Apostolische Reise nach Deutschland
Der Papst bleibt sich treu: Gebt Zeugnis eures Glaubens
Was Papst Benedikt XVI. in seiner Heimat gesagt hat, kann als ein dringender Appell interpretiert werden, sich auf das Wesentliche zu besinnen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, zum Deutschlandbesuch des Papstes.
von Hans-Gert Pöttering
![Benedikt XVI. beim Besuch des Deutschen Bundestags (Berlin, 22. September 2011). [© Osservatore Romano]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/75-09-011.jpg)
Benedikt XVI. beim Besuch des Deutschen Bundestags (Berlin, 22. September 2011). [© Osservatore Romano]
Der Besuch Benedikts XVI. war ein bewegendes Erlebnis. Ein deutscher Papst kam in sein Heimatland. Er brachte eine zutiefst theologische Botschaft: die Erneuerung der Kirche kann nur durch die Bereitschaft zur Umkehr und einen erneuerten Glauben kommen. Er sprach so eindringlich und überzeugend von Gott, dass dies selbst für den Theologen in der Nachfolge Petri, für Benedikt XVI., überrascht hat.
Von herausragender Bedeutung war seine Rede im Deutschen Bundestag zum Auftakt seiner Reise in Berlin. Dort fragte er nach dem Kern politischen Handelns, den Grundlagen des Rechts und der Unterscheidung von Gut und Böse. Er stellte seine Gedanken in den großen Zusammenhang der europäischen Denktraditionen von griechischer Philosophie, römischem Rechtsdenken und jüdisch-biblischem Gottesglauben. Sie mache die „innere Identität Europas“ aus. Gerade Europa dürfe nicht auf eine ausschließlich positivistische Sicht bei der Suche nach einer gemeinsamen Grundlage für die Rechtsbildung eingeengt werden. Das verkürze die ganzheitliche Wirklichkeit des Menschen. Er verglich eine solche Beschränkung mit einem Betonbau ohne Fenster. Abgeschlossen von allen äußeren Einwirkungen verkümmere der Mensch. Dagegen könne er bei einer ganzheitlichen Sicht alle Einflüsse wahr nehmen. Hier kam wie in der Enzyklika Caritas in Veritate die „Ökologie des Menschen“ ins Spiel. Das Auftreten der ökologischen Bewegung sei ein „Schrei nach frischer Luft“ gewesen, den man nicht überhören dürfe. Der Mensch müsse auf die Sprache der Natur hören. Wenn er sie achte und sie annehme, wie sie nicht von ihm selbst geschaffen sei, vollziehe sich menschliche Freiheit. Da Normen aber nur aus Willen kommen könnten, setzten sie eine Anerkennung der „schöpferischen Vernunft“ Gottes voraus. Und, fragt Benedikt XVI. fast ein wenig provozierend: „Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?“.
Besonders eindringlich empfahl der Papst den Politikern das Beispiel des König Salomon, der sich ein „hörendes Herz“ gewünscht hatte, um wahres Recht zu suchen, um der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen.
Weil das Anliegen des Papstes im Bundestag in erster Linie theologisch und grundsätzlich war, ist er dort nicht auf die konkreten Herausforderungen der deutschen Kirche eingegangen, auch wenn das viele erwartet oder gehofft hatten. Ganz anders war seine Rede im Freiburger Konzerthaus, die manche irritiert hat. Hier wandte er sich vor allem an die deutsche Kirche. Er warb darum, sich jenseits allen institutionellen Denkens auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Begriff „Entweltlichung“ mag missverständlich sein, neu sind diese Gedanken Benedikts XVI. nicht. Er äußerte sie schon in den späten sechziger Jahren. Sie sind eine grundsätzliche, selbstkritische Sicht auf die ganze Kirche. Er betrachtete sie in historischer Perspektive und wies darauf hin, dass das Zeugnis der Kirche klarer werde, wenn sie „von materiellen und politischen Lasten befreit“ sei. Dann könne sie sich besser „wahrhaft christlichen Werten in der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Kirche werde umso glaubwürdiger, je mehr sie sich auf ihr eigentliches Feld, auf ihre Kernbotschaft, besinne.
Der Papst verstand dies, wie er selbst sagte, nicht als eine neue Taktik, der Kirche mehr Geltung zu verschaffen, sondern er wollte nach der „totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht.“
![Benedikt XVI. nach der Messe auf dem Erfurter Domplatz am 24. September. [© Osservatore Romano]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/79-09-011.jpg)
Benedikt XVI. nach der Messe auf dem Erfurter Domplatz am 24. September. [© Osservatore Romano]
Diese Aufforderung nach Konzentration auf das Eigentliche des biblischen Auftrags richtete sich nicht nur an die Katholiken in Deutschland. Sein Blick ging darüber hinaus auch auf Europa. Dort sind die Bedingungen des Miteinanders von Staat und Kirche über die Jahrhunderte hinweg sehr unterschiedlich gewachsen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig festzuhalten, dass Art. 17 des Vertrags von Lissabon jedem europäischen Land die Bewahrung seiner hergebrachten Beziehungen zwischen Staat und Kirche garantiert. Entscheidend ist, dass wir den Dialog mit den Kirchen aufrechterhalten und Anregungen, die der Papst uns gerade in Deutschland gegeben hat, in unsere Politik einbringen. Hier geht es um die Umsetzung christlicher Werte in die praktische Politik.
Denn auch darum hat Benedikt XVI. vor allem in seinen Predigten geworben: Der Gottesglaube dürfe nicht nur privat bleiben, sondern müsse sich im Einsatz in der Gesellschaft auswirken. Er hat Christen ermutigt, sich in die Gesellschaft einzubringen und Sauerteig zu sein. Es geht darum, christliche Werte prägend in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, aber auch die Sorgen der Menschen aufzunehmen und sie zu unterstützen. Das hat der Papst in seiner Predigt in Freiburg angesprochen, der Stadt der Caritas. Hier hat er ausdrücklich allen gedankt, die sich für ihre Nächsten bemühen, sei es in Kindergärten und Schulen, aber auch für die Benachteiligten und Bedürftigen in den vielen sozialen und karitativen Einrichtungen in Deutschland und weltweit. Das ist gerade für Politiker ein ganz wichtiger Impuls. Glaube hat Konsequenzen für unser Leben in der Gesellschaft und unser öffentliches Wirken. Daher ist es nötig, dass Katholiken sich weiterhin in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen und auch in sozialen Diensten praktische Hilfe leisten.
In diesem Sinn würdigte er in Erfurt das Engagement der Christen, die sich fest auf dem Fundament des Glaubens stehend gegen die totalitäre Vereinnahmung durch das DDR-Regime gewehrt hatten. Trotz widriger Umstände hätten sie treu zu Christus gehalten. Auch jetzt werden in Ostdeutschland innovative Wege gesucht, in einem weitgehend glaubensfernen Umfeld für den christlichen Glauben zu werben und gerade diejenigen anzusprechen, die Orientierung und Antworten auf letzte Fragen suchen.
Auch die Brücke, die Benedikt XVI. bei der Begegnung in Berlin zu den Muslimen baute, zeugt davon, dass der Pontifex als Brückenbauer auf die öffentliche Ausübung von Religion setzt. Er möchte ganz ausdrücklich, dass auch Muslime aus ihrer Religiosität heraus zum Gemeinwohl beitragen und so aus dem Glauben heraus für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft eintreten. Auch hierin spiegelt sich die Anerkennung unserer Beziehung von Staat und Religion wider, die auch für Muslime offen sein sollen.
Gerade weil es dem Papst bei dieser Reise vor allem um die Vertiefung des Glaubens ging, musste die Sehnsucht nach konkreten schnellen Veränderungen zwangsläufig unerfüllt bleiben. Dies gilt auch für die Fragen der Ökumene mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es war für sich genommen schon ein bedeutendes Zeichen, ja ein historischer Schritt, dass der Papst die Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Erfurt im Augustiner-Kloster getroffen hat. Dies ist ein Ort mit einer hohen Symbolkraft für deutsche Protestanten. Dort hat Martin Luther gelebt und gewirkt. Daher ist schon die Geste ein Zeichen der Offenheit gewesen. Eindringlich und mit Blick auf die Zukunft hat der Papst Martin Luther zitiert, in seiner Suche nach einem gnädigen Gott. Daraus hat er große Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen gegenüber der säkularen Umwelt abgeleitet, dass die großen Kirchen sich zusammen um die Gottesfrage mühen und in der säkularen Umwelt die Frage nach Gott wach halten müssten. Benedikt ging es um die Fundamente des christlichen Glaubens, um die Antwort auf die existentiellen Fragen nach dem Woher und Wohin.
![Benedikt XVI. mit Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) im Erfurter Augustinerkloster (23. September). <BR> [© Afp/Getty Images]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/80-09-011.jpg)
Benedikt XVI. mit Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) im Erfurter Augustinerkloster (23. September).
[© Afp/Getty Images]
Wegen der vielen offenen Fragen ist es sicher zu früh, jetzt schon eine Bilanz ziehen. Die Ergebnisse aus den vielfältigen intensiven Begegnungen mit dem Papst, seinen Impulsen und Anregungen, werden in den Diskussionen und Debatten der nächsten Wochen und Monate erarbeitet werden. Hier wird sich entscheiden, wie es gelingen kann, dass die Kirche in Deutschland sich in der Gegenwart bewährt und die einzelnen Gläubigen zu Zeugen in ihrem Umfeld für den Glauben werden können.
Für mich als Politiker und Katholik bleibt der Appell, mich auf die Grundlagen meiner Politik zu besinnen im Licht der Anregungen, die der Papst während seines Besuchs gegeben hat. Benedikt XVI. hat uns Deutsche mit seinem nicht immer einfachen, nicht immer bequemen Botschaften zum Nachdenken gebracht. Wir schulden ihm für seine Worte, für die Ermutigung den Glauben zu leben, für seinen Besuch in seinem Heimatland tiefe Dankbarkeit.
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