EDITORIAL
Aus Nr. 11 - 2004

Christ sein



Giulio Andreotti


Ich möchte noch ein Thema ansprechen, das derzeit hohe Wellen schlägt: das Thema der künstlichen Befruchtung. Das Nicht-Vorhandensein rechtlicher Normen war ein ernstes Problem; und auch wenn wir hier keinen perfekten Text hatten, haben doch viele von uns in den beiden Kammern dafür gestimmt, sich bereiterklärend, ihn in der Folge zu perfektionieren. Die laizistische Reaktion gegen dieses Gesetz erfolgt gerade durch Sammlung von Unterschriften für ein Referendum, das besagtes Gesetz annullieren soll…
Eine der Personen, von denen ich in jungen Jahren sehr wichtige, grundlegende Dinge gelernt habe, war ein Priester, der mir damals paradox erschien, dessen Intelligenz und Tiefgründigkeit ich aber später sehr wohl erkennen sollte. Er sagte u.a. oft, daß im Dekalog des Moses das wichtigste Gebot folgendes sei: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen“.
Darüber mußte ich in den vergangenen Wochen nachdenken, bei den zufällig um das „europäische“ Abenteuer Rocco Buttigliones entfachten Polemiken, aus denen eine hitzige und komplizierte Diskussion über die politische Freiheit der Katholiken geworden war, die Beziehung zwischen Politik und Religion, eine Art an die Bevölkerung ergehenden Ruf zu den Waffen angesichts islamischer Expansionsbestrebungen, usw. In diesen Zusammenhang gehört auch die fehlende Erwähnung der „christlichen Wurzeln“ im Text der europäischen Verfassung; einen christlichen Verweis gibt es aber trotzdem, und zwar im Datum, weil 2004 im Kalender der Jahre des Herrn steht (als man das Lateinische benutzte, hieß es Annum Domini).
Über die Rolle der katholischen Intellektuellen in der italienischen Gesellschaft hat die MEIC (Bewegung katholischer Akademiker) in Genua eine Studientagung abgehalten, die ebenfalls gut zu der von mir angesprochenen Problematik paßt. Auf der einen Seite behaupten viele, im Kielwasser von Benedetto Croce, sich unmöglich nicht als Christen bezeichnen zu können; auf der anderen Seite ist aber auch eine überaus polemische laizistische Front zusehends im Kommen, die mit erklärten Katholiken – manchmal fast unmerklich, oft aber auch unverhohlen – ins Gericht geht.
Die Reflexionen von Genua kann man als besonders akkurat bezeichnen. Jegliche Besorgnis sozusagen praktischer politischer Art war hier fehl am Platze.
Es stimmt: von den Jüngeren, die in der Nachkriegszeit das Gerüst der DC [italienische Christdemokraten] bildeten (neben den Veteranen der frühfaschistischen Volkskämpfe) kamen viele aus den Reihen der FUCI und der Akademiker-Bewegung, die in der Katholischen Aktion Gruppierungen bildeten, die im Unterschied zu den auf eine Massenorganisation abzielenden „Zweigen“ auf der Suche nach Qualität waren. Die Akten der verfassungsgebenden Versammlung belegen den Beitrag dieser Männer, die nicht nur zuhören konnten, sondern auch ihre Zuhörer fesselten, und zu hochwertigen Synthesen gelangten. Synthesen, die dazu dienten, zu den Repräsentanten der beiden anderen „Strömungen“ im Parlament einen Draht herzustellen: der liberalen Strömung und der sozialistischen und kommunistischen Linken.
Die Aula Giulio Cesare im Kapitol während der öffentlichen Ansprachen zur Zeremonie der Unterzeichnung des europäischen Verfassungsvertrages im Saal der Horatier und Curiatier (29. Oktober 2004).

Die Aula Giulio Cesare im Kapitol während der öffentlichen Ansprachen zur Zeremonie der Unterzeichnung des europäischen Verfassungsvertrages im Saal der Horatier und Curiatier (29. Oktober 2004).

Bei einer der delikatesten Schlachten jener Zeit der Diskussion um die Definition der Beziehung zwischen Staat und Kirche hatten wir Abgeordnete als Gesprächs­partner keinen Geringeren als Msgr. Giovanni Battista Montini. Eine Rolle, zu der ihn nicht nur sein Amt im Staatssekretariat berechtigte, sondern auch der Umstand, daß er im Moment der Friedenskonferenz den amerikanischen und irischen Vorschlag abgeblockt hatte, für die Vatikanstadt eine internationale Garantie zu geben; eine Hypothese, die für die Rolle der italienischen Nation eine Schmälerung bedeutet hätte. Die unbeirrbare Hartnäckigkeit Montinis verfehlte auch auf Togliatti ihre Wirkung nicht, der ein erklärendes Votum abgab und sich in diesem Fall von den Sozialisten und der buntgemischten Front der Antiklerikalen deutlich distanzierte. Es war der 25. März 1947, Mariä Verkündigung. Ein Klima, das bei den Debatten um die Scheidung und die Abtreibung jedoch nicht wieder geschaffen werden konnte; Schlachten, bei denen wir im Parlament und bei der Volksabstimmung eine Niederlage einstecken mußten.
Ich möchte noch ein Thema ansprechen, das derzeit hohe Wellen schlägt: das Thema der künstlichen Befruchtung. Das Nicht-Vorhandensein rechtlicher Normen war ein ernstes Problem; und auch wenn wir hier keinen perfekten Text hatten, haben doch viele von uns in den beiden Kammern dafür gestimmt, sich bereiterklärend, ihn in der Folge zu perfektionieren. Die laizistische Reaktion gegen dieses Gesetz erfolgt gerade durch Sammlung von Unterschriften für ein Referendum, das besagtes Gesetz annullieren soll. Ich möchte hier darauf hinweisen, daß ich der Meinung bin, daß man sich nachdrücklich darum bemühen sollte, dieses Referendum zu vermeiden; natürlich unter Akzeptanz von Änderungen, die sich innerhalb der moralisch akzeptablen Grenzen bewegen. Die Opposition gegen diesen Versuch entspringt einer Mentalität, die der katholischen Welt schon in den bereits angesprochenen Referenden schmerzliche Niederlagen beschert hat.
Muttergottes mit Kind (Aula Giulio Cesare).

Muttergottes mit Kind (Aula Giulio Cesare).

Ich erinnere mich auch an die fruchtlosen Versuche einiger von uns, doch noch auf einen Nenner zu kommen: wie den der Unterscheidung zwischen ziviler Trauung und Konkordatstrauung (einmal festgehalten, daß Zweitere unter die Zuständigkeit des kanonischen Rechts fällt), und das Arbeiten an einer etwas weiter gefaßten Interpretation der therapeutischen Abtreibung, was natürlich sehr delikat war.
Die derzeit laufende Diskussion dreht sich um ein komplexeres Thema und eines mit weniger praktischer Resonanz. Aber die Kampagne der Referendumsbefürworter scheint das eigentliche Thema fast schon zu vergessen, ist dabei, unter dem Sammelruf Pannellas Antiklerikale jeder Art und jedes nur erdenklichen backgrounds zusammenzutrommeln, um sie für das „Nein“ zu mobilisieren.
Adriano Ossicini, illustrer Ehrenvorsitzender des nationalen Komitees für Bioethik, hat für uns [in der italienischsprachigen Ausgabe, Anm.d.Red.] einen informativen Artikel geschrieben, der uns dabei helfen sollte, jene Engstirnigkeit abzustreifen, die einen Meinungsvergleich erschwert oder gar verhindert. Ossicini war lange im Senat, und seine Kompetenz hat sich als überaus wertvoll dabei erwiesen, Vorurteile und Thesen auszuräumen, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Wir vermissen ihn heute sehr, auch, weil er einer jener „echten“ Abgeordneten war, für die Objektivität und Dialog nicht optional, sondern Pflicht sind.
Ein immer noch „heißes“ Eisen ist die Beziehung zur islamischen Welt, die wegen der vermehrten Einwanderungswellen nach Italien besonders wichtig geworden ist (und noch wichtiger werden wird). Es gibt viele Terroristen, die keine Muslime sind, und sehr viele Muslime, die keine Terroristen sind. Wer hier von einer „Gefahr“ spricht, und das mit der Gebärfreudigkeit der islamischen Frauen und der Polygamie (die schließlich der gebotene Respekt vor unserer rechtlichen Ordnung verbietet) begründet, tut letztendlich nichts anderes, als Staub aufzuwirbeln.
…Ich möchte hier darauf hinweisen, daß ich der Meinung bin, daß man sich nachdrücklich darum bemühen sollte, dieses Referendum zu vermeiden; natürlich unter Akzeptanz von Änderungen, die sich innerhalb der moralisch akzeptablen Grenzen bewegen. Die Opposition gegen diesen Versuch entspringt einer Mentalität, die der katholischen Welt schon in den bereits angesprochenen Referenden schmerzliche Niederlagen beschert hat.
Die Verteidigung der christlichen Zivilisation und Tradition wird von einigen Schriftstellern und kulturellen Kreisen mit einer Polemik vorangetrieben, die keine Grenzen kennt.
Auch wenn man – wie im Falle von Oriana Fallaci – die Kirche als ein Geschäfts-Komitee darstellt und für die heilige Bernadette, der lediglich der Verdienst zuerkannt wird, Scharen von Touristen nach Lourdes gelockt zu haben, nur ein Lächeln übrig hat. Es ist wirklich erschreckend. Daß auch ich mein Fett abbekomme, sie mir andichtet, Paul VI. vom Bau der Moschee von Rom überzeugt zu haben, ist nicht wichtig. Der Rest schon.
Vor einigen Jahren hatten wir eine Initiative ins Leben gerufen, für die wir auch die Tochter des ermordeten ägyptischen Präsidenten Sadat gewinnen konnten: einen „Trialog“ zwischen Christen, Juden und Muslimen. Die Initiative erwies sich als Schlag ins Wasser, weil sich die politischen Vorbehalte als unüberwindlich erwiesen. Ein ähnlicher (Miß-)Erfolg war auch eine Initiative des Zentrums Pio Manzù. Der muslimische Redner verlangte als Auftakt eine feindselige Erklärung gegen den Staat Israel und bereitete dem Ganzen so natürlich ein jähes Ende.
Und schließlich ist es auch schwer, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Die berühmte Universität Kairo erschien früher für den Dialog geeignet, aber die Politisierung der Periode Nasser machte dann doch jede Hoffnung auf ein Gespräch extra partes zunichte. Neue interreligiöse Foren sind gesucht, aber als Hindernis erweisen sich sowohl die von einigen Christen – oder selbsterklärten Verfechtern des Christentums – an den Tag gelegten absolutistischen Tendenzen als auch der geringe Enthusiasmus der Gegenseiten.
Zeitbedingte kulturelle Tendenzen sollten jedoch eigentlich nicht bedeuten, daß keine Kommunikation mehr möglich ist. Und daran kann man arbeiten. Aber da ist noch mehr.
Der Weisheit der Staatsmänner der Zeit nach dem 2. Weltkrieg haben wir gemeinsame Initiativen wie die Europäische Gemeinschaft – und dann, später – die Europäische Union zu verdanken. Die geographische Entwicklung der Union und die damit verbundenen vorhersehbaren Erweiterungen rufen auch uns Katholiken auf den Plan.
FUCI-Mitglieder und Akademiker verstehen heute, wie weitblickend und wertvoll die Ausbildung in Pax Romana war, die sie nach Begegnung und ausbaufähigen Perspektiven suchen ließ, einen Vergleich von Traditionen, Schulen, Erfahrungen anstrebend.
Leider sehen wir uns mit einer verzerrten Vorstellung von Modernität konfrontiert, nach der diese in der Ablehnung von Gesetzen und deren Fehlen besteht, ja, selbst dem der Naturgesetze.
Die Moschee von Rom.

Die Moschee von Rom.

Doch ohne uns hier in eine parteiische Haltung zu verschließen, wollen wir doch die von der Verfassung festgelegten Grundlagen der auf der Ehe begründeten Familie verteidigen, der Freiheit der Lehre, dem Schutz vor Obszönität (auch durch präventive Maßnahmen). Und es ist verpflichtend, daran zu erinnern, daß die verfassungsgebende Versammlung selbst, vor Abschluß ihrer Arbeiten im Januar 1948, ein Presse-Gesetz ins Leben gerufen hat und über die Auswirkungen der Skandal- Presse ebenso besorgt war wie über jene, die die Sensibilität der Heranwachsenden verletzen könnte. Das alles sind Spuren dessen, was wir als natürlich christlich bezeichnen könnten.
Auf paralleler Ebene steht auch die soziale Sensibilität. Es ist kein Zufall, wenn das montinische Formationsschema die Teilnahme der Studenten an der Aktivität der Vinzenzkonferenzen vorsah. Aber das ist nicht alles.
Laut des von Pius XII. nachdrücklich verteidigten päpstlichen Lehramts ist der Frieden Frucht der Gerechtigkeit. Der Beitrag der katholischen Intellektuellen besteht darin, dabei mitzuwirken, daß es immer weniger soziale Ungerechtigkeit gibt, hier und anderswo; durch Abkommen, Entwicklungshilfsprogramme, internationale Organismen ad hoc. Wer uns lediglich als notwendig für die Verteidigung gegen den Kommunismus betrachtete (ja kaum tolerierte) und dachte, daß alles Reden über Reformen nur ein geschickter Propagandazug wäre, hatte von unserer Öffentlichkeitsarbeit nichts verstanden. Wir wollen keine Privilegien, wir wollen nur die Freiheit – im Rahmen des Möglichen –, unsere Sendung zu erfüllen; niemals im Kontrast zu den allgemeinen Interessen.
Es ist nicht wichtig, sich als Christen zu bezeichnen. Wichtig ist, es auch zu sein und jene zu respektieren, die ihr Leben in der Familie, im Berufsleben, im öffentlichen Bereich, auch danach ausrichten.
Und schließlich schloß auch der von mir anfangs angesprochene Landpfarrer seine Sonntagshomilie oft mit der Ermahnung des Evangeliums, daß nicht derjenige, der: „Herr, Herr“ sagt, ins Himmelreich kommt.


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