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VATIKAN
Aus Nr. 04 - 2004

Ein Leben als Vermittler


Eine Begegnung mit dem Sekretär des ehemaligen Heiligen Offiziums, Erzbischof Angelo Amato. Der Salesianer berichtet über seinen Werdegang, das Theologiestudium und seine Fußball - Leidenschaft. Vom Verteidiger des Torraums zu dem der Glaubenslehre.


von Gianni Cardinale


Angelo Amato in der Loggia des Palastes des Heiligen Offiziums.

Angelo Amato in der Loggia des Palastes des Heiligen Offiziums.

Erzbischof Angleo Amato ist der zweite Salesianer im Amt des Sekretärs der Glaubenskongregation. Er folgt Tarcisio Bertone, der ebenfalls ein geistiger Sohn des heiligen Don Bosco ist und heute als Kardinal und Erzbischof die Erzdiözese Genua leitet. Beide haben eine unterschiedliche Ausbildung genossen: Amato ist Theologe, Bertone Jurist. Der neue Vize von Kardinal Joseph Ratzinger ist ein recht zurückhaltender Mensch, obwohl er aus Süditalien stammt. Fast das Gegenteil seines Vorgängers, der eine große Ausstrahlung besitzt und eher extrovertiert ist, obgleich er aus dem Piemont kommt. In Sachen Fußball scheiden sich bei den beiden jedoch die Geister: Amato ist schon von Kindesbeinen an Milanist, Bertone eingefleischter Juve-Fan. Doch damit haben sich die Unterschiede auch schon erschöpft. Abgesehen davon, dass beide eine gegenseitige Wertschätzung und Freundschaft verbindet, sind Amato und Bertone auch weithin derselben Ansicht im Bezug auf die heiklen Fragen der gegenwärtigen Lage der Kirche.
Fünfzehn Monate nach Amtsantritt im ehemaligen Heiligen Offizium hat Erzbischof Amato seine natürliche Zurückhaltung überwunden und war zu einem Gespräch mit 30Tage bereit, in dem er über seine akademische und salesianische Bildung sprach. Amato war am 23. April bei der Pressekonferenz dabei, bei der die Instruktion Redemptionis sacramentum. Über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind vorgestellt wurde. Bei dieser Gelegenheit betonte er, dass das neue Dokument den Willen des Hl. Stuhls zum Ausdruckt bringt, dass die Liturgiereform „entsprechend dem, was das II. Vatikanische Konzil festgelegt hat, umgesetzt wird, und jene Mißbräuche beendet werden, die gegen die katholische Glaubenslehre verstoßen.“

Kardinal Joseph Ratzinger mit Erzbischof Angelo Amato.

Kardinal Joseph Ratzinger mit Erzbischof Angelo Amato.

Exzellenz, wie entstand in Ihnen die Berufung zu den Salesianern?
ANGELO AMATO: Ganz einfach aus der Tatsache heraus, dass die Salesianer Anfang der 50er Jahre in meinen Heimatort nach Molfetta kamen und in dem Stadtteil, wo ich lebte, ein Oratorium, ein Jugendzentrum und eine Gemeinde eröffneten. Anstatt in die Pfarrei zu gehen, der ich angehörte, ging ich automatisch zu diesem neuen Oratorium, wo es viele Jugendliche gab und man Sport treiben konnte. Und in diesem Oratorium reifte meine Berufung. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert. So besuchte ich zunächst das Instituto tecnico nautico in Bari. Als ich fünfzehn wurde, erlaubten sie mir dann doch, in die Kongregation der Salesianer einzutreten. Ich machte das Postulat in Neapel und das Noviziat in Portici.
Welcher Salesianer hat Sie besonders fasziniert?
AMATO: Der Gründer des Werkes in Molfetta, Don Piacente. Er war der Onkel des damaligen Präsidenten der Region Sizilien. Ein Priester von tiefem Glauben. Er gab mir die zweibändige Biographie über Don Bosco von Lemoyne, die ich in einem Atemzug durchlas. Ich las schon als Jugendlicher sehr viel – neben dem Sport.
Welchem Sport?
AMATO: Fußball natürlich. Ich spielte im Mittelfeld. In unserer Mannschaft spielte ein gewisser Gaetano Salvemini, der später ein guter Spieler wurde. Er war auch Trainer in der B- und in der A-Liga.
Und für welche Mannschaft sind Sie heute?
AMATO: Für Milan natürlich – schon von Kindesbeinen an.
Also schon bevor Silvio Berlusconi den Verein übernahm?
AMATO: Genau. Ich blieb dem Verein auch treu, als er in die B-Liga abstieg. Ich war damals gerade in Griechenland, wo man nur schwer Nachrichten über die Fußballmeisterschaften erhalten konnte. Aber da gab es ja zum Glück noch Makedonia, die Tageszeitung von Thessaloniki. Sie brachte alle Fußballergebnisse der italienischen Spiele, auch die aus der B-Liga.
Wie sich die Zeiten ändern... Haben Sie sich über den soeben errungenen Meisterschaftstitel der Mannschaft von Ancelotti – leider auf Kosten der Romanisti – gefreut?
AMATO: Mit Verlaub – wir sind ja hier schließlich in Rom.
Soviel zum Sport. Kommen wir wieder auf Ihr Leben bei den Salesianern zurück...
AMATO: Nach dem Noviziat war ich drei Jahre in Sizilien, machte am Gymnasium der Salesianer von Catania das Abitur. Dann ging ich nach Rom, um Philosophie und Theologie zu studieren, wo ich 1968 meinen Abschluss machte. Inzwischen hatte ich am 22. Dezember 1967 in Rom die Priesterweihe empfangen und meine erste Messe in der eucharistischen Kapelle in Sankt Peter gefeiert. Und diese lädt mich in gewisser Weise noch heute ein, täglich in die vatikanische Basilika zu gehen und dort die Messe zu lesen. Die zweite Primizmesse las ich hingegen in der griechischen Kapelle der Priscilla-Katakomben. Aus heutiger Sicht könnte man auch sagen, dass dies ein Zeichen war, wie die Vorsehung sich manchmal damit vergnügt, mit uns zu spielen.
Wie haben Sie Ihre Studien fortgesetzt?
AMATO: Von 1968 an promovierte ich in Theologie an der Gregoriana in Rom. 1972 begann ich dann als Assistent an der Universität Salesiana zu unterrichten. 1974 gab ich meine Doktorarbeit ab, die auch gleich veröffentlicht wurde. Das Thema waren Die tridentinischen Erklärungen über die Notwendigkeit der sakramentalen Beichte in den Canones 6-9 der Sektion XIV. Relator war der bedeutende Jesuit Zoltan Alszeghy.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Alszeghy?
AMATO: Vor allem eine große Dankbarkeit. Er war ein großartiger Hochschullehrer, ein renommierter Theologe und ein heiligmäßiger Priester. Nicht zuletzt, weil es ihm gelungen ist, auf – wie ich sagen muss – grandios ausgewogene Weise von der „vor“-konziliaren zur „nach“-konziliaren theologischen Methode zu wechseln. Leider scheint er heute in Vergessenheit geraten, auch wenn ich gehört habe, dass es einen italienischen Studenten gibt, der über Alszeghy promoviert.
Pater Zoltan Alszeghy mit Angelo Amato Anfang der 70er Jahre.

Pater Zoltan Alszeghy mit Angelo Amato Anfang der 70er Jahre.

Alszeghy hatte in besonderer Weise die Gnadentheologie und die Erbsündenlehre vertieft.
AMATO: Gewiss. Und es handelt sich hier um Begriffe, die selbst etwas in Vergessenheit geraten sind... oder besser gesagt, oft in allzu unangemessener Weise gebraucht werden. Hoffen wir, dass der runde Jahrestag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, der in diesem Jahr begangen wird, Anlass ist, diese Themen auf der Grundlage der großen kirchlichen Tradition wieder aufzugreifen.
Ihre Ausbildung wurde besonders von Ihrem Aufenthalt in Griechenland geprägt. Sie hatten damals ein Stipendium des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. War das Ihre persönliche Entscheidung?
AMATO: Nein. Zur jener Zeit war ich ein junger Theologieprofessor für Dogmatik an der Universität Salesiana. Damals standen wir am Beginn des Dialogs der Nächstenliebe zwischen Katholiken und Orthodoxen. Der theologische musste überhaupt erst beginnen. Im Rahmen des Kulturaustauschs hatte das ökumenische Patriarchat ein Studienstipendium zur Verfügung gestellt. Und das Sekretariat für die Einheit der Christen lud unsere Universität ein, einen ihrer Lehrer zu entsenden. Ich war die... „dritte Wahl“. Der inzwischen verstorbene Don Achille Triacca war die „erste Wahl“. Er war aber sehr mit der Lehre beschäftigt und konnte den Ruf nicht annehmen. So lehnte auch einer unserer Dozenten für Patristik ab, weil er keine Zeit hatte. Am Ende fragte man mich, ob ich gehen wollte. Die Einladung war mir Befehl, und ich nahm sie an.
Wie lange waren Sie in Griechenland?
AMATO: Zwei Jahre: 1978 und 1979. Die ersten vier Monate lebte ich in der Gemeinschaft der Jesuiten von Athen, um das moderne Griechisch zu lernen und das Examen zum Eintritt in die Universität zu bestehen. Dann zog ich nach Thessaloniki, in das Kloster Moni Vlatadon. Es ist der Sitz des renommierten Instituts für patristische Studien des Patriarchats. Dort empfing mich Nikodimos Anagnostou, der heute Bischof von Ierissós ist. Das patristische Institut wurde damals von dem berühmten Panagiotis K. Christou, ehemaliger Erziehungsminister der griechischen Regierung, geleitet. Er war Autor einer umfassenden griechischen Patrologie und Herausgeber der Werke von Palamas. Ich erinnere mich noch gut an die Liturgiefeiern, die in der kleinen Kirche des Klosters zelebriert wurden. Sie wurden nach der Tradition der Evangelisierung des Heiligen Paulus in Thessaloniki gefeiert. Man muss sich bewusst sein, dass das patristische Institut von Thessaloniki das wichtigste theologische Zentrum der Orthodoxie ist. Es ist noch bedeutender als jenes von Athen und im ökumenischen Sinne auch das offenste. Professor Christou wollte in der Reihe Analekta Vlatadon das Ergebnis meiner zweijährigen Studien über das Sakrament der Beichte in der griechisch-orthodoxen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts herausgeben.
Wie wurden Sie von den orthodoxen Mönchen in Thessaloniki behandelt?
AMATO: Anfänglich mit einem gewissen, verständlichen Misstrauen, das sich dann aber legte und einem brüderlichen, von Großherzigkeit und christlichem Edelmut geprägten Zusammenleben Platz machte. Ich erinnere mich mit großer Dankbarkeit an diese Zeit und habe auch Freunde, die mir immer noch sehr nahe stehen. Wir sollten diese Möglichkeit einer Kenntnis vor Ort besser nutzen. Auf diese Weise werden viele psychologische Vorurteile überwunden, und auch viele theologische Probleme präzisiert.
Sie schrieben sich gleichzeitig an der staatlichen Universität von Thessaloniki ein...
AMATO: Ja, ich folgte dort der Dogmatikvorlesung von Professor Romanidis, und der Vorlesung über die Geschichte der Dogmen von Professor Kalogyrou. Beide waren sehr freundlich zu mir und schenkten mir ihre Freundschaft, obgleich wir sehr gegensätzlicher Ansicht waren: Der erste war sehr hart in der Doktrin, der zweite „väterlich ökumenisch“. Selbstverständlich benutzte ich ausgiebig die Zentralbibliothek der Universität, die viele Werke enthielt, die mich interessierten. Sie war auch während der Sommerferien geöffnet. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, dem Direktor der Bibliothek und seinen sehr freundlichen Mitarbeitern zu danken.
Kommen wir zur Gegenwart zurück. Wie bewerten Sie den Dialog zwischen Rom und der orthodoxen Kirche mit Blick auf zwei „klassische“ Fragen, nämlich die des Filioque und die des Primats von Rom?
AMATO: Ich glaube, dass die Frage des Filioque kein unüberwindliches Hindernis darstellt. Als ich in Griechenland studierte, sagten auch die weniger offenen Professoren, dass das Credo mit oder ohne Filioque das Ergebnis von zwei theologischen Traditionen sei, der westlichen und der östlichen, die beide legitim wären und bestens miteinander zusammenleben könnten. Ich habe aber den Eindruck, wenn man von orthodoxer Seite diese Frage neu aufwirft und etwa die Annullierung der Entscheidung des II. Konzils von Lyon im Jahre 1274 über das Filioque fordert, eigentlich auf etwas anderes hinaus will...
Worauf?
AMATO: Man zielt auf eine Verleugnung und Annullierung des gesamten zweiten Jahrtausends der Kirchengeschichte ab: Vom II. Konzil von Lyon bis zum I. Vatikanischen Konzil, nicht zu vergessen die marianischen „päpstlichen“ Dogmen der Unbefleckten Empfängnis und der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.
Einschließlich des Tridentinischen Konzils?
AMATO: Vielleicht nicht. Ich glaube nicht, dass man Trient verleugnen könnte. Aus einem einfachen Grund. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sandten die lutheranischen Theologen von Tübingen dem Patriarchen von Konstantinopel, Jeremias II. (1536-1595), einer sehr sympathischen Gestalt, die Confessio Augustana. Und sie baten ihn, diese zu unterschreiben, um so eine protestantisch-orthodoxe Achse gegen Rom zu bilden. Zu ihrem Leidwesen, aber zu unserem Glück, lehnte Jeremias II. ab und sagte dem Sinne nach: Es stimmt, dass wir Orthodoxen mit euch Protestanten in der Aversion gegen Rom vereint sind. Was aber die Lehre betrifft, so sind wir mit Trient vollkommen einverstanden. Deshalb glaube ich nicht, dass die Orthodoxie das Konzil von Trient annullieren könnte.
Abgesehen von der Frage des Filioque scheint ein Übereinkommen über die Ausübung des Petrinischen Primats sehr schwer erreichbar...
AMATO: Die Glaubenskongregation hat 1996 ein wissenschaftliches Symposium über diese Frage abgehalten und die Ergebnisse veröffentlicht. Dabei ging man von folgender Feststellung von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika Ut unum sint aus: „Ich bin überzeugt, diesbezüglich eine besondere Verantwortung zu haben, vor allem, wenn ich die ökumenische Sehnsucht der meisten christlichen Gemeinschaften feststelle und die an mich gerichtete Bitte vernehme, eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet.“ (n.95).
Die Frage ist, was das Wesentliche ist.
AMATO: Das Wesentliche besteht für die katholische Glaubenslehre darin, dass der Ursprung des Primats göttlicher Natur ist und die Einheit der Kirche zum Ziel hat. Und dies findet sich auch in den Schriften des ersten Jahrtausends: „Ubi Petrus, ibi Ecclesia“, schrieb der hl. Ambrosius. Der Charakter der Ausübung des Primats muss verstanden werden, ausgehend von zwei wesentlichen Voraussetzungen: Die Einheit des Episkopats sowie der episkopale Charakter des Primates selbst. Ferner kann der Nachfolger Petri nicht einfach als Primus inter pares angesehen werden. Ist dies einmal gesagt, dann ist klar, dass es über die konkreten Formen der Ausübung Unterschiede mit Blick auf Zeiten und Orte geben kann. Und daran arbeitet unsere Kongregation gerade noch.
Wann kann dieses Dokument veröffentlicht werden?
AMATO: Das kann ich nicht vorhersagen. Der Weg, den wir zurücklegen müssen, ist aber noch lang. Denn er ist aufs Engste mit dem Petrinischen Primat verbunden. So ergeben sich sehr heikle Fragen, wie die Unfehlbarkeit des Papstes und die beiden marianischen Dogmen von Pius IX. und Pius XII. Es ist aber leicht vorauszusehen, dass alle übrigen Fragen im Dialog mit der Orthodoxie, ein­schließlich der Frage des Filioque, nacheinander zu lösen wären, wenn diese Frage des Petrinischen Primats einmal geklärt wäre.
Sie haben bereits mit Blick auf die marianischen Dogmen daran erinnert, dass in diesem Jahr der 150. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis gefeiert wird. In welchem Sinne ist dieses Dogma gemeinsam mit jenem über die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel noch ein Hindernis für den ökumenischen Dialog mit den Orthodoxen?
AMATO: Was die Auferstehung angeht, so gibt es keinen Unterschied zu den Orthodoxen, nur die Tatsache dass wir es dogmatisiert haben, sie aber nicht. Im Falle der Unbefleckten Empfängnis gibt es aber einen Unterschied, der im Wesentlichen auf ein unterschiedliches Verständnis der Orthodoxie bei der Erbsündenlehre zurückzuführen ist.
Welches?
AMATO: Für die katholische Glaubenslehre wurde Maria ohne Erbsünde empfangen. Die Orthodoxen gehen demgegenüber davon aus, dass die Reinigung der Heiligen Jungfrau mit der Auferstehung geschah. Allerdings gibt es auch Ausnahmen in der Geschichte. Sergeij Nikolajewitsch Bulgakow hat in seinem Werk Der brennende Dornbusch ein ganzes Kapitel dem marianischen Dogma von der Unbefleckten Empfängnis gewidmet. Dabei schrieb er die Promulgation des Dogmas im Jahre 1854 dem Autoritarismus des katholischen Lehramtes zu, das de facto das Dogma des I. Vatikanischen Konzils von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen vorweggenommen habe. Für ihn stellt das Dogma der Unbefleckten Empfängnis einen Mißbrauch des Lehramtes dar; den falschen Ausdruck einer richtigen Idee, nämlich der Sündenlosigkeit der Gottesmutter.
Exzellenz, schließen wir diesen Exkurs zur Orthodoxie, aber bleiben wir beim marianischen Thema. In den letzten Jahren sind Sie mehrfach denen entgegengetreten, die wollten, dass weitere Dogmen über die Jungfrau Maria verkündet würden.
AMATO: Ich bin ihnen nicht entgegengetreten. Ich habe lediglich meine Meinung geäußert. Es stimmt, dass es eher kleine Kreise gibt, die drei Titel gleichzeitig dogmatisieren möchten: Fürsprecherin, Mittlerin und Miterlöserin. Was die ersten zwei betrifft, so erinnere ich daran, dass sie gerade vom II. Vatikanischen Konzil in Lumen Gentium genannt wurden. Deshalb sehe ich nicht, weshalb sie dogmatisiert werden sollten und dadurch weitere überflüssige Probleme für den ökumenischen Dialog darstellen würden.
Und für den Titel Miterlöserin?
AMATO: In diesem Falle ist die Frage ernster. Der Titel Miterlöserin ist weder biblisch, noch patristisch, noch theologisch, und wurde nur selten von einigen Päpsten und in weniger bedeutenden Texten gebraucht. Das II. Vatikanische Konzil hat ihn bewusst vermieden. Man sollte hier daran erinnern, dass man in der Theologie das Prinzip der Analogie gebrauchen kann, aber nicht das der Zweideutigkeit. In diesem Falle gibt es keine Analogie, sondern nur Zweideutigkeit. In Wirklichkeit ist Maria die „am vollkommensten Erlöste“. Sie ist die erste Frucht der Auferstehung ihres Sohnes, dem einzigen Erlöser der Menschheit. Es erschien mir wenig umsichtig, darüber hinaus zu gehen.
Kommen wir auf Ihren Bildungsweg zurück. Eine wichtige Erfahrung war die in den Vereinigten Staaten. Dort konnten Sie das schwierige Thema der sogenannten Theologie der Religionen vertiefen.
AMATO: In der Tat bin ich in meinem Sabattjahr 1988 in die Vereinigten Staaten gegangen. In Washington D.C. habe ich in der Bibliothek der Katholischen Universität und der Georgetown-Universität das von Ihnen genannte Thema studiert. Damals wurde das Thema in Europa wenig behandelt, während es in englischsprachigen Veröffentlichungen vor allem in Nordamerika und Asien sehr präsent war. Und natürlich tauchten und tauchen nicht wenige theologischen Lösungen auf, die sich einseitig in Richtung Pluralismus und Relativismus orientieren. Die Schwierigkeit jener Theologen, die in nichtchristlichen Ländern mit großen religiösen und kulturellen Traditionen leben, ist verständlich. Aber die Verkündigung Jesu als einziger Herr und Erlöser der Menschheit ist eine vorrangige und wesentliche Aussage des Evangeliums.
Diese Vertiefung war wohl auch sehr nützlich, als Sie Ihren Beitrag zur Abfassung der bekannten Erklärung Dominus Iesus geben mussten, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde. Sie rief einige Polemik auch bei höchsten Vertretern der katholischen Kirche hervor...
AMATO: Abgesehen von einigen unmittelbaren Reaktionen, die nicht sehr opportun waren, anerkennen heute, vier Jahre nach der Veröffentlichung, alle die Nützlichkeit, den rechten Zeitpunkt und die Richtigkeit der Erklärung Dominus Iesus.
Dominus Iesus wurde aber auch wegen des kühlen und abstrakten Stils bemängelt.
AMATO: Vielleicht ist es angebracht, die Frage von Tonfall und Sprache der Erklärung zu präzisieren. Es ist kein langes, ausführliches Dokument. Es hat nur kurze Kapitel und ist außerdem sehr synthetisch. Diese Form der Mitteilung soll kein Zeichen von Autoritarismus oder ungerechtfertigter Härte sein, sondern gehört zur typischen Literaturgattung jener lehramtlichen Erklärung, die die Lehre klärt, Fehler zensiert oder Zweideutigkeiten aufzeigt und den Grad der Zustimmung deutlich macht, der von Gläubigen verlangt wird. Der einfache und klare Tonfall soll den Gläubigen mitteilen, dass es sich hier nicht um eine Frage der Meinung oder Diskussion handelt, sondern um zentrale Wahrheiten des christlichen Glaubens, die von bestimmten theologischen Interpretationen negiert oder ernsthaft gefährdet werden.
Der zweite Teil der Dominus Iesus, über die Ekklesiologie, wurde besonders kritisiert.
AMATO: In diesem zweiten Teil wollte man das bekräftigen, was man als Besonderheit der katholischen Tradition definieren könnte, und zwar als Antwort auf eine verwirrende theologische Situation. Dominus Iesus will nichts anderes ausdrücken als eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte des Bewusstseins des kirchlichen Glaubens.
Eine weitere allgemein verständlichere Zusammenfassung des Glaubensbekenntnisses soll das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche sein, das Ihre Kongregation gerade vorbereitet. Wird es wie vorgesehen 2005 erscheinen?
AMATO: Ich glaube ja. Ein vollständiger Entwurf wurde bereits allen Kardinälen und allen Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zugesandt, damit sie Anmerkungen zu dem Text machen können. Anschließend soll eine endgültige Fassung erarbeitet werden, die dem Heiligen Vater vorgelegt wird. So Gott will, werden wir das Kompendium in den ersten Monaten des Jahres 2005 vorlegen.
Exzellenz, vergangenen November nahmen Sie an einem Seminar des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden über genmanipulierte Pflanzen teil. Wie sehen Sie diese Frage?
AMATO: Soweit ich den Vorträgen und Debatten der Konferenz vom November entnehmen konnte, ist bislang noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dass genmanipulierte Pflanzen schädlich sind. Wenn der Anbau derartiger Produkte auch eine Reihe wirtschaftlicher und agrartechnischer Fragen aufwirft. Ich denke aber, dass der Mensch schon immer versucht hat, Nutzpflanzen zu verändern, um die Produktion zu verbessern und sie vor Parasiten zu schützen.
Wird es lehramtliche Aussagen zu dieser Frage geben?
AMATO: Bestimmt nicht von unserer Kongregation. Es sei denn, es entstehen begründete Zweifel, dass Wein und Brot oder Getreide und Trauben aus genmanipuliertem Anbau, bei einer Verwendung in der Messe, die Eucharistiefeier ungültig machen könnten.
Eine letzte Frage. Sie haben an der Vorabaufführung des Films The Passion of the Christ von Mel Gibson teilgenommen. Was für einen Eindruck hatten Sie?
AMATO: Mein unmittelbarer Eindruck ist positiv. Da ist zunächst einmal die große Professionalität des Films: er ist hervorragend „gearbeitet“, hält den Zuschauer in seinem Bann, was bei einem religiösen Film nicht einfach ist. Der zweite Eindruck ist, dass der Film in seiner Treue zum biblischen Text eine realistische Meditation der schmerzensreichen Geheimnisse ist. Und sie ist weder süßlich, noch anbiedernd, noch übertrieben: das Gebet Jesu im Ölgarten, die Geißelung, die Dornenkrönung, der Weg hinauf zum Kalvarienberg, die Kreuzigung und der Tod. Es ist der Kreuzweg unseres Herrn. Das Blutvergießen ist nichts anderes als die Konsequenz dieser qualvollen Marter. Der Tod Jesu war ein regelrechtes Opfer. Der Herr sagt dies selbst bei der Einsetzung der Eucharistie: „ Dies ist das Blut des ewigen Bundes, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden.“ Jesus hat sein Blut vergossen. Und die letzten Tropfen kamen aus seiner von der Lanze des Longinus durchstoßenen Seite. Der letzte Eindruck betrifft die Gegenwart Satans, der wahre Feind und Gegner, den Jesus mit seinem Opfer besiegt hat, und die Szene mit dem leeren Grab und Christus, der aufersteht. Die Leinenbinden, die den Leichnam des Herrn umschlossen, sind nicht aufgerollt, sondern nur in sich zusammengesackt. Der Herr hat sie in seinem verherrlichten Leib verlassen, ohne sie zu zerstören, wie es hingegen Lazarus machen musste, als er von Jesus erweckt wurde.


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