Uganda. Der Vergessene Krieg
Scheinwerfer auf Afrika
Interview mit Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden: „Die humanitäre Katastrophe im Norden Ugandas zeigt, wie wichtig es ist, dem afrikanischen Kontinent Vorrang einzuräumen.“
von Gianni Cardinale

Gulu, die night commuters, die Pendler der Nacht, auf ihrem Weg entlang der Straße, die zum Krankenhaus von Lacor führt. Seit der zweiten Hälfte des Jahres 2002 machen sich mehr als 40.000 Kinder – auf der Flucht vor den Rebellen der Lord’s Resistance Army, die sie in ihre Gewalt bringen wollen, um ihnen ein Soldatendasein aufzuzwingen oder sie zu töten – jeden Tag nach Anbruch der Dämmerung auf den Weg zu den Krankenhäusern, Kirchen und Schulen. Dort suchen sie in Städten wie Gulu, Kitgum, Lira oder Kalongo Unterschlupf. Laut UNICEF-Daten beläuft sich die Zahl der entführten Kinder bereits auf mehr als 25.000.
30Tage hat die Studientagung von Vita zum Anlaß genommen, Kardinal Martino ein paar Fragen zu stellen.
Eminenz, räumt das Ihnen unterstehende Dikasterium Afrika Priorität ein?
RENATO RAFFAELE MARTINO: Vor meiner Ernennung zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden war ich 16 Jahre lang Ständiger Beobachter des Hl. Stuhls bei der UNO. In dieser Zeit bin ich zu der (mit der Zeit immer stärker werdenden) Überzeugung gekommen, daß Afrika ein Kontinent ist, den man vergessen hat, um den sich niemand kümmert. Ich war gerade UNO-Beobachter, als sich in Ruanda dieser entsetzliche Völkermord abspielte, ohne daß die internationale Gemeinschaft eingeschritten wäre, um es zu verhindern. So wuchs in mir der Wunsch, mich für Afrika einzusetzen, die „Werbetrommel“ für Afrika zu rühren…
Doch dann war schon bald von einem Krieg im Irak die Rede…
MARTINO: Ja, da haben Sie recht. Und so war ich sozusagen gezwungen, mich mit anderen Themen zu befassen. Auch, weil mein Anliegen angesichts der Ereignisse im Nahen Osten ohnehin auf taube Ohren gefallen wäre. Erst als sich die Lage im Irak sozusagen stabilisiert hatte, konnte der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden sein besonderes Augenmerk auf diesen leidgeprüften Kontinent richten.

Die night commuters, beladen mit ihrem wenigen Hab und Gut, machen sich in Gulu auf den Weg, während sich das Heer auf eventuelle Offensiven der LRA-Rebellen vorbereitet. Mehr als 80% der LRA-Streitkräfte bestehen aus Kindern, die im Laufe der Jahre entführt worden sind
MARTINO: Und nicht nur der. Am 9. Juli haben wir, ebenfalls in Rom, ein internationales Seminar über „Armut und Globalisierung“ organisiert; Themen, die besonders Afrika angehen. Wir hoffen, daß uns jemand Gehör schenkt. Es reicht nämlich nicht, die Öffentlichkeit aufzurütteln, sondern man muß auch das Interesse der westlichen Regierungen wecken. Auch, weil wir wissen, daß es für Afrika Tausende von Projekten gibt; Projekte, die von katholischen und nicht-katholischen Vereinigungen vorangetrieben werden, von den Missionaren, die ein ausgezeichnetes Beispiel für Aufopferung und Hingabe sind, und von anderen Realitäten. Und das ist gut und schön. Vor allem ist es aber notwendig und überaus wichtig, daß sich die Regierungen der reichen Länder endlich dazu entschließen, das ihre zu tun.
Eine auf Afrika zugeschnittene Politik also?
MARTINO: Es wäre schon genug, wenn man das vor 34 Jahren gemachte Versprechen einhalten würde, den ärmsten Ländern 0,7% ihres Bruttoinlandsprodukts zukommen zu lassen. Derzeit kommt man noch nicht einmal auf 0,2%, und mit 0,7% wären es – in Zahlen gesprochen – ca. 45 Milliarden Dollar. Eine Summe, mit der man unverzüglich einen Großteil der Probleme der Entwicklungsländer lösen könnte.
Sie waren erst vor kurzem in Uganda. Welchen Eindruck hatten Sie?
MARTINO: Ich muß vorausschicken, daß Uganda nicht das afrikanische Land ist, das am schlechtesten dran ist. Das Problem ist, daß sich im Norden Ugandas seit zwanzig Jahren, fast ohne Unterbrechung, ein Drama abspielt, das vor allem Kinder betrifft. Eine humanitäre Katastrophe, die man mit Worten nicht beschreiben kann. Wir haben mehr als anderthalb Millionen Flüchtlinge, Vertriebene, die in Flüchtlingslagern zusammengepfercht sind, wo es an den notwendigsten hygienischen Grundlagen und an Nahrungsmitteln fehlt...

In den frühen Morgenstunden des17. Mai 2004 fielen die Rebellen der LRA in das Flüchtlingslager Pagak ein. 39 Zivilisten, die meisten davon Frauen und Kinder, wurden mit Macheten- und Stockhieben erbarmungslos niedergemetzelt, die Häuser in Brand gesteckt. Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser nach dem Angriff der LRA
MARTINO: Ja, die night commuters, die jede Nacht, nach Anbruch der Dämmerung, ihre Unterkünfte verlassen und in den Krankenhäusern, Hospizen, Missionen, Schulen Zuflucht suchen, um am Morgen danach in ihre Flüchtlingslager oder Dörfer zurückzukehren. Aus Angst, entführt zu werden. Ich bin diesen armen night commuters im Krankenhaus von Lacor begegnet, nahe Gulu: es waren 11.000! Und das sind zuviele auch für die wunderbaren Missionare dort, die unmöglich allen ein Glas Wasser, eine Decke, ein warmes Essen zusichern können...
Hatten Sie bei Ihrer Reise nach Uganda die Möglichkeit, sich die Aufnahmezentren für die ehemaligen Soldatenkinder anzusehen?
MARTINO: Ja, und das war eine ganz schreckliche Erfahrung. Ich habe Kinder ohne Nase gesehen, ohne Arme, ohne Finger, ohne Ohren... Opfer der „Lord’s Resistance Army“ von Joseph Kony. Ein abscheuliches Verbrechen, auf das aufmerksam gemacht werden muß! Und eine wichtige Rolle sollten dabei die Massenmedien übernehmen, ganz besonders das Fernsehen!
Bei dieser von Vita, der Kirche und der Stadt Rom organisierten Studientagung wurde betont, wie paradox es sei, daß man zwar ein ungewöhnliches Potential an Streitkräften und Mitteln aufgeboten hat, um das Regime Saddam Hussein zu Fall zu bringen, dann aber wieder einem „blutrünstigen Wahnsinnigen“ die Freiheit läßt, Hunderttausende von Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen...
MARTINO: Man hat manchmal den Eindruck, daß sich die internationale Gemeinschaft, die Mächtigen dieser Welt, um andere Kriege, andere internationale Situationen kümmern, wo es doch Bevölkerungen gibt, die in bestimmten Realitäten, wie im Norden Ugandas, vor den gleichgültigen Augen vieler einen ungemein hohen Preis bezahlen müssen.
In seiner Botschaft zum internationalen Seminar des 9. Juli hat der Papst darauf bestanden, daß die Kirche ihre „Vorzugsoption für die Armen“ verteidigt. Etwas, das in der letzten Zeit in Vergessenheit geraten zu sein schien...
MARTINO: Die Vorzugsoption für die Armen ist eine Entscheidung, die tief im Evangelium und im II. Vatikanischen Konzil verwurzelt ist. Und sie ist von allergrößter Aktualität. Daher bin ich sehr zufrieden darüber, daß der Papst in seiner Botschaft zu unserer Studientagung am 9. Juli davon gesprochen hat.