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NAHOST
Aus Nr. 04 - 2004

KRISE. Interview mit Erzbischof Fernando Filoni.

Der Irak den Irakern


„Die anderen Länder und die Vereinten Nationen haben die Aufgabe, den Irakern unter die Arme zu greifen, nicht die, an deren Stelle zu treten. Sie dürfen den Irak nicht zum Objekt ihrer wirtschaftlich-politischen Gelüste machen, sondern müssen ihm helfen, ein souveränes Land zu werden.“ Der Apostolische Nuntius in Bagdad erzählt von dem Chaos nach dem Fall des Regimes. Und erklärt, wie die Katholiken die Zukunft ihres Landes sehen.


von Gianni Valente


Fernando Filoni.

Fernando Filoni.

Fernando Filoni, Repräsentant des Papstes in der Hitze der irakischen Wirren, kann damit, daß ihm die Zeitungen nur allzu gern das Etikett des „Nuntius Courage“ aufdrücken, nicht viel anfangen. Er ist in Bagdad geblieben – trotz der amerikanischen Bomben und der Attentate, die die Zeit nach dem Krieg so zermürbend gemacht haben. Hier, in dem kleinen, allein hinter der vatikanischen Flagge „verschanzten“ ockergelben Palast der Nuntiatur kann er den Rummel um seine Person so gar nicht verstehen, da er – wie er meint – doch nur seine Pflicht getan hätte. Doch gerade diese seine Befindlichkeit, die ihn von Statuts wegen in das Zentrum der irakischen Wirren stellt, erlaubt es ihm auch heute, am Alltag in Bagdad teilzuhaben, davon erzählen zu können – einem Alltag, der aus dem wahren Strom von Nachrichten, die wir jeden Tag aus diesem vielgeplagten Land erhalten, nicht wirklich herüberkommt.
Der vatikanische Diplomat aus dem italienischen Apulien, der im Januar 2001 in Bagdad zum Nuntius ernannt wurde, vermeidet es, sich zu der Frage zu äußern, ob die amerikanischen Truppen und ihre Alliierten nun im Irak bleiben oder besser abgezogen werden sollten. Aber seine Antworten zeigen auch seinen Realismus, seine praktische und pastorale Sicht der Dinge. Eigenschaften, die er bereits bei seiner langen Mission in Hongkong unter Beweis stellen konnte, als er, von 1992 bis Anfang 2001 als kultureller Berater der Nuntiatur der Philippinen mit großem Taktgefühl für den Hl. Stuhl von der ehemaligen britischen Kolonie aus die heiklen Belange der Kirche in China verfolgte.

Exzellenz, Ihr Beschluß, trotz der Bombardierungen in Bagdad zu bleiben – und das, obwohl sich die Diplomaten aus aller Welt beeilten, das Weite zu suchen, hat große Bewunderung hervorgerufen...
FERNANDO FILONI: Das war doch nichts Außergewöhnliches. Auch in der Zeit des Krieges in Bagdad zu leben, war eine Entscheidung im Einklang mit der Sendung eines päpstlichen Repräsentanten. Der sich, um es mit den Worten Pauls VI. zu sagen, durch sein Leben bei den Nationen auch in deren Leben einfügt. Diese unsere Situation hat uns dazu geführt, das Schicksal der irakischen Bevölkerung zu teilen, all das Leid, die Ungerechtigkeit und die Hoffnung.
Welches waren die schwierigsten Momente?
FILONI: Die Tage der Bombardierungen waren wirklich schlimm, aber auch die, als die Stadt geplündert wurde. Wir hatten dieselben Probleme wie der Rest der Bevölkerung auch: das Fehlen von Wasser und Strom, die Furcht vor dem Anarchie-Wahnsinn, der alles ins Wanken brachte, jeden Faktor für die Organisation des sozialen Zusammenlebens ausschaltete. Der zivile und moralische Verfall war wirklich beeindruckend: Rache, Diebstahl, Brandstiftung, Entführung, Aneignung fremden Eigentums, Zerstörung. Jedem, der es wollte, stand es frei, zu agieren: da war ganz einfach keine Autorität, die es ihm verboten hätte. Nur in den Moscheen und Kirchen drohten einige Ordensleute mit Strafen und göttlicher Züchtigung.
Eine Gruppe von Bagdader Frauen beschwert sich bei den amerikanischen Soldaten über das Fehlen von Wasser, Strom und Bedarfsartikeln.

Eine Gruppe von Bagdader Frauen beschwert sich bei den amerikanischen Soldaten über das Fehlen von Wasser, Strom und Bedarfsartikeln.

Wie würden Sie heute, ein Jahr später, die Situation beschreiben?
FILONI: Heute, ein Jahr später, muß ich sagen, daß die zivile und moralische Situation der Bevölkerung weiterhin sehr schwierig ist. Entführungen sind weiter an der Tagesordnung – Opfer sind meist Akademiker und Kaufleute. Und die von den Erpressern geforderten Lösegelder bewegen sich meist in astronomischer Höhe. Für einen christlichen Arzt hat man beispielsweise ein Lösegeld von einer halben Million Dollar gefordert! Er lebt heute voller Angst und Schrecken in einem verbarrikadierten Haus und trägt sich mit dem Gedanken, den Irak zu verlassen. Aber ich könnte Ihnen auch von Diebstählen, bewaffneten Überfällen, Morden und Racheakten erzählen, von den schlechten Straßen, Dreck und Verwahrlosung, unzureichend ausgestatteten Krankenhäusern, ungenehmigten Bautätigkeiten. Und vor allem von der ungemein hohen Arbeitslosigkeit, Wurzel vieler dieser Übel. Die Polizei hat keine Autorität. Die Würde eines Volkes wurde mit Füßen getreten; seine jahrhundertealten Traditionen ignoriert, seine Seele gespalten.
In Sachen Irak berichten die internationalen Medien fast nur von eklatanten Bluttaten, von Episoden um die Koalitons­truppen oder ausländische Geiseln. Was aber hat sich im Alltag der Iraker nach Saddam geändert?
FILONI: Wie prekär das tägliche Leben hier ist, ist überall zu spüren: die Menschen wagen es nicht, nach der Dämmerung das Haus zu verlassen; es gibt keine Familie, die keine Opfer zu beklagen hätte; es ist ungemein schwierig, sich auch nur das Lebensnotwendige zu beschaffen, es wird viel gebettelt. Auch der Schulbesuch ist schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr; die Eltern haben Angst, ihre Kinder in die Schule zu schicken.
Und doch werden dabei noch Geschäfte gemacht...
FILONI: Das größte Geschäft sind Antennen und Satelliten-Decoder, Dutzende neuer Zeitungen und Zeitschriften wurden ins Leben gerufen (ebenso viele eingestellt), der Handel mit Autos (vor allem Gebrauchtwagen), die einstmals der „gehobenen Schicht“ vorbehalten waren, konnte eine ebensolche Blüte erleben wie viele kleine Handelsunternehmen. Die Lebenshaltungskosten sind heute dreimal so hoch wie früher, genauso wie die Löhne. Besonders begehrt sind hochmoderne elektronische Geräte, auch, weil der Import steuerfrei ist – vor allem Handys. Aber das normale Netz funktioniert nicht, oder nur an gewissen Orten. Wir haben eine andere Währung. Die Menschen schätzen das neue Geld, das mit einer gewissen Stabilität aufwarten kann, bei ca. 1430 ID pro Dollar liegt... Kurzum: wir haben hier alle Widersprüche, die typisch sind für eine Gesellschaft, die sich selbst ausgeliefert ist. Was fehlt, ist eine rechtmäßig eingerichtete Autorität. Ein Iraker, der zu den Irakern spricht. Jemand, der es wirklich versteht, dem Land eine Richtung zu geben.
Eine brennende Pipeline in Samarra, 100km von Bagdad.

Eine brennende Pipeline in Samarra, 100km von Bagdad.

Die USA haben gesagt, mit dem Krieg gegen Saddam Demokratisierungsprozesse in Gang zu bringen, die Demokratie in den Irak, nach Nahost, zu „exportieren.“ Sieht das die irakische Bevölkerung auch so?
FILONI: Das mit der Demokratie ist ein komplexes Thema und muß das Demokratieverständnis in Betracht ziehen, das man in der arabischen Welt hat und das nicht den westlichen Modellen entspricht. Die Iraker haben einen Sinn für ihre Rechte, diese müssen aber in den Kontext von Traditionen und Mentalitäten eingebunden sein, wo Ethnie und Familie die unveräußerlichen Bereiche sind, in denen die Rechte des Einzelnen zum Tragen kommen und auch gewährleistet werden. Im Westen legt man eine größere Aufmerksamkeit auf das Recht des Einzelnen; hier hat der Einzelne Wert in seiner Eigenschaft als Mitglied einer Familie und Ethnie, die ihn beschützt und die auch er verteidigt. Die Demokratie hat einen weniger philosophischen, abstrakten Sinn, ist mehr an den anthropologischen Kontext gebunden. Ich hoffe, daß man hier keine Demokratie amerikanischer, britischer oder italienischer Prägung aufdrängen will.
Wie erleben die Christen diese chaotische Übergangsphase? Mit welchen Erwartungen blicken sie in die Zukunft?
FILONI: Die Christen haben die Probleme der irakischen Bevölkerung in allen Aspekten geteilt, deren wesentlicher Bestandteil sie sind. Als Minderheit machen sie sich natürlich auch gewisse Sorgen um die Zukunft. In der Vergangenheit hat ihnen das Regime gewisse Garantien gegeben, aber wie wird die Zukunft sein? Ende April 2003 hatten alle Bischöfe, Katholiken und Nicht-Katholiken, eine Erklärung unterzeichnet, die nach wie vor den Text darstellt, der die ideale Haltung beschreibt, die die Christen im Irak anstreben: keine Privilegien, Achtung der religiösen Rechte, freie Teilnahme am zivilen, sozialen und politischen Leben, ohne Glaubensunterschiede zu machen; Respekt und gute Beziehungen zur Religion der Mehrheit der Bevölkerung und Kooperation mit den bestehenden Autoritäten, ohne Kompetenzübergriffe. Die christliche Bevölkerung hat diesen Text voll und ganz gutgeheißen.
Kann man in den verschiedenen Gemeinschaften unterschiedliche Beurteilungen der Situation feststellen? Haben sich politische Gruppen herausgebildet, die die christlichen Minderheiten repräsentieren?
FILONI: Es gibt wohl mehrere Dutzend kleinere politische Parteien der Christen. Auch diesen legen die Bischöfe ans Herz, die Rechte zu achten und der religiös-ethnischen Spaltungstendenz zwischen Chaldäern, Armeniern, Syrern, entgegenzuwirken. Kriterium ist die Errichtung eines gemeinsamen Hauses, unter dessen Dach ein jeder in den Genuß der Freiheit kommt, sich seine Besonderheiten bewahren kann. Als Minderheit haben die Christen nur dann eine Zukunft, wenn es ihnen gelingt, von der Spaltungstendenz abzukommen, die sie mit sich herumschleppen, und die Frucht historischer ethnischer, ritueller und lehrmäßiger Spaltungen ist.
Wie haben die Repräsentanten der christlichen Gemeinschaften konkret am Wiederaufbau des sozialen und zivilen Gefüges Anteil?
FILONI: Die Christen sind heute in der Verwaltung von Städten wie Mosul und Kirkuk proportional vertreten, verfügen über einen Repräsentanten im Regierungsrat und einen Minister in der Übergangsregierung, der sich derzeit um den Transportsektor kümmert. Die Verantwortlichen der Gemeinschaften hoffen, in naher Zukunft wieder die Schulen und kulturellen Einrichtungen öffnen zu können, die vom Regime verstaatlicht worden waren. So hat der Regierungsrat beispielsweise mit Erklärung Nr. 87 vom 5. November 2003 die Rückgabe der Gebäude und die Wiederherstellung der Rechte bestimmt. Aber die gesamte Kirche will – ganz nach Möglichkeit der einzelnen – am Wiederaufbau des Landes Anteil haben. Derzeit sind in Bagdad, Bassora und Mosul sieben medizinische Fürsorgestellen aktiv, die der Bevölkerung gratis Beistand leisten, medizinische Versorgung garantieren, die erhaltenen Hilfsmittel verteilen; man hilft den Familien, die schon lange ohne Arbeit sind; vom Krieg zerstörte Häuser werden wiederaufgebaut; an den Pfarreien werden Kinderhorte eingerichtet; sanitäre Hilfsprogramme für bedürftige Familien angekurbelt; aus dem Ausland kommen Medikamente, die es im Irak nicht gibt. Darüber hinaus trägt man sich mit dem Gedanken, in Mosul ein Krankenhaus zu bauen, und zwei Schulen für die Ausbildung von Krankenschwestern...
Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als diplomatischer Repräsentant zu kämpfen? Wer sind Ihre offiziellen Ansprechpartner?
FILONI: Von einem diplomatischen Standpunkt aus sind die offiziellen Ansprechpartner die örtlichen Behörden. Der Hl. Stuhl unterhält seit 1966 diplomatische Beziehungen zum Irak, aber die Präsenz des apostolischen Delegaten geht auf 1850 zurück.
Im Westen stellen viele das Christentum als kulturellen Identitätsfaktor heraus, also praktisch als etwas, das man dem wiederaufflackernden islamischen Fundamentalismus entgegenhalten kann. Man schlägt, in verschiedenen Versionen, die Gleichung „Christentum = Westen“ vor. Wie nimmt man das in Bagdad auf?
FILONI: Ich kann sagen, daß der Papst – auch von den Muslimen – überaus geschätzt wird. Die Tageszeitungen werden nicht müde, seine Appelle wiederaufzugreifen, von den bedeutendsten Initiativen zu berichten. Der Widerstand des Papstes gegen den Krieg hat ihm viel Bewunderung und Sympathie eingebracht. Nach dem Krieg wurden mit einem Kleinlaster Nahrungsmittel und Wasser in das bekannte Armenviertel von Bagdad, Sadr City, gebracht. Der Laster wurde aufgehalten, aber als die Leute erfuhren, daß diese Hilfsmittel vom Papst kamen, sagten sie: diese Hilfsmittel nehmen wir gerne und dankbar an. Ein namhafter Schiitenführer hat vor einiger Zeit zu mir gesagt: „Jetzt kann der Papst in den Irak kommen.“ Ein Ayatollah berichtete mir in einem Brief voller Anerkennung, daß der Papst nach dem jüngsten Erdbeben im Iran darum gebeten hatte, den iranischen Muslimen zu helfen.
Was kann Ihrer Meinung nach nach dem 30. Juni passieren? Wird es wirklich zu einer grundlegenden Machtverlagerung in Richtung lokaler Autoritäten kommen? Und wird es, auf lange Sicht, eine Zukunft für den Irak geben?
FILONI: Ja, das denke ich schon. Der Irak hat eine Zukunft, und das auch schon deshalb, weil das Land die Ressourcen hat, eine solche aufzubauen. Ich meine damit die wirtschaftlichen Ressourcen, aber auch eine lange kulturelle Tradition. Hier wurden Kulturen ins Leben gerufen, aus denen der gesamte Westen geschöpft hat; die Kultur hat eine Wurzel, und diese Wurzel ist nicht tot.
Und schließlich hat das Land eine Zukunft, wenn das die Iraker selbst wünschen. Sie sind es, die diesen ganzen Haß beiseite legen, sich aussöhnen, die zermürbenden religiösen und ethnischen Spaltungen überwinden und weitblickende Leaders finden müssen, die Sinn für den Dienst haben, die Interessen der Menschen und die ihres Landes an erste Stelle stellen – eines Landes, das ca. 20 Jahre schrecklicher Kriege hinter sich hat, wirtschaftlicher Verschwendung, Ungerechtigkeiten, von denen niemand ausgenommen war.
Und was können die anderen Länder und die internationale Gemeinschaft konkret für diese Zukunft tun?
FILONI: Die anderen Länder und die Vereinten Nationen haben die Aufgabe, den Irakern unter die Arme zu greifen, nicht die, an deren Stelle zu treten. Sie dürfen den Irak nicht zum Objekt der eigenen wirtschaftlich-politischen Gelüste machen, sondern müssen ihm helfen, ein souveränes Land zu werden.


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