HEILIGE. Annibale Maria Di Francia und Luigi Orione
Eine Süße, mütterlich und väterlich zugleich
„Was mich sofort faszinierte, war seine Süße, die Begeisterung, die Zärtlichkeit, die er den armen Waisenkindern entgegenbrachte. Seine Fähigkeit, Vater und Mutter dieser von allen verlassenen Obdachlosen zu werden.“ So erklärt Pater Giorgio Nalin, Generaloberer der Rogationisten, die Kongregation, die Annibale Maria Di Francia am 16. Mai 1897 in Messina gründete.
von Pina Baglioni

Pater Annibale und einige Mitarbeiter mit den ersten „Insassen“ des Waisenhauses für Knaben.
Der aus Padua stammende Pater Nalin, neunter Nachfolger des Heiligen aus Messina an der Leitung der Rogationisten, ist nach sechs Jahren am Ende seines Mandats angekommen. Im Juli wird er das Feld räumen. Auch Mutter Diodata Guerrera, Generalobere der Töchter des göttlichen Eifers, wird im Juli abtreten. Und während beide die Generalkapitel für ihre Nachfolge organisierten, wurden sie von Vorbereitungen ganz anderer – und welch freudiger (!) – Art unterbrochen.
Nur wenige Tage vor der Heiligsprechung des heiligen Gründers gewährte uns Pater Nalin ein Interview.
Seinen Ausgang nahm das Abenteuer von Annibale Maria Di Francia 1878 in Avignone, dem heruntergekommensten Viertel des damaligen Messina, in das noch „kein Priester, kein Ordnungshüter“ seinen Fuß gesetzt hatte, wie der Heilige in seinen Schriften meinte. Wo sind seine Söhne heute, fast 130 Jahren nach Beginn dieser außergewöhnlichen Geschichte, und worum kümmern sie sich?
GIORGIO NALIN: Gott sei Dank wäre es leichter zu sagen, wo sie nicht sind. In den Fünfzigerjahren machten sich vier von uns auf den Weg nach Brasilien, mit den vom hl. Annibale geschriebenen Gebeten in der Tasche. Heute sind wir auf allen fünf Kontinenten vertreten. Von Papua Neu-Guinea bis Indien. Dann noch in Kamerun, auf den Philippinen und im Vietnam. Wir sind in den Vereinigten Staaten vertreten, in Spanien, in Polen und natürlich auch in Italien. Was die Berufungen angeht, ist zu sagen, daß in den letzten Jahren besonders Afrika reiche Früchte hervorbringen konnte. Nach unserer Erfahrung ist es schon immer unsere „Antriebsfeder“, zu beten, um viele Priester zu erhalten, und die „Dinge Gottes“, wie es Annibale nannte, lehren zu können. Daher bemühen wir uns ganz besonders um unsere Zentren für Berufungs-Spiritualität und die Verbreitung des Gebets. Darum herum kommt dann der ganze Rest: die Missionen, das Leben der Pfarreien, die Oratorien, die Sanktuarien, die Schulen, die Kollegien. Und die vielen Wohltätigkeitswerke: die Leitung der Behindertenheime, die Wohnheime für elternlose Kinder und Waisen, die sozialen Zentren für die Aufnahme von Armen und Ausgegrenzten. In den letzten Jahren haben wir Zentren eingerichtet, die sich mit Ernährungs- und Gesundheitsfragen befassen. In Afrika kümmern sich unsere Pater beispielsweise ganz besonders um die Aids-Kranken. Sie sehen also: den Schrecken und das Elend des alten Avignone-Viertels von Messina, wo das Abenteuer des hl. Annibale seinen Ausgang nahm, gibt es überall.

Bedürftige im Viertel Avignone.
NALIN: Seine Süße, die Begeisterung, die Zärtlichkeit, die er den armen Waisenkindern entgegenbrachte. Seine Fähigkeit, Vater und Mutter dieser von allen verlassenen Obdachlosen zu werden. Und diese Fähigkeit besaßen auch die Pater, bei denen ich im Seminar ausgebildet wurde. Der andere Aspekt, der mich schon immer sehr bewegte, ist die Überzeugung unseres Heiligen, daß kein Mensch, sei er nun Mann oder Frau, ganz gleich, welchen Beruf er auch ausübt, vergeudet werden darf. Wir werden alle mit einer Berufung geboren. Schon als Jugendlicher war ich von der Geschichte fasziniert, die sich um die Begegnung zwischen Annibale und jenem ersten blinden Bettler aus dem Viertel Avignone rankt, Francesco Zancone. Diese Begegnung hat sein ganzes Leben verändert. Unser Gründer war ein Adeliger, seine Familie stammte von Charles von Anjou ab, er war reich, wurde von allen bewundert. In den feinsten Kreisen Messinas riß man sich geradezu um ihn: er war ein berühmter und beliebter Dichter. Die ganze Welt stand ihm offen: er hätte Diplomat werden können, Journalist, Politiker, und was sonst noch alles. Aber er hat das alles ausgeschlagen, sich für die Elendsviertel von Messina entschieden.
Wenn man von den Rogationisten oder den Töchtern des göttlichen Eifers sprechen hört, kommt man fast immer zu demselben Urteil: sie sind modern und haben gleichzeitig auch einen tiefverwurzelten Glauben. Wie erklärt sich das?
NALIN: Aus dem Fehlen von Angst. Wir haben nämlich nicht vergessen, wie Annibale Maria Di Francia mit der Realität umging. Er lebte in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen: die Kirche hatte gerade ihre zeitliche Macht verloren. Laien-Kräfte konnten im Land immer mehr Fuß fassen und bereiteten den religiösen Orden nicht gerade wenige Schwierigkeiten. In Sizilien zog sich der niedere und hohe Klerus noch mehr in sein Schneckenhaus zurück als das bereits in den Jahrzehnten zuvor der Fall war. Und besonders der Klerus seiner eigenen Diözese stellte sich gegen seine Werke, verstand ihn ganz einfach nicht, hatte Angst, noch mehr von seinem Status einzubüßen.
Doch paradoxerweise bestärkte das Annibale erst recht in seinem Handeln. Das Problem des Verfalls der Werte, des Vordringens der Freimaurer, stellte er sich ganz gewiß nicht. Was natürlich nicht bedeutete, daß er nicht wußte, was um ihn herum vorging. Aber Angst kannte er nicht: gerade in diesem Moment versuchte er, seine Waisenhäuser aufzubauen, seine Druckerei, seine Kongregationen. Für sein Werk stützte er sich auf die damals verfügbaren Mittel: man denke nur an das Druckverfahren, an die von ihm geleiteten Zeitungen. Und dann war er auch einer, der den Dialog mit allen suchte, mit den örtlichen Verwaltungsbeamten, Politikern – er bat alle, unterschiedslos, um Mittel für seine Werke, die sich manchmal zu wahren „Unternehmen“ mauserten. Wenn auch stets in absoluter Treue zur Kirche. Bei Annibale wurden alle mit offenen Armen aufgenommen. Nicht einmal das schreckliche Erdbeben von Messina konnte ihn entmutigen. Auch, weil er bei dieser Gelegenheit Don Orione begegnete, eine wahre Gnade im Leben Annibales.
Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer sehr ähnlichen Situation. Wir müssen alle mit offenen Armen aufnehmen. Und ist Modernität nicht ein Wort, das nichts oder alles bedeutet? Heute wie gestern reicht es, das Evangelium zu lesen, die Sakramente zu spenden, die „Dinge Gottes“ zu lehren und zum Herrn der Ernte zu beten. An den Rest denkt dann schon die Vorsehung. Und in Sachen Modernität ist auch anzumerken, daß es in den Schulen der Rogationisten und auch denen der Töchter des göttlichen Eifers praktisch schon immer gemischte Klassen gab. Für die damalige Zeit etwas ganz Undenkbares.

Pater Annibale mit der ersten Gruppe des Frauenordens unter der Leitung von Melanie Calvat (Foto aus dem Jahr 1897).
NALIN: Ich meine, daß man der Realität ins Auge blicken muß. Und die Realität, vor allem im Westen, ist eben diese. Die größte Gnade, die der Herr seiner Kirche erweist, war für unseren Gründer der Überfluß an Priestern, gewählt „nach seinem Herzen“. Die größte Strafe der Mangel an Berufungen. Ich glaube nicht, daß man mit soziologischen Studien, Zahlen, Prozentsätzen, Grafiken über den Stand der Gesundheit der Berufungen viel ausrichten kann. Die jungen Menschen sind von dem angezogen, der in den Herrn verliebt ist. Wenn du zufrieden bist, wenn du verliebt bist in Jesus Christus, ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß dir andere folgen.
Was kann man über die Freundschaft sagen, die Annibale Maria Di Francia für die von ihm überaus geschätzte Melanie Calvat empfand, das französische Hirtenmädchen, dem in La Salette die Muttergottes erschienen war?
NALIN: Annibale Maria Di Francia hatte stets eine große Aufmerksamkeit für jene Personen, die irgendwie im Ruf der Heiligkeit standen. Man denke nur an die Freundschaft mit Luigi Orione. Er hatte stets fest daran geglaubt, daß Melanie Calvat die Muttergottes erschienen war, und ebenso fest glaubte er an all das, was die Muttergottes dem Hirtenmädchen über das Schicksal der Kirche verraten hatte. Als er erfuhr, daß sie nach Italien kommen würde, nach Castellammare di Stabia, wollte er sie kennenlernen. Auf seinen Wunsch leitete sie von 1897 bis 1898 in Messina unseren Frauenorden, in einem sehr schwierigen Moment unserer Geschichte. Die Kongregation war damals geschlossen worden. Und Annibale war der Meinung, daß nur eine Frau von ihrem Kaliber das Blatt noch wenden könnte. Sie, die Französin, war tatsächlich bereit, nach Sizilien zu kommen – und hatte Erfolg. Der große Glaube und die starke Persönlichkeit dieser Frau gaben der Kongregation neuen Aufschwung. Am Ende ihrer Mission meinte Melanie Calvat: „Je suis de votre Congregation.“ Der Freundschaft der beiden konnten die Jahre keinen Abbruch tun, und als Melanie am 14. Dezember 1904, so gut wie unbekannt, in Altamura in Apulien starb, wurde sie in der Kirche der Töchter des göttlichen Eifers, im Stadtviertel Montecalvario bestattet. Und Pater Annibale selbst weihte am 19. September 1920 das Grabdenkmal ein.