KIRCHE UND POLIITK. Interview mit dem Erzbischof von Washington.
Die Sakramente dürfen nicht zum Zankapfel werden
Kardinal Theodore Edgar McCarrick zu dem Vorschlag, katholische Politiker, die nicht gegen die Abtreibung ins Feld ziehen, vom Kommunion-Empfang auszuschließen, zur Präsidentschaft von George W. Bush und zum krisengeschüttelten Palästina.
von Gianni Cardinale

Kardinal Theodore Edgar McCarrick.
Vor dem Hintergrund dieser Polemiken haben wir Kardinal Theodore Edgar McCarrick, Erzbischof von Washington D.C., gebeten, uns einige Fragen zu beantworten. Der bekannte Vertreter des amerikanischen Episkopats, der im Juli seinen 74. Geburtstag feiern kann, war in der Vergangenheit bereits Weihbischof seiner Geburtsstadt New York (1977-1981), Bischof von Metuchen (1981-1986) und Erzbischof von Newark in Staate New Jersey (1986-2000).
Unsere Begegnung mit Kardinal McCarrick fand in der römischen Basilika St. Paul vor den Mauern statt, wo er zusammen mit anderen Bischöfen seiner Kirchenregion anläßlich des ad-limina-Besuches die Messe zelebrierte. „Ich liebe die Basilika St. Paul,“ gab er uns gegenüber zu verstehen. „Wenn ich in Rom bin, versuche ich immer, hierher zu kommen, um zu beten. St. Peter ist eine ganz herrliche Basilika, aber St. Paul ist die ruhigere. Hier kann man ungestörter beten.“
Eminenz, Sie leiten eine aus dem amerikanischen Episkopat zusammengesetzte task force, die definiert, ob und mit welchen kanonischen Sanktionen jene Politiker belegt werden müssen, die mit der Lehre der Kirche auf Kollisionskurs gehen. Warum ist diese Frage in den USA so aktuell? Immerhin scheint es kein anderer Episkopat für notwendig befunden zu haben, eine solche Kommission zu schaffen.
THEODORE EDGAR McCARRICK: Das habe ich mich auch oft gefragt. Vielleicht aus zwei Gründen. Zunächst einmal sind wir eine Demokratie, in der jeder frei seine Meinung äußern kann, dann bringen unsere katholischen Gläubigen der heiligen Eucharistie eine große Ehrerbietung entgegen und fühlen sich befremdet, wenn sie jemand ohne die gebotene Prädisposition empfängt. Um die Wahrheit zu sagen, habe ich an verschiedene Bischofskonferenzen geschrieben, um in Erfahrung zu bringen, ob auch sie sich mit dieser Frage befassen...
Und sie antworten Ihnen?
McCARRICK: Ja, aber die meisten haben mir geschrieben, daß das Problem in ihren Ländern nicht so sehr im Vordergrund stehe wie in den USA.

John F. Kerry beim Kommunion-Empfang.
McCARRICK: Es war eine Begegnung zwischen einem Mann und einem Priester. Eine Gelegenheit, einen guten Dialog mit dem Senator aufzubauen. Wir haben uns über die verschiedensten Dinge unterhalten, da es sich um eine private Begegnung handelte aber beschlossen, keine öffentlichen Stellungnahmen abzugeben. Und das ist auch gut so.
Werden die Arbeiten der task force vor den Wahlen im November beendet sein?
McCARRICK: Ich hoffe schon. Wir werden uns noch ein paar Mal treffen, uns dann mit den anderen Bischöfen und dem Hl. Stuhl absprechen müssen. Aber ich weiß nicht, ob wir es rechtzeitig schaffen werden – immerhin handelt es sich um eine komplexe und heikle Frage.
Sind Sie denn der Meinung, daß ein katholischer Politiker, der offen für die Abtreibung eintritt, vom Kommunionempfang ausgeschlossen werden sollte?
McCARRICK: Ich denke, daß viele von uns Bischöfen der Meinung sind, daß solchen Personen kanonische Strafen auferlegt werden sollten. Aber ich denke auch, daß es viele Bischöfe nicht gutheißen würden, daß die Möglichkeit, die Eucharistie zu empfangen oder nicht, Teil dieser Sanktionen sein soll. Meiner persönlichen Meinung nach sollte es eine pastorale Sorge sein zu vermeiden, daß die Eucharistie zum Zankapfel wird.
1960, als John F. Kennedy den „Run“ auf das Weiße Haus gewann, waren Sie ein junger Priester. Im November könnte wieder ein Katholik Präsident werden. Was ist heute anders als vor vierzig Jahren?
McCARRICK: Vieles. Zu Zeiten Kennedys hatte man Angst, er könne der Kirche zu viel Aufmerksamkeit widmen. Heute dagegen muß man befürchten, daß ein katholischer Kandidat der Kirche überhaupt keine Aufmerksamkeit widmet. Positiv ist jedoch, daß man heute in den USA keine Angst vor einem katholischen Kandidaten hat, weil man weiß, daß es möglich ist, guter Katholik und gleichzeitig auch guter amerikanischer Bürger zu sein.

George W. Bush.
McCARRICK: Ich glaube, daß Bush ein guter Präsident war. Er hat viele richtige Entscheidungen getroffen, wie die für das Leben und gegen die Abtreibung, oder wie im Falle der für die AIDS-Bekämpfung in Afrika bereitgestellten Fonds. In einigen außenpolitischen Fragen war seine Haltung dagegen problematischer, besorgniserregender. Aber schließlich gibt es in jeder Administration gute und weniger gute Dinge.
Vor dem Treffen Bushs mit dem israelischen Premier Ariel Scharon am 14. April in Washington hatte der Präsident der amerikanischen Bischofskonferenz (USCCB), Bischof Wilton Gregory, einen Brief an das Weiße Haus geschickt, in dem er – unter anderem – vor „unilateralen Initiativen“ warnte, die das Ziel „eines gerechten und dauerhaften Friedens“ im Heiligen Land gefährden könnten. Es sieht nicht so aus, als hätte man ihm viel Gehör geschenkt...
McCARRICK: Wir waren bei dem Treffen nicht dabei und wissen daher nicht, was wirklich gesagt wurde. Wichtig ist es jedoch, auch weiterhin auf die Road Map zu setzen, damit im Heiligen Land, wo die Bevölkerung, die Kirche schrecklich leiden muß und die katholischen Gläubigen immer weniger werden, emigrieren, weil sie keine Zukunftsperspektive sehen, endlich Frieden einziehen kann. Daher ist es notwendig, daß die Nationen auf der Welt, allen voran die USA, alles nur erdenklich Mögliche für die Schaffung eines unabhängigen Palästinenser-Staates und für die Sicherheit Israels tun. Wie schon der Präsident des USCCB am 26. April schrieb: „Wir fordern die Administration Bush auf, zur traditionellen Rolle der USA als ‚ehrlicher Vermittler‘ [honest broker] zurückzukehren, mit der internationalen Gemeinschaft, den Palästinensern, den Israelis zusammen daran zu arbeiten, Maßnahmen zu entwickeln, die das Vertrauen fördern, und friedvolle Mittel zu verfolgen, über ihre Divergenzen zu verhandeln, im Einklang mit dem Völkerrecht und den bestehenden UNO-Resolutionen.“

Israelische Bomben in Jenin.
McCARRICK: Wir beten viel für den Irak. In der Tat war der Krieg gegen den Irak – wie ich sagen würde – kein gerechtfertigter Krieg. Das Ende einer grausamen Diktatur ist zwar zweifellos etwas Positives, aber meines Erachtens nach war nicht das das Motiv, das man zu Beginn der Kampagne angegeben hat. Das Problem besteht nun darin, daß man keine klare Strategie dafür erkennen kann, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Wir hoffen jedoch, daß das irakische Volk letzten Endes in einem versöhnten Land leben, einen besseren Lebensstandard erreichen kann.
Glauben Sie, daß man die UNO stärker miteinbeziehen sollte?
McCARRICK: Ich würde ein größeres Engagement der UNO im irakischen Drama sehr begrüßen. Ich glaube, daß auch die US-Administration für diese Möglichkeit offen ist. Die UNO ist gewiß kein perfektes Werkzeug, aber im Moment gibt es auf der internationalen Bühne kein anderes, das über ihre Möglichkeiten verfügt. Ich denke, das ist auch die Haltung des Papstes und des Hl. Stuhls.
Eine letzte Frage. Wie denken Sie über den sogenannten „Präventivkrieg“?
McCARRICK: Die Kirche hat sich stets dazu geäußert, was ein gerechter Krieg ist, und so wie ich das sehe, fällt der Präventivkrieg nicht unter die Kategorie eines gerechten Krieges. Ich denke, man sollte genau untersuchen, was man unter Präventivkrieg versteht und das dann genau bedenken. So wie es heute dargestellt wird, scheint mir das Konzept des Präventivkrieges sehr schwer zu akzeptieren sein. Ich sage nicht, daß es unmöglich ist, aber doch, daß wir erst genau untersuchen müssen, ob es moralisch nicht ein Ding der Unmöglichkeit ist.