Der Glaube erleuchtete sein politisches Handeln
Robert Schuman selig? Diözesane Phase des kanonischen Prozesses abgeschlossen.
von Edoardo Zin

Robert Schuman.
Der Prozess wurde am 9. Juni 1990 eingeleitet. Nach Anhörung von ca. 200 Zeugen, die Robert Schuman gekannt und frequentiert hatten, und nach einer kritischen Analyse aller öffentlichen und privaten Schriftstücke des Politikers, wurde die Anfrage einer Theologenkommission übergeben, die überprüfen sollte, ob in diesen Schriftstücken irgendein spiritueller und moralischer Widerspruch zum Glauben vorhanden sei. „Diese strenge, fast schon wissenschaftliche Überprüfung zeigt, mit welcher Strenge die Kirche vorzugehen pflegt, bevor sie ihre Unfehlbarkeit in einer Erklärung der Heiligmäßigkeit ins Spiel bringt“, meinte Msgr. Raffin. Und fügte noch an: „Die Kirche will nicht nur dem Gottesvolk über jeden Zweifel erhabene Vorbilder vorschlagen, sondern wünscht auch, daß der Kult der Heiligen von jedem Irrtum frei sei und nur das Ostergeheimnis Christi widerspiegelt.“
Die sich aus Zeugenaussagen und Schriftstücken zusammensetzenden Dokumente, die 50.000 Seiten umfassen und 500kg wiegen, wurden inzwischen an die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse weitergeleitet und werden von theologischen Zensoren untersucht werden. Dann bleibt nur noch darauf zu warten, daß Gott, auf die Fürsprache von Robert Schuman, ein Wunder vollbringt, das seine Allmacht offenbart.
Der französische Außenminister Robert Schuman schlug den Staaten, die sich noch im 2. Weltkrieg bekämpft hatten, am 9. Mai 1950 in einer historischen Erklärung vor, ihre Stahl- und Kohleproduktion, über die sich Deutschland und Frankreich jahrhundertelang in den Haaren gelegen waren, gemeinsam in die Hand zu nehmen. Aus der Aussöhnung zwischen diesen beiden Ländern wurde die europäische Gemeinschaft geboren, und aus dieser wiederum die derzeitige Europäische Union.
Dabei hatte Schuman zwei tatkräftige Helfer: Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi, sowie einen Laien, der jedoch den allergrößten Respekt vor den religiösen Überzeugungen der drei hatte: Jean Monnet.
Robert Schuman lebte sein politisches Engagement als Apostolat: er wandte im öffentlichen Leben dieselben Prinzipien an wie in seiner privaten Religionspraxis.
Schuman, der in einer doppelten Kultur aufgewachsen war, der französischen und der deutschen, hatte das Drama der deutsch-französischen Feindseligkeit selbst miterlebt. Die traurigen Folgen dieser absurden Feindschaft inspirierten seine Erklärung vom 9. Mai: „Der Weltfrieden kann nicht garantiert sein ohne kreative Anstrengungen, die proportional sind zu den Gefahren, die ihn bedrohen. Für die Gewährleistung des Friedens ist der Beitrag eines vitalen und gut organisierten Europa unerläßlich.“
Man kann das Engagement Schumans, sein so vollkommen unverfälschtes Sein und Handeln, nicht verstehen, wenn man den Reichtum seines Innenlebens nicht kennt. Bei ihm formten christlicher Glaube und politisches Handeln eine Einheit, wenn auch stets in der Unterscheidung der beiden Sphären: sein Glaube bestimmte sein Engagement und erleuchtete sein politisches Handeln.

Schuman mit Msgr. Angelo Roncalli, apostolischer Nuntius in Paris (5. Februar 1953).
Schuman war sich der Rolle, die das Christentum bei der Bildung der Demokratie spielte, sehr wohl bewußt. In seinem Buch-Testament Pour l’Europe schreibt er: „Die Demokratie verdankt ihre Existenz dem Christentum. Sie wurde an dem Tag geboren, als der Mensch gerufen wurde, im täglichen Engagement die Würde der menschlichen Person in ihrer individuellen Freiheit umzusetzen, unter Achtung der Rechte eines jeden und in Ausübung der brüderlichen Liebe zu allen. Niemals zuvor, niemals vor Christus, sind jemals solche Konzepte formuliert worden.“
Im Europaparlament, am 19. März 1958, sagte er: „Alle Länder Europas sind von der christlichen Kultur durchdrungen. Sie ist die Seele Europas, die ihm wiedergegeben werden muß.“ Und in Pour l’Europe heißt es: „Dieses Miteinander [der Völker] darf und kann niemals ein wirtschaftliches und technisches sein. Man muß ihm eine Seele geben. Europa wird nicht leben, wird sich nicht retten, wenn nicht in dem Maß, in dem es sich seiner selbst und seiner Verantwortung bewußt ist, zu den christlichen Prinzipien der Solidarität und Brüderlichkeit zuückzukehren.“
Wir wissen nicht, ob wir Robert Schuman als Seligen, und, dann, als Heiligen verehren können werden. Wenn die Kirche Heilige „ernennt“ bedeutet das nicht, daß sie „Supermänner“ anbietet, sie beansprucht nicht für sich Heilige, sondern proklamiert die alleinige Heiligkeit – die Gottes –, die sich durch die Heiligen zeigt, die er uns zum Geschenk macht, eine Heiligkeit, die auch im Leben eines jeden Menschen eingeschrieben ist, in jeder Situation, in jeder seiner Bemühungen.
Die Kirche braucht heute Heilige, die Laien sind und den Gläubigen Vorbild sein können; Heilige, die im Alltag die Heiligkeit nach dem Evangelium gelebt haben, ohne daß in ihrem Leben irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Robert Schuman bezeugt uns, daß auch die Politik ein Weg der Heiligkeit sein kann. Wenn sie heute so verunglimpft ist, dann, weil die im Herzen des Menschen verwurzelte Sünde den Menschen entarten läßt, so wie sie alles entarten läßt.