VATIKAN. Ein Beitrag des Sekretärs der Beziehungen mit den Staaten.
Die mögliche Wiedergeburt eines Kontinents
Das Afrika der Konflikte, der Epidemien, des Hungers, ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Menschheit und wartet darauf, daß auch die Hoffnungsschimmer in Betracht gezogen und konkrete Initiativen in die Tat umgesetzt werden.
von Giovanni Lajolo
Ist Afrika wirklich ein Kontinent am Abgrund? Die allgemeine Meinung von
Politikern und Wirtschaftsexperten scheint den sogenannten „Afropessimismus“ zu
vertreten und keinen Zweifel an den immer wieder von den Vereinten Nationen
herausgestellten Entwicklungszielen zu haben, die nur schwerlich bis zum Jahr
2015 erreicht werden können.
Ich will hier keineswegs ein vollständiges Bild der politischen Situation Afrikas entwerfen. Vielmehr gebe ich mich damit zufrieden, einen Teil des Lichts und Schattens herauszustellen, von dem der Kontinent geprägt ist. Denn – wie schon der Heilige Vater betonte – obgleich sich „in manchen Ländern die innere Lage leider noch nicht gefestigt hat und die Gewalt die Oberhand hatte und manchmal noch immer hat, darf das nicht Anlaß zu einer allgemeinen Verurteilung geben, die ein ganzes Volk oder eine ganze Nation, oder – noch schlimmer – einen ganzen Kontinent miteinbezieht“ (Ecclesia in Africa, Nr. 39). Nach dieser ersten Reflexion werde ich den Einsatz des Papstes und der katholischen Kirche in Afrika beschreiben.
Die Schatten
Viele Länder Afrikas haben die katastrophale Erfahrung des Krieges gemacht: Beispiel dafür sind nach wie vor Ruanda und Burundi, mit jeweils 800.000 und 300.000 Toten. Besonders dramatische Konflikte sind die im Norden Ugandas, in der Demokratischen Republik Kongo und im Sudan. Und wer die schlimmsten Folgen zu spüren bekommt, sind die Armen: Tod, Übergriffe und Hunger. Es handelt sich um Kriege, die von Episoden einer nie dagewesenen Gewalt und Grausamkeit geprägt sind.
Darüber hinaus wurde durch das wirtschaftliche Interesse an den Ressourcen des afrikanischen Kontinents (vor allem Erz und Erdöl) ein wahrer Ansturm seitens derer verursacht, die sich, auch in den Industriestaaten, diese Naturschätze unter den Nagel reißen wollen. Diese dramatische politische und soziale Situation wird noch erschwert von alten und neuen Epidemien, der hohen Kindersterblichkeit und der Auslandsverschuldung. Trotz der Initiative für die Tilgung der Auslandsverschuldung einiger Länder bleibt Afrika das am meisten verschuldete Land im Bezug zu seinem Bruttonationalprodukt. Leider werden Unsummen vom Kauf von Waffen verschlungen. Ein wahrer Skandal! Denken wir nur an die Waffen für den Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea.
In Afrika gibt es keine „politische Kultur“ – und das ist auch der Grund dafür, warum viele demokratische Prozesse des Kontinents zum Scheitern verurteilt sind. Viele sind der Meinung, daß die bürgerliche Gesellschaft viel zu viel Verantwortung auf die politische Klasse abgewälzt hat, die wiederum der Exekutiven zuviel Raum eingeräumt hat, die den Staat mit der einzigen Partei, der des Präsidenten, regierte. Die Verpersonalisierung der Macht hat in Afrika unheilvolle Auswirkungen. Eine der Herausforderungen Afrikas heißt Bürgerschaft: Es ist notwendig, Untergebene in Bürger zu verwandeln.
Diese Dramen spielen sich in einem fast allgemeinen Klima der Gleichgültigkeit ab, aus der man aufwacht, wenn die Bürger oder die Interessen des Nordens der Welt ins Spiel kommen. Beweis dafür ist die Tatsache, daß das Welternährungsprogramm darauf angewiesen ist, ständig auf die Spenderländer einzuwirken, damit die Hilfsprogramme für Zehnmillionen von Afrikanern garantiert werden können, die sonst Hungers sterben müßten.
Nach dem verabscheuungswürdigen Terroranschlag auf die USA am 11. September 2001 haben sich die Lebensbedingungen in vielen afrikanischen Ländern sichtlich verschlechtert. Die Subsahara-Zone ist die Region, die mit ihren Millionen von Armen und dem vollkommenen Nichtvorhandensein von Hilfen den höchsten Preis bezahlt.
Die Situation in Afrika muß heute mehr denn je im Rahmen dieser letzten dramatischen Ereignisse gesehen werden. Im Licht der jüngsten Ereignisse scheint es unausweichlich, daß Situationen vermieden werden, in denen Spannungen entstehen und die entwickelten Regionen und andere, die darum kämpfen, ihrer wirtschaftlichen Prekarität, dem Hunger und dem Elend zu entkommen, einander gegenüberstehen. Die westliche Welt muß sich dessen bewußt sein, daß – sollte man nicht bald den Weg einer authentischen Entwicklung einschlagen – die „ausgeschlossenen“ Länder noch glauben könnten, gar keinen anderen Ausweg zu haben als den Terrorismus. Und das könnte eine neue Art und Weise der Kriegsführung werden.
Man darf in der Tat nicht unterschätzen, wie weit verbreitet der islamische Fundamentalismus in der Sahel-Region, in der Sahara und im Osten Afrikas ist.
Das Afrika der Konflikte, der Epidemien, des Hungers, ist wesentlicher Bestandteil der Menschheitsgeschichte und wartet darauf, daß auch die Hoffnungsschimmer in Betracht gezogen, konkrete Initiativen in die Tat umgesetzt werden.
Die Lichtblicke
Afrika ist die Wiege der Menschheit. Das erinnert uns daran, daß der Kontinent voll ist mit Orten, die auf der Liste der weltweiten UNESCO-Programme stehen, als ein Wert betrachtet werden, der bewahrt werden muß, ein Gut, das nicht nur den Afrikanern gehört, sondern der gesamten Menschheit. Darüber hinaus hat die UNESCO im Mai 2001 eine Liste der zu schützenden Kunstwerke zusammengestellt, die zum „mündlichen und immateriellen Erbe der Menschheit“ gehören. Unter den als „vitale Faktoren für die kulturelle Identität, Förderung der Kreativität und Bewahrung der kulturellen Verschiedenheit“ herausgestellten kulturellen Ausdrucksformen, „die für die nationale und internationale Entwicklung, Toleranz und das harmonische Zusammenspiel der Kulturen eine wesentliche Rolle spielen“ (so die Motivation der UNESCO), scheint die mündliche und künstlerische Tradition der Gelede-Gesellschaft (in Benin, Nigeria und Togo) auf.
In der afrikanischen Gesellschaft gibt es durchaus positive Zeichen, die der afrikanische Historiker Joseph Ki Zerbo in der jungen Generation erkennt, in den Gewerkschaften, im Engagement der Frauen, im Heroismus gewisser sozialer Gruppen, die auch den anderen Völkern etwas zu sagen haben. Und schließlich ist auch die enge Beziehung nicht zu unterschätzen, die die Religion zum (auch politischen) Alltagsleben hat. Die Menschen haben kein Problem damit, in den verschiedensten Situationen durch das Gebet die Hilfe Gottes zu erflehen. Wo Leben ist, existiert eine Beziehung, die vom Leben selbst transzendiert. Diese afrikanische Fähigkeit, dem Glauben in jedem Aspekt des gesellschaftlichen Lebens Ausdruck zu geben, ist ein Wert, den wir in der westlichen Welt verloren haben und den Afrika mit Stolz der ganzen Welt vorschlagen kann.
Die afrikanischen Leaders riefen 1963, nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit, die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) ins Leben, die auf dem Prinzip der „Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten der einzelnen Staaten“ basiert. Dieses Prinzip steht, laut Meinung der Betroffenen, inzwischen nicht nur für Gleichgültigkeit, sondern auch für Unbeweglichkeit in der panafrikanischen Politik.
Die politisch-wirtschaftlichen und sozialen Ereignisse konnten sich jedenfalls so entfalten, als würde die OAU gar nicht existieren.
Am 11. Juli 2001, nach 38 Jahren „verdienstvollen“ Amtes, wurde aus der OAU die Afrikanische Union (AU). Das Schlußdokument des 37. und letzten Gipfels der OAU trägt einen emblematischen Titel: „Neue afrikanische Initiative“. Darin wird erklärt, daß man vorhat, die endemischen Übel des Kontinents anzugehen: von der Lösung der Konflikte über die Wirtschaftsentwicklung, bis hin zur Ausrottung von Armut und Krankheiten, allen voran AIDS.
Die afrikanischen Leaders sind überzeugt davon, daß die „Schlachten“ gemeinsam geschlagen werden müssen, und zwar nicht so sehr mit Worten, sondern mit Tatsachen. Man will die Ära der Dekolonisation ein für allemal hinter sich lassen und in eine Phase des Wiederaufbaus eintreten, indem man die Staaten Afrikas mit dem europäischen Vorbild entsprechenden Instrumenten und Strategien versieht, wie einer Exekutiv-Kommission, einem Parlament, einer Zentralbank und – in naher Zukunft – einer Einheitswährung.
Am 18. März wurde die aus Tansania stammende, 59jährige Gertrude Monella zur Präsidentin des ersten panafrikanischen Parlaments gewählt. Das ist sicher ein Zeichen demokratischer Reife und ein konkretes Beispiel der Förderung der Geschlechtergleichheit. Außerdem muß jeder Staat mit wenigstens einer Frau unter den fünf Mitgliedern des Parlaments aufwarten können.
Erwähnenswert ist auch die „New Economic Partnership for Africa’s Development“ (NEPAD), ein von Afrikanern für Afrikaner ersonnenes Entwicklungsprogramm. Die in der Vergangenheit durchgeführten Entwicklungsprojekte waren zum Scheitern verurteilt, weil sie von außen aufgedrängt worden waren, sich die Afrikaner nicht verantwortlich fühlten und weil die Person des Afrikaners nicht im Mittelpunkt dieser Programme stand. Wenn ein Projekt nicht so richtig anlaufen wollte, gab man den Sachverständigen der Banken die Schuld. Mit der NEPAD haben die Afrikaner beschlossen, die Verantwortung für ihre wirklich auch auf sie zugeschnittenen Programme zu übernehmen.
Zum Schluß möchte ich auch daran erinnern, daß in den vergangenen Jahren zahlreiche afrikanische Länder die erste Hundert-Jahr-Feier des Beginns ihrer Evangelisierung begehen konnten. Die systematische Verkündigung des Evangeliums hat nämlich in der Tat im 19. Jahrhundert begonnen, dank des Engagements großer Apostel und Träger der afrikanischen Mission. Von den Heiligen, die das moderne Afrika der Kirche geschenkt hat, erinnern wir an die von Paul VI. heiliggesprochenen Märtyrer Ugandas, aber auch an die von Johannes Paul II. heiliggesprochene Josepha Bakhita.
Besonders erwähnenswert sind die Katechisten Jildo und Daudi aus dem Norden Ugandas. Diese beiden, im Oktober 2002 heiliggesprochenen Jungen sind ein Vorbild für „Verantwortung, Vergebung und Versöhnung“ für ganz Afrika.
Das Erblühen der Heiligkeit ist ein deutliches Zeichen dafür, daß der Kontinent über Potentiale und Reichtümer verfügt, die die Wiedergeburt Afrikas begünstigen können.
Aus dem bisher Gesagten scheint deutlich zu werden, daß Afrika, wie die amerikanischen Bischöfe 2001 betonten, kein Kontinent der Verzweifelten ist, sondern ein Land, in dem Menschen leben, die mit alten Problemen und neuen Herausforderungen zu kämpfen haben, die sie in den Griff bekommen müssen, um eine von Hoffnung prägte Zukunft, in der jeder eine Chance hat, aufbauen zu können. Es ist kein Kontinent, der stillsteht, sondern einer, der in Bewegung ist.
Die Kirche und Afrika
Ausgehend von diesem realistischen Ansatz ist es möglich darzulegen, wie sich Papst Johannes Paul II. und der Hl. Stuhl für Afrika und das Werk der katholischen Kirche auf dem Kontinent einzusetzen gedenken.
Johannes Paul II. und Afrika
Man kann sagen, daß der Papst stets eine ganz besondere Aufmerksamkeit für den afrikanischen Kontinent gezeigt hat. Die von ihm gehaltenen Vorträge – im Laufe der zahlreichen Pastoralreisen auf den Kontinent, an die Bischöfe auf ad-limina-Besuch, an die beim Hl. Stuhl akkreditierten Botschafter, an das Diplomatische Korps –, die Briefe an die politischen Verantwortlichen, die zu Jahrestagen, Gedenk- und Feiertagen geschickten Telegramme, die Appelle an die internationale Gemeinschaft, stellen sozusagen das umfassende „afrikanische“ päpstliche Lehramt dar, dem man Gehör schenken und von dem man bei jedem Gespräch über die Zukunft Afrikas auszugehen hat.
Besonders erwähnenswert ist die Bischofssynode für Afrika von 1994, die im postsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Africa als „ein von der Vorsehung gewolltes Ereignis“ (Nr. 9) bezeichnet wurde. In der Tat hat die Bischofsversammlung nach Untersuchung der fünf Schlüsselthemen (Verkündigung der guten Heilsbotschaft, Inkulturation, Dialog, Gerechtigkeit und Frieden, soziale Kommunikationsmittel) die Struktur der afrikanischen Kirche im dritten Jahrtausend umrissen.
Und gerade mit diesem erleuchteten Blick der Hoffnung hat der Papst im vergangenen Jahr, in seiner Ansprache an das Diplomatische Korps und unter Betonung einiger Fortschritte des afrikanischen Kontinents, die damals gerade im Gang waren, betonen können: „Auch Afrika bietet uns heute Grund zur Freude: Angola hat das Werk des Wiederaufbaus begonnen; Burundi hat den Weg eingeschlagen, der zum Frieden führen könnte und erwartet von der internationalen Gemeinschaft Verständnis und Finanzhilfen [...]; und auch der Sudan hat seinen guten Willen gezeigt, wenn der Weg zum Frieden auch noch ein weiter und schwieriger ist.“
Wenn dann die Hoffnungen auf den Frieden zum größten Teil enttäuscht worden sind, so bleibt doch der positive Umstand bestehen, daß immerhin ein Weg eingeschlagen wurde, der die Versöhnung und den Frieden erreichen will.
In seiner Ansprache vom 10. Januar 1998 sagte der Papst dagegen: „Die Afrikaner dürfen nicht erwarten, daß alles von außen kommt. Viele von ihnen, Männer und Frauen, verfügen sehr wohl über die notwendigen menschlichen und intellektuellen Fähigkeiten, um sich den Herausforderungen unserer Epoche zu stellen und die Gesellschaft in angemessener Form zu leiten. Es wäre aber mehr ‚afrikanische‘ Solidarität vonnöten, um den bedürftigen Ländern unter die Arme zu greifen, auch um zu verhindern, daß ihnen diskriminierende Maßnahmen oder Sanktionen auferlegt werden... Die Länder des Kontinents müssen Versöhnung und Annäherung begünstigen, wenn es sein muß mit Hilfe von Friedenstruppen, die aus afrikanischen Soldaten zusammengesetzt sind. Dann hätte Afrika in den Augen der Welt eine größere Glaubwürdigkeit und die internationalen Hilfen würden zweifellos konsistenter werden, im Respekt der Souveränität der Nationen. Es ist wichtig, daß die territorialen Fragen, die Wirtschaftsinitiativen und die Menschenrechte die Afrikaner dazu veranlassen, ihre Energie darauf zu verwenden, gerechte und friedliche Lösungen zu finden, die Afrika in die Lage versetzen, das 21. Jahrhundert mit größeren Chancen anzugehen.“
Diese Perspektive ist inzwischen zum Erbe der Afrikaner geworden. Der Präsident der AU, Joaquim Chissano, hat bei seinem jüngsten Besuch in Italien (15.-17. April) Europa für die Afrika zugeflossenen Hilfen gedankt, aber auch präzisiert: „Die grundlegendsten Ressourcen sind jedoch nach wie vor die unsrigen. Wir wollen nämlich ein eigenes wirtschaftliches, soziales und politisches Entwicklungsprogramm, ein Projekt für den ganzen Kontinent. Schließlich will auch ein Familienvater nicht, daß ihm andere sagen, wie er seine Kinder zu erziehen hat.“ Und Voraussetzung für diese rechtmäßige Bestrebung sind ein gutes Walten der Regierung, Demokratie und strukturelle Veränderungen.
Der Hl. Stuhl und Afrika
Der Hl. Stuhl versäumt nach wie vor keine Gelegenheit, die Regierungen der Industriestaaten und die internationalen Organisationen daran zu gemahnen, daß sich die Situation zahlreicher Länder so beschwerlich gestaltet, daß man sich einfach keine Gleichgültigkeit leisten kann. Bei den Konferenzen und Versammlungen in New York, Genf, Wien, Straßburg und anderswo pochen die päpstlichen Beobachter schon seit geraumer Zeit darauf, daß die globale Finanzstruktur überdacht werden müßte, afrikanische Exportprodukte leichteren Zugang zu den Märkten finden und die Zuschüsse auf landwirtschaftliche Erzeugnisse in den Industriestaaten wegfallen müßten, eine Reduktion der Unterschiede in der Digital-Technologie vonnöten ist, damit Programme und Institutionen gefördert und verstärkt werden können, die es den afrikanischen Ländern erlauben, ausreichende Ressourcen zu erhalten und zu den globalen Gütern und Dienstleistungen Zugang zu haben.
Darüber hinaus hat der Hl. Stuhl auch durch die 1997 erfolgte Unterzeichnung des ersten Rahmenabkommens über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat mit Gabun sein konkretes Interesse an Afrika bekundet. Es scheint in der Tat opportun zu sein, daß die Präsenz der Kirche in Afrika nicht länger auf dem guten Willen der politischen Verantwortlichen beruht, sondern im Innern eines stabilen und klaren rechtlichen Rahmens erfolgt, der die Organisations- und Bewegungsfreiheit der Ortskirche, wie auch die Möglichkeit gewährleistet, ihre Bildungs- und Wohltätigkeitswerke gegen mögliche Willkür abzuschirmen. Derzeit führt das Staatssekretariat Verhandlungen mit zwei anderen afrikanischen Ländern (Äthiopien und Mosambik), in der Hoffnung , bald ähnliche Abkommen erreichen zu können.
Die katholische Kirchein Afrika
Die Katholiken in Afrika machen, bei einer Bevölkerungszahl von 830 Millionen, ca. 137 Millionen aus, was 16,6% der Bevölkerung entspricht. Die katholische Kirche ist in allen Ländern Afrikas präsent, wo sie den Unterdrückten zur Seite steht und denen Stimme gibt, die keine Stimme haben, kompromisslos zu den Armen steht und sich für die integrale Entwicklung der Person, für den Frieden, für die Gerechtigkeit und die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt.
Die Zahlen sprechen Bände: 85.000 Pastoralzentren; 5.000 Krankenhäuser und Kliniken; 500 Behindertenheime; 13 Millionen Kinder, die ohne wirtschaftliche, ethnische oder religiöse Unterschiede zu machen eine Grundausbildung erhalten; 3.000 Grundschulen für 10 Millionen Schüler; 7.000 Mittelschulen, an denen ca. 2 Millionen Jugendliche ausgebildet werden; verschiedene Bildungseinrichtungen auf Hochschulebene, an denen ca. 30.000 Schüler Aufnahme finden.
Darüber hinaus hat die Kirche auch in Form von Menschenleben ein großes Opfer für Afrika gebracht: Bischöfe – darunter auch ein apostolischer Nuntius, Priester, Missionare, Ordensmänner und –Frauen, gläubigen Laien, wurden brutal verfolgt und getötet.
Man kann daher zu gutem Recht behaupten, daß die von der Kirche für Afrika geleistete Hilfe von unschätzbarem Wert ist und daß sich die Situation auf dem Kontinent ohne die Evangelisierung noch schwieriger gestalten würde. Die Kirche hat sich nämlich nicht nur auf Initiativen der Förderung des Menschen beschränkt, sondern mit der Verkündigung des Evangeliums die Personenwürde proklamiert und die Liebe zur Arbeit und zur Solidarität gelehrt.
Es verwundert daher nicht, daß sich die Kirche um die Liebe der afrikanischen Bevölkerung verdient gemacht hat. Die Afrikaner hängen sehr an der Kirche, spüren, daß sie die einzige Institution ist, die sie um ihrer selbst willen liebt. Die Kirche zu lieben ist für sie gleichbedeutend damit, den Papst zu lieben, der ihren Kontinent bereist hat und den viele, dank der zahlreichen apostolischen Reisen aus nächster Nähe gesehen haben.
Die Kirche hat sich nicht nur um die Liebe der afrikanischen Bevölkerung verdient gemacht, sondern auch um die Wertschätzung der Staatengemeinschaft. Immer mehr Regierungen und internationale Einrichtungen bitten um die Mitarbeit der katholischen Kirche/Hl. Stuhl bei der Umsetzung von Entwicklungsprogrammen für Afrika und erkennen die Rolle an, die die Ortskirchen bei der Verhütung von Konflikten und bei den Aussöhnungs-Prozessen spielen.
Diese „Anerkennung“ beruht auf der Tatsache, daß die Kirche zuerst und vor allem um die Formung der gesamten Person bemüht ist. Sie ist sich dessen bewußt, daß es „nicht ausreicht, zu geben ohne zu lehren“. Daher stellt sie auch keinen abstrakten Menschen in den Mittelpunkt ihrer Entwicklungsprogramme, sondern den Afrikaner. Und das ist auch der Grund dafür, warum ihre Beiträge in der Gesellschaft nach wie vor von so einschneidender Wirkung sind.
In seiner Enzyklika Redemptoris missio schreibt Johannes Paul II.: „Doch ereignet sich die Entwicklung eines Volkes in erster Linie weder durch Geld, noch durch materielle Hilfe und auch nicht durch technische Strukturen, sondern vielmehr durch die Formung der Gewissen, durch das Reifen der Einstellungen und Gebräuche. Der Mensch ist Hauptfigur der Entwicklung, nicht das Geld und nicht die Technik. Die Kirche bildet die Gewissen sie offenbart den Völkern den Gott, den sie suchen, aber nicht kennen... Deshalb besteht eine enge Verbindung zwischen der Verkündigung des Evangeliums und der Förderung des Menschen.“ (Nr. 58-59).
Abschließend möchte ich der hier anwesenden Versammlung die Aufforderung zur Hoffnung vorschlagen, die der Heilige Vater am 7. Oktober 2002 an die Männer und Frauen Afrikas richtete: „Dans les situations difficiles que vous vivez, les rayons de lumière ne manquent pas, le Seigneur ne vous a pas abandonnés! Pour construire le monde réconcilié auquel tous aspirent, c’est d’abord aux Africains eux-mêmes qu’il revient de prendre en mains l’avenir de leurs nations“ (Message du Sceam, Nr. 5).
Der hier veröffentlichte, von 30Tage überarbeitete Text von Erzbischof Giovanni Lajolo ist der Wortlaut des Vortrags zum Thema „Wirtschaftliche und soziale Entwicklung Afrikas in einer Ära der Globalisierung“, den der Erzbischof am 21. Mai gehalten hat. Dieser im Vatikan abgehaltene Studien- und Reflexionstag fand auf Initiative des Rates für Gerechtigkeit und Frieden statt.
Ich will hier keineswegs ein vollständiges Bild der politischen Situation Afrikas entwerfen. Vielmehr gebe ich mich damit zufrieden, einen Teil des Lichts und Schattens herauszustellen, von dem der Kontinent geprägt ist. Denn – wie schon der Heilige Vater betonte – obgleich sich „in manchen Ländern die innere Lage leider noch nicht gefestigt hat und die Gewalt die Oberhand hatte und manchmal noch immer hat, darf das nicht Anlaß zu einer allgemeinen Verurteilung geben, die ein ganzes Volk oder eine ganze Nation, oder – noch schlimmer – einen ganzen Kontinent miteinbezieht“ (Ecclesia in Africa, Nr. 39). Nach dieser ersten Reflexion werde ich den Einsatz des Papstes und der katholischen Kirche in Afrika beschreiben.
Die Schatten
Viele Länder Afrikas haben die katastrophale Erfahrung des Krieges gemacht: Beispiel dafür sind nach wie vor Ruanda und Burundi, mit jeweils 800.000 und 300.000 Toten. Besonders dramatische Konflikte sind die im Norden Ugandas, in der Demokratischen Republik Kongo und im Sudan. Und wer die schlimmsten Folgen zu spüren bekommt, sind die Armen: Tod, Übergriffe und Hunger. Es handelt sich um Kriege, die von Episoden einer nie dagewesenen Gewalt und Grausamkeit geprägt sind.
Darüber hinaus wurde durch das wirtschaftliche Interesse an den Ressourcen des afrikanischen Kontinents (vor allem Erz und Erdöl) ein wahrer Ansturm seitens derer verursacht, die sich, auch in den Industriestaaten, diese Naturschätze unter den Nagel reißen wollen. Diese dramatische politische und soziale Situation wird noch erschwert von alten und neuen Epidemien, der hohen Kindersterblichkeit und der Auslandsverschuldung. Trotz der Initiative für die Tilgung der Auslandsverschuldung einiger Länder bleibt Afrika das am meisten verschuldete Land im Bezug zu seinem Bruttonationalprodukt. Leider werden Unsummen vom Kauf von Waffen verschlungen. Ein wahrer Skandal! Denken wir nur an die Waffen für den Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea.
In Afrika gibt es keine „politische Kultur“ – und das ist auch der Grund dafür, warum viele demokratische Prozesse des Kontinents zum Scheitern verurteilt sind. Viele sind der Meinung, daß die bürgerliche Gesellschaft viel zu viel Verantwortung auf die politische Klasse abgewälzt hat, die wiederum der Exekutiven zuviel Raum eingeräumt hat, die den Staat mit der einzigen Partei, der des Präsidenten, regierte. Die Verpersonalisierung der Macht hat in Afrika unheilvolle Auswirkungen. Eine der Herausforderungen Afrikas heißt Bürgerschaft: Es ist notwendig, Untergebene in Bürger zu verwandeln.
Diese Dramen spielen sich in einem fast allgemeinen Klima der Gleichgültigkeit ab, aus der man aufwacht, wenn die Bürger oder die Interessen des Nordens der Welt ins Spiel kommen. Beweis dafür ist die Tatsache, daß das Welternährungsprogramm darauf angewiesen ist, ständig auf die Spenderländer einzuwirken, damit die Hilfsprogramme für Zehnmillionen von Afrikanern garantiert werden können, die sonst Hungers sterben müßten.
Nach dem verabscheuungswürdigen Terroranschlag auf die USA am 11. September 2001 haben sich die Lebensbedingungen in vielen afrikanischen Ländern sichtlich verschlechtert. Die Subsahara-Zone ist die Region, die mit ihren Millionen von Armen und dem vollkommenen Nichtvorhandensein von Hilfen den höchsten Preis bezahlt.
Die Situation in Afrika muß heute mehr denn je im Rahmen dieser letzten dramatischen Ereignisse gesehen werden. Im Licht der jüngsten Ereignisse scheint es unausweichlich, daß Situationen vermieden werden, in denen Spannungen entstehen und die entwickelten Regionen und andere, die darum kämpfen, ihrer wirtschaftlichen Prekarität, dem Hunger und dem Elend zu entkommen, einander gegenüberstehen. Die westliche Welt muß sich dessen bewußt sein, daß – sollte man nicht bald den Weg einer authentischen Entwicklung einschlagen – die „ausgeschlossenen“ Länder noch glauben könnten, gar keinen anderen Ausweg zu haben als den Terrorismus. Und das könnte eine neue Art und Weise der Kriegsführung werden.
Man darf in der Tat nicht unterschätzen, wie weit verbreitet der islamische Fundamentalismus in der Sahel-Region, in der Sahara und im Osten Afrikas ist.
Das Afrika der Konflikte, der Epidemien, des Hungers, ist wesentlicher Bestandteil der Menschheitsgeschichte und wartet darauf, daß auch die Hoffnungsschimmer in Betracht gezogen, konkrete Initiativen in die Tat umgesetzt werden.
Die Lichtblicke
Afrika ist die Wiege der Menschheit. Das erinnert uns daran, daß der Kontinent voll ist mit Orten, die auf der Liste der weltweiten UNESCO-Programme stehen, als ein Wert betrachtet werden, der bewahrt werden muß, ein Gut, das nicht nur den Afrikanern gehört, sondern der gesamten Menschheit. Darüber hinaus hat die UNESCO im Mai 2001 eine Liste der zu schützenden Kunstwerke zusammengestellt, die zum „mündlichen und immateriellen Erbe der Menschheit“ gehören. Unter den als „vitale Faktoren für die kulturelle Identität, Förderung der Kreativität und Bewahrung der kulturellen Verschiedenheit“ herausgestellten kulturellen Ausdrucksformen, „die für die nationale und internationale Entwicklung, Toleranz und das harmonische Zusammenspiel der Kulturen eine wesentliche Rolle spielen“ (so die Motivation der UNESCO), scheint die mündliche und künstlerische Tradition der Gelede-Gesellschaft (in Benin, Nigeria und Togo) auf.
In der afrikanischen Gesellschaft gibt es durchaus positive Zeichen, die der afrikanische Historiker Joseph Ki Zerbo in der jungen Generation erkennt, in den Gewerkschaften, im Engagement der Frauen, im Heroismus gewisser sozialer Gruppen, die auch den anderen Völkern etwas zu sagen haben. Und schließlich ist auch die enge Beziehung nicht zu unterschätzen, die die Religion zum (auch politischen) Alltagsleben hat. Die Menschen haben kein Problem damit, in den verschiedensten Situationen durch das Gebet die Hilfe Gottes zu erflehen. Wo Leben ist, existiert eine Beziehung, die vom Leben selbst transzendiert. Diese afrikanische Fähigkeit, dem Glauben in jedem Aspekt des gesellschaftlichen Lebens Ausdruck zu geben, ist ein Wert, den wir in der westlichen Welt verloren haben und den Afrika mit Stolz der ganzen Welt vorschlagen kann.
Die afrikanischen Leaders riefen 1963, nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit, die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) ins Leben, die auf dem Prinzip der „Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten der einzelnen Staaten“ basiert. Dieses Prinzip steht, laut Meinung der Betroffenen, inzwischen nicht nur für Gleichgültigkeit, sondern auch für Unbeweglichkeit in der panafrikanischen Politik.
Die politisch-wirtschaftlichen und sozialen Ereignisse konnten sich jedenfalls so entfalten, als würde die OAU gar nicht existieren.
Am 11. Juli 2001, nach 38 Jahren „verdienstvollen“ Amtes, wurde aus der OAU die Afrikanische Union (AU). Das Schlußdokument des 37. und letzten Gipfels der OAU trägt einen emblematischen Titel: „Neue afrikanische Initiative“. Darin wird erklärt, daß man vorhat, die endemischen Übel des Kontinents anzugehen: von der Lösung der Konflikte über die Wirtschaftsentwicklung, bis hin zur Ausrottung von Armut und Krankheiten, allen voran AIDS.
Die afrikanischen Leaders sind überzeugt davon, daß die „Schlachten“ gemeinsam geschlagen werden müssen, und zwar nicht so sehr mit Worten, sondern mit Tatsachen. Man will die Ära der Dekolonisation ein für allemal hinter sich lassen und in eine Phase des Wiederaufbaus eintreten, indem man die Staaten Afrikas mit dem europäischen Vorbild entsprechenden Instrumenten und Strategien versieht, wie einer Exekutiv-Kommission, einem Parlament, einer Zentralbank und – in naher Zukunft – einer Einheitswährung.
Am 18. März wurde die aus Tansania stammende, 59jährige Gertrude Monella zur Präsidentin des ersten panafrikanischen Parlaments gewählt. Das ist sicher ein Zeichen demokratischer Reife und ein konkretes Beispiel der Förderung der Geschlechtergleichheit. Außerdem muß jeder Staat mit wenigstens einer Frau unter den fünf Mitgliedern des Parlaments aufwarten können.
Erwähnenswert ist auch die „New Economic Partnership for Africa’s Development“ (NEPAD), ein von Afrikanern für Afrikaner ersonnenes Entwicklungsprogramm. Die in der Vergangenheit durchgeführten Entwicklungsprojekte waren zum Scheitern verurteilt, weil sie von außen aufgedrängt worden waren, sich die Afrikaner nicht verantwortlich fühlten und weil die Person des Afrikaners nicht im Mittelpunkt dieser Programme stand. Wenn ein Projekt nicht so richtig anlaufen wollte, gab man den Sachverständigen der Banken die Schuld. Mit der NEPAD haben die Afrikaner beschlossen, die Verantwortung für ihre wirklich auch auf sie zugeschnittenen Programme zu übernehmen.
Zum Schluß möchte ich auch daran erinnern, daß in den vergangenen Jahren zahlreiche afrikanische Länder die erste Hundert-Jahr-Feier des Beginns ihrer Evangelisierung begehen konnten. Die systematische Verkündigung des Evangeliums hat nämlich in der Tat im 19. Jahrhundert begonnen, dank des Engagements großer Apostel und Träger der afrikanischen Mission. Von den Heiligen, die das moderne Afrika der Kirche geschenkt hat, erinnern wir an die von Paul VI. heiliggesprochenen Märtyrer Ugandas, aber auch an die von Johannes Paul II. heiliggesprochene Josepha Bakhita.
Besonders erwähnenswert sind die Katechisten Jildo und Daudi aus dem Norden Ugandas. Diese beiden, im Oktober 2002 heiliggesprochenen Jungen sind ein Vorbild für „Verantwortung, Vergebung und Versöhnung“ für ganz Afrika.
Das Erblühen der Heiligkeit ist ein deutliches Zeichen dafür, daß der Kontinent über Potentiale und Reichtümer verfügt, die die Wiedergeburt Afrikas begünstigen können.
Aus dem bisher Gesagten scheint deutlich zu werden, daß Afrika, wie die amerikanischen Bischöfe 2001 betonten, kein Kontinent der Verzweifelten ist, sondern ein Land, in dem Menschen leben, die mit alten Problemen und neuen Herausforderungen zu kämpfen haben, die sie in den Griff bekommen müssen, um eine von Hoffnung prägte Zukunft, in der jeder eine Chance hat, aufbauen zu können. Es ist kein Kontinent, der stillsteht, sondern einer, der in Bewegung ist.
Die Kirche und Afrika
Ausgehend von diesem realistischen Ansatz ist es möglich darzulegen, wie sich Papst Johannes Paul II. und der Hl. Stuhl für Afrika und das Werk der katholischen Kirche auf dem Kontinent einzusetzen gedenken.
Johannes Paul II. und Afrika
Man kann sagen, daß der Papst stets eine ganz besondere Aufmerksamkeit für den afrikanischen Kontinent gezeigt hat. Die von ihm gehaltenen Vorträge – im Laufe der zahlreichen Pastoralreisen auf den Kontinent, an die Bischöfe auf ad-limina-Besuch, an die beim Hl. Stuhl akkreditierten Botschafter, an das Diplomatische Korps –, die Briefe an die politischen Verantwortlichen, die zu Jahrestagen, Gedenk- und Feiertagen geschickten Telegramme, die Appelle an die internationale Gemeinschaft, stellen sozusagen das umfassende „afrikanische“ päpstliche Lehramt dar, dem man Gehör schenken und von dem man bei jedem Gespräch über die Zukunft Afrikas auszugehen hat.
Besonders erwähnenswert ist die Bischofssynode für Afrika von 1994, die im postsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Africa als „ein von der Vorsehung gewolltes Ereignis“ (Nr. 9) bezeichnet wurde. In der Tat hat die Bischofsversammlung nach Untersuchung der fünf Schlüsselthemen (Verkündigung der guten Heilsbotschaft, Inkulturation, Dialog, Gerechtigkeit und Frieden, soziale Kommunikationsmittel) die Struktur der afrikanischen Kirche im dritten Jahrtausend umrissen.
Und gerade mit diesem erleuchteten Blick der Hoffnung hat der Papst im vergangenen Jahr, in seiner Ansprache an das Diplomatische Korps und unter Betonung einiger Fortschritte des afrikanischen Kontinents, die damals gerade im Gang waren, betonen können: „Auch Afrika bietet uns heute Grund zur Freude: Angola hat das Werk des Wiederaufbaus begonnen; Burundi hat den Weg eingeschlagen, der zum Frieden führen könnte und erwartet von der internationalen Gemeinschaft Verständnis und Finanzhilfen [...]; und auch der Sudan hat seinen guten Willen gezeigt, wenn der Weg zum Frieden auch noch ein weiter und schwieriger ist.“
Wenn dann die Hoffnungen auf den Frieden zum größten Teil enttäuscht worden sind, so bleibt doch der positive Umstand bestehen, daß immerhin ein Weg eingeschlagen wurde, der die Versöhnung und den Frieden erreichen will.
In seiner Ansprache vom 10. Januar 1998 sagte der Papst dagegen: „Die Afrikaner dürfen nicht erwarten, daß alles von außen kommt. Viele von ihnen, Männer und Frauen, verfügen sehr wohl über die notwendigen menschlichen und intellektuellen Fähigkeiten, um sich den Herausforderungen unserer Epoche zu stellen und die Gesellschaft in angemessener Form zu leiten. Es wäre aber mehr ‚afrikanische‘ Solidarität vonnöten, um den bedürftigen Ländern unter die Arme zu greifen, auch um zu verhindern, daß ihnen diskriminierende Maßnahmen oder Sanktionen auferlegt werden... Die Länder des Kontinents müssen Versöhnung und Annäherung begünstigen, wenn es sein muß mit Hilfe von Friedenstruppen, die aus afrikanischen Soldaten zusammengesetzt sind. Dann hätte Afrika in den Augen der Welt eine größere Glaubwürdigkeit und die internationalen Hilfen würden zweifellos konsistenter werden, im Respekt der Souveränität der Nationen. Es ist wichtig, daß die territorialen Fragen, die Wirtschaftsinitiativen und die Menschenrechte die Afrikaner dazu veranlassen, ihre Energie darauf zu verwenden, gerechte und friedliche Lösungen zu finden, die Afrika in die Lage versetzen, das 21. Jahrhundert mit größeren Chancen anzugehen.“
Diese Perspektive ist inzwischen zum Erbe der Afrikaner geworden. Der Präsident der AU, Joaquim Chissano, hat bei seinem jüngsten Besuch in Italien (15.-17. April) Europa für die Afrika zugeflossenen Hilfen gedankt, aber auch präzisiert: „Die grundlegendsten Ressourcen sind jedoch nach wie vor die unsrigen. Wir wollen nämlich ein eigenes wirtschaftliches, soziales und politisches Entwicklungsprogramm, ein Projekt für den ganzen Kontinent. Schließlich will auch ein Familienvater nicht, daß ihm andere sagen, wie er seine Kinder zu erziehen hat.“ Und Voraussetzung für diese rechtmäßige Bestrebung sind ein gutes Walten der Regierung, Demokratie und strukturelle Veränderungen.
Der Hl. Stuhl und Afrika
Der Hl. Stuhl versäumt nach wie vor keine Gelegenheit, die Regierungen der Industriestaaten und die internationalen Organisationen daran zu gemahnen, daß sich die Situation zahlreicher Länder so beschwerlich gestaltet, daß man sich einfach keine Gleichgültigkeit leisten kann. Bei den Konferenzen und Versammlungen in New York, Genf, Wien, Straßburg und anderswo pochen die päpstlichen Beobachter schon seit geraumer Zeit darauf, daß die globale Finanzstruktur überdacht werden müßte, afrikanische Exportprodukte leichteren Zugang zu den Märkten finden und die Zuschüsse auf landwirtschaftliche Erzeugnisse in den Industriestaaten wegfallen müßten, eine Reduktion der Unterschiede in der Digital-Technologie vonnöten ist, damit Programme und Institutionen gefördert und verstärkt werden können, die es den afrikanischen Ländern erlauben, ausreichende Ressourcen zu erhalten und zu den globalen Gütern und Dienstleistungen Zugang zu haben.
Darüber hinaus hat der Hl. Stuhl auch durch die 1997 erfolgte Unterzeichnung des ersten Rahmenabkommens über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat mit Gabun sein konkretes Interesse an Afrika bekundet. Es scheint in der Tat opportun zu sein, daß die Präsenz der Kirche in Afrika nicht länger auf dem guten Willen der politischen Verantwortlichen beruht, sondern im Innern eines stabilen und klaren rechtlichen Rahmens erfolgt, der die Organisations- und Bewegungsfreiheit der Ortskirche, wie auch die Möglichkeit gewährleistet, ihre Bildungs- und Wohltätigkeitswerke gegen mögliche Willkür abzuschirmen. Derzeit führt das Staatssekretariat Verhandlungen mit zwei anderen afrikanischen Ländern (Äthiopien und Mosambik), in der Hoffnung , bald ähnliche Abkommen erreichen zu können.
Die katholische Kirchein Afrika
Die Katholiken in Afrika machen, bei einer Bevölkerungszahl von 830 Millionen, ca. 137 Millionen aus, was 16,6% der Bevölkerung entspricht. Die katholische Kirche ist in allen Ländern Afrikas präsent, wo sie den Unterdrückten zur Seite steht und denen Stimme gibt, die keine Stimme haben, kompromisslos zu den Armen steht und sich für die integrale Entwicklung der Person, für den Frieden, für die Gerechtigkeit und die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt.
Die Zahlen sprechen Bände: 85.000 Pastoralzentren; 5.000 Krankenhäuser und Kliniken; 500 Behindertenheime; 13 Millionen Kinder, die ohne wirtschaftliche, ethnische oder religiöse Unterschiede zu machen eine Grundausbildung erhalten; 3.000 Grundschulen für 10 Millionen Schüler; 7.000 Mittelschulen, an denen ca. 2 Millionen Jugendliche ausgebildet werden; verschiedene Bildungseinrichtungen auf Hochschulebene, an denen ca. 30.000 Schüler Aufnahme finden.
Darüber hinaus hat die Kirche auch in Form von Menschenleben ein großes Opfer für Afrika gebracht: Bischöfe – darunter auch ein apostolischer Nuntius, Priester, Missionare, Ordensmänner und –Frauen, gläubigen Laien, wurden brutal verfolgt und getötet.
Man kann daher zu gutem Recht behaupten, daß die von der Kirche für Afrika geleistete Hilfe von unschätzbarem Wert ist und daß sich die Situation auf dem Kontinent ohne die Evangelisierung noch schwieriger gestalten würde. Die Kirche hat sich nämlich nicht nur auf Initiativen der Förderung des Menschen beschränkt, sondern mit der Verkündigung des Evangeliums die Personenwürde proklamiert und die Liebe zur Arbeit und zur Solidarität gelehrt.
Es verwundert daher nicht, daß sich die Kirche um die Liebe der afrikanischen Bevölkerung verdient gemacht hat. Die Afrikaner hängen sehr an der Kirche, spüren, daß sie die einzige Institution ist, die sie um ihrer selbst willen liebt. Die Kirche zu lieben ist für sie gleichbedeutend damit, den Papst zu lieben, der ihren Kontinent bereist hat und den viele, dank der zahlreichen apostolischen Reisen aus nächster Nähe gesehen haben.
Die Kirche hat sich nicht nur um die Liebe der afrikanischen Bevölkerung verdient gemacht, sondern auch um die Wertschätzung der Staatengemeinschaft. Immer mehr Regierungen und internationale Einrichtungen bitten um die Mitarbeit der katholischen Kirche/Hl. Stuhl bei der Umsetzung von Entwicklungsprogrammen für Afrika und erkennen die Rolle an, die die Ortskirchen bei der Verhütung von Konflikten und bei den Aussöhnungs-Prozessen spielen.
Diese „Anerkennung“ beruht auf der Tatsache, daß die Kirche zuerst und vor allem um die Formung der gesamten Person bemüht ist. Sie ist sich dessen bewußt, daß es „nicht ausreicht, zu geben ohne zu lehren“. Daher stellt sie auch keinen abstrakten Menschen in den Mittelpunkt ihrer Entwicklungsprogramme, sondern den Afrikaner. Und das ist auch der Grund dafür, warum ihre Beiträge in der Gesellschaft nach wie vor von so einschneidender Wirkung sind.
In seiner Enzyklika Redemptoris missio schreibt Johannes Paul II.: „Doch ereignet sich die Entwicklung eines Volkes in erster Linie weder durch Geld, noch durch materielle Hilfe und auch nicht durch technische Strukturen, sondern vielmehr durch die Formung der Gewissen, durch das Reifen der Einstellungen und Gebräuche. Der Mensch ist Hauptfigur der Entwicklung, nicht das Geld und nicht die Technik. Die Kirche bildet die Gewissen sie offenbart den Völkern den Gott, den sie suchen, aber nicht kennen... Deshalb besteht eine enge Verbindung zwischen der Verkündigung des Evangeliums und der Förderung des Menschen.“ (Nr. 58-59).
Abschließend möchte ich der hier anwesenden Versammlung die Aufforderung zur Hoffnung vorschlagen, die der Heilige Vater am 7. Oktober 2002 an die Männer und Frauen Afrikas richtete: „Dans les situations difficiles que vous vivez, les rayons de lumière ne manquent pas, le Seigneur ne vous a pas abandonnés! Pour construire le monde réconcilié auquel tous aspirent, c’est d’abord aux Africains eux-mêmes qu’il revient de prendre en mains l’avenir de leurs nations“ (Message du Sceam, Nr. 5).
Der hier veröffentlichte, von 30Tage überarbeitete Text von Erzbischof Giovanni Lajolo ist der Wortlaut des Vortrags zum Thema „Wirtschaftliche und soziale Entwicklung Afrikas in einer Ära der Globalisierung“, den der Erzbischof am 21. Mai gehalten hat. Dieser im Vatikan abgehaltene Studien- und Reflexionstag fand auf Initiative des Rates für Gerechtigkeit und Frieden statt.