Kommentar zu einem Satz von Don Luigi Giussani
Einführung
von Paolo Mattei
Der Satz, den Don Luigi Giussani Anfang der neunziger Jahre zu Johannes Paul II. gesagt hat („Nein, Heiliger Vater, nicht im Agnostizismus, sondern im Gnostizismus liegt die Gefahr für den christlichen Glauben“), hat nicht nur bei unseren Lesern, sondern auch in den Medien großes Interesse gefunden. So griff ihn beispielsweise die Tageszeitung Avvenirein einem kurzen Artikel auf, der die Worte und den Gedanken Don Giussanis zusammenfasst. Hier der vollständige Wortlaut: „In der letzten Nummer von 30Tage steht folgender Ausspruch Luigi Giussanis zu lesen: “Nicht im Agnostizismus, sondern im Gnostizismus liegt die Gefahr für den christlichen Glauben.” Don Luigi Giussani in einem Gespräch mit Johannes Paul II. Anfang der neunziger Jahre. In seinem Vorwort zu einem Artikel von Massimo Borghese aus dem Jahr 2003 [Der Pakt mit der Schlange] schreibt Lorenzo Cappelletti: “Heute, mehr als 20 Jahre später, können wir sehen, wie weitblickend jeneWende Don Giussanis war. Eine Wende, die auch aus dem Interview vom April 1992 hervorgeht, in dem Don Giussani von der Verfolgung jener spricht, ‘die sich in der Einfachheit der Tradition bewegen’. Auf die Frage: “Eine wahre Verfolgung?”, antwortet Don Giussani: “Genau das ist es. Der Zorn der Welt richtet sich heute nicht gegen das Wort Kirche, schweigt auch angesichts des Gedankens, dass jemand sich als katholisch definiert, oder angesichts der als moralische Autorität beschriebenen Gestalt des Papstes. Ja, es gibt eine formale, sogar ehrliche Ehrfurcht. Der Hass entlädt sich, wird mit Mühe unterdrückt, aber schon bald wird er überfließen und sich gegen jene Katholiken richten, die sich als solche geben, Katholiken, die sich in der Einfachheit der Tradition bewegen“1.
Don Giussani hat damals nicht nur herausgestellt, dass zwischen dem Gnostizismus und der Verfolgung jener, „die sich in der Einfachheit der Tradition bewegen“, eine Verbindung besteht, sondern auch erklärt, wie der Gnostizismus zu einer Gefahr für den christlichen Glauben wird.
Bei den geistlichen Exerzitien für die Studenten von Comunione e liberazione (12. Dezember 1998) prägte er folgenden wunderschönen Ausspruch: „Die Geschichte ist aus einem dramatischen Auf und Ab gemacht: die widersprüchlichen Punkte scheinen mehr überhand zu nehmen als in der Vergangenheit. Und dieses Überhandnehmen ist statistisch gesehen die bitterste Feststellung, die ein wahrer Christ im Bezug auf die Situation der Kirche machen kann. Die Tatsache, dass Christus existiert – wer er sein mag, wo er sein mag, wie man zu ihm gelangen kann – wird heute nur von wenigen gelebt, fast einem kleinen Rest Israels, und auch dieser ist oft von der allgemeinen Denkweise infiltriert, wird von ihr blockiert“2.
Die Gefahr des Gnostizismus für den Glauben besteht nicht so sehr darin, dass er eine weltliche Kultur ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Christ die Kultur der Welt nicht beurteilen könnte, indem er ein kritisches Urteil abgibt, ihre positiven Punkte ebenso herausstellt wie ihre Irrtümer und Grenzen (vgl. 1Thess 5, 21). Unter diesem Aspekt könnte der Satz Giussanis: „Nicht im Agnostizismus, sondern im Gnostizismus liegt die Gefahr für den christlichen Glauben“ dem Leser eine Hypothese für die Auslegung der modernen Kultur vorschlagen. Nämlich die, dass die Kultur der modernen Welt – im Gegensatz zu der Definition, die man allgemein gerne von ihr abgibt – nicht von der radikalen Säkularisierung des Christentums geprägt ist, sondern von einer Neuinterpretation der christlichen Neuheit innerhalb der bereits bekannten Kategorien des Gnostizismus.
Augusto Del Noce hat diese Hypothese systematisch angewandt.3
Aber abgesehen von dieser klugen und interessanten Hypothese der Auslegung der Moderne, ist der Gnostizismus eine Gefahr für den christlichen Glauben, weil er, um es mit den so klaren Worten Giussanis zu sagen, die kleine Herde – „fast schon einen Rest Israels“ –, die die Kirche ist, „oft infiltriert und blockiert“.
Nicht Hegel, Goethe und Jung – die drei großen Meister des modernen Gnostizismus, die das Titelblatt der jüngsten Ausgabe von 30Tage zieren – stellen eine Gefahr dar, sondern jene in der Kirche, die auf mehr oder weniger verborgene Weise („verborgenes und schreckliches Gift“ ist der Ausdruck, mit dem Augustinus die pelagianische Häresie beschreibt4) oft die Einfachheit der Tradition „infiltrieren und blockieren“, bzw. ihr Wesen entstellen.
Auch das tragische Massaker von Oslo am 22. Juli kann zeigen, wie die Entartung des Glaubens des Alten und des Neuen Bundes zu einem unmenschlichen, ja sogar teuflischen Hass ausarten kann. Wenn der Mensch, statt Gott allein im Gebet das Offenbarwerden Seines Geheimnisses anzuvertrauen (und Apokalypse heißt ja schließlich Offenbarung), dieses aus eigener Kraft bauen und vorwegnehmen will, erneuert er die teuflische Anmaßung, wie Gott zu sein (vgl. Gen 3, 4-5).
Einige Leser haben um eine einfache Erklärung dahingehend gebeten, was der Gnostizismus denn nun eigentlich sei. Uns scheint, dass die kurzen Worte, die der Lieblingsjünger in seinem zweiten Brief gebraucht, mit unübertroffener Einfachheit sagen, was man unter Gnostizismus, bzw. Gnosis versteht (d.h. man müsste besser falsche Gnosis sagen, weil auch der Glaube an Jesus Christus Erkenntnis ist, die von der Anziehung Seiner Gnade geweckt wird). Johannes schreibt: „Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn“ (2Joh 9). Die Gefahr des Gnostizismus für den christlichen Glauben kommt in dem Versuch zum Ausdruck, über die Lehre Christi, über den Glauben der Apostel hinauszugehen. Wir könnten auch sagen, dass der Gnostizismus nicht bei der Menschheit Jesu bleibt, jener Menschheit, in der laut dem Apostel Paulus in überfließender Fülle „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ (Kol 2, 3) verborgen sind. Hier beschreibt Paulus das Wort “Erkenntnis” tatsächlich mit dem griechischen Begriff “Gnosis”.
Zur Verdeutlichung der Worte Don Giussanis möchten wir unseren Lesern nun, begleitet von einer Kurzbiographie, den Artikel des Jesuitenpaters Jules Lebreton über Origenes (185-254), Theologe der Kirche Alexandrias, noch einmal anbieten. Lebreton schreibt, dass die Theologie des Origenes „ein Idealismus“ sei, „der sich Gott zu nähern meint, aber die Menschheit Christi aus den Augen verliert“.
Einige Thesen des Origenes wurden vom kirchlichen Lehramt verurteilt. Das bedeutet aber nicht, dass man seiner Theologie nicht für alles, was sie an Positivem und Nützlichen für das Verständnis der Kirche vorlegt, auch eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen dürfe. Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang mit den schönen Worten des Augustinus sagen: „Die vollkommen wahre und unverletzliche Regel der Wahrheit zeigt, dass in jedem verurteilt und korrigiert werden muss, was falsch und lasterhaft ist, das aber anerkannt und akzeptiert werden muss, was recht und aufrecht ist“5.
Viel Spaß beim Lesen.
Anmerkungen
1 Don Luigi Giussani: “Die heutige Gefahr ist der Gnostizismus “, in Avvenire, 14. Juli 2011, S. 27.
2 L. Giussani, Cristo è parte presente del reale, in 30Giorni, Nr. 12, Dezmber 1998, S. 49.
3 A. Del Noce, Das Problem des Atheismus, Bologna 1964, besonders SS. 27 und 192.
4 Augustinus, Contra Iulianum opus imperfectum II, 146: “Occultum et horrendum virus haeresis vestrae“.
5 Augustinus, De unico baptismo contra Petilianum, 9, 16
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