten, das sehr schlicht war (das Bett war eigentlich nicht viel mehr als ein Lattenrost mit Matratze...), aussah wie die Zelle eines Mönches, äußerst spartanisch eingerichtet. „Entschuldigen Sie, Eminenz, aber das ist doch Ihr Zimmer, ich werde schon irgendwo anders unterkommen,“ beeilte ich mich zu sagen. Und Kardinal Wojtyla antwortete: „Ja, ja, unter dem Dach sind noch ein paar Zimmer, aber da liegt zentimeterhoch der Staub... Ich werde der Schwester sagen, daß sie ein bißchen saubermachen soll und dann werde ich dort schlafen, Sie bleiben hier.“
Seine Menschlichkeit... Er kam mich besuchen, als ich einen Herzanfall erlitten hatte, und auch vor fünf Jahren, als, nach einer Operation an der Halsschlagader, mein rechtes Stimmband paralysiert geblieben war (als ich aus der Narkose erwachte, war ich so gut wie stumm, mußte mich sieben Monate lang täglich einer Logotherapie unterziehen). Als ich wieder zu Hause war, rief mich der Papst an und lud mich zum Mittagessen ein, was er schon oft getan hatte. Er erkundigte sich sofort nach meinem Befinden. Wir setzten uns, und da ich immer noch nicht gut sprechen konnte, saß er während des ganzen Essens mit auf dem Tisch gestützten Ellbogen und der Hand am Ohr da, sichtlich bemüht, die wenigen Worte zu verstehen, die ich hervorbrachte. Nach dem Essen stand er auf, kam zu mir herüber und strich mir mitfühlend über die Stelle des Halses, wo ich operiert worden war. Dann sagte er in väterlichem Ton: „Haben Sie keine Angst; Sie werden Ihre Stimme schon wieder bekommen, wir werden zum Herrn beten.“
Ein so menschlicher Papst, und immer zum Scherzen aufgelegt... Im Jahr 1976 predigte ich die geistlichen Exerzitien vor der Kurie. Eines Tages im Jahr 1977 machte mich der Amtsdiener darauf aufmerksam, daß mich Kardinal Wojtyla sehen wollte. Er hatte mich nicht rechtzeitig unterrichtet, und so warteten bereits viele Personen auf mich. Ich mußte ihn fast eine Stunde lang warten lassen! Als ich ihn empfing, bat ich ihn um Entschuldigung, aber er blockte sofort ab: „Ich habe Sie ja auch nicht vorher angerufen!“ So setzten wir uns, und ich konnte ihm mitteilen, daß wir das Problem gelöst hatten.
Die kommunistische Regierung Polens hatte nämlich ein Dekret erlassen, laut dem die Dozenten der polnischen theologischen Universitäten nicht den Professorentitel tragen dürften, und falls sie es doch tun sollten, zog das Strafen nach sich, da die päpstlichen Universitäten nicht vom Staat anerkannt waren. Aber er wußte bereits, daß die Frage gelöst war, und war sehr zufrieden darüber. „Ich habe Ihnen ein Geschenk mitgebracht,“ sagte er. „Aber Eminenz, Sie wissen doch, daß wir während der Arbeitszeit in der Kurie nichts annehmen dürfen!“, lautete meine Antwort. „Es ist aber ein persönliches Geschenk,“ antwortete er, und zog das Buch Zeichen des Widerspruchs hervor. „Wissen Sie, daß ich im vergangenen Jahr die Exerzitien gepredigt habe? Die katholische Universität Mailand hat meine Meditationen gedruckt, und ich möchte sie Ihnen schenken.“ „Na ja, ein Buch kann ich natürlich annehmen,“ wandte ich ein. Als ich es öffnete, stand da eine handgeschriebene Widmung zu lesen, eine sehr schöne, wie die anderen, mit denen mich der Papst noch beehren sollte. Ich erklärte ihm, daß es mir durch meine Arbeit in der Kongregation leider nicht möglich gewesen wäre, eine ganze Woche für die geistlichen Exerzitien im Vatikan zur Verfügung zu haben, weshalb ich meine Ferien dafür genutzt hätte. Da setzte er eine ernste Miene auf und sagte: „Sie sind nicht zu meinen geistlichen Exerzitien gekommen?“. „Eminenz, ich bin nicht gekommen.“ „Sie haben nicht eine einzige Predigt gehört?“. „Nein, nicht eine einzige.“ Wir saßen nah nebeneinander, und da ergriff er meinen Arm, drückte ihn fest, und sagte: „Da haben Sie auch nichts verpaßt!“.
Als ich mich einer Herzoperation unterziehen mußte, war auch er im Gemelli-Krankenhaus wegen eines Eingriffs an der Hüfte, und eines Samstags kam Msgr. Stanislaus zu mir, weil der Papst zu seinen Besuchern stets zu sagen pflegte: „Sie müssen unbedingt Msgr. Marchisano besuchen: wir wetten schon, wer wohl zuerst entlassen wird!“. Don Stanislaus teilte mir mit, daß der Papst wollte, daß ich am nächsten Morgen, einem Sonntag, mit ihm gemeinsam die Messe zelebrieren würde, da er bettlägrig war. Am Morgen darauf fühlte ich mich bereits besser und ging zu ihm. Ich begrüßte ihn; in dem Zimmer war nur eine Schwester, die ihm, da er nicht aufstehen konnte, eine Stola umlegte. Und so zelebrierten wir die Messe.
Am Ende sagten wir gemeinsam ein Dankgebet. Dann näherte ich mich ihm und sagte: „Heiliger Vater, ist Ihnen nicht aufgefallen, daß in dieser halben Stunde etwas sehr Merkwürdiges passiert ist?“. „Was denn?“. „Etwas sehr Wichtiges,“ beharrte ich, lächelnd. Und er fragte wieder: „Was ist denn passiert?“. „Sie haben eine halbe Stunde mit mir als Erstzelebrantem konzelebriert, obwohl Sie der Papst sind. Eine halbe Stunde lang war ich also das Oberhaupt der Kirche!“. Da klatschte er anerkennend in die Hände und rief aus: „Gut, gut!“, und mußte lauthals lachen...
Es gibt noch viele Episoden, die die unendliche Menschlichkeit dieses außergewöhnlichen Mannes beschreiben.
Als ich meinen ersten Herzinfarkt erlitt, kam Kardinal Wojtyla, der mich im Büro hatte aufsuchen wollen, als man ihm von meinem Zustand unterrichtet hatte, sofort zu mir nach Hause. Meine Cousine, die sich um mich kümmerte, machte ihm die Tür auf und sagte ihm, daß er mich nicht besuchen könne, weil es der Arzt verboten hätte. Er aber wollte sich nicht abweisen lassen und beharrte darauf, hereinkommen zu wollen. Da kam meine Cousine zu mir und teilte mir mit, daß Kardinal Wojtyla an der Tür wäre. Ich hieß ihn hereinkommen. Er setzte sich an mein Bett, wie ein Bruder, und fing ein ungezwungenes Gespräch mit mir an (wie er es immer zu tun pflegte, wenn er mich in der Kongregation für das katholische Bildungswesen aufsuchte, um die Bücher zu konsultieren, die ihm interessant erschienen). Er leistete mir eine Stunde lang Gesellschaft. Nachdem er mich 1988 zum Bischof ernannt hatte, kam es noch das ein oder andere Mal vor, daß er meiner Cousine begegnete, und jedes Mal sagte er zu ihr: „Sie sind doch die Dame, die mich nicht in ihre Wohnung lassen wollte!“.
Ich war einmal in den Vereinigten Staaten, in Chicago, auf Einladung eines Kardinals, der mir sagte, daß einen Tag später drei polnische Bischöfe erwartet würden, die ihren Landsleuten in Chicago einen Besuch abstatten wollten. Einer davon war Wojtyla, der überrascht und erfreut war, mich dort anzutreffen. Er lud mich zu einer gemeinsamen Stadtbesichtigung ein, und so kam es wieder einmal, daß wir einträchtig nebeneinander her spazierten, Seite an Seite, wie zwei Brüder.
Als er dann so krank wurde, fielen mir all diese Dinge wieder ein, und ich empfand tiefes Mitgefühl für ihn.
Ich glaube, daß diese seine Menschlichkeit – sein Mit-anderen-Umgehen-Können, für jeden ein gutes Wort zu haben – ihn so liebenswert gemacht hat für all die vielen Menschen, die gekommen sind, ihm die letzte Ehre zu erweisen.


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