Ein Christentum, das erstaunt
Die Einleitung des emeritierten Erzbischofs von Florenz zu Marco Politis Buch Il ritorno di Dio, viaggio tra i cattolici d’Italia.
von Kardinal Silvano Piovanelli

Titelbild des Buches Il ritorno di Dio. Viaggio tra i cattolici d'Italia von Marco Politi, Verlag Mondadori, Mailand 2004, 455 SS., Euro 20,00.
Warum habe ich also dem sympathischen Drängen des Autors nachgegeben?
Der erste Grund ist ein rein persönlicher. In meinem Herzen trage ich nämlich noch die lebendige Erinnerung an Vincenzo Savio, der vor kurzem von uns gegangen ist und uns ein rührendes Zeugnis der Liebe zu Christus und zum Leben hinterlassen hat. Eine Woche vor seinem Tod, von Krankheit und Chemotherapie ausgelaugt, schrieb er: „Ich bin über alle Maßen mit Gott zufrieden. Es ist eine derart unaufhörliche Überraschung, daß ich mit voller Überzeugung sagen konnte, in jedem Moment sein volles Maß empfangen zu haben.“ Msgr. Savio hatte stets ein großes Interesse für die Welt der sozialen Kommunikationsmittel und unterhielt zu vielen Journalisten freundschaftliche Beziehungen. Ich bin mir sicher, daß er mir gesagt hätte: „Mach Du die Vorstellung.“
Der zweite Grund ist das ernstzunehmende und mutige Engagement dieser Arbeit. Eine Arbeit, die auch Mühe kostet, da sie auf mühsamen Interviews und komplexen Begegnungen aufgebaut ist, vom Norden bis zum Süden Italiens, und bedeutet, mit Priestern und Bischöfen in Kontakt zu kommen, mit Pfarreien und Bewegungen, Schwestern und Theologen, mit denen, die sich für die Ärmsten der Gesellschaft aufopfern und jenen, die ganz in ihrem kulturellen Engagement aufgehen, denen, die sich den sozialen Kommunikationsmitteln widmen und jenen, die alles tun für die Förderung von Gerechtigkeit und Frieden, denen, die das Gut der Familie leben und jenen, die mit den verzweifelten Situationen von Mann und Frau in Berührung kommen, wie auch jenen, die sich in der Politik engagieren und der Jugend Hoffnung geben wollen.
Oft klammern auch ausgezeichnete Historiker das Christentum aus ihrer Suche und Reflexion aus. So als wären sie sich dessen Präsenz nicht bewußt und seines Einflusses auf die Geschichte Europas, besonders unseres Italien. Henri Fesquet, der der Gruppe angehörte, die Le Monde gründete, hat erklärt: „Diese katholische Kirche, die ich selbst gescholten habe, wenn auch stets mit der Wahrheit, die aus der Liebe geboren wird, ist immer noch ganz außergewöhnlich interessant, wenn man sie mit der traurigen Öde der Politiwelt oder der der Intellektuellen vergleicht.“
Dieses Christentum ist der merkwürdigste und vielfältigste zoologische Garten – und noch dazu einer, in dem alle Arten von Tieren zu finden sind: die einen sind mittelmäßig und träge, die anderen aber ganz außergewöhnlich, voller Kreativität und Liebe. Ein Zoo, wo die Liebe in jedem Jahrhundert die Phantasie angeregt hat und das noch immer tut, um zu versuchen, neue Wege zu finden und sich so in den Dienst der Bedürftigen zu stellen, von denen die Gesellschaft doch so voll ist.“
„Aber“ – wie Pater Peter H. Kolvenbach, General der Jesuiten, meinte, „wir sind Menschen, und bei der Suche können Krisen, Spannungen, Schwierigkeiten auftreten. Ich sehe dieses ganze Brodeln wie das äußere Gesicht eines überaus vitalen Organismus, der in vielen Bereichen zu einem Gleichgewicht tendiert: in den Beziehungen zwischen Bischöfen und Theologen, in den Beziehungen zwischen Ortskirchen und Ordensleuten, in der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Formen des Laienapostolats. In diesem Wachstumsprozess in Richtung einer immer größeren Gemeinschaft muß auch die Dialektik zwischen der Kritik der Theologen oder anderer kirchlicher Vertreter und der Ermahnung seitens der Hierarchie gesehen werden. Gewiß, wenn man sich bei der Kritik scharfer, aggressiver Töne bedient, darf man sich keine weniger scharfen Antworten erwarten. In der Kirche sollte das Gesetz der Liebe unser gesamtes Verhalten leiten, selbst den Protest, und es wird immer einen Widerstand geben, der von einem weltlichen Geist geleitet ist.“
Ich hoffe, daß dieses Buch hilfreich dabei ist, das Staunen in den Herzen vieler erblühen zu lassen. „Das Christentum überrascht jeden, der sich darin vertieft,“ sagte Pascal. Es überrascht auch den, der dort hinein geboren wurde. Und wie dann erst jene, welche es zum ersten Mal entdecken! Es erstaunt, aber nicht ein in einem gewissen Sinne theoretisches Christentum, von dem man nicht weiß, wie es mit dem Leben der Menschen in Zusammenhang gebracht werden kann, sondern ein Christentum, das im Leben der Christen erstrahlt.

Der auferstandene Jesus und die Apostel auf dem Tiberias-See, Duccio di Buoninsegna, Predelle der Maestà, Museo dell'Opera del Duomo, Siena. Unten, detail.
Ich kann nur hoffen, daß dieses Buch sehr dabei hilft, mit größerer Aufmerksamkeit das Geheimnis des Christentums zu betrachten: „Keine Religion,“ sagte Pascal, „entspricht so sehr der wahren Natur des Menschen wie die Religion Christi, obwohl ihr doch keine so entgegengesetzt zu sein scheint!“. Und ich kann nur hoffen, daß vielen dabei geholfen wird zu erkennen, daß, wenn Kathedralen und Kunstwerke auch in so offensichtlicher Weise unsere Kultur prägen, da doch eine andere, noch wichtigere Präsenz ist: das Leben der Menschen und Gemeinschaften, die wie ein Sauerteig in der Masse sind und eine Reserve der Hoffnung darstellen für die gesamte Menschheit in der geplagten Geschichte unserer Zeit.
Und ich möchte mir noch etwas feierlich wünschen: daß die Christen, wenn sie dieses Buch lesen, sich des Glaubensschatzes bewusster werden und realisieren, daß das einzige Evangelium, das die Menschen heute annehmen, das ist, das in ihr Leben eingeschrieben ist.