Es ist an der Zeit, zu unterscheiden
„Man darf nicht vergessen, zwischen dem Volk der Gläubigen und denen zu unterscheiden, die die Sprache der Religion instrumentalisieren.“ Begegnung mit dem Rektor der islamischen Universität Al-Azhar.
von Gianni Valente

Studenten bei Vorlesungen an der Universität Al-Azhar.
Wie distanzieren sich die muslimischen Leaders von den Terroristen, die behaupten, im Namen des Islam zu handeln?
AHMAD AL-TAYYIB: Der Islam ist die Religion des Friedens. Die einzige Religion, die in Sachen Behandlung des Feindes auf moralische Prinzipien verweist. Auch im Krieg verbietet sie, daß Kinder, Frauen, alte Menschen und all jene getötet werden, die nicht direkt an den Kämpfen beteiligt waren. Verbietet es, dem verletzten Feind den Gnadenschuß zu geben. Es ist sogar verboten, Bäume auszureissen und die Gärten des Feindes zu plündern. Wenn es eine Religion verbietet, Bäume auszureissen, wie soll sie es da erlauben können, unschuldige Menschen zu terrorisieren und zu ermorden? Das ist für uns derart selbstverständlich, daß wir peinlich berührt sind, wenn wir gefragt werden, warum der Islam den Terror rechtfertigt. Gleichzeitig – bitte vergeben Sie mir meine Offenheit – habe ich den Eindruck, daß man hier verschiedene Dinge durcheinanderbringt. Der Terrorismus, der Unschuldige trifft, ist eine Sache; das, was nur eine Reaktion der Selbstverteidigung, der Versuch, etwas zu schützen, ist – wie im Fall des Widerstands gegen die Besatzermächte –, als Terrorismus abzustempeln, eine andere. Hier muß klar unterschieden werden. Die Franzosen, die zur Zeit der Nazi-Besatzung ähnliche Taten verübt haben, werden als Helden betrachtet, nicht als Terroristen.

Oben, die Delegierten der Studientagung „Religionen und Kulturen. Der Mut eines neuen Humanismus“, auf dem Weg zum Domplatz, wo die Abschlußfeier stattfand (Mailand, 7. September 2004). Unten, die Schlußzeremonie der Studientagung.
AL-TAYYIB: Die Palästinenser sind ein Volk, das nichts hat. Arme Leute, die jeden Tag Getötete zu beklagen haben. Seit dem Beginn der Intifada ist die Zahl der getöteten palästinensischen Kinder dreimal so hoch wie die der israelischen Kinder, nur daß von ersteren nie gesprochen wird. Es schmerzt mich zu sehen, daß alle Länder, auch die arabischen, einfach nur zusehen. In ihrer Verzweiflung greifen sie dann zu extremen Maßnahmen, um sich der Besatzung entgegenzustellen.
Es bleibt jedoch die Tatsache, daß nach dem 11. September und dem Attentat von Madrid der Terrorismus im Westen Synonym für islamistischen Fundamentalismus ist...
AL-TAYYIB: Uns zu fragen, was wir vom Terrorismus halten, ist überflüssig. Gerade wir haben für den Fundamentalismus einen hohen Preis bezahlt. In Ägypten hat man Präsident Sadat ermordet. Dann hat Mubarak als erster Alarm geschlagen, in einer Epoche, in der man den Fundamentalisten in den westlichen Ländern Asylrecht gewährte, die so, mit ihren im Westen vorbereiteten Taten, den Nahen Osten mit Blut besudeln konnten. Ich wohne in Luxor. Die Moschee von Luxor befindet sich nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt. Noch heute sind viele der Bewohner dieser Zone in psychiatrischer Behandlung – so groß war der Schock, den sie durch das Attentat erlitten haben.
Wie erklären Sie sich den Umstand, daß jene, welche zu Terroranschlägen anstacheln, Koranverse zitieren?
AL-TAYYIB: Auch die Kreuzfahrer sind im Namen Gottes ausgezogen, um Muslime zu töten. Papst Urban II. sprach im Namen des Evangeliums, als er dazu aufrief, gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Und dasselbe gilt auch für Irland, wo man die Religion instrumentalisiert, um die Attentate zu rechtfertigen. Aber nicht schon allein deshalb sagen wir, daß das Christentum die Religion des Terrorismus ist. Sie sehen also, wie leicht es ist, die Religion für andere Zwecke zu mibrauchen. Man darf aber nicht auf die Unterscheidung zwischen dem Volk der Gläubigen und denen vergessen, die die Sprache der Religion instrumentalisieren. Wir können nur hoffen, daß das auch unseren Brüdern im Westen klar ist und auch klar bleibt.