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NOVA ET VETERA
Aus Nr. 03 - 2011

ECCE CRUCEM DOMINI FUGITE PARTES ADVERSAE...
 


Der apokalyptische Freskenzyklus in der Krypta der Kathedrale von Anagni zeigt zugleich den von Christus bereits errungenen Sieg und seinen noch andauernden Kampf gegen Krieg, Hölle und Tod.


von Lorenzo Cappelletti


DIE VERSE 6, 1 - 7, 3 DER APOKALYPSE

Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm! Da sah ich ein weißes Pferd. Und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben, und als Sieger zog er aus, um zu siegen.
Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Lebewesen rufen: Komm! Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.
Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage. Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu!
Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod“; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde; Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod durch die Tiere der Erde.
Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.
Und ich sah: Das Lamm öffnete das sechste Siegel. Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand, und der ganze Mond wurde wie Blut.
Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde, wie wenn ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle weggerückt. Und die Könige der Erde, die Großen und die Heerführer, die Reichen und die Mächtigen, alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Höhlen und Felsen der Berge. Sie sagten zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen. Wer kann da bestehen?
Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.

 

 

 

 

Das Deckengewölbe der Apsis des Hauptschiffes mit dem apokalyptischen Lamm in der Mitte, umgeben von den vier Lebewesen und den vierundzwanzig Ältesten. [© Paolo Galosi]

Das Deckengewölbe der Apsis des Hauptschiffes mit dem apokalyptischen Lamm in der Mitte, umgeben von den vier Lebewesen und den vierundzwanzig Ältesten. [© Paolo Galosi]

Apokalyptisch oder integriert? Angesichts dieser Alternative, die so gar keine Alternative ist zwischen Utopie und Nachgiebigkeit, stellt die Apokalypse seit jeher den Anspruch, ein wahres Licht auf die Ereignisse der Geschichte zu werfen: einen unermeßlichen und doch höchst realistischen, weder apokalyptischen, noch integrierten Gesichtspunkt. Heute, angesichts eines Krieges, der uns über den Kopf gewachsen ist, brauchen wir das mehr denn je.

Das Wort „Apokalypse“ bedeutet – wie jeder weiß, der auch nur eine Ahnung von der Heiligen Schrift hat – Offenbarung, eine Demonstration, ein Aufdecken. „Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muß“ heißt es im ersten programmatischen Vers. Worte, die am Schluß fast genauso wieder aufgegriffen werden (Offb 1, 1 und 22, 6). Jesus Christus, „der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde“ (Offb 1, 5), zeigt nach seinem Sieg dem „in Exstase entrückten“ Apostel Johannes außerhalb der Geschichte, was wirklich in ihr geschieht. Wie der große Exeget Heinrich Schlier am Anfang eines bekannten Essays zur Apokalypse schrieb, „ist die Offenbarung Johannis das einzige Buch des Neuen Testaments, das die Geschichte zum Thema hat. So entzündete sich vorzüglich an ihr das christliche Denken über die Geschichte“ (Heinrich Schlier: Die Zeit der Kirche. Exegetische Aufsätze und Vorträge; Verlag Herder, Freiburg 1956, S. 256). Ein Denken, das im Laufe der Jahrhunderte nicht nur in Worten Ausdruck gefunden hat, sondern auch in Farben und Bildern.
In Anagni, in der Krypta der Kathedrale dieser schicksalsträchtigen italienischen Stadt, kann man noch heute Fresken bewundern, die begonnen wurden zu der Zeit, als Joachim von Fiores († 30. März 1202) Ansätze zur Geschichte bekannt zu werden begangen: in diesen Fresken finden wir eine bewundernswerte Auffassung von der Geschichte als Ausdruck der traditionellen Meditation über die Apokalypse, deren Modell das De civitate Dei von Augustinus darstellt. Bis zu dem von Joachim von Fiore vollzogenen Bruch durch seine Vorstellung von einer Dreiteilung der Geschichte in aufeinanderfolgende Zeitalter – dem Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – war es nicht denkbar, daß das historische Christus-Ereignis in der Zeit der Geschichte später von einer Zeit des Geistes und Trägerin einer größeren Gnade gefolgt sein könne. Das Christus-Ereignis wurde als Anbruch des Endes der Welt betrachtet. In der augustinisch und thomistisch geprägten Reflexion „ist Christus nicht der Drehpunkt der Geschichte, an dem eine veränderte, erlöste Welt anbricht und eine bis dahin dauernde unerlöste Geschichte abgelöst wird, ihm ist vielmehr Christus der Anbruch des Endes. Er ist ‚Erlösung‘, insofern in ihm das ‚Ende‘ hereinleuchtet in die Geschichte. Die Erlösung besteht (geschichtlich gesehen) in diesem begonnenen Ende, während die Geschichte gleich­sam per nefas noch einige Zeit weiterläuft und den alten Aeon dieser Welt zu Ende führt“ (J. Ratzinger, Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura, Schnell & Steiner, München und Zürich 1959, S. 108).
Gerade weil er eine Interpretation der Zeit der Kirche als Endzeit sub gratia sein will und nicht Abbild der Ablösung dieser Zeit, sind in dem apokalyptischen Zyklus von Anagni nur Szenen aus den ersten 12 Kapiteln der Apokalypse dargestellt. Von den aufeinanderfolgenden Septenaren (den Siegeln, den Posaunen und den Schalen) wurden nur die Siegel gewählt – bis zum Öffnen des siebten Siegels. Man wollte also bei der Ankündigung des Gerichts einhalten, ohne auf die bildhaften Aspekte der Ankündigung und Ausführung desselben einzugehen. (Wahrscheinlich hatte man jene „starken und entarteten politischen und geistigen Machtinstrumente“[H. Schlier, ebd., S. 270] noch nicht ausgearbeitet, die einige der prophetischen Visionen der Kapitel 13 bis 18 der Apokalypse fast wortgetreu zu erfüllen scheinen).
Und so wird also in einem Freskenzyklus voller Gnade mit höchster Harmonie und Ausgeglichenheit die Unumstößlichkeit des von Christus errungenen Sieges dargestellt, wie auch die Elemente eines Kampfes, der zwar noch nicht zu Ende ist, der aber keine Angst mehr einjagen kann. Und so reißen der Krieg und der Tod in Anagni angstvoll die Augen auf (Offb 6, 4-8), die Gestirne verändern ihre Farbe (Offb 6, 12), werden zwei Kugeln, die dem sanften Hauch des Engels ausgesetzt sind, der Drache mit zehn Hörnern (Offb 12, 3) wird ein kleiner Drache unter den Füßen eines lieblichen Erz­engels, während die ganze Ehre, die Kraft und die Schönheit Dem vorbehalten sind, der auf dem Thron sitzt sowie dem Lamm und allen, die seinen Sieg mit ihm teilen und die königliche Krone der Sieger tragen, die vierundzwanzig Ältesten, die Jungfräulichen und die in fast schon musikalischer Ordnung aufgereihten Märtyrer.
 
Die Öffnung des ersten der vier Siegel, rechts auf dem Deckengewölbe der Apsis des Hauptschiffes. <BR>[© Paolo Galosi]

Die Öffnung des ersten der vier Siegel, rechts auf dem Deckengewölbe der Apsis des Hauptschiffes.
[© Paolo Galosi]

Christus ist die Manifestation einer siegreichen Kraft über die Welt
Im Zentrum dieses Freskenzyklusses, im Herzen der Apsis-Deckenwölbung inmitten der vier Lebewesen und der vierundzwanzig Ältesten, sehen wir den Sieger, das Lamm, das dabei ist, die sieben Siegel zu öffnen, mit denen die Buchrolle verschlossen war, die vor seinem Sieg niemand hatte öffnen können. Was Johannes zum Weinen gebracht hat und was auch uns immer wieder weinen läßt angesichts des menschlich unerklärlichen Mysteriums der Geschichte. Doch auf den aufgeschlagenen Seiten des Buches steht zu lesen: „Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Sproß der Wurzel Davids; er kann das Buch öffnen“ (Offb 5, 5). Schluß mit dem Weinen!
Rechts und links von der mittleren Apsis, auf einem a-typischen Triumphbogen sowie auf den Gewölben und daneben befindlichen Bögen sind die Szenen dargestellt, die mit dem Öffnen der Siegel zusammenhängen. Angefangen mit – rechts – der Darstellung der vier Reiter, die bei der Öffnung der ersten vier Siegel ins Spiel kommen. Recht wenig apokalyptische Reiter, insofern sie nicht als Symbol der vier gleichstarken und mächtigen Zerstörungskräfte fungieren. Fast so, als fiele die abschließende Enthüllung mit einer endgültigen Zerstörung zusammen, als wäre das Ziel das Ende. Nein. Im Gegensatz zu dem, was eine Kritik besagt, die so ängstlich ist, daß sie aus Angst, ihre vorgefaßten Meinungen zu verlieren, nicht einmal die Realität zu betrachten wagt, handelt es sich in Wahrheit (nach der traditionellen Interpretation basierend auf der Koordinierung der Verse Offb 6, 1-2 mit Offb 19, 11-16) um den Kampf des ersten Reiters gegen die drei anderen. Der erste der drei Reiter (der – laut Offb 6, 2 – auf einem weißen Pferd sitzt und mit einem Kranz und einem Bogen ausgestattet ist) ist mit einem blutgetränkten Gewand angetan, auf dem Haupt trägt er viele Diademe. Nach Offb 19, 13 heißt sein Name „Das Wort Gottes“, König der Könige, Herr der Herren; er ist der, der als Sieger ausgezogen ist, um zu siegen (Offb 6, 2), exivit vincens ut vinceret. Christus hat gesiegt, und Christus ist es, der weiterhin siegen wird. „Von wo ist er gekommen, wenn nicht aus dem gelösten Siegel?“ schrieb Ambrosius Autpertus, der Abt des karolingischen Klosters San Vincenzo al Volturno, in dessen Krypta ein anderer, sich an seinem Kommentar zur Apokalypse anlehnender herrlicher Freskenzyklus aus dem Hochmittelalter dargestellt ist. Das weiße Pferd wirkt in der Tat so lebendig, daß es fast aus der Hauptapsis herauszustürmen scheint, wo das Lamm die Siegel öffnet. Der Reiter schickt sich an, einen Pfeil auf den zweiten Reiter abzuschießen, der entsetzt nach hinten blickt.
Der erste Reiter muß einen unumstößlichen Sieg erringen. Das Pferd geht im Schritt, und der, der auf dieses Pferd steigt, hält seinen Bogen mit großer Gelassenheit. Sein Blick ist ein entschlossener, aber kein aggressiver. Der zweite Reiter kann nichts anderes tun, als seinem Pferd die Sporen zu geben und zu fliehen. Nicht der Krieg entsetzt, er ist es, der entsetzt scheint, das in zwei Händen gehaltene Schwert schwingend. Aber das – wenngleich große – Schwert verteidigt nicht, sondern ist gegeben worden, um „der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten“ (Offb 6, 4). Wie soll man sich also jetzt vor einem Pfeil schützen?
Im unteren Teil des Freskos hat der Tod denselben entsetzten Blick wie der Krieg. Auf einem fahlen Pferd galoppiert er davon, gefolgt vom nackten, geflügelten Dämon, der auf der dunklen Unterwelt reitet und eine große Waage trägt, die erbarmungslos wiegt. Wie der Krieg verfolgt wird und vor dem siegreichen König zu fliehen versucht, so wird auch der Tod verfolgt und versucht, der Unterwelt zu entfliehen, dem zweiten Tod. Wer diesen Zyklus entworfen hat, hat in einer unterhalb des Freskos angebrachten Inschrift erklärt, daß es sich um zwei Reiterpaare handelt: Has per picturas bis binas disce figuras (die hier dargestellten Figuren sind in Zweierpaaren zu verstehen). Aber auch die Unterwelt und der Tod werden widerum vom ersten Reiter verfolgt: ihr Schicksal ist es, in den Feuersee geworfen zu werden (Offb 20, 14).
Was wir also sehen, ist keineswegs die Darstellung einer alles überrollenden Zerstörung und Angst (die man allgemein mit der mittelalterlichen Vorstellung von der Apokalypse verbindet, die aber in Wahrheit eher mit der später vorherrschenden, von Joachim von Fiore eingeleiteten millenaristischen, gnostisch beeinflußten Sichtweise übereinstimmt), sondern die Darstellung einer die Welt besiegenden Kraft, die immer noch Siege davontragen kann und so vor allem den Frieden schützt.
Ein Thema, das in dem Gewölbe über den Darstellungen der vier Reiter fortgeführt und ausgebaut wird. Hier werfen die vier Engel an den vier Ecken eines Gemäldes, von Blumen durchsetzt, vier gehörnte und geflügelte Figuren zu Boden. Es handelt sich dabei allerdings nicht um den allegorischen Kampf zwischen Gut und Böse, wie die Kritik ­– an die Gedankenbilder ihrer eigenen manichäischen Ansätze glaubend ­– des öfteren gemeint hat. Was hier vielmehr dargestellt ist, ist das Festhalten der Winde der Zerstörung, damit das Leben auf der Erde gewährleistet ist (Offb 7, 1). Ebenso wie der Frieden wird auch die Natur vom siegreichen und barmherzigen König bewahrt: Tu, victor Rex, miserere. Welch großer Unterschied besteht doch zwischen der Apokalypse und den wahnwitzigen Interpretationen derer, in deren Köpfen Gespenster herumspuken und die Haß im Herzen tragen: „Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben“ (Offb 7, 1-2). In der Tat sieht man im unteren Teil des das Gewölbe stützenden Bogens einen anderen Engel heraufsteigen, der auf ein Schild zeigt, auf dem diese Worte geschrieben sind. Er trägt ein Stabkreuz, an dem Alpha und Omega hängen.
Ist dieses Kreuz nur ein ikonographisches Attribut des Engels? Ein Detail, das keine besondere Bedeutung hat? Nein, dieses schlanke Kreuz (das „von uns allen bei der Taufe empfangene Zeichen der Trinität“, wie der hl. Bruno, Bischof von Segni, diesen Vers der Apokalypse kommentierend, geschrieben hat) ist der letzte Grund von allem, das dargestellt ist. Zweck des Krieges, den der siegreiche König gegen den Krieg führt, wie auch des vom Engel mit dem Siegel gegebenen Befehls, von jeder Zerstörung Abstand zu nehmen (was schließlich nur eine andere Art und Weise ist, erneut zu sagen „auferstandener Christus“, wie Beda, Ambrosius Autpertus und viele andere bekräftigt haben) ist zu ermöglichen, daß sich eine erhabene Abstammung, nach der Verheißung zahlreich wie die Sterne am Himmel, einer himmlischen, unermeßlichen Glückseligkeit erfreuen kann: promissa posteritas caelesti felicitate sublimis, wie Augustinus in seinem De civitate Dei - 16, 23 - schreibt.
Mehrfach (wenigstens dreimal) ist in der Krypta von Anagni das Taufsiegel in Form des Monogramms des Namens Christi dargestellt, was jedoch kein Kritiker jemals erwähnenswert gefunden zu haben scheint. Fast als wäre die Abraam gemachte Verheißung, Stammvater vieler Völker zu sein, Nachkommen zu haben so zahlreich wie die Sterne am Himmel (auch diese Verheißung wurde übrigens in den an Gewölbe VIII von Anagni gemachten Kritiken nicht erkannt, womit der ganze „Mechanismus“ – wie Péguy sagen würde – des Christentums hinweggenommenwird) in etwas anderem Erfüllung finden, und nicht in der Taufe. Wie in Jerusalem Jesus in jener Nacht dem Nikodemus zuflüsterte und wie Petrus nach dem Tod und der Auferstehung des Herrn mit lauter Stimme sagte: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und alle denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird“ (Apg 2, 38-39).
 
Darstellung der Öffnung des fünften Siegels; Jesus Christus gibt den Seelen der hingeschlachteten Märtyrer ein weißes Gewand. [© Paolo Galosi]

Darstellung der Öffnung des fünften Siegels; Jesus Christus gibt den Seelen der hingeschlachteten Märtyrer ein weißes Gewand. [© Paolo Galosi]

Eine kurze Zeit
Symmetrisch zu diesem Szenenkomplex auf der anderen Seite des Triumphbogens, der sich um die Hauptapsis rankt, ist die Öffnung des fünften und sechsten Siegels dargestellt.
Eine kurze Frist gibt es noch, und nicht nur, bis die mit dem Taufsiegel bezeichnet sein werden, die der Herr ruft, sondern auch die volle Zahl erreicht sei durch den Tod derer, die noch sterben müssen propter Verbum Dei et propter testimonium quod habebant. In der Tat wird den Seelen derer, die geopfert wurden, also im Martyrium die Bluttaufe erhalten haben und ungeduldig nach Rache schreien, gesagt, „sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie“ (Offb 6, 11). Um sie geduldig zu stimmen, gibt Der, der auf dem Thron sitzt, einem jedem von ihnen ein weißes Gewand, weißgewaschen vom Blut des Lammes. Nachdem sie dieses erhalten haben, können sie in Frieden darauf warten, daß andere kommen und die Zahl der Märtyrer voll machen, der Moment der Erlösung immer näherrückt.
Der Zeit des Wartens ist jedoch von kurzer Dauer; die Zeit der Geschichte ist stets tempus modicum: „Der Herr zögert die Erfüllung seiner Verheißung nicht hinaus […]. Dieser kurze Zeitraum erscheint uns lang, weil er immer noch andauert; wenn er vorbei sein wird, wird uns klarwerden, wie kurz er doch war“ (vgl. Augustinus: Kommentar zum Johannes-Evangelium 101, 6). Die Zeit ist nach dem Sieg Christi ohnehin kurz geworden. Und tatsächlich: beim Öffnen des sechsten Siegels haben die Sonne und der Mond auf der Vorderseite des Bogens ihre Farbe verändert und ein Engel bläst einen Wind, der die Sterne des Himmels herabfallen läßt auf die Erde, wie wenn ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. Ein anderer Engel hält die goldene Räucherpfanne, um so den Wohlgeruch der Gebete aller Heiligen aufsteigen zu lassen, während das Feuer des Zorns Dessen, der auf dem Thron sitzt, und des Lammes alsbald auf die Erde herabsteigen wird.
Und wenn die Wartefrist diejenigen, die auf Gerechtigkeit warten, lehrt, Geduld zu haben, löst sie bei dem Drachen „den aus der Angst um die Zeit geborenen wütenden Willen nach Macht aus“, wie Schlier in seinem bereits zitierten Werk schreibt (S. 270). Neben dem auf der rechten Apsis dargestellten Drachen befand sich einst eine heute verlorene Darstellung der Himmelfahrt des Herrn, der „Entrückung zu Gott und seinem Thron“, wie es in der Apokalypse heißt (vgl. Offb 12, 5). Eine solche Darstellung findet sich übrigens auf dem herrlichen Fresko, das das Innere der Kirche von Civate (auf dem Berg Pedale unweit von Lecco) ausschmückt. „Mit Christi Erhöhung [...] wird der Drache, Ideogramm des Satanischen, der absoluten Potenz der Eigenmacht, auf die Erde geworfen“, schreibt Heinrich Schlier (ebd., S. 270).
Der also durch die Himmelfahrt des Herrn unweigerlich gestürzte Drache „verfolgte die Frau“ (Offb 12, 13), die jedoch mit den Flügeln eines Adlers davonfliegen kann (in der Tat finden wir sie mit ihrem Kind und in der Nähe des Johannes in der linken Nebenapsis). So ging der Drache fort, „um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“ (Offb 12, 17). In der Tat findet sich der Drache in Anagni neben den 18 heiligen Märtyrern, deren also, die an dem Zeugnis für Jesus festhalten. Denn – wie alle Kirchenväter und mittelalterlichen Autoren bemerken – 18 ist der Zahlenwert der Initialen IE des Namens Iesus (deren plumpe Fälschung die Zahl der Bestie ist: 666). Auch in den Fresken von Civate sind 18 Märtyrer dargestellt, nämlich im Innern der Kuppel des Ziboriums: „Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen“ (Offb 7, 15).
Aber nicht nur die Märtyrer sind bereit, zu sterben und und so, auf diese reale Weise ­– wie Schlier schreibt – „den Anachronismus einer sich jetzt noch selbst behauptenden Welt zu erweisen. [...] Im Absterben bieten sie der Welt die Zukunft an, die Christus ihr aufgetan hat“ (ebd., S. 271). Auch die Jungfräulichen sterben, im Gerhorsam. Ihnen ist der gesamte linke Apsisbereich um Maria, Jungfrau der Jungfrauen, gewidmet. Te nimis implorant virgo iubilant et adorant. Dum tibi subduntur natum moriendo secuntur. Diese Verse, in denen die ambrosianische Hymne „Iesu corona virginum“ wiederhallt, sind auf der linken Nebenapsis auf dem Band zu lesen, das die Jungfrau mit dem Kind (umgeben von zwei heiligen Jungfrauen und den beiden Johannes, oben) von der Geschichte der Jungfräulichkeit und des Martyriums der Sekundina, unten, trennt. „Wie sehr fleht man dich an, huldigt man dir und verehrt dich, oh Jungfrau Maria. Während sie sich dir unterwerfen, folgen sie deinem Sohn in den Tod.“ Das ist es in der Tat, was all die armen Sünder ersehnen, keine Jungfrauen und keine Märtyrer, die in Teilhabe an der siegreichen Liebe Christi im Laufe der Jahrhunderte diese Gesichter in der Krypta von Anagni betrachtet haben.
„Wenn ich daran denke,daß ein Mann, etwa ein junger Mann, seine Frau nicht heiraten kann, wenn nicht aus Liebe zu Christus – ich habe diesen Ausdruck schon öfters gebraucht: allein aus Liebe zu Christus –, dann empfindet man die ganze Erhabenheit, das heißt die letzte Unermeßlichkeit des Blickpunktes, welcher ‚der‘ Blickpunkt schlechthin ist, der Blickpunkt einer Neugeburt, der Geburt einer Neugeburt (Luigi Giussani).


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