Ein Geschenk, kein Besitz
Der Glaube ist wie ein Geschenk, das uns einfach so zufällt, man kann ihn nicht ableiten und auch nicht „herstellen“. Er ist keine Errungenschaft unsererseits. Interview mit Kardinal Walter Kasper.
Interview mit Kardinal Walter Kasper von Gianni Valente
Ein „Jahr des Glaubens“, eine „Zeit der besonderen Besinnung“, wie es Paul VI. schon 1967 ausgerufen hat; in der Absicht, uns zu einer „immer vollständigeren Umkehr zu Gott“ anzuspornen, „um unseren Glauben an ihn zu stärken und ihn mit Freude dem Menschen unserer Zeit zu verkünden.“ Dieser Vorschlag Benedikts XVI. an die ganze Kirche, den der Papst in der Predigt vom Sonntag, 16. Oktober, angekündigtund im Apostolischen Schreiben Porta fidei definiert hat, befindet sich noch in der Anfangsphase der Verkündigung. Umgesetzt werden wird er erst in 11 Monaten: ab jenem Oktober 2012, in dem sich der 50. Jahrestag des Beginns des II. Vatikanischen Konzils und der 20. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche jähren. Und doch kann – wie Pater Federico Lombardi, Direktor von Radio Vatikan und des Vatikanischen Presseamts feststellte –, die von Papst Ratzinger angekündigte Initiative bereits in ihrer Vorbereitungsphase als eine der prägenden Initiativen dieses Pontifikats betrachtet werden.
Schon in den ersten Hinweisen und in dem Apostolischen Schreiben, mit dem das Jahr des Glaubens ausgerufen wird, sind viele verhaltene, tröstliche Aufforderungen enthalten, jeden selbstbezogenen „Ekklesiozentrismus“ beiseite zu legen und alles von Jesus Christus zu erbitten, „dem Urheber und Vollender des Glaubens“.
„Was könnte uns der Hirte des pilgernden Gottesvolkes anderes sagen?“, kommentierte Pater Lombardi. 30Tage hat diese Frage Kardinal Walter Kasper gestellt, dem emeritierten Präsidenten des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen.
![Kardinal Walter Kasper. [© Romano Siciliani]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/69-10-011.jpg)
Kardinal Walter Kasper. [© Romano Siciliani]
WALTER KASPER: Es waren die Jahre unmittelbar nach dem Konzil. Nachdem die erste große Welle der Begeisterung abgeebbt war, schienen wir in der Kirche eine Art Kollaps zu erleben. Es hatte den Anschein, als würde der Glaube gerade in dem Moment schwinden, in dem in kirchlichen Kreisen über die Reformen diskutiert wurde, die in der Kirche notwendig waren, um die christliche Verkündigung in unserer Zeit neu vorzuschlagen. Joseph Ratzinger schrieb damals seine Einführung in das Christentum. Ich habe die Einführung in den Glauben geschrieben. In diesem Zusammenhang hatte Paul VI. die Intuition, ein Jahr des Glaubens auszurufen, das mit der Verkündigung des Credos des Gottesvolkes ausklang. Er wollte alle darauf aufmerksam machen, dass das Herz aller Dinge der Glaube ist. Auch die Reformen sind nützlich und notwendig, wenn sie dem Leben des Glaubens und dem Heil aller Gläubigen zuträglich sind. Ich habe unlängst wieder in den Werken des Bernhard von Clairvaux gelesen: auch seine große Reform war lediglich ein Neubeginn im Glauben. Wie Yves Congar schrieb, „sind die gelungenen Reformen in der Kirche jene, die für die konkreten Bedürfnisse der Seelen gemacht werden.“
Warum wird gerade jetzt ein Jahr des Glaubens ausgerufen?
Wir befinden uns in einer Zeit der Krise. Das sieht man vor allem in Europa. In Deutschland ist es offensichtlich. Und wenn ich mit italienischen Bischöfen rede, erzählen sie mir dieselben Dinge. Vor allem viele junge Menschen haben keinen wirklichen Zugang zum Leben der Kirche, zu den Sakramenten mehr. Wenn man von Neuevangelisierung spricht, muss man das unweigerlich zur Kenntnis nehmen. Sonst läuft man Gefahr, über rein akademische Dinge letztendlich nicht hinauszukommen.
Und doch beginnt Benedikt XVI. das Schreiben, mit dem dieses besondere Jahr ausgerufen wird, mit den Worten, dass „uns die Tür des Glaubens immer offen steht“. Was hat das zu bedeuten?
Gott ist es, der die Tür des Glaubens offen hält – für uns und für alle. Nicht wir sind es, die sich darum bemühen sollen und können, es aufzumachen. Daher ist der Beginn des Glaubens immer möglich. Er ist keine Errungenschaft unsererseits. Der Glaube ist wie ein Geschenk, das uns einfach so zufällt, man kann es nicht ableiten und auch nicht „herstellen“.
Auch deshalb war die Einladung so wichtig, die der Papst in den jüngsten Tagen in Assisi an die Agnostiker gerichtet hat. In unserer Zeit derSäkularisierung hat Gott seine Mittel und Wege, die Herzen der Menschen zu erreichen. Die Herzen der Menschen, die auf der Suche sind, ebenso wie die jener, die es nicht sind. Und es sind Wege, die uns nicht bekannt sind.
In Assisi sprach Benedikt XVI. von den Agnostikern in einer Weise, die alles andere als negativ war.
Der Papst hat gesagt, dass die Agnostiker den Glaubenden helfen, „Gott nicht als ihr Besitztum“ zu betrachten. Gott ist kein Besitztum der Glaubenden. Man kann vom Glauben nicht sagen: ich besitze ihn, andere nicht… Auch die Gläubigen, die das Geschenk des Glaubens erhalten haben, sind auf der Pilgerschaft. Und man kann nie den Anspruch stellen, dieses Geschenk als Besitz eines begrifflichen Wissens vorwegzunehmen. Manchmal nimmt man in der Kirche, gerade angesichts der Glaubenslosigkeit und des Agnostizismus, eine steife Haltung ein und vermittelt den Eindruck, den Glauben als Besitztum zu betrachten. So als bestünde das Problem darin, mit den Nicht-Glaubenden Dispute und Kämpfe austragen zu müssen… Dabei kann man leicht aus den Augen verlieren, dass Christus für uns alle gestorben ist.
In den Anfangszeilen des Motu proprios Porta fidei wird betont, dass man sich in der Kirche oft mehr um die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen des christlichen Engagements kümmert und dabei „den Glauben immer noch als eine selbstverständliche Voraussetzung des allgemeinen Lebens betrachtet“. Haben auch Sie diesen Eindruck?
Der Glaube ist vor allem eine persönliche Beziehung zu Gott, die zum Ausdruck kommt im Gebet und im Vertrauen darauf, dass uns Gott in allen Lebenslagen im Arm hält, oder – wie Jesus sagt –: indem wir Gott von ganzem Herzen lieben. Die Theologen sprechen von theologalen Tugenden. Im ersten Gebot ist die Liebe zu Gott jedoch direkt verflochten mit der Liebe zu unserem Nächsten, den wir lieben sollen wie uns selbst. So hat der Glaube soziale, kulturelle und politische Auswirkungen, ohne die er nicht aufrichtig wäre. Auf der anderen Seite müssen diese Auswirkungen von der Liebe zu Gott beseelt und angetrieben sein, sonst werden sie zu einer Art humanistischer Ideologie ohne festes Fundament. Ich denke an die Sonntagspredigt in den Kirchen. Keine andere menschliche Realität hat die Möglichkeit, so viele Menschen zu erreichen, die spontan kommen, um zuzuhören. Manchmal aber muten die Predigten einfach nur wie „Verhaltensmaßregeln“ darüber an, was die Christen auf moralischer, kultureller und politischer Ebene zu tun und zu lassen haben. Oft fehlt die Frohbotschaft, dass Gott uns mit seiner Gnade stets zuvorkommt.
![Auf dem Weg in die Krypta, in der der hl. Franziskus ruht, durchquert Benedikt XVI. mit Religionsführern und Repräsentanten der kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen die Unterkirche der Franziskusbasilika (Weltgebetstreffen in Assisi, 27. Oktober 2011). <BR>[© Osservatore Romano]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/68-10-011.jpg)
Auf dem Weg in die Krypta, in der der hl. Franziskus ruht, durchquert Benedikt XVI. mit Religionsführern und Repräsentanten der kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen die Unterkirche der Franziskusbasilika (Weltgebetstreffen in Assisi, 27. Oktober 2011).
[© Osservatore Romano]
Glaube und Nächstenliebe sind keine gegensätzlichen Dinge. Das zu meinen, wäre Intellektualismus, eine Art falschinterpretierter Mystizismus. Paulus hat gesagt, dass der Glaube in der Liebe wirksam wird. Und er ist stets in den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit zum Ausdruck gekommen: Kranke, Arme und Gefangene besuchen, Unterdrückte befreien… Das ist das christliche Leben. Ich persönlich habe die überzeugendsten Glaubenszeugnisse gerade bei den Reisen gesehen, die ich in meiner Eigenschaft alsVerantwortlicher der Kirche Deutschlands für die Unterstützung der Kirchen in den Entwicklungsländern unternommen habe. Wir griffen den Menschen dort mit materiellen Hilfen unter die Arme, damit ihr Überleben gewährleistet war – und inmitten des Elends in den Dörfern und Favelas konnten wir die Fröhlichkeit, die Zuversicht dieser Armen erkennen, die der Herr bevorzugt und denen er seinen Trost spendet. Dasselbe ist mir passiert, wenn ich den Glauben der vielen Brüder sehen konnte, denen ich im ökumenischen Dialog begegnet bin. Durch die brüderlichen Beziehungen legt man Zeugnis ab für den katholischen Glauben.
Das Jahrdes Glaubens ist ausgerufen: was gibt es jetzt zu tun?
Benedikt XVI. hat lediglich darum gebeten, in den Diözesen über das Glaubensbekenntnis nachzudenken. Es genügt nicht, es zu sprechen, man muss es auch kennen, in seiner Tiefe verstehen. Das Glaubensbekenntnis bringt nämlich die grundlegenden Glaubensartikel zum Ausdruck, die allen Christen gemeinsam sind und die den Taufversprechen entsprechen. Sie sindvon grundlegender Bedeutung für das christliche Dasein. Mir scheint aber auch die Tatsache wichtig, dass das einfache Glaubensbekenntnis nicht den Anspruchauf einen begrifflichen Besitz der Wahrheit zum Ausdruck bringen darf. Wir singen das Glaubensbekenntnis oft bei der Sonntagsmesse. Ein begrifflich-dogmatisches System kann man nicht singen. Wir dagegen singen das Glaubensbekenntnis, und wir singen es als Gebet. Es ist eine Doxologie, ein Lobpreis und eine Danksagung.
Manch einer ist der Meinung, dass man sich mehr darum bemühen müsste, die anthropologische Sicht der Christen glaubwürdiger zu machen.
Ja, auch das ist zweifelsohne interessant. Der Glaube ist nicht nur ein intellektueller Akt, sondern eine Art und Weise, sich in die Gottes Hand zu geben und unter Seiner Vorsehung zu stehen. Das impliziert auch die recht verstandene christliche Freiheit. Das Glaubensbekenntnis ist Gebet, weil es Gott bittet, sein Geheimnis zu offenbaren. Wie schon Thomas von Aquin sagte: actus fidei non terminatur ad enuntiabile, sed ad rem. Der Akt des Glaubens hört nicht beim Sprechen wahrer Formeln auf. Er bleibt offen dafür, die lebendige Wahrheit zu erkennen, auf die diese Worte verweisen. Und für Thomas ist die „res“ Gott selbst. Er ist es, der handelt; es ist nicht unsere Aufgabe, ihn zu „zeigen“. Darüber hinaus ist das Glaubensbekenntnis auch das Kondensat des Glaubens der anderen Generationen. Im Glauben stehen wir nicht allein vor Gott. Wir befinden uns in einer Gemeinschaft, die alle Jahrhunderte umfasst. In Zeiten wie den unsrigen empfinden wir besonders stark das Bedürfnis, in den Genuss der Gesellschaft der Heiligen, der Kirchenväter und all der großen Zeugen zu kommen, die uns vorausgegangen sind, und daraus Trost zu schöpfen.
„Die Gläubigen werden stärker, indem sie glauben“, schreibt der Papst, Augustinus zitierend. Wie können wir auf dem Weg des Glaubens wachsen und voranschreiten?
Zum Glauben wird man geführt – am Anfang genauso wie auf unserem ganzen Lebensweg. Mit zunehmender Lebenserfahrung entdeckt man immer mehr den Reichtum des Glaubens. Nicht wir sind es, die den Glauben bewahren wie ein von uns erworbenes Besitztum, sondern wir werden im Glauben bewahrt. Thomas von Aquin schrieb: „Die Gnade ist es, die den Glauben schafft, nicht nur, wenn der Glaube neu im Menschen entsteht, sondern solange der Glaube währt“. Im Rahmen des Abkommens mit den Lutheranern haben wir uns auf diese Definition gestützt, als wir die grundlegende Übereinstimmung zwischen der Theologie Luthers über die Rechtfertigung durch den Glauben und den wesentlichen Aspekten der Lehre des Konzils von Trient anerkannt haben, die im Dekret De iustificatione Niederschlag fand. Das heißt, dass das Geschenk des Glaubens nicht eine Art Anstoß ist, ein Antrieb, den uns jemand am Anfang gibt, und dass wir dann von allein weitergehen. Und es ist auch nicht wie bei den Beleuchtungssystemen der Start- und Landebahnen auf Flughäfen, diesen in den Asphalt einbetonierten Lichtern, die den ganzen Weg erhellen. Es ähnelt vielmehr einer Laterne, die wir in der Hand halten, die jede unserer Bewegungen mitmacht und die den kurzen Wegabschnitt erhellt, der vor uns liegt. Sein Licht ist notwendig und ausreichend, um den nächsten Schritt zu tun.
![Benedikt XVI. betet mit Oberhäuptern und Repräsentanten der Kirchen, kirchlichen Gemeinschaften und Weltreligionen am Grab des Franz von Assisi in der Krypta der Unterkirche der Franziskusbasilika in Assisi. [© Osservatore Romano]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/72-10-011.jpg)
Benedikt XVI. betet mit Oberhäuptern und Repräsentanten der Kirchen, kirchlichen Gemeinschaften und Weltreligionen am Grab des Franz von Assisi in der Krypta der Unterkirche der Franziskusbasilika in Assisi. [© Osservatore Romano]
Die Kirche ist – wie es in einer alten Definition heißt – die Gemeinschaft der Gläubigen. Tertullian hat gesagt: Unus christianus, nullus christianus. Ein einziger Christ,kein Christ. Als Christen sind wir nie allein, sondern stets in einer Gemeinschaft von Glaubenden aller Zeiten und aller Orte. Dennoch ist die Kirche nicht das Ziel des Glaubens. Die Kirche ist Sakrament, also Zeichen und Werkzeug. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir, an Gott, den Vater, an Jesus Christus und an den Heiligen Geist zu glauben, aber wir bekennen nicht, an die Kirche zu glauben. Man glaubt an Gott, und er ist es, der uns die Kirche als Leib Christi und als Sein Volk offenbart. Die Kirche ist wie der Mond, der kein eigenes Licht hat, sondern nur das Licht der Sonne reflektiert, die Christus ist. Wenn sie nicht auf Christus verweist, bringt sie keinerlei eigene Schönheit zum Ausdruck. Die Schönheit, die in ihr liegt – beispielsweise in den Liturgien – ist nur ein Widerschein der Herrlichkeit Gottes.
Und doch scheint die Kirche manchmal im Rampenlicht stehen zu wollen und zu meinen, auf diese Weise Zeugnis abzulegen für den Herrn.
Es ist vielleicht nützlich, daran zu erinnern, dass die Kirchenväter nicht das Bedürfnis verspürten, eine systematische Ekklesiologie auszuarbeiten. Sie stellten sich nicht das Problem, sich bei der Kirche aufhalten zu müssen – der ein oder andere Hinweis genügte. Im Mittelpunkt ihrer Interessen und Sorgen stand sicher nicht die Institution Kirche. Die Ekklesiologie begann erst im Mittelalter, zunächst als Reaktion auf den Konziliarismus, und dann auf Luther. Und sie begann – wie Yves Congar gesagt hat – als „Hierarchologie“, um die theologisch-lehrhaften Gründe der Funktion und der Überordnung der Hierarchie im Kirchengefüge darzulegen. Und hier begann auch die Versuchung eines gewissen „Ekklesiozentrismus“. Das Zweite Vatikanische Konzil, mit seinem patristischen Ressourcement, hat auch das oft benutzte Bild der Kirche als einfachem Widerschein des Lichtes und des Wirkens Christi wieder aufgegriffen, das sich auch im Titel der Konstitution über die Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils findet: Lumen gentium.
Da wir gerade vonHierarchologie sprechen: auch heute ist, zumindest in den Medien, viel von den Bischöfen und Kardinälen die Rede.
Gewiss, die Bischöfe und die Kardinäle spielen im Leben der Kirche ihre Rolle. Aber Benedikt XVI. sagt uns immer wieder, dass sich die zentrale Frage nicht um die Kirche, sondern um Gott dreht. Wenn der Glaube an Gott schwindet, kann man auch die Kirche beiseite schieben und vergessen.
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