INDIEN. Die syro-malabarischen Gläubigen
„Unser Glaube ist der Glaube der Apostel, der vom hl. Thomas überliefert wurde“
Die apostolischen Wurzeln. Die Treue zu den Traditionen.
Die Beziehungen zu den Hindus und die Blüte eines Lebens, das keine Grenzen kennt. Die Beziehung zu Rom.
Interview mit George Alencherry, Großerzbischof der syro-malabarischen Kirche, anlässlich seines Besuchs bei Papst Benedikt XVI.
Interview mit George Alencherry, Großerzbischof der syro-malabarischen Kirche von Roberto Rotondo und Gianni Valente
Rom ist weit entfernt von Malabar. Aber wenn man die Nähe, die von der Communio Ecclesiarum zum Ausdruck gebracht wird, wirklich verstehen will, muss man nur das Band der unentgeltlichen und gegenseitigen Anerkennung betrachten, das die Kirche von Rom mit der syro-malabarischen Kirche verbindet. Zwei Realitäten, die fast 10 Jahrhunderte lang keinerlei rechtlich-institutionelle Beziehung zueinander hatten. George Alencherry, der im Mai dieses Jahres zum Großerzbischof dieser indischen Kirche orientalischen Ritus gewählt wurde, die ihre Entstehung dem Apostel Thomas zu verdanken hat, hat den Nachfolger Petri im Oktober an seinem Apostolischen Sitz besucht. Im Rahmen dieses Rombesuchs war das Oberhaupt der katholischen Gemeinschaft des orientalischen Ritus bereit, 30Tage zu einem Gespräch zu treffen.
Geführt wurde das Interview in der Domus Romana Sacerdotalis in der Via della Traspontina.
![Benedikt XVI. mit Seiner Seligkeit George Alencherry bei der Audienz für die Delegation der syro-malabarischen Kirche (Sala Clementina, Apostolischer Palast, Vatikan, 17. Oktober 2011). <BR>[© Osservatore Romano]]( http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/39-10-011bis.jpg)
Benedikt XVI. mit Seiner Seligkeit George Alencherry bei der Audienz für die Delegation der syro-malabarischen Kirche (Sala Clementina, Apostolischer Palast, Vatikan, 17. Oktober 2011).
[© Osservatore Romano]
GEORGE ALENCHERRY: Ich wurde im Mai vom Synod der syro-malabarischen Kirchezum Großerzbischof gewählt, und die Wahl wurde dann vom Papst bestätigt. Es war das erste Mal, dass nach dieser Prozedur verfahren wurde: die beiden Großerzbischöfe, die meine Vorgänger waren, waren nämlich direkt vom Heiligen Stuhl gewählt worden. Meine Wahl fand am 24. Mai statt; am 29. Mai erfolgte dann meine Amtseinführung als Großerzbischof und Erzbischof der Diözese Ernakulam – Angamaly. Mein Besuch beim Papst im Oktober war mein erster Besuch in meiner Eigenschaft als Großerzbischof, und begleitet hat mich dabei der Ständige Synod unserer Bischöfe. So hatte ich die Gelegenheit, meine Loyalität und meinen Gehorsam dem Nachfolger Petri gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Im Rahmen dieser Reise habe ich auch andere Dikasterien des Heiligen Stuhls besucht – u.a. natürlich die Kongregation für die Orientalischen Kirchen.
Über welche Themen haben Sie bei diesen Begegnungen im Vatikan gesprochen?
Wir haben viel über die Jurisdiktionsprobleme gesprochen, die unserem pastoralen Wirken im Wege stehen. Die Gläubigen der syro-malabarischen Kirche belaufen sich auf ca. 4Millionen; 3.400.000 davon leben in den 28 Diözesen in Indien. 18 dieser Diözesen (Kerala, ein Teil von Tamil Nadu und Karnataka) befinden sich auf dem Territorium der syro-malabarischen Kirche. Nur in diesen 18 Diözesen haben wir Territorial-Jurisdiktion. Und es würde uns freuen, wenn wir eine Territorial-Jurisdiktion hätten, die das gesamte indische Territorium abdeckt: das ist eine der Bitten, die wir an den Heiligen Vater gerichtet haben. Für uns ist es eine wichtige Forderung, ja, wir glauben, dass es unser Recht ist. Vor der Ankunft der Missionare aus dem Westen – die Portugiesen sind im 16. Jahrhundert gekommen – war die Jurisdiktion von uns „Christen des hl. Thomas“ auf ganz Indien ausgeweitet. Doch dann gelang es den westlichen Missionaren, durch den Einfluss der europäischen Herrscher die Jurisdiktion über ganz Indien zu übernehmen. Unsere Jurisdiktion war nur noch auf die Gebiete beschränkt, in denen die meisten von uns lebten.
Diese Forderung Ihrerseits könnte wie das Einfordern „altgedienter“ Rechte wirken, die längst vergessen und begraben sind…
Nein, es ist eine Frage, die die Gegenwart betrifft, und zwar in einer sehr konkreten Weise. Die Zahl unserer Gläubigen nimmt ständig zu, und damit auch ihre Verbreitung in anderen Gebieten. Aber dort passiert es dann, dass es für unsere Leute keine angemessene Seelsorge gibt, und darunter leiden sie natürlich. Unsere Gläubigen sind an unsere Liturgie gewöhnt, an unsere Bräuche, unsere Art, zu beten und daran, dass die Laien bei der Verwaltung der Pfarreien mithelfen. Die Rolle der Laien im Pfarreileben und bei der Katechese ist eine Besonderheit der syro-malabarischen Kirche. In vielen Großstädten gibt es eine hohe Konzentration von syro-malabarischen Gläubigen: 70.000 in Delhi, 50.000 in Chennai und Bangalore, ca. 20.000 in Hyderabad. Wir würden zumindest in diesen großen städtischen Zentren Diözesen errichten wollen.
Was hat man Ihnen geantwortet?
Der Heilige Stuhl hat uns gesagt, dass wir prinzipiell ein Recht auf Jurisdiktion haben. Da sich in den anderen Regionen aber die lateinische Kirche niedergelassen hat, ist es notwendig, dass wir uns mit den Lateinern einigen. Der Heilige Vater versteht unsere Bedürfnisse und hat uns erklärt, dass man Schritt für Schritt vorgehen müsse. Er hat uns die Worte des II. Vatikanischen Konzils ins Gedächtnis gerufen, für das jede Kirche sui iuris das Recht auf ein Leben in Autonomie hat. Hier liegt eine historische Anomalie vor, die korrigiert werden muss. Wir sind geduldig, aber es ist nicht richtig, dass es so weitergehen soll.
Welche Einwände werden hinsichtlich Ihrer Forderung vorgebracht?
Die syro-malabarische, die syro-malankarische und die lateinische Kirche haben schon jetzt Diözesen, die sich mit unserem historischen Territorium überlappen. Einige Bischöfe sind jedoch der Meinung, dass es Probleme geben könnte, wenn wir unsere Jurisdiktion auf Gebiete ausweiten würden, die in ihre Diözesen fallen. Immerhin machen die syro-malabarischen Gläubigen in einigen lateinischen Diözesen einen großen Teil der Gläubigen aus, die von den lateinischen Priestern betreut werden. Wenn wir unsere Jurisdiktion ausweiten würden, könnten in manchen dieser lateinischen Diözesen nur noch wenige Gläubige des lateinischen Ritus übrigbleiben. Und dann macht man sich auch Sorgen wegen der syro-malabarischen Priester, die den lateinischen Ritus gelernt haben und in den lateinischen Diözesen arbeiten. Es gibt mehr als 30 Bischöfe syro-malabarischer Herkunft, die als lateinische Bischöfe in den Diözesen des Nordens arbeiten.
![George Alencherry spendet einem kleinen Mädchen das Sakrament der Firmung. [© George Alencherry]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/41-10-011.jpg)
George Alencherry spendet einem kleinen Mädchen das Sakrament der Firmung. [© George Alencherry]
Außerhalb Indiens gibt es eine große Zahl syro-malabarischer Gläubiger. In den USA sind es ca. 100.000, und für sie ist eine Diözese errichtet worden, deren Zentrum Chicago ist. Der Großteil der Gläubigen im Ausland lebt am Persischen Golf. In Saudi-Arabien leben mehr als 80.000, fast alle Gastarbeiter, die dorthin gezogen sind. Der Papst hat zwei Apostolische Vikare und einen Nuntius ernannt, aber die Priester, die sich um die Seelsorge dieser Gläubigen kümmern sollen, haben sich trotz ihrer syro-malabarischen Herkunft den lateinischen Kongregationen angeschlossen und sind im lateinischen Ritus ausgebildet worden. Das Fehlen von Priestern unseres Ritus hat in diesen Ländern gewisse Spannungen geschaffen. Das ist ein weiteres Problem, das wir dem Heiligen Stuhl unterbreitet haben, und wir hoffen, dass man uns Gehör schenken wird.
Funktioniert die Zusammenarbeit der verschiedenen katholischen Kirchen in Indien?
Die drei Kirchen – die lateinische, die syro-malabarische und die syro-malankarische – sind Teil der einzigen Weltkirche, und es gibt eine Bischofskonferenz der Bischöfe der drei Kirchen. Unsere Zusammenarbeit in dieser Konferenz ist vollkommen problemlos. Die katholische Kirche ist eine Gemeinschaft verschiedener Teilkirchen: wir haben 22 orientalische Kirchen, die mit der lateinischen Kirche die Weltkirche ausmachen. Nur von dieser Theologie ausgehend ist die Ökumene möglich: wenn den griechisch-orthodoxen Gläubigen die Existenz dieser Gemeinschaft bewusst wäre, würden sie sich den Katholiken anschließen. Ökumene bedeutet nicht, die orthodoxe Kirche der Verwaltung durch die lateinische Kirche zu unterstellen. Wir wollen eine wirkliche Ökumene, die von innen ausgeht. Die Orthodoxen verlangen sie von außen. Aber manche Lateiner verstehen das nicht.
Wie steht es um die Beziehungen zu den Hindus?
Allgemein gesehen ist der Hinduismus eine Religion, die nach Frieden und Harmonie strebt. Der Großteil dieser Menschen betrachtet uns mit Sympathie, und wir arbeiten auch zusammen. Aber wie Sie wissen, hat es in der Vergangenheit Fundamentalisten-Gruppen gegeben, die Probleme gemacht haben. Aus dem ein oder anderen Grund gibt es in jedem Land Fundamentalisten. So wie es auch die politischen Extremisten gibt, die wir Terroristen nennen. In Indien gibt es im Innern des Hinduismus zwei Extremisten-Gruppen: wer an den authentischen Hinduismus glaubt, mag sie nicht, aber diese Gruppen bereiten vor allem den Christen Probleme. Sie fürchten, dass es den Christen durch die Konversionen gelingen könnte, die Kontrolle des Landes an sich zu reißen. Aber das ist eine Befürchtung, die jeder Grundlage entbehrt – immerhin reagieren die Christen nicht einmal auf ihre Angriffe mit Gewalt. Die Regierung weiß das, und hilft uns.
Die syro-malabarische Kirche ist dem Glauben der Apostel treu geblieben, lebt inmitten einer Kultur, die in anderen religiösen Voraussetzungen verwurzelt ist. Das ist ein herrliches Zeugnis dafür, dass die Kirche die Kirche Jesu Christi ist, wie Paul VI. in seiner Enzyklika Ecclesiam Suam geschrieben hat. Was können Sie der übrigen Christenheit bezüglich der syro-malabarischen Christen ans Herz legen?
Unser Erbe ist das Resultat von 20 Jahrhunderten des Zeugnisses für den katholischen Glauben, dem wir treu geblieben sind, auch als es auf Seiten der ausländischen Missionare ernste Missverständnisse gegeben hat. Unsere Kirche hat einen einzigartigen Katechese-Stil: in den Familien, den Pfarreien und in den Schulen bringen wir den Kindern bei, den Glauben zu bewahren. Hier in Rom gibt es ca. 6.000 syro-malabarische Gläubige: am 16. Oktober hatten wir in der Lateranbasilika eine schöne liturgische Feier. In der Basilika war kein freier Platz mehr.
Die syro-malabarische Kirche hat die Gemeinschaft mit Rom nach Jahrhunderten ohne Kontakte bestätigt. Das zeigt, dass die Gemeinschaft der Kirche nicht in erster Linie das Resultat rechtlicher Beziehungen ist…
Unser Glaube ist der Glaube der Apostel, der vom hl. Thomas überliefert wurde. Der hl. Thomas hätte nicht aus eigener Kraft eine neue Kirche ins Leben rufen können. Auch in Indien tat er nur das, was zu tun ihm Jesus aufgetragen hatte. Aus demselben Grund stehen der hl. Thomas und all jene, die von ihm die Verkündigung des Evangeliums erhalten haben, in Gemeinschaft mit Petrus, und das ist die Garantie unseres Glaubens. Die Treue zum Papst kommt aus unserer Glaubenserfahrung: bei der Eucharistiefeier beten wir für den Papst, wir gedenken in der Liturgie der Heiligen aller Teilkirchen zusammen mit unseren Heiligen. Was die Glaubenslehre angeht, bewahren wir das, was wir vom Glaubensbekenntnis von Nizäa empfangen haben. Die Eucharistie und die anderen Sakramente, als Gabe des Heiligen Geistes, vereinen uns in der einen, heiligen und apostolischen Kirche.

Eine Prozession anläßlich der „dukhrana“, dem Gedenktag des hl. Thomas in der Nähe der diesem Heiligen geweihten Kirche in Palayur, Bundesstaat Kerala.
Nach den Festen unseres Herrn, Weihnachten und Ostern, und nach den Festen der seligen Jungfrau Maria – Mariä Unbefleckte Empfängnis, Mariä Geburt und Mariä Himmelfahrt –, istdas wichtigste Hochfest in der syro-malabarischen Kirche die „dukhrana“, der Gedenktag des hl. Thomas. Wir feiern ihn in der ganzen Welt; auch in Saudi-Arabien, wo keine offiziellen Zelebrationen gehalten werden dürfen. Mehr als 300 Gläubige haben sich an einem privaten Ort versammelt, mich angerufen und um einen Segen gebeten. Der Überlieferung nach gründete der hl. Thomas in Indien 7 Gemeinschaften. Diese Orte sind Pilgerziele geworden. Und am ersten Sonntag nach Ostern wird das Fest des hl. Thomas gefeiert, der die Seite Jesu berührt. Es ist ein großes Fest, an dem auch viele Hindus teilnehmen.
Kardinal Levada hat beim letzten Synod der Orientalischen Kirchen angekündigt, dass er die orientalischen Patriarchen bezüglich einer möglichen Reform der Ausübung des Petrusdienstes konsultieren werde. Was schlagen Sie hinsichtlich der Beziehungen zu den orientalischen Kirchen vor?
Die katholische Kirche hat durch den Päpstlichen Rat zur Förderungder Einheit der Christen bereits einen Dialog zum Thema Primat begonnen. Ich denke, dass man diesen Dialog weiter vorantreiben und ein Übereinkommen mit den Kirchen des Orients finden muss, wie es in den ersten vier Jahrhunderten der Christenheit war. Damals gab es ein gemeinsames Verständnis von Primat. Nun wendet die orthodoxe Kirche ein, dass es unmöglich ist, auf die Theologie vor dem Konzil von Chalzedon zurückzugehen, weil wir kein Dokument aus dieser Epoche besitzen. Aber ich glaube, dass es auch ausgehend von den Dokumenten und Aussagen nach der Zeit von Chalzedon möglich ist, einen Dialog und eine Übereinkunft hinsichtlich des Petrusdienstes zu finden. Weil es den Ausdruck primus inter pares gibt. Wir brauchen alle einen Petrusdienst, der sich auf die Einheit für alle Kirchen bezieht. Ich hoffe, dass manauf der Mitte des Weges einen Punkt findet, wo sich die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen in der vollen Gemeinschaft der Kirche Christi finden.
Jahrhunderte lang musste Ihre Kirche den „Latinisierungs“-Prozessen Rechnung tragen, die ihr gegenüber in Gang gebracht wurden. Der ein oder andere hielt euch für Häretiker oder Schismatiker, weil ihr eure Gebete hattet, eure Liturgien, und weil ihr nicht lateinisch gesprochen habt. Ist diese Mentalität noch heute spürbar?
Die Denkweise hat sich sehr geändert, auch in der lateinischen Kirche, bei den Theologen, dem Großteil der Bischöfe, und am Apostolischen Stuhl. Pater Placid Podipara CMI, ein renommierter Theologe und Historiker unserer Kirche, hat gesagt, dass die syro-malabarische Kirche aus Glauben christlich ist, hinduistisch aus Kultur und orientalisch im Kult. Leider haben das die Missionare, die im 16. Jahrhundert gekommen sind, nicht verstanden. Sie hatten keine bösen Absichten, taten nur das, was damals üblich war. Aber jetzt kann das, was in ihren Augen falsch war, wieder hergestellt werden. Das ist es, was das II. Vatikanische Konzil besagt. Es hat sich viel geändert, aber dort, wo es diese Veränderung nicht gegeben hat, gibt es Probleme. Und das passiert mit der Mentalität einiger lateinischer Bischöfe. Auch zum Papst habe ich gesagt: „Heiliger Vater, es gibt sehr viele lateinische Bischöfe, die die Ekklesiologie der Gemeinschaft korrekt verstehen, aber es gibt auch andere…“.
Die Liturgie war für die historische Kontinuität Ihrer Kirche sehr wichtig. Wie beurteilen Sie die Bedeutung, die der Liturgie im Lehramt des derzeitigen Papstes beigemessen wird?
Das Lehramt des derzeitigen Papstes ist wirklich dabei, die Kirche unserer Zeit zu retten. Es gibt viele Abweichungen, die in unsere Kirche eingedrungen sind, manchmal im Namen des II. Vatikanischen Konzils, das oft falsch interpretiert wurde. Von den Personen nämlich, die sich bei zweitrangigen Dingen aufhalten und das Wesentliche aus den Augen verloren haben. Der Papst dagegen will dem folgen, was das II. Vatikanische Konzil wirklich sagen wollte. Und wenn es ihm nach und nach gelingen wird, diese Dinge durchzusetzen, wird die Kirche wirklich vereint sein. Maßlosigkeit und Verweltlichung sind in der Kirche wirklich weit verbreitet, besonders in Europa, und deshalb braucht dieser Prozess seine Zeit. Aber es ist die Absicht des Papstes, und die syro-malabarische Kirche ist auf seiner Seite.
Aber es hat auch in der syro-malabarischen Kirche hitzige Debatten gegeben: die „Chaldäisierer“ wollen das traditionelle liturgische Erbe vollkommen zurückerlangen, die „Latinisierer“ halten das für traditionalistischen Ästhetizismus…
Es spielt doch gar keine Rolle, ob etwas chaldäisch ist, oder europäisch, oder von irgendeinem anderen Ort kommt: was gültig ist, ist gültig. Manche aber sind infolge der Latinisierung zu der Überzeugung gelangt, dass das, was zur westlichen Kultur gehört, gut ist, und das, was aus dem Orient kommt, eben nicht. Dieser Eindruck wurde von der Latinisierung geschaffen, der wir drei Jahrhunderte lang unterworfen waren. Auch wenn die Weltkirche uns mit dem II. Vatikanischen Konzil die Freiheit zurückgegeben hat, die gültigen Elemente unseres Erbes zurückzugewinnen, hat sie ein großer Teil der Kirche vergessen und verspürt kein Bedürfnis mehr nach ihnen. Sie sagen: machen wir weiter mit dem, was wir jetzt haben, und wenn wir noch etwas brauchen, dann nehmen wir es von der lateinischen Kirche. Das ist ihre Einstellung. Andere wieder meinen, dass wir, um weiter das sein zu können, was wir sind, zunächst das wiedererlangen müssen, was uns genommen wurde und verloren gegangen ist.
Ich werde in meinem Amt versuchen, mehr Einheit zu schaffen und auch eine gewisse Uniformität bei den liturgischen Feiern. Nicht eine integrale Uniformität, sondern eine Einheit im Wesentlichen, die Schritt für Schritt bewerkstelligt werden muss. Allmählich. So gab es ja in der lateinischen Kirche auch den einen oder anderen, der sagte, dass wir auf die Wand blickend zelebrieren. Aber nach Osten blicken bedeutet nicht, auf die Wand zu blicken. Es bedeutet, in die Richtung zu blicken, von der der Herr kommt. In der Theologie unserer Kirche bieten Volk und Zelebrant Gott Vater – nach Osten gewandt – gemeinsam das Opfer dar.
![Marienverehrung in Srinagar, Bundesstaat Jammu und Kashmir. [© AFP/Getty Images]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/45-10-011.jpg )
Marienverehrung in Srinagar, Bundesstaat Jammu und Kashmir. [© AFP/Getty Images]
Die sich verändernde Welt verändert auch uns. Unsere Gläubigen wandern aus, um zu studieren, um Arbeit zu suchen. Nur ein Drittel lebt in den Ursprungsdiözesen. Circa zwei Drittel sind in die Großstädte ausgewandert. In Amerika und Europa gibt es syro-malabarische Ärzte, Unternehmer, Kaufleute, die die soziale Leiter hochgeklettert sind. Wenn die universale Jurisdiktion über unsere Gläubigen anerkannt wird, können wir aus dieser Energie Nutzen ziehen, ihre Kraft wirklich in den Dienst der Weltkirche stellen. Sonst wird das, was wir verlieren, auch die universale Kirche verlieren. Und wenn unsere Gläubigen zu unserem geistlichen Erbe keinen Zugang mehr haben, werden sie den geistlichen Sinn in den Gruppen der Pfingstbewegung oder in ähnlichen Realitäten suchen. Und das passiert bereits. Wir sind dabei, unsere Gläubigen zu verlieren. Sie kommen aus Indien in den Westen, finden jemanden, der ihnen sagt: warum musst du in die Kirchen der Lateiner gehen? Komm mit uns, lasst uns gemeinsam beten. Wir haben viele verloren. Wir machen uns Sorgen, und diese Sorge haben wir auch den vatikanischen Dikasterien unterbreitet. Alle scheinen zu verstehen, was wir sagen wollen, aber letztendlich werden doch keine Entscheidungen getroffen. Man muss viele Personen konsultieren, und so vergeht viel Zeit. Und die Dinge laufen immer schlechter. Viele scheinen nicht zu verstehen, dass wenn die syro-malabarische Kirche wächst und gedeiht, auch die Weltkirche wächst und gedeiht. Weil jede Teilkirche für die universale Kirche ist. Und auchdie lateinische Kirche ist eine Teilkirche. Manche dagegen meinen, „universal“ wäre gleichbedeutend mit „lateinisch“. Das ist natürlich nicht die offizielle Lehre. Kein ernsthafter Theologe denkt das. Aber es ist die Mentalität vieler, und sie schafft Probleme.
Erst kürzlich wurde an der Päpstlichen Universität Gregoriana ein wichtiger internationaler Kongress über die sogenannte Anaphora von Addai und Mari abgehalten. Was macht diese Anaphora unter einem ökumenischen und liturgischen Aspekt so besonders?
Die Anaphora von Addai und Mari ist die älteste Anaphora der Weltkirche. In ihr nehmen wir die einfachste Theologie der Evangelien wahr, das ursprünglichste Verständnis des Geheimnisses Christi, ohne die später dazugekommenen lehrmäßigen Formeln. Ebenso wie das Evangelium nach Markus das einfachste Evangelium ist, so ist die Liturgie von Addai und Mari die einfachste Liturgie. Und wenn wir sie feiern, erfahren wir gemeinsam, dass Jesus gegenwärtig, in unserer Mitte ist. Auch die Erwartungen und die Fürbitten der Kirche sind sehr gut in die Anaphora eingebaut. Sie enthält die Gebete für die Schwachen, die Unterdrückten, die Gequälten, die Armen und die Flüchtlinge. Sie hat also die Schönheit der Einfachheit. Die Anaphora von Addai und Mari wird in der assyrischen Kirche des Orients gebraucht, und hat das Merkmal, dass in ihr nicht in ausdrücklicher Weise die Einsetzungsworte enthalten sind, die Worte Jesu beim Letzen Abendmahl („Nehmt und esst, das ist mein Leib… Nehmt und trinkt, das ist mein Blut… Tut dies zu meinem Gedächtnis!“). Auch die syro-malabarische Kirche hat bis zum 16. Jahrhundert die traditionelle Form dieser Anaphora benützt, ohne Interpolation. Aber die lateinischen Theologen waren der Meinung, dass es ohne die Einsetzungsworte keine wahre Konsekration gebe, und betrachteten die Anaphora von Addai und Mari folglich als nicht gültig. Im Jahr 2001 hat der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen dann aber – mit Zustimmung der Kongregation für die Glaubenslehre – die Gültigkeit dieser Anaphora anerkannt, die seit undenklichen Zeiten auch in unserer Qurbana benützt wurde, dem eucharistischen Opfer im malabarischen Ritus.
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