Die Briefe von Pius XII.
Lesen Sie hier im vollständigen Wortlaut drei Briefe, die Pius XII. auf deutsch an die Bischöfe von Berlin und Münster geschrieben hat. Die Briefe, die zeigen, wie sehr Pius XII. von Galen schätzte, stammen aus dem II. Band der Actes et documents du Saint Siège relatifs à la Seconde guerre mondiale mit dem Titel Les lettres de Pie XII aux évêques allemands, 1939-1944.

Pius XII.
Aus dem Vatikan, den 16. Februar 1941
Unserem ehrwürdigen Bruder Clemens August von Galen, Bischof von Münster
Wir entbieten dir, ehrwürdiger Bruder, Unseren im Drang der sich häufenden Arbeiten und Lasten etwas späten, dafür aber um so innigeren Dank für deine treuen Wünsche zum laufenden Jahre. Von Herzen erwidern Wir sie für dich, deinen Klerus und deine Gläubigen. Wir beten und opfern täglich für euch, daß dieses Jahr, dessen noch dunkle Schicksale alle mit angstvoller Erwartung erfüllen, sich euch zu einem Gnadenjahr wende, in dem Gott seine Erbarmungen über euch ausschütte (cf. Eccli. 18,9).
Die Schreiben, die Uns in den letzten Monaten aus dem deutschen Episkopat zugegangen sind, wecken zwar den Eindruck, daß das Jahr 1941 auch der katholischen Kirche in eurem Vaterland neue harte Prüfungen zu bringen drohe. Dein Bericht (mit Anlagen), den Wir mitfühlend zur Kenntnis genommen haben, hebt besonders die Not der katholischen Jugend hervor. Sie ist eure und Unsere größte Sorge, um so größer, als die Entchristlichung der Jugend unter einem Zwang vor sich geht, gegen den das Elternhaus und die Kirche oft auch beim besten Willen fast wehrlos sind. Um so mehr erkennen Wir lobend an, was ihr zur Bewahrung des Glaubens in der Jugend durch den besonderen kirchlichen Religionsunterricht getan habt. Auch anderswo haben Wir viel Erhebendes über den Erfolg der „Glaubensstunde“ gehört. Aber selbst wenn er spärlich sein sollte, tut weiter was in euren Kräften steht, und stützt, soviel ihr nur könnt, das religiöse Leben in der Familie.
Deiner Beurteilung des Vorgehens gegen das kirchliche Eigentum in Oldenburg stimmen Wir zu. Die betreffende Maßnahme liegt in der Richtung jener einseitigen staatlichen Eingriffe, durch welche die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kirche in Österreich, im Sudetenland, im sogenannten Warthegau sowie in Elsaß-Lothringen schwer geschädigt worden sind. Dabei ist es im Falle Oldenburg unbezweifelbar, daß das Vorgehen der staatlichen Stellen gegen einwandfreie Konkordatsverpflichtungen verstößt.
Der Eifer, mit dem du, ehrwürdiger Bruder, das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Gesamtkirche und der Verbindung mit dem Stellvertreter Christi in deinen Gläubigen lebendig erhältst, tut Uns wohl, und zwar im euretwillen. Es wäre verhängnisvoll, wenn die Bestrebungen, die deutschen Katholiken abzuschließen und dem Papste zu entfremden, Boden gewännen. Unsere Liebe gehört gewiß gleicherweise allen Kindern der Kirche, ohne Unterschied von Land und Volk, auf beiden Seiten der Kriegsfronten. Das hat aber Unsere Liebe zu euch nicht verringert. Wir sind euch so nahe wie in den Jahren, da Wir euch von Stadt zu Stadt und von Gau zu Gau besuchen konnten, ja noch näher, wo Wir euch in schwerem Ringen um die Rettung eures hl. Glaubens stehen sehen. Sage deinen Gläubigen, daß Wir in dem gewaltigen Geschehen des Augenblicks nur daran denken und dafür arbeiten, die Verheerungen des Krieges, vor allem die seelischen: Gottentfremdung, Haß und Grausamkeit zu vermindern und dem Frieden die Wege zu bahnen; einem Frieden, der das Gesetz Gottes und die Freiheit seiner hl. Kirche achtet, einem Frieden, der mit der Ehre, den Rechten und den Lebensnotwendigkeiten aller beteiligten Völker vereinbar ist, so wie Wir es in Unseren Weihnachtsbotschaften der beiden letzten Jahre verkündet haben.
Als Unterpfand reichster Gnade Gottes, durch die der Allmächtige den katholischen Glauben, die christliche Tugend, den kirchlichen Sinn in euch lebendig und unverletzt erhalten möge, erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, allen deinen Mitarbeitern im Priestertum und Laienstand und allen dir anvertrauten Gläubigen aus der Fülle des Herzens den erbetenen Apostolischen Segen.

Der Bischof von Berlin, Konrad von Preysing.
Aus dem Vatikan, den 30. September 1941
Unserem ehrwürdigen Bruder Konrad von Preysing, Bischof von Berlin
Nimm Unseren herzlichen Dank entgegen, ehrwürdiger Bruder, für deine Schreiben vom 28. Juni, 16. August, 28. August, 4., 11. und 12. September.
Über die diesjährige Fuldaer Bischofskonferenz und den aus ihr hervorgegangenen gemeinsamen Hirtenbrief hat Uns der Bischof von Innsbruck, dem es hierher zu kommen gelang, ausführlich Bericht erstatten können. Es ist richtig, daß manche gewünscht hätten, der Hirtenbrief verriete noch etwas mehr von dem katholischen Selbstbewusstsein, das aus den drei Predigten des Bischofs von Münster atmet. Aber auch sie geben zu, was Wir von allen Seiten hören, daß der Hirtenbrief im Volke sehr gut gewirkt habe.
Die drei Predigten des Bischofs von Galen bereiten auch Uns einen Trost und eine Genugtuung, wie Wir sie auf dem Leidensweg, den Wir mit den Katholiken Deutschlands gehen, schon lange nicht mehr empfunden haben. Der Bischof hat den Augenblick für sein mutvolles Hervortreten günstig gewählt, das hohe Ansehen, das sein Name und seine Persönlichkeit schon im vornherein genossen, mag zu dem Erfolg beigetragen haben. Aber diese Umstände allein erklären die tiefe Wirkung seines Schrittes nicht. Sie ist, wenn Wir richtig sehen, darin begründet, daß der sittliche Ernst und der Stärkegrad seiner Verwahrung als gerade im richtigen Verhältnis stehend empfunden wurde zu dem Unrecht, das die katholische Kirche in Deutschland hat erleiden müssen, wie zu der verletzenden Form, in der es ihr angetan worden ist; sodann hat der Bischof in sehr offenmütiger, aber edler Art den Finger auf Wunden und Schäden gelegt, die, wie Wir es so oft hören, jeder noch rechtlich denkende Deutsche schmerzvoll und bitter empfindet.
Wenn als Ergebnis der mutigen Tat des Bischofs von Galen die Einstellung der Maßnahmen gegen die Kirche gefolgt ist, mag sie auch vielleicht nur vorübergehend sein und vor allem das angetane Unrecht noch lange nicht wiedergutmachen, so sind die drei Predigten des Bischofs von Münster und der Hirtenbrief des Gesamtepiskopats ein Beweis dafür, wie viel sich durch offenes und mannhaftes Auftreten innerhalb des Reiches immer noch erreichen läßt. Wir betonen das, weil die Kirche in Deutschland auf euer öffentliches Handeln um so mehr angewiesen ist, als die allgemeine politische Lage in ihrer schwierigen und oft widerspruchsvollen Eigenart, dem Oberhaupt der Gesamtkirche in seinen öffentlichen Kundgebungen pflichtmäßige Zurückhaltung auferlegt. Daß aber die Bischöfe, die mit solchem Mut und dabei in so untadeliger Form wie Bischof von Galen für die Sache Gottes und der hl. Kirche eintreten, an Uns immer Rückhalt finden werden, das brauchen Wir dir und deinen Mitbrüdern nicht eigens zu versichern.
Was deine Anregung angeht, der Heilige Stuhl möge zur Stärkung der Bischöfe seinerseits über die Deutsche Botschaft einen Schritt bei der Reichsregierung unternehmen, so ist er deinem Wunsch sozusagen zuvorgekommen, nicht nur einmal, sondern öfters in den letzten Jahren. Freilich mit so geringem Erfolg, daß auf seine Schreiben bis heute noch nicht einmal eine Antwort eingelaufen ist. Gleichwohl wird hier auch weiterhin sorgsam darauf gesehen werden, keine wenn auch nur irgend ein schwaches Ergebnis versprechende Gelegenheit vorübergehen zu lassen, um schriftlich oder mündlich die Sache der deutschen Katholiken zu vertreten.
Du berichtest Uns im letzten Schreiben über die Zusammenkunft von drei Bischöfen mit Vertretern der so hart geprüften Ordensfamilien in Frankfurt. Wir loben solche Beratungen und würden es begrüssen, wenn die auf der Fuldaer Konferenz erfolgte Anregung zur Ausführung gelangte, durch häufigere Sonderberatungen der Bischöfe der einzelnen Kirchenprovinzen und sodann der Metropoliten untereinander die Gesinnungseinheit des Episkopats zu lebendiger Tateinheit werden zu lassen, soweit diese Tateinheit jeweils von der augenblicklichen Lage gefordert wird. Es hiesse das nichts anderes als die durch die Kirchenverfassung und die hierarchische Ordnung bereitgestellten Kräfte altem kirchlichem Brauch folgend wirksam auszunützen. Mit den Konferenzen der westdeutschen Bischöfe ist ja in freier Form schon lange ein glücklicher Anfang gemacht.
Wir benützen die Gelegenheit, um dir, ehrwürdiger Bruder, streng vertraulich noch zwei Fragen vorzulegen...
Dich und deine Diözese innigst den Erbarmungen der göttlichen Vorsehung empfehlend, mit der gleichen Innigkeit aber auch um euer Gebet für den Fährmann des in tobendem Sturm stehenden Schiffleins Petri bittend, erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, und allen deiner Hirtensorge Anvertrauten von ganzem Herzen den erbetenen Apostolischen Segen.

Der Theologiestudent von Galen in Innsbruck (1899)
Aus dem Vatikan, den 24. Februar 1943
Unserem ehrwürdigen Bruder Clemens August von Galen, Bischof von Münster
Die Glückwünsche, die du, ehrwürdiger Bruder, Uns zum Gedächtnistag Unserer Wahl und Krönung im eigenen Namen wie im Namen deiner Diözesanen entboten hast, nehmen Wir mit Dank und Freude entgegen. Kommen sie doch von einem Hirten, in dem durch die katholischen Überlieferungen seines Hauses und erst recht durch die glaubensvolle Erfassung seines bischöflichen Amtes das Bewusstsein der Verbundenheit mit dem Stellvertreter Christi besonders lebendig ist, und von einer Herde, die sich immer durch kirchliche Treue ausgezeichnet hat. Wir danken vor allem für euer Gebet; für das Gebet, das ihr anlässlich Unseres Bischofsjubiläums für Uns zu Gott emporgesandt habt, wie für das Gebet, mit dem ihr am Sonntag „Invocabit“ Gottes Segen auf das fünfte Jahr Unseres Pontifikats herabflehen wollt. Wir können euch nur ermuntern, in der Fürbitte für den Nachfolger Petri auszuharren, da es schwer hält zu entscheiden, was grösser ist: die Nöte und Gefahren, in denen die hl. Kirche steht und die ihr noch drohen, oder die gewaltigen Aufgaben und weltweiten Hoffnungen, die sich in nächster und fernerer Zukunft für sie auftun. Wir brauchen nicht beizufügen, daß Wir Unsererseits eurer und euer Anliegen – Wir wissen, wie viele und sorgenvolle es sind – im Gebet und beim hl. Opfer täglich gedenken.
Wir danken dir sodann für die beiden Anlagen, das Hirtenwort vom 22. März 1942, das in Westdeutschland und fast gleichlautend in Bayern zur Verlesung kam, und den bei euch im Westen verlesenen Adventshirtenbrief. Beide Kundgebungen haben Unsere ungeteilte Zustimmung gefunden, weil sie so mutvoll für die Rechte der Kirche, der Familie und des Einzelmenschen eintreten. Selten, vielleicht niemals in der neueren Kirchengeschichte ist die Schicksalsverbundenheit dieser drei: der Menschenwürde, der Familie und der Kirche so greifbar zutage getreten wie heute. Uns ist es jedes Mal ein Trost, wenn Wir Kenntnis erhalten von einem offenen und mutigen Wort eines deutschen Bischofs oder der deutschen Bischöfe. Weitschauende Überlegung wird euch auch davon überzeugen, daß ihr durch mannhaftes Eintreten für Wahrheit und Recht, gegen Härte und Unrecht dem Ruf eures Volkes im Ausland nicht schadet, sondern eher nützt, mögen vielleicht auch augenblicklich andere in bedauerlicher Verkennung der Sachlage den gegenteiligen Vorwurf gegen euch erheben. Du, ehrwürdiger Bruder, bist übrigens der letzte, dem gegenüber Wir dies eigens zu erwähnen brauchen.
Die beiden von dir übersandten Hirtenbriefe haben Unserer Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1942 gleichsam den Boden bei euch bereitet. Wir hören gerne, daß du den Inhalt Unserer Botschaft auf den Dekanatskonferenzen behandeln läßt. Das bestärkt die seelische Verbindung zwischen Uns und eurem Klerus, zwischen euch und der weiten katholischen Welt. Unsere Worte haben über die ganze Erde hin, in den kriegführenden und den wenigen vom Krieg noch nicht unmittelbar berührten Ländern, tiefen Widerhall gefunden. Unseren Kundgebungen, vor allem den Weihnachtsbotschaften seit 1939 lag nicht die Annahme zugrunde, dadurch das Kriegsgeschehen an sich wesentlich beeinflussen zu können. Wir folgten nur unserer Pflicht als Stellvertreter Christi, für die jetzt vor bedeutsamen Neugestaltungen stehenden zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Ordnungen dem Naturrecht und dem Gesetz Christi die Wege zu bahnen, der Gefahr unchristlichen Denkens und eines übertriebenen Nationalismus bei Unseren Gläubigen entgegenzutreten, endlich, wenn es Gott so gefallen und er seinen Segen dazu geben wollte, wegweisend, klärend und versöhnend die Lösung der überwältigend schweren Aufgaben gesinnungsmäßig vorzubereiten, die mit Kriegsende in Angriff zu nehmen sein werden.

In Münster 1929 bei seiner Einführung als Pfarrer in der Pfarrei St. Lambert
Dein Wunsch, ehrwürdiger Bruder, wieder einmal zum Heiligen Vater nach Rom zu kommen, kann nicht stärker sein als Unser Verlangen, dich und die anderen deutschen Bischöfe in Unserem Haus begrüssen und mit euch die Anliegen der katholischen Kirche in Deutschland besprechen zu können. Es ist jetzt schon lange her, daß Wir deutsche Oberhirten hier sahen. Trotzdem würdigen und billigen Wir deinen Plan, die „Visitatio liminum Apostolorum“ vorerst aufzuschieben; Wir hoffen nur, daß die Ereignisse euch baldigst den Weg nach Rom freigeben mögen.
Sage deinen Diözesanen, daß Wir beten, opfern und arbeiten für einen Frieden, der allen Völkern ohne Ausnahme erträgliche Verhältnisse schafft; daß Uns wenige Dinge so am Herzen liegen wie die „Freiheit und Erhöhung“ der katholischen Kirche und des gesamten religiösen Lebens in eurer Heimat; daß Wir Gott danken für die Glaubensfestigkeit der deutschen Katholiken und sie väterlich mahnen, in Starkmut, Geduld und ungebrochenem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung Christus die Treue zu wahren. Als Unterpfand seines unbesieglichen Beistandes und seiner alles überwindenden Gnade erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, deinem Klerus und deinen Gläubigen, besonders den an der Front stehenden und der Jugend, aus der Fülle des Herzens den erbetenen Apostolischen Segen.