Zu Wort kommt der Vizesekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation.
Russland nach Beslan
Das Geiseldrama von Ossetien, der internationale Terrorismus, der Irak, die Abrüstung, die derzeitigen Beziehungen Russlands zu USA und Europa. Ein Breitspektrum-Interview mit Nikolay Spasskiy. Ausgehend von seinem neuen Roman, Die Reliquien des hl. Kyrill, eine spy story, die im Jahr 1991 an den Schauplätzen Rom und Moskau spielt, zur Zeit der Auflösung der UdSSR.
von Roberto Rotondo

Nikolay Spasskiy im Kreuzgang der Basilika der Heiligen Apostel in Rom. Der ehemalige russische Botschafter beim italienischen Staat hat vor kurzem seinen zweiten historischen Roman veröffentlicht, in dem es um die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und orthodoxer Kirche geht.
Das ist, in groben Zügen, die Handlung des neuen historischen Romans von Nikolay Spasskiy, Die Reliquien des hl. Kyrill, in Italien im Rizzoli-Verlag erschienen, eine richtige spy story, in der Phantasie und Wahrheit eng miteinander verflochten sind. Es ist nicht das erste Buch, das Spasskiy geschrieben hat – und das, obwohl er eigentlich gar kein Schriftsteller ist: mit nur 43 Jahren kann er schon auf eine lange diplomatische Karriere zurückblicken, mehr als sechs Jahre lang war er Botschafter der Russischen Föderation beim italienischen Staat in Rom, heute ist er Vizesekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation. Er ist die Nr. 2 von Igor Iwanow (der, wiederum, das russische „Gegenstück“ zu Condoleezza Rice ist). Obwohl er gerade alle Hände voll mit dem Schock über das schreckliche Attentat auf die Schule in Beslan und dessen Folgen zu tun hat, war er dennoch bereit, uns einige Fragen zur derzeitigen Rolle Rußlands in der Welt zu beantworten. Auch weil, wie der ehemalige Präsident der UdSSR, Gorbatschow, betonte, das Attentat in Ossetien, „ein Attentat auf Putin war, der versucht, das Land wieder auf die Beine zu bekommen.“ „Wir haben es hier mit einem langen, unerbittlichen Krieg zu tun,“ kommentiert Spasskiy, „einem richtigen Krieg, den wir nur dann gewinnen können, wenn wir ihn auch wie einen solchen angehen. Es wäre ein tragischer Irrtum, den Terrorismus als einen Zusammenprall von Zivilisationen oder als ein isoliertes Phänomen zu sehen.“
Kann man das Geiseldrama von Beslan als russischen 11. September bezeichnen?
NIKOLAY SPASSKIY: Ich halte einen Vergleich zwischen dem Geiseldrama von Beslan und dem 11. September durchaus für legitim. Eine nationale Tragödie, die das ganze Land, das ganze Volk erschüttert hat. In seinem Appell im russischen Fernsehen hat Präsident Putin sehr gut dieses Gefühl der Wut und der Entrüstung zum Ausdruck gebracht. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Rußland nach dieser tragischen Erfahrung nicht mehr dasselbe sein wird. Wir hoffen, jene Haltung wieder zu finden, die US-Präsident John Fitzgerald Kennedy so treffend definiert hat: „Frag dich, was du für dein Land tun kannst, und nicht, was dein Land für dich tun kann.“

Der hl. Kyrill auf einem Fresko des 9. Jhs. (Basilika San Clemente, Rom).
SPASSKIY: Der Krieg war gegen uns alle, Amerika, Rußland, Europa, die gemäßigten Kräfte der islamischen Welt. Ja, es stimmt, daß Rußland vom Terrorismus ins Visier genommen worden ist. Aber daran ist nichts Merkwürdiges. Mein Land verhandelt nicht mit Terroristen, gibt nicht nach, sondern bekämpft sie. Oft werden wir im Westen gefragt, was der tschetschenische Separatismus mit all dem zu tun hat. Den Separatismus als Massenphänomen gibt es im heutigen Tschetschenien nicht. Es gibt sozioökonomische, mit der Nachkriegszeit, dem friedlichen Wiederaufbau verbundene Probleme. Und, wie in anderen Teilen der Welt auch, werden diese Probleme vom Terrorismus instrumentalisiert. Nachdem es Al-Qaeda nicht gelungen war, im Kaukasus ein terroristisches Enklave zu schaffen, haben die Terroristen ihre Wut an Rußland ausgelassen. In dieser Situation muß man zunächst einmal alles nur Mögliche tun, um diese Bedrohung auszuschalten. Es ist jedoch wichtig, daß der militärische Gegenschlag und die Verstärkung der öffentlichen Sicherheit in die globale Strategie des Kampfes gegen den Terrorismus eingefügt werden, was auch politische, diplomatische, wirtschaftliche Aspekte, die Massenmedien, miteinschließt.
Kommen wir auf Ihren Roman zu sprechen, auf Ihr Interesse an der Geschichte der Beziehungen zwischen orthodoxer Kirche und katholische Kirche und die politischen Folgen der Entwicklung dieser Beziehung. Es ist nicht das erste Mal, daß Sie sich mit diesem Problem befassen, aber dieses Mal deutet doch alles darauf hin, daß Sie selbst der Held sind, der versucht, die Reliquien des hl. Kyrill wiederzubekommen. Ist es wirklich so einfach?
SPASSKIY: Der wahre Protagonist des Buches ist der Zusammenbruch der UdSSR, das Jahr 1991, eine Epoche ungeheuren Chaos’, in der mein Land den Ruin riskierte. Die Handlung des Buches ist erfunden, aber ich habe dabei an mein Land gedacht, meine Kenntnis gewisser Kreise und gewisser russischer Persönlichkeiten einfließen lassen. Das Ergebnis war die gut mögliche, in einem gewissen Sinne reale, Geschichte der Rückgabe der Reliquien des hl. Kyrill an Rußland. Ein Ränkespiel, das erfunden ist, das stimmt. Aber auch die wahre Geschichte des Verschwindens der Reliquien des hl. Apostels der Slawen mutet wie eine wunderschöne spy story an, zieht sich über ein Jahrtausend hin. Ich mache keinen Hehl daraus, wie sehr ich mir wünsche, die Aussöhnung zwischen den beiden Kirchen noch zu erleben. Und folglich liegt mir sehr daran, daß die Belange der weltlichen Politik nicht dazu benutzt werden, das Wahrwerden dieses großen Traumes zu verhindern. Aber mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen.
So einfach lassen wir uns aber nicht abspeisen: wir werden Sie jetzt nicht fragen, wie der Roman ausgeht – unterhalten wir uns doch einfach darüber, warum Sie einer möglichen Reise des Papstes nach Moskau, und, allgemeiner, einem Aussöhnungskurs zwischen katholischer und russisch-orthodoxer Kirche so große politische und strategische Bedeutung beimessen...
SPASSKIY: Man sagt, das Schisma sei das tiefste Schandmal der Pforten der Hölle auf dem Leib der Kirche Christi. Eine Behauptung, der ich nur voll und ganz zustimmen kann. Und ein Thema, dem ich schließlich meine letzten beiden Bücher gewidmet habe, Der Byzantiner, in dem die Geschichte der diplomatischen Intrigen erzählt wird, die im 15. Jahrhundert zwischen Rom, Byzanz und Konstantinopel gesponnen wurden, und jetzt Die Reliquien des hl. Kyrill. Das Schisma zwischen Orthodoxie und Katholizismus hatte seine Geschichte, seine Mythologie, seine Protagonisten. Hat einen fürchterlichen Preis gekostet, wie den Fall von Byzanz. Aber heute ist es an der Zeit, sich wieder anzunähern, weil wir alle, Katholiken und Orthodoxe, doch vor allem Christen sind.

Die Panzer der Putschisten auf dem roten Platz, als das Chaos des Schreckensjahres 1991 gerade seinen Höhepunkt erlebte.
Außerdem gibt es auf der Welt nicht nur den islamistisch-radikal inspirierten Terrorismus, sondern auch viele andere Gründe zur Beunruhigung: eine weit verbreitete Intoleranz, die sich nicht selten in Gewalt entlädt, Totalitarismus und Fremdenfeindlichkeit, was oft auch in der offiziellen Politik zutage tritt, die Zunahme von Sekten, die eine unmenschliche, diabolische Ideologie predigen. Wenn es der russisch-orthodoxen Kirche und dem Hl. Stuhl unter diesen Umständen gelingen sollte, ihre Kräfte zu vereinen, könnten sie nicht nur entschieden zum Kampf gegen den Terrorismus beitragen, sondern auch die Seelen von den Fangstricken des Hasses und der Intoleranz befreien.
Könnte ein direktes Interesse an einer Annäherung zwischen den Kirchen seitens einer weltlichen Regierung als Einmischung interpretiert werden? Immerhin hat diese Beziehung bisher arktische Eiszeiten und Perioden vorsichtigen Dialogs erlebt, aber nicht mehr...
SPASSKIY: Ich glaube – und das ist mir ein großer Trost –, daß sich zwischen den beiden Kirchen, wenn auch noch verhalten, doch ein gewisses Einvernehmen herauszukristallisieren beginnt. Das Kitten des Schismas ist Sache der beiden Kirchen, und der Staat hat kein Recht, einzugreifen. In der Sowjetunion wollte er eine totale Regulierung des kirchlichen Lebens, und noch heute bezahlen wir den Preis für diese Vergangenheit. Aber Staat und bürgerliche Gesellschaft können nicht sagen, das Ganze mit distanzierter Unparteilichkeit zu betrachten. Der Staat kann den kirchlichen Dialog, kann günstige Bedingungen schaffen, das Einvernehmen zur Aussöhnung darf dagegen nur zwischen Patriarchat und Hl. Stuhl erfolgen. Sonst kann es nicht funktionieren.
SPASSKIY: Wir sagen immer, daß sich Islam und Terrorismus nicht decken, und das stimmt auch. Der Islam ist eine der größten Zivilisationen und Religionen der Welt, und dem muß der nötige Respekt gezollt werden – der Terrorismus ist eine andere Sache. Er ist ein Phänomen, das es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben hat. Man könnte auch darüber streiten, ob die Ermordung von Julius Cäsar ein Terrorattentat war oder nicht. Rußland hatte auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts mit dem Terrorismus zu kämpfen, und diese Erfahrung hat tiefe Spuren in unserer Kultur hinterlassen. Aber um wieder auf Ihre Frage zurückzukommen: ich war damals ein junger Beamter im Außenministerium und Mitglied der kommunistischen Partei, wenn ich in meinem Herzen auch Christ war, und hatte nicht die Möglichkeit, die Phänomene, von denen wir sprechen, zu analysieren, weil sie damals noch nicht sehr publik gemacht wurden. Es waren Dinge, die allenfalls im Schatten existierten. Ich glaube nicht, daß die Feier der Taufe der Rus das Verlangen nach einer islamischen Renaissance geweckt hat, schließe es aber nicht aus, daß einige Haltungen in diesem Sinne Einfluß genommen haben können.
Als die kommunistische Partei der UdSSR ihre Kontrolle des Landes abgeschwächt hat, sind die unterschiedlichsten Dinge ans Tageslicht gekommen: auf der einen Seite, von Seiten des Volkes, der Wille nach Demokratie, Freiheit, menschlichen Werten, Wiedergeburt der Religion. Auf der anderen die Präsenz eines extremistischen Radikalismus, der vom Ausland kräftig unterstützt wurde. Man kann ja wohl kaum leugnen, daß der Extremismus dann zunimmt, wenn er vom Ausland finanziert und instrumentalisiert wird. Die Ideologie von Al-Qaeda inspiriert sich an der aggressivsten, intolerantesten und unmenschlichsten Strömung des Islam. Und wir dürfen diese Realität nicht aus Motiven der political correctness zensieren. Man muß verhindern, daß sich die Terroristen zum Sprachrohr dessen machen, was das Volk will. Ihnen die sozioökonomische Grundlage entziehen. Die jungen Menschen müssen verstehen, daß es möglich ist, auf friedlichem Wege für das Leben des eigenen Volkes zu arbeiten und daran Anteil zu haben. Und daß einem ein besseres Schicksal beschert sein kann als das, als Kamikaze für Al-Qaeda zu sterben.

Eine Frau in den Trümmern der Schule von Beslan, nach dem schrecklichen Attentat, das Spasskiy als den russischen 11. September bezeichnet.
SPASSKIY: Das Schlimmste wäre, gezwungen zu sein, entweder zu kapitulieren oder ein Polizeiregime einzurichten. Das wäre eine wirklich schlimme Zwickmühle.
In seiner Ansprache nach dem Geiseldrama in Ossetien hat Putin daran erinnert, daß Rußland eine Atommacht ist. Ein Problem, das in gewisser Weise mit dem Terrorismus zu tun hat, allgemeiner aber mit der Weltsicherheit, ist gerade das der Massenvernichtungswaffen. Und es hat nicht den Anschein, daß man seit dem Ende des Kalten Krieges große Fortschritte gemacht hat. Im Gegenteil, heute gibt es neue Länder, die über Atomwaffen verfügen. Wie soll man da den Abrüstungskurs einschlagen?
SPASSKIY: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die größte Bedrohung der internationalen Gemeinschaft stellt, neben dem Terrorismus, zweifelsohne die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen dar, und in einem gewissen Sinne ist die Situation komplizierter als zu Zeiten des Kalten Krieges, wo – in der Situation der mutually assured destruction – ein Abkommen zwischen den beiden Supermächten genügte, um die Gefahr eines Atomkrieges auf eine mehr oder weniger akzeptable Ebene zu reduzieren. Wenn wir heute von Ländern sprechen, die Massenvernichtungswaffen besitzen, sprechen wir nicht nur von denen, die schon seit langem Massenvernichtungswaffen besitzen, sondern auch von denen, die erst seit kurzem zu den mit Atomwaffen bewaffneten Ländern gehören oder dazu gehören möchten. Weil Atomwaffen nämlich noch heute als eine Art Versicherungspolice gesehen werden, und zwar sowohl auf regionaler Ebene – um benachbarte Staaten abzuschrecken oder zu bedrohen –, als auch, um auf globaler Ebene mögliche Angriffe zu vermeiden, wenn man zu den von den USA als gefährlich eingestuften Ländern gehört. Es ist also nicht realistisch zu meinen, sich an einen Tisch setzen zu können, um gemeinsam das Problem der Massenvernichtungswaffen zu lösen. Nach der Militärdoktrin der Russischen Föderation könnten wir nur dann Atomwaffen einsetzen, wenn wir mit Massenvernichtungswaffen angegriffen werden würden oder unsere nationale Sicherheit ernstlich bedroht wäre, weil es vorher zu massiven Angriffen mit konventionellen Waffen gekommen ist. Die Militärdoktrin der USA ist in dieser Hinsicht, wenn auch etwas elastischer, auf derselben Linie wie wir. Wir hier in Rußland haben unser Arsenal in wenigen Jahren reduziert, aber das Phänomen ist komplexer. Wenn es ein Entwicklungsland gäbe, das versuchen würde, Atomwaffen herzustellen, könnten wir einschreiten, wenn auch mit großer Vorsicht, und dabei helfen, eine friedliche Lösung für die betreffende regionale Krise zu finden. Und dann können wir auch versuchen, die Besorgnis abzuschwächen, die bezüglich der USA entstanden ist, wenn es natürlich auch deren Sache ist, nach dem Irak zu zeigen, daß es nicht zu einer Kettenreaktion, zu Militäraktionen in anderen Ländern kommt. Es könnte dann nämlich in zwei, drei Jahren zu einem wahren Run auf die Atomwaffen kommen. Kurzum: Wir müssen die Motive ausräumen, die in einem Land die Notwendigkeit entstehen lassen, sich zu bewaffnen. Es ist ein langer, schwieriger Weg, aber wenn die Länder, die einen gewissen Einfluß haben und in den internationalen Beziehungen Respekt genießen, aktiv werden würden, könnte man wohl endlich ein wenig Licht am Ende des Tunnels sehen.
SPASSKIY: Nicht unbedingt, denn wenn es auch stimmt, daß die Gefahr eines Atomkrieges nicht mehr besteht, so bleibt doch die eines Unfalls bei der Verwaltung der Militärarsenale und der Atomzentren. Außerdem ist die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen bei regionalen Konflikten noch nicht vollkommen gebannt, und wir müssen uns heute der – noch vor 10 Jahren so gut wie nicht existierenden – Gefahr eines Terrorrangriffs mit Massenvernichtungswaffen bewußt sein, die nicht unbedingt Atomwaffen sein müssen. Das ist eine reale Bedrohung. Sich chemische oder biologische Bomben zu beschaffen ist einfacher, und sie sind ebenso tödlich wie Atombomben. Das Szenarium eines Attentats könnte extrem einfach sein, fast schon banal. In der Literatur wird zu diesem Thema immer ein schauderhaftes Beispiel genannt: das eines Kamikaze, der sich, mit Anthrazen infiziert, einen Tag lang in der New Yorker U-Bahn aufhält und eine Epidemie auslöst, bei der Hunderttausende von Menschen infiziert werden. In den kommenden Jahren könnte es durchaus möglich sein, daß die Menschheit einem derartigen Terrorattentat ins Auge blicken muß.
Es sind also andere Probleme. Natürlich muß der Abrüstungsprozess weiter vorangetrieben werden, wobei auch die traditionellen Atommächte miteinbezogen werden müssen, wie England, Frankreich, China. Und wir müssen mit den Ländern zusammenarbeiten in dem Bemühen, diese Waffen nicht weiter zu verbreiten. Die von der IAEA [International Atomic Energy Agency, Anm.d.Red.] gegebenen Garantien müssen ausgeweitet werden, vor allem im Bezug auf threshold countries. Der Generaldirektor der Agentur, Mohammed El Baradei, hat diesbezüglich sehr interessante Ideen. Die technische Sicherheit der Entwicklung des Atomenergiesektors muß verstärkt werden. Ebenso wie die Maßnahmen, ein Terrorattentat mit Massenvernichtungswaffen vorherzusagen damit man, in dem unglückseligen Fall, daß es eintreten sollte, alle nötigen Maßnahmen ergreifen kann, die Schäden soweit wie möglich in Grenzen zu halten.
Wir haben von den USA gesprochen. Wie sind die derzeitigen Beziehungen zwischen Ihren beiden Ländern?
SPASSKIY: Aufgrund ihres realen Gewichts in Politik und Weltwirtschaft haben die USA als Partner Rußlands einen sehr hohen Stellenwert. Aber daran ist rein gar nichts Merkwürdiges, heute messen alle Länder den Beziehungen zu den USA eine besondere Bedeutung bei. Und die Beziehungen, die wir zu ihnen unterhalten, wirken sich sehr auf die strategische Stabilität der Welt aus. Ohne eine enge Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern ist es unmöglich, eine Antwort auf Herausforderungen wie den Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, die regionalen Kriege, zu finden. Und Rußland ist an einer weitreichenderen und dynamischen Zusammenarbeit mit den USA interessiert, nicht nur im strategischen Bereich, sondern auch im wirtschaftlichen und kulturellen. Trotz unserer Divergenzen in einigen Fragen arbeiten wir doch auch weiterhin eng miteinander zusammen.

Der russische Präsident Wladimir Putin mit dem Patriarchen von Moskau, Alexij II.
SPASSKIY: Ja, das stimmt. Wir müssen uns vor Augen halten, daß im amerikanischen Polit-Establishment verschiedene Denk- und Bewußtseinsströmungen nebeneinander leben. Da gibt es die sogenannten neocons, die Amerika als die einzige Supermacht auf der Welt betrachten und daher auch meinen, sie müsste unilateral vorgehen. Dieser Ansatz hat sich bei der Militäraktion der Amerikaner gegen den Irak gezeigt, die wir von Anfang an für einen schweren Fehler gehalten haben. Aber man kann die US-Außenpolitik nicht als von der neocon-Ideologie versklavt sehen, weil es eine sehr viel artikuliertere und komplexere Sache ist. Und außerdem bedeutet der Umstand, daß es in der amerikanischen Politik diese Tendenzen gibt nicht, daß wir es uns erlauben können, zuzusehen, wie ihnen die USA wahllos folgen. Dann würde nämlich der Stabilität der Welt sowohl von der Lehre der unilateralen amerikanischen Alleingänge Schaden zugefügt als auch von der Isolationisten-Lehre. Wir wollen wirklich nicht, daß sich die USA in ihr Schneckenhaus zurückziehen und eine Art „Fortress America“ aufbauen...
In Sachen Irak habt ihr aber kein definitives Veto eingelegt...
SPASSKIY: Wir hatten von Anfang an eine negative Meinung dazu, aber die USA haben sich nicht beirren lassen. Was hätten wir tun sollen? Uns beleidigt zurückziehen und darauf warten, daß sie ihr Fett abkriegen? Wenn sich die USA in Schwierigkeiten bringen, haben alle ein Problem. Wir können uns in einer nicht demagogischen Politik engagieren, indem wir versuchen, auf die Entscheidungen der USA Einfluß zu nehmen. Die Tatsache, daß die UNO-Resolution 1546 verabschiedet wurde, war ein bedeutender Schritt, grundlegend für die Entwicklung der Situation im Irak. Natürlich kann man keine Wunder tun, und man darf auch nicht meinen, daß sich die Wogen nach der UNO-Resolution im Handumdrehen glätten werden. Wir müssen die Stabilität des Landes wieder aufbauen, weil das heute das grundlegende Problem ist, die Stabilität und die Grundbedingungen der Sicherheit. Wir dürfen nicht zulassen, daß das Territorium des Irak zum Lagerhaus des internationalen Terrorismus wird. Das wäre das schlimmste Szenarium, das man sich vorstellen kann. Wir sind mit der Linie unserer amerikanischen Freunde nicht einverstanden, verfolgen ihre Bemühungen aber mit Wohlwollen. Und betonen, daß der Irak seine volle Souveränität haben muß, was auch den UNO-Einsatz erleichtern würde.
Was denkt man in Rußland über die Wahlkampagne in den USA?
SPASSKIY: In Sachen US-Wahlen gibt es für uns hier in Rußland eine goldene Regel: nie einen Kommentar abgeben. Weil unser Interesse kein Interesse an den Personen ist, mit denen es menschliche Beziehungen geben kann oder auch nicht. Hier geht es um eine andere Ebene. Für uns ist wichtig, daß – Wahlkampagne hin oder her – die positive Entwicklung der Beziehungen zwischen unseren Ländern weitergeht, daß es keine Überraschungen gibt, daß die von uns gehegten Projekte voranschreiten. Kurzum: daß wir auf dem Weg weitergehen, den wir, nach jahrelangen Bemühungen, in unseren Beziehungen endlich eingeschlagen haben. Und dann dürfen wir auch nicht vergessen, daß die Zeit der Wahlkampagne in den USA auch eine fragile Phase ihres politischen Systems ist. Es ist eine Periode, in der wir Nachbarn, Partner, Freunde der USA aufpassen müssen, daß sich die amerikanische Innenpolitik nicht auf die Beziehungen zu den anderen Ländern der Welt auswirkt. Das ist der Geist, mit dem wir – mit größter Vorsicht – diese Kampagne verfolgen.

Oben, Wladimir Putin in seiner Residenz in Sachi (zwischen dem französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder). Unten, Präsident George W. Bush bei einer Begegnung mit den Verantwortlichen für Nationale Sicherheit und der Administration im Weißen Haus.
SPASSKIY: Unsere Beziehungen zu Europa sind anderer Art als die zu den USA. Für uns ist Europa kein Fremdland. Im Gegenteil: Rußland ist Bestandteil Europas. Und daher sind wir an der Formation einer starken europäischen Union interessiert, die ein effektiver Partner für Rußland werden könnte. Aber wir machen keinen Hehl daraus, unsere Interessen zu haben. Können es also nicht akzeptieren, daß die EU versucht, sich von Rußland zu trennen, beispielsweise durch die von den Einreisevisen errichtete Mauer. Wir sind sehr besorgt, wenn aus bürokratischer Engstirnigkeit wichtige Kollaborationsprojekte nicht vorangetrieben werden; wenn die Ausweitung der EU Komplikationen in unseren Beziehungen mit den neuen Mitgliedsländern schafft. So sind wir beispielsweise der Meinung, daß die Beziehungen zwischen Rußland und der EU nicht weniger gewichtig sein dürfen als die bilateralen Beziehungen zwischen Rußland und den einzelnen EU-Mitgliedsländern, wie beispielsweise Italien. Aber wir sind auch überzeugt davon, daß die EU und Rußland ein symmetrisches Interesse an ihrer gegenseitigen Zusammenarbeit haben. Rußland trägt sich nicht mit dem Gedanken, in die EU einzutreten, zumindest in nächster Zukunft nicht. Aber ohne eine enge Verbindung zu unserem Land wird es der Union niemals gelingen, sich als starker und autonomer Pol in der Weltpolitik zu bestätigen.
SPASSKIY: Die Situation der russischen Wirtschaft hat sich als eine sehr viel größere Herausforderung erwiesen als wir gemeint hatten, als damals, 1991, die Reformen in Gang gebracht wurden. In den Neunzigerjahren hatte sich die Wirtschaft auf den Kurs des freien Marktes verlegt, ein Prozess, mit dem jedoch extreme Unterschiede bei den Einnahmen der Bevölkerung und ein bemerkenswerter Produktionsrückgang einhergingen. Diese Situation läßt sich auch mit einer Reihe von schwerwiegenden Fehlern erklären, die von den damaligen russischen Führungskräften begangen wurden. Aber es hat wohl wenig Sinn, über Vergangenes zu urteilen. Heute betrachten der Präsident und die Regierung das Wachstum des Landes, vor allem in Sachen Wirtschaft, als wichtigste Aufgabe der Nation; eine Aufgabe, die eine neue geschichtliche Epoche einleiten soll. Bisher hat sich noch keine entscheidende Wende abgezeichnet, aber ein doch recht viel versprechender Aufschwung. Wenn man beispielsweise bedenkt, daß BIP und Industrieproduktion eine Zuwachsrate von 7% pro Jahr verzeichnen können.
Aber oft wirft man den Russen doch vor, zu sehr vom Verkauf von Rohstoffen, wie Öl und Erdgas, abzuhängen und daß das wenig Arbeitsplätze schafft...
SPASSKIY: Natürlich haben auch die guten Öl- und Erdgaspreise in der letzten Zeit eine gewisse Rolle gespielt. Aber das heißt nicht, daß es in Rußland eine ungesunde Abhängigkeit vom Öl gäbe. Die Wirtschaftsstrategie unserer Regierung zielt auf die Wiedergeburt der industriellen Basis des Landes ab, auf das Wachstum des Exports der Industriegüter.
Diese Kursänderung hat auch Reibungspunkte mit einigen führenden Sektoren der Rohstoffproduktion geschaffen...
SPASSKIY: Die Neunzigerjahre haben uns ein schweres Erbe hinterlassen, das manchmal auch auf unser heutiges Leben Einfluß nimmt. Aber unsere westlichen Gesprächspartner müssen verstehen, daß es absurd ist hinter all dem, was in Russland passiert, einen Plan und eine Regie vermuten zu wollen. Wir sind ein normales, demokratisches, marktorientiertes Land wie ihr auch, mit dem einzigen Unterschied, daß wir – aus offensichtlichen Gründen – mit komplexeren und schwierigeren Problemen zu kämpfen haben.