BISCHÖFE. Ein Blick auf die heutige Kirche in Afrika.
Einfachheit und Treue
Diese beiden Merkmale schlägt der Erzbischof von Abuja (Nigeria) und Vorsitzende des Symposiums der Bischofskonferenzen für die Kirche auf dem afrikanischen Kontinent vor.
von John Olorunfemi Onaiyekan
Wie soll man die Kirche in Afrika heute sehen? Bei der letzten
Versammlung des SECAM (Symposium der Bischofskonferenzen Afrikas und
Madagaskars) in Dakar kam man überein, grünes Licht für jene „Umstrukturierung“
zu geben, von der schon seit dem Treffen im italienischen Rocca di Papa vor
vier Jahren die Rede ist.
Wir gehen dabei von zwei Kriterien aus. Das erste ist, daß der SECAM 1969 gegründet wurde, mit einer kleinen Gruppe von Bischöfen begann. Die Hälfte davon waren ausländische Missionare, die sich in einer Welt wiederfanden, die sich nicht nur von der heutigen afrikanischen, sondern auch dem Rest der Welt grundlegend unterschied. Der Episkopat zählt heute viermal so viele Bischöfe wie 1969, setzt sich zum Großteil aus Afrikanern zusammen. 1969 war die Zeit der Euphorie über die nach der Überwindung des Kolonialismus erreichte Unabhängigkeit: heute, fast vierzig Jahre später, ist Afrika noch immer dort, wo es damals war. Wenn die Kirche in Afrika also heute einen Weg finden will, sich den modernen Herausforderungen zu stellen, gilt das auf kontinentaler Ebene. Das zweite Kriterium ist ein ausgesprochen kirchliches: vor zehn Jahren fand die Bischofssynode für Afrika statt. Erst jetzt beginnt man zu verstehen, was damals bezweckt worden war, welch erleuchtende Gedanken in Ecclesia in Africa enthalten waren. Daher glauben wir, daß sich die angestrebte „Modernisierung“ in der Religionsausübung, in der Pastoral der Kirche – die auf lokaler Ebene der Pfarreien, Diözesen und nationaler Bischofskonferenzen notwendig ist – auch auf die Art und Weise auswirken sollte, in der der SECAM organisiert ist, um den Erwartungen der Synodenversammlung für Afrika besser entsprechen zu können. Es wäre gewagt, definieren zu wollen, worin die Umstrukturierung genau besteht, und jedes Mal, wenn wir versucht haben, dahingehend auf einen Nenner zu kommen, sind wir praktisch wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Was bedeutet, daß das Hindernis vielleicht weniger bei der Institution als vielmehr im Geist zu suchen ist, in dem Bewußtsein der Sendung der Kirche in Afrika, darin, heute einen geeigneten Weg zu finden, mit den anderen in Beziehung zu treten.So haben wir beispielsweise beschlossen, die Zusammenarbeit mit den Protestanten und den muslimischen Afrikanern voranzutreiben und auszubauen. Dann gibt es da auch noch den Versuch, einen aus religiösen Leaders Afrikas zusammengesetzten Rat ins Leben zu rufen, und der SECAM nimmt darin aktiv Anteil, auf der Ebene eines leaderships (im Namen des SECAM habe ich an der interreligiösen Begegnung von Abuja teilgenommen, wo man mich, neben einem ugandischen Muslimen, zum Co-Präsidenten gewählt hatte).Dann wäre da noch die Beziehung zu den Zivilbehörden. Jede nationale Bischofskonferenz ist darum bemüht, einen Weg zu finden, mit ihrer Regierung zu verhandeln, und das mit – ehrlich gesagt – recht unterschiedlichen Ergebnissen. Wir Bischöfe haben jedoch damit begonnen, uns zu fragen, wo bei den Versammlungen unserer Staatschefs die Stimme der Kirche ist, ob es eine Möglichkeit gibt, sich Gehör zu verschaffen. Die Versammlung des SECAM hat mir das Mandat verliehen, in Addis Abeba mit der Afrikanischen Union Gespräche zu führen. Und der Erzbischof von Addis Abeba hat sich für uns dahingehend vergewißert, daß die Antwort der Afrikanischen Union auch tatsächlich positiv ist, und daß in dem Statut der Union eine Öffnung religiösen Gruppen gegenüber vorgesehen sein würde. In der Zwischenzeit hat auch der Rat der religiösen Führer Afrikas begonnen, diesen Kontakt herzustellen, und ein Versuch tut dem anderen keinen Abbruch. Wenn man der Afrikanischen Union glauben darf, ist die Einrichtung dieses Rates eine gute Idee.Wir tragen uns auch mit dem Gedanken, neue Kommissionen einzurichten, um all die Werke, die wir eben angesprochen haben, auch wirklich umzusetzen. In den letzten vierzig Jahren mußten wir immer wieder die ein oder andere davon einrichten: die Kommission für die Bibel, für die Theologie, die soziale; wir haben auch die afrikanische Caritas – all das verfolgte stets konkrete Zwecke. Wenn wir in den nächsten Jahren darum bemüht sein müssen, uns neu zu organisieren, müssen wir die interne Bürokratie verringern, dürfen uns nicht mit Aktivitäten belasten, die der SECAM nicht ausführen kann und will. Das Leben der Kirche ist immens, aber die größte Arbeit ist die auf lokaler Ebene: die Pfarreien und die Diözesen sind es, die alles tun. Die nationale Konferenz ersetzt nicht die Ortsbischöfe: soweit sie kann, koordiniert sie deren Arbeit und vereinfacht ihre Verantwortung. Und da die Dinge auf nationaler Ebene so stehen, müssen wir gar nicht erst versuchen, auf kontinentaler Ebene das zu wiederholen, was auf nationaler Ebene bereits bestens erledigt worden ist. Und dann haben wir schließlich auch noch, sozusagen auf „Zwischenebene“, die regionalen Bischofskonferenzen.Wie man sieht, hat die afrikanische Kirche einen Weg eingeschlagen, auf dem sie das zu präzisieren versucht, was sie tun kann, um dann eine wesentliche Struktur um diesen Kern herum zu errichten. Vor allen Dingen glaube ich, daß es gut wäre, in Sachen internationale Beziehungen mit gemeinsamen Kräften zu arbeiten: wir können mehr Erfolg haben, wenn wir als Organ panafrikanischer Repräsentanz auftreten als wenn die Kirche jedes einzelnen Landes versucht, im Alleingang vorzugehen, und natürlich stets in Zusammenarbeit mit dem Hl. Stuhl, der in diesen Dingen über große Erfahrung verfügt. Aber wir denken, daß wir manchmal auch in unserem eigenen Namen sprechen können, und das auch Dank der Verbindung mit der Afrikanischen Union. Wiederaufbau, Einfachheit, Treue
Man kann zu recht behaupten, daß dieses unserem „Wiederaufbau“ zugrundeliegende Bild der Kirche an Paul VI. und sein Motto „Afrika den Afrikanern“ erinnert. Wir betrachten unser gesamtes Engagement unter dem Kriterium größter Einfachheit, vergleichen uns nicht a priori mit der westlichen Kirche Europas, Amerikas... Ein „Reform“-Gedanke der Kirche? Darauf würde ich antworten, daß ich neben der bereits von mir erwähnten „Einfachheit“ noch die „Treue“ hinzufügen würde. Man beginnt nicht mit einem definierten Reform-Programm. Vielmehr hat uns die Bischofssynode für Afrika die Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken, was die Kirche ist. Und diese Reflexion haben wir nicht in Polemik mit irgendeiner Idee oder Realität der Kirche vorangetrieben, sondern einfach nur, indem wir auf das Wort Gottes hören und auf das, von dem wir ehrlich glauben, daß es Jesus Christus heute in Afrika will. Von dem ausgehend haben wir gewisse Gewißheiten darüber erlangt, was unsere Kirche heute sein könnte. Wir haben versucht zu verstehen, welche Arbeitsinstrumente wir besitzen, und zwar nicht nur als Institution, sondern auch als eine Kirche, die, laut der afrikanischen Synode, heute in Afrika in fünf großen Bereichen eine Sendung hat: Proklamation, Inkulturation, Gerechtigkeit und Frieden, Dialog und soziale Kommunikationsmittel. Der Gedanke ist ein einfacher: um ihn aber in die Tat umzusetzen, muß man wissen, „wer was tut.“ Wir müssen auch offen zugeben, daß es Dinge gibt, die sich unserer Kontrolle entziehen, wie die Leitung der wirtschaftlich-politischen Angelegenheiten Afrikas, die uns nicht nur betreffen, sondern auch belasten, und wo wir nicht sagen können: „Die Politiker haben uns betrogen und nun müssen wir katholische Regierungen auf die Beine stellen!“. Nein. Das ist nicht Aufgabe der Kirche. Wir wissen nur allzu gut, daß es vom politischen Kontext abhängt, wie viel die Kirche tun kann, aber ich glaube auch, daß die Kirche in jedem Kontext in Treue zu ihrer Zeugen-Berufung wirken kann. Natürlich muß sich die Kirche dann auch umsehen, es verstehen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich anzupassen, wenn auch stets in Treue zu ihrer Sendung.
Das scheint mir der Sinn dessen zu sein, was Paul VI. prophetisch wie folgt ausgedrückt hatte: „Ihr Afrikaner seid inzwischen eure eigenen Missionare geworden, ihr dürft und müßt eine afrikanische Kirche haben.“ Wunderschöne Worte, die nicht alle so einfach akzeptieren wollen, aber das ist auch nicht wichtig... Kein Raum für Parteilichkeit
Auch in Afrika sind wir uns dessen bewußt, daß es in der katholischen Welt den ein oder anderen gibt, der ideologisch den Zusammenprall zwischen Islam und Katholiken befürwortet, wie im Sudan, in Nigeria oder in vielen anderen Ländern. In Afrika zahlt die Kirche oft den Preis ermordeter lokaler Missionare oder Priester.
Aber je mehr ich die Dokumente der Bischofssynode für Afrika lese, umso mehr schätze ich den providentiellen Wert dessen, was jetzt in Afrika geschieht. Und das auch, weil sie unsere Kirche in die Lage versetzt hat, besser zu verstehen, wie es um unsere in Aufruhr versetzte Welt bestellt ist. Seit 1994 haben sich die Dinge geändert: denken wir nur an die jüngsten, von der amerikanischen Regierung begangenen Verrücktheiten, die den Anspruch stellt, die einzige Supermacht zu sein, die sich alles erlauben kann, selbst die Menschenrechte mit Füßen zu treten. Eine neue Weltordnung ist dabei, sich herauszukristallisieren – eine, in der Afrika ins Abseits gedrängt werden soll. Das wurde schon bei der Synodenversammlung für Afrika gesagt, und das hat uns sehr geholfen. Das gesamte Synoden-Kapitel über Gerechtigkeit und Frieden betrifft die Rolle der Kirche, nicht als eine Hierarchie, die Partei ergreift, sondern vielmehr als Familie. Und so sagen wir hier in Afrika, daß man, wenn es darum geht, auf die politischen und sozialen Herausforderungen eines Landes zu antworten, nicht nur auf die Erklärungen der Bischöfe schauen muß, sondern darauf, was die Christen tun, die katholischen Politiker, die Vereinigungen der Gläubigen. Denn auch ohne eine katholische Partei zu gründen, können die Gläubigen Reflexionsgruppen oder Initiativen auf die Beine stellen, die die Situationen in den einzelnen Ländern verbessern helfen: wenn es Krieg gibt, braucht man immer Menschen, die für den Frieden arbeiten; wenn es Korruption gibt, braucht man Leute, die immer wieder für die Herstellung der öffentlichen Ordnung eintreten. Je mehr wir Christen so handeln, umso mehr werden wir auch auf andere stoßen, die so denken wie wir. Und so kann man verstehen, wie wichtig der Dialog ist. In der afrikanischen Kirche ist der Dialog nicht nur an die Religionen gerichtet, sondern auch an die politischen und sozialen Instanzen: die Kirche darf nie vom Dialog abkommen. Diese Lehre der Synode hat uns sehr geholfen. Wenn wir mit den Muslimen sprechen können, zu denen große Unterschiede bestehen, müssen wir auch in der Lage sein, mit einer Regierung zu sprechen, die sehr dumme Ideen hat. Die „prophetische“ Haltung, immer und um jeden Preis gegen die Regierung zu wettern, hilft uns nicht weiter, weil so nur ein Wort das andere gibt... Wenn man den ehrlichen Wunsch hat, einen Dialog zu führen, muß es unserem Ansprechpartner klar sein, daß wir keinerlei „parteiisches“ politisches Interesse haben, sondern daß unsere Sorge allein die ist, daß es Frieden für alle gibt, einschließlich der Regierung. Dann ist alles einfach. Die Söhne der Kirche sind auf beiden Seiten
In Afrika ist das Leben beider, Regierung und Kirche, von Armut, Unsicherheit, militärisch-politischer Schwäche überschattet. Ganz zu schweigen davon, daß die Söhne der Kirche auf beiden Seiten sind, also auch in der Regierung. In dem ein oder anderen Land ist das Staatsoberhaupt Katholik, und da fragen wir uns, was es bedeutet, ein katholisches Staatsoberhaupt zu haben. Die Fragen, die wir uns heute stellen, sind nicht neu, aber wir wissen auch, daß wir die Antworten darauf finden müssen. Man kann auch einen Vorteil gewinnen, indem man das betrachtet, was die anderen erreicht haben. Als ich mich beispielsweise mit der Entstehung und der Geschichte der katholischen Parteien in Europa befaßte, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß die eine katholische Partei zwar in diesem Kontext die richtige Antwort war, nicht aber in unserer Situation. Wir müssen andere finden. Der Zweck ist der, der Gesellschaft die christlichen Werte des guten Waltens der Regierung zur Verfügung zu stellen, die ein wertvolles Prinzip für alle ist, dessen Umsetzung aber auf einem anderen Blatt steht.
Auf einen Nenner kommen
In der Soziallehre der Kirche gibt es Prinzipien für eine gute Organisation der Gesellschaft, aber wir müssen den Weg finden, beispielsweise in Nigeria, sie auch den Menschen zugänglich zu machen, die nicht katholisch sind, aber die Wahrheit erkennen, wenn sie sie sehen. Ich hoffe und glaube, daß uns das allmählich gelingen wird. Ich kann nämlich feststellen, daß wenn die nigerianische Bischofskonferenz Erklärungen über die Innenpolitik herausgibt, diese von allen mit Interesse gelesen werden, und zwar nicht als Text einer Religion, sondern als Dokument einer sozialen Gruppe, die wahrscheinlich über gewisse Dinge klare Vorstellungen hat. Wir müssen die Dinge so sagen, daß man nicht katholisch sein muß, um sie zu verstehen, in Nigeria wie auch in Afrika.
Wenn die Analyse der Situation klar genug ist, akzeptieren sie alle als wahr. Und dann sind die von uns Bischöfen vorgeschlagenen Antworten verständlich, und unserer Meinung nach auch vernünftig. Manchmal gibt es verschiedene Optionen und dann müssen wir als Bischöfe eine Entscheidung treffen, die für uns Gott sei Dank nicht schwierig ist, wir also auf einen Nenner kommen. Es ist einfacher, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge unserer geliebten Kirche konzentrieren.
Keine Polemik zu Kondomen
Abschließend noch ein paar Anmerkungen zu Aids in Afrika. Die Rolle der Kirche besteht darin, alles in ihrer Kraft stehende für die Bekämpfung dieser Geißel zu tun, jede Polemik zu vermeiden, besonders, was die Art und Weise angeht, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Das Lied von den Präservativen kennen wir inzwischen zur Genüge, es wird immer wieder aufgegriffen, so als wäre es die einzige Lösung. Aber nach dem Treffen von Dakar setzen wir große Hoffnungen auf jene Gruppen, die noch bis vor kurzem im Kontrast zur Kirche standen. Alle, die aus Genf gekommen sind, um für die UNAIDS zu sprechen (Joint United Nations’ Programme on HIV-AIDS) und aus New York für die UNICEF (UN-Kinderhilfswerk), haben für die Arbeit der Kirche lobende Worte gefunden. Die katholische Kirche mit ihren Missionaren hat, konkret betrachtet, mehr als alle geleistet. Wer den Menschen also wirklich im Kampf gegen Aids helfen will und ein effizientes Aufklärungsprogramm verlangt – vor allem als Maßnahme gegen die Diskriminierung derjenigen, die sich mit dem Virus infiziert haben –, kann nicht ohne die Kirche auskommen. Bei uns sagt man, daß es drei Mittel gegen Aids gibt: Abstinenz, Treue, Verhütung. Das sind die drei Mittel in Reihenfolge der Effizienz, denn am effizientesten ist natürlich die Abstinenz, gefolgt von der Treue dem rechtmäßigen Gatten oder der rechtmäßigen Gattin gegenüber, und schließlich die Verhütung. Man muß aber auch die Wahrheit zu den Präservativen sagen, darf sie nicht austeilen mit dem Gedanken, damit wäre alles gelöst. Auf der Grundlage von Untersuchungen, die die Kirche zusammen mit den Ländern durchgeführt hat, die unsere Argumentationen als ernstzunehmend beurteilt haben, ist wissenschaftlich erwiesen, daß der Weg der Abstinenz und der eines Abkommens von einem ungeordneten Sexualleben funktioniert. Wir haben das Beispiel Ugandas, wo sich die Regierung – zumindest in diesem Punkt – mit der Kirche zusammengetan und den Jugendlichen zu verstehen gegeben hat, daß es besser ist, die sexuelle Aktivität nicht schon so früh aufzunehmen. Wir wollen damit nicht sagen, daß man denen, die Präservative ausgeben, kein Geld geben soll, sondern, daß auch unsere Projekte finanziert werden müssen. Denn auch Bildungs- und Hilfsprogramme sind nicht gratis: man braucht Personal, Strukturen und Geld. Organe wie die UNICEF haben sich bereits bereit erklärt, mit uns Gespräche zu führen. Wenn man von Aids spricht, muß man anerkennen, daß die Probleme der armen Länder vollkommen anders sind als die der Industriestaaten. Es ist schon schlimm genug, Aids zu haben, aber es zu haben ohne die Hoffnung auf ein Heilmittel, ist eine Katastrophe. Ich kann mir vorstellen, daß jemand aus dem Westen, der sich mit Aids infiziert hat, weiß, wohin er gehen muß und welches Medikament verfügbar ist, aber in Nigeria? Und – schlimmer noch – in den Gebieten Afrikas, in denen Kriege toben? Nur wenige Arme haben die Möglichkeit, sich im Ausland behandeln zu lassen. In den letzten Jahren ist in Nigeria ein Pilotprojekt für 2000 Personen angelaufen. Aber was sind schon 2000 Personen bei einer Bevölkerung von 130 Millionen? Und gerade deshalb ist bei der Schlacht gegen Aids in Afrika die Verhütung das wichtigste. Und dann wäre da noch ein anderes Problem: der sozio-ökonomische Kontest, der ermöglicht, daß Aids in Afrika auf so fruchtbaren Boden fällt, im Westen dagegen nicht, das Problem der Armut, der schlechten Regierung, der Kriege. Es ist nicht so, daß die Afrikaner sexuell aktiver wären als andere, aber wie soll man in einem Kontext, in dem es noch nicht einmal möglich ist, das Problem Malaria in den Griff zu bekommen, mit Aids fertig werden? Diese Krankheit ist nur zusammen mit der gesamten sozio-ökonomischen Situation in den Griff zu bekommen.
(zus.gestellt von Giovanni Cubeddu)
Wir gehen dabei von zwei Kriterien aus. Das erste ist, daß der SECAM 1969 gegründet wurde, mit einer kleinen Gruppe von Bischöfen begann. Die Hälfte davon waren ausländische Missionare, die sich in einer Welt wiederfanden, die sich nicht nur von der heutigen afrikanischen, sondern auch dem Rest der Welt grundlegend unterschied. Der Episkopat zählt heute viermal so viele Bischöfe wie 1969, setzt sich zum Großteil aus Afrikanern zusammen. 1969 war die Zeit der Euphorie über die nach der Überwindung des Kolonialismus erreichte Unabhängigkeit: heute, fast vierzig Jahre später, ist Afrika noch immer dort, wo es damals war. Wenn die Kirche in Afrika also heute einen Weg finden will, sich den modernen Herausforderungen zu stellen, gilt das auf kontinentaler Ebene. Das zweite Kriterium ist ein ausgesprochen kirchliches: vor zehn Jahren fand die Bischofssynode für Afrika statt. Erst jetzt beginnt man zu verstehen, was damals bezweckt worden war, welch erleuchtende Gedanken in Ecclesia in Africa enthalten waren. Daher glauben wir, daß sich die angestrebte „Modernisierung“ in der Religionsausübung, in der Pastoral der Kirche – die auf lokaler Ebene der Pfarreien, Diözesen und nationaler Bischofskonferenzen notwendig ist – auch auf die Art und Weise auswirken sollte, in der der SECAM organisiert ist, um den Erwartungen der Synodenversammlung für Afrika besser entsprechen zu können. Es wäre gewagt, definieren zu wollen, worin die Umstrukturierung genau besteht, und jedes Mal, wenn wir versucht haben, dahingehend auf einen Nenner zu kommen, sind wir praktisch wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Was bedeutet, daß das Hindernis vielleicht weniger bei der Institution als vielmehr im Geist zu suchen ist, in dem Bewußtsein der Sendung der Kirche in Afrika, darin, heute einen geeigneten Weg zu finden, mit den anderen in Beziehung zu treten.So haben wir beispielsweise beschlossen, die Zusammenarbeit mit den Protestanten und den muslimischen Afrikanern voranzutreiben und auszubauen. Dann gibt es da auch noch den Versuch, einen aus religiösen Leaders Afrikas zusammengesetzten Rat ins Leben zu rufen, und der SECAM nimmt darin aktiv Anteil, auf der Ebene eines leaderships (im Namen des SECAM habe ich an der interreligiösen Begegnung von Abuja teilgenommen, wo man mich, neben einem ugandischen Muslimen, zum Co-Präsidenten gewählt hatte).Dann wäre da noch die Beziehung zu den Zivilbehörden. Jede nationale Bischofskonferenz ist darum bemüht, einen Weg zu finden, mit ihrer Regierung zu verhandeln, und das mit – ehrlich gesagt – recht unterschiedlichen Ergebnissen. Wir Bischöfe haben jedoch damit begonnen, uns zu fragen, wo bei den Versammlungen unserer Staatschefs die Stimme der Kirche ist, ob es eine Möglichkeit gibt, sich Gehör zu verschaffen. Die Versammlung des SECAM hat mir das Mandat verliehen, in Addis Abeba mit der Afrikanischen Union Gespräche zu führen. Und der Erzbischof von Addis Abeba hat sich für uns dahingehend vergewißert, daß die Antwort der Afrikanischen Union auch tatsächlich positiv ist, und daß in dem Statut der Union eine Öffnung religiösen Gruppen gegenüber vorgesehen sein würde. In der Zwischenzeit hat auch der Rat der religiösen Führer Afrikas begonnen, diesen Kontakt herzustellen, und ein Versuch tut dem anderen keinen Abbruch. Wenn man der Afrikanischen Union glauben darf, ist die Einrichtung dieses Rates eine gute Idee.Wir tragen uns auch mit dem Gedanken, neue Kommissionen einzurichten, um all die Werke, die wir eben angesprochen haben, auch wirklich umzusetzen. In den letzten vierzig Jahren mußten wir immer wieder die ein oder andere davon einrichten: die Kommission für die Bibel, für die Theologie, die soziale; wir haben auch die afrikanische Caritas – all das verfolgte stets konkrete Zwecke. Wenn wir in den nächsten Jahren darum bemüht sein müssen, uns neu zu organisieren, müssen wir die interne Bürokratie verringern, dürfen uns nicht mit Aktivitäten belasten, die der SECAM nicht ausführen kann und will. Das Leben der Kirche ist immens, aber die größte Arbeit ist die auf lokaler Ebene: die Pfarreien und die Diözesen sind es, die alles tun. Die nationale Konferenz ersetzt nicht die Ortsbischöfe: soweit sie kann, koordiniert sie deren Arbeit und vereinfacht ihre Verantwortung. Und da die Dinge auf nationaler Ebene so stehen, müssen wir gar nicht erst versuchen, auf kontinentaler Ebene das zu wiederholen, was auf nationaler Ebene bereits bestens erledigt worden ist. Und dann haben wir schließlich auch noch, sozusagen auf „Zwischenebene“, die regionalen Bischofskonferenzen.Wie man sieht, hat die afrikanische Kirche einen Weg eingeschlagen, auf dem sie das zu präzisieren versucht, was sie tun kann, um dann eine wesentliche Struktur um diesen Kern herum zu errichten. Vor allen Dingen glaube ich, daß es gut wäre, in Sachen internationale Beziehungen mit gemeinsamen Kräften zu arbeiten: wir können mehr Erfolg haben, wenn wir als Organ panafrikanischer Repräsentanz auftreten als wenn die Kirche jedes einzelnen Landes versucht, im Alleingang vorzugehen, und natürlich stets in Zusammenarbeit mit dem Hl. Stuhl, der in diesen Dingen über große Erfahrung verfügt. Aber wir denken, daß wir manchmal auch in unserem eigenen Namen sprechen können, und das auch Dank der Verbindung mit der Afrikanischen Union. Wiederaufbau, Einfachheit, Treue
Man kann zu recht behaupten, daß dieses unserem „Wiederaufbau“ zugrundeliegende Bild der Kirche an Paul VI. und sein Motto „Afrika den Afrikanern“ erinnert. Wir betrachten unser gesamtes Engagement unter dem Kriterium größter Einfachheit, vergleichen uns nicht a priori mit der westlichen Kirche Europas, Amerikas... Ein „Reform“-Gedanke der Kirche? Darauf würde ich antworten, daß ich neben der bereits von mir erwähnten „Einfachheit“ noch die „Treue“ hinzufügen würde. Man beginnt nicht mit einem definierten Reform-Programm. Vielmehr hat uns die Bischofssynode für Afrika die Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken, was die Kirche ist. Und diese Reflexion haben wir nicht in Polemik mit irgendeiner Idee oder Realität der Kirche vorangetrieben, sondern einfach nur, indem wir auf das Wort Gottes hören und auf das, von dem wir ehrlich glauben, daß es Jesus Christus heute in Afrika will. Von dem ausgehend haben wir gewisse Gewißheiten darüber erlangt, was unsere Kirche heute sein könnte. Wir haben versucht zu verstehen, welche Arbeitsinstrumente wir besitzen, und zwar nicht nur als Institution, sondern auch als eine Kirche, die, laut der afrikanischen Synode, heute in Afrika in fünf großen Bereichen eine Sendung hat: Proklamation, Inkulturation, Gerechtigkeit und Frieden, Dialog und soziale Kommunikationsmittel. Der Gedanke ist ein einfacher: um ihn aber in die Tat umzusetzen, muß man wissen, „wer was tut.“ Wir müssen auch offen zugeben, daß es Dinge gibt, die sich unserer Kontrolle entziehen, wie die Leitung der wirtschaftlich-politischen Angelegenheiten Afrikas, die uns nicht nur betreffen, sondern auch belasten, und wo wir nicht sagen können: „Die Politiker haben uns betrogen und nun müssen wir katholische Regierungen auf die Beine stellen!“. Nein. Das ist nicht Aufgabe der Kirche. Wir wissen nur allzu gut, daß es vom politischen Kontext abhängt, wie viel die Kirche tun kann, aber ich glaube auch, daß die Kirche in jedem Kontext in Treue zu ihrer Zeugen-Berufung wirken kann. Natürlich muß sich die Kirche dann auch umsehen, es verstehen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich anzupassen, wenn auch stets in Treue zu ihrer Sendung.
Das scheint mir der Sinn dessen zu sein, was Paul VI. prophetisch wie folgt ausgedrückt hatte: „Ihr Afrikaner seid inzwischen eure eigenen Missionare geworden, ihr dürft und müßt eine afrikanische Kirche haben.“ Wunderschöne Worte, die nicht alle so einfach akzeptieren wollen, aber das ist auch nicht wichtig... Kein Raum für Parteilichkeit
Auch in Afrika sind wir uns dessen bewußt, daß es in der katholischen Welt den ein oder anderen gibt, der ideologisch den Zusammenprall zwischen Islam und Katholiken befürwortet, wie im Sudan, in Nigeria oder in vielen anderen Ländern. In Afrika zahlt die Kirche oft den Preis ermordeter lokaler Missionare oder Priester.
Aber je mehr ich die Dokumente der Bischofssynode für Afrika lese, umso mehr schätze ich den providentiellen Wert dessen, was jetzt in Afrika geschieht. Und das auch, weil sie unsere Kirche in die Lage versetzt hat, besser zu verstehen, wie es um unsere in Aufruhr versetzte Welt bestellt ist. Seit 1994 haben sich die Dinge geändert: denken wir nur an die jüngsten, von der amerikanischen Regierung begangenen Verrücktheiten, die den Anspruch stellt, die einzige Supermacht zu sein, die sich alles erlauben kann, selbst die Menschenrechte mit Füßen zu treten. Eine neue Weltordnung ist dabei, sich herauszukristallisieren – eine, in der Afrika ins Abseits gedrängt werden soll. Das wurde schon bei der Synodenversammlung für Afrika gesagt, und das hat uns sehr geholfen. Das gesamte Synoden-Kapitel über Gerechtigkeit und Frieden betrifft die Rolle der Kirche, nicht als eine Hierarchie, die Partei ergreift, sondern vielmehr als Familie. Und so sagen wir hier in Afrika, daß man, wenn es darum geht, auf die politischen und sozialen Herausforderungen eines Landes zu antworten, nicht nur auf die Erklärungen der Bischöfe schauen muß, sondern darauf, was die Christen tun, die katholischen Politiker, die Vereinigungen der Gläubigen. Denn auch ohne eine katholische Partei zu gründen, können die Gläubigen Reflexionsgruppen oder Initiativen auf die Beine stellen, die die Situationen in den einzelnen Ländern verbessern helfen: wenn es Krieg gibt, braucht man immer Menschen, die für den Frieden arbeiten; wenn es Korruption gibt, braucht man Leute, die immer wieder für die Herstellung der öffentlichen Ordnung eintreten. Je mehr wir Christen so handeln, umso mehr werden wir auch auf andere stoßen, die so denken wie wir. Und so kann man verstehen, wie wichtig der Dialog ist. In der afrikanischen Kirche ist der Dialog nicht nur an die Religionen gerichtet, sondern auch an die politischen und sozialen Instanzen: die Kirche darf nie vom Dialog abkommen. Diese Lehre der Synode hat uns sehr geholfen. Wenn wir mit den Muslimen sprechen können, zu denen große Unterschiede bestehen, müssen wir auch in der Lage sein, mit einer Regierung zu sprechen, die sehr dumme Ideen hat. Die „prophetische“ Haltung, immer und um jeden Preis gegen die Regierung zu wettern, hilft uns nicht weiter, weil so nur ein Wort das andere gibt... Wenn man den ehrlichen Wunsch hat, einen Dialog zu führen, muß es unserem Ansprechpartner klar sein, daß wir keinerlei „parteiisches“ politisches Interesse haben, sondern daß unsere Sorge allein die ist, daß es Frieden für alle gibt, einschließlich der Regierung. Dann ist alles einfach. Die Söhne der Kirche sind auf beiden Seiten
In Afrika ist das Leben beider, Regierung und Kirche, von Armut, Unsicherheit, militärisch-politischer Schwäche überschattet. Ganz zu schweigen davon, daß die Söhne der Kirche auf beiden Seiten sind, also auch in der Regierung. In dem ein oder anderen Land ist das Staatsoberhaupt Katholik, und da fragen wir uns, was es bedeutet, ein katholisches Staatsoberhaupt zu haben. Die Fragen, die wir uns heute stellen, sind nicht neu, aber wir wissen auch, daß wir die Antworten darauf finden müssen. Man kann auch einen Vorteil gewinnen, indem man das betrachtet, was die anderen erreicht haben. Als ich mich beispielsweise mit der Entstehung und der Geschichte der katholischen Parteien in Europa befaßte, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß die eine katholische Partei zwar in diesem Kontext die richtige Antwort war, nicht aber in unserer Situation. Wir müssen andere finden. Der Zweck ist der, der Gesellschaft die christlichen Werte des guten Waltens der Regierung zur Verfügung zu stellen, die ein wertvolles Prinzip für alle ist, dessen Umsetzung aber auf einem anderen Blatt steht.
Auf einen Nenner kommen
In der Soziallehre der Kirche gibt es Prinzipien für eine gute Organisation der Gesellschaft, aber wir müssen den Weg finden, beispielsweise in Nigeria, sie auch den Menschen zugänglich zu machen, die nicht katholisch sind, aber die Wahrheit erkennen, wenn sie sie sehen. Ich hoffe und glaube, daß uns das allmählich gelingen wird. Ich kann nämlich feststellen, daß wenn die nigerianische Bischofskonferenz Erklärungen über die Innenpolitik herausgibt, diese von allen mit Interesse gelesen werden, und zwar nicht als Text einer Religion, sondern als Dokument einer sozialen Gruppe, die wahrscheinlich über gewisse Dinge klare Vorstellungen hat. Wir müssen die Dinge so sagen, daß man nicht katholisch sein muß, um sie zu verstehen, in Nigeria wie auch in Afrika.
Wenn die Analyse der Situation klar genug ist, akzeptieren sie alle als wahr. Und dann sind die von uns Bischöfen vorgeschlagenen Antworten verständlich, und unserer Meinung nach auch vernünftig. Manchmal gibt es verschiedene Optionen und dann müssen wir als Bischöfe eine Entscheidung treffen, die für uns Gott sei Dank nicht schwierig ist, wir also auf einen Nenner kommen. Es ist einfacher, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge unserer geliebten Kirche konzentrieren.
Keine Polemik zu Kondomen
Abschließend noch ein paar Anmerkungen zu Aids in Afrika. Die Rolle der Kirche besteht darin, alles in ihrer Kraft stehende für die Bekämpfung dieser Geißel zu tun, jede Polemik zu vermeiden, besonders, was die Art und Weise angeht, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Das Lied von den Präservativen kennen wir inzwischen zur Genüge, es wird immer wieder aufgegriffen, so als wäre es die einzige Lösung. Aber nach dem Treffen von Dakar setzen wir große Hoffnungen auf jene Gruppen, die noch bis vor kurzem im Kontrast zur Kirche standen. Alle, die aus Genf gekommen sind, um für die UNAIDS zu sprechen (Joint United Nations’ Programme on HIV-AIDS) und aus New York für die UNICEF (UN-Kinderhilfswerk), haben für die Arbeit der Kirche lobende Worte gefunden. Die katholische Kirche mit ihren Missionaren hat, konkret betrachtet, mehr als alle geleistet. Wer den Menschen also wirklich im Kampf gegen Aids helfen will und ein effizientes Aufklärungsprogramm verlangt – vor allem als Maßnahme gegen die Diskriminierung derjenigen, die sich mit dem Virus infiziert haben –, kann nicht ohne die Kirche auskommen. Bei uns sagt man, daß es drei Mittel gegen Aids gibt: Abstinenz, Treue, Verhütung. Das sind die drei Mittel in Reihenfolge der Effizienz, denn am effizientesten ist natürlich die Abstinenz, gefolgt von der Treue dem rechtmäßigen Gatten oder der rechtmäßigen Gattin gegenüber, und schließlich die Verhütung. Man muß aber auch die Wahrheit zu den Präservativen sagen, darf sie nicht austeilen mit dem Gedanken, damit wäre alles gelöst. Auf der Grundlage von Untersuchungen, die die Kirche zusammen mit den Ländern durchgeführt hat, die unsere Argumentationen als ernstzunehmend beurteilt haben, ist wissenschaftlich erwiesen, daß der Weg der Abstinenz und der eines Abkommens von einem ungeordneten Sexualleben funktioniert. Wir haben das Beispiel Ugandas, wo sich die Regierung – zumindest in diesem Punkt – mit der Kirche zusammengetan und den Jugendlichen zu verstehen gegeben hat, daß es besser ist, die sexuelle Aktivität nicht schon so früh aufzunehmen. Wir wollen damit nicht sagen, daß man denen, die Präservative ausgeben, kein Geld geben soll, sondern, daß auch unsere Projekte finanziert werden müssen. Denn auch Bildungs- und Hilfsprogramme sind nicht gratis: man braucht Personal, Strukturen und Geld. Organe wie die UNICEF haben sich bereits bereit erklärt, mit uns Gespräche zu führen. Wenn man von Aids spricht, muß man anerkennen, daß die Probleme der armen Länder vollkommen anders sind als die der Industriestaaten. Es ist schon schlimm genug, Aids zu haben, aber es zu haben ohne die Hoffnung auf ein Heilmittel, ist eine Katastrophe. Ich kann mir vorstellen, daß jemand aus dem Westen, der sich mit Aids infiziert hat, weiß, wohin er gehen muß und welches Medikament verfügbar ist, aber in Nigeria? Und – schlimmer noch – in den Gebieten Afrikas, in denen Kriege toben? Nur wenige Arme haben die Möglichkeit, sich im Ausland behandeln zu lassen. In den letzten Jahren ist in Nigeria ein Pilotprojekt für 2000 Personen angelaufen. Aber was sind schon 2000 Personen bei einer Bevölkerung von 130 Millionen? Und gerade deshalb ist bei der Schlacht gegen Aids in Afrika die Verhütung das wichtigste. Und dann wäre da noch ein anderes Problem: der sozio-ökonomische Kontest, der ermöglicht, daß Aids in Afrika auf so fruchtbaren Boden fällt, im Westen dagegen nicht, das Problem der Armut, der schlechten Regierung, der Kriege. Es ist nicht so, daß die Afrikaner sexuell aktiver wären als andere, aber wie soll man in einem Kontext, in dem es noch nicht einmal möglich ist, das Problem Malaria in den Griff zu bekommen, mit Aids fertig werden? Diese Krankheit ist nur zusammen mit der gesamten sozio-ökonomischen Situation in den Griff zu bekommen.
(zus.gestellt von Giovanni Cubeddu)