LIBYEN. Interview mit dem Apostolischen Vikar von Tripolis.
Mediterraner Realismus
Mit der Klärung des Falles Lockerbie kam auch das Ende des Embargos, und damit eine neue Jahreszeit des Dialogs. „Gaddafi, der erkannt hat, daß der religiöse Fanatismus zu einem Desaster ausartet, ist wieder Realist geworden.“ Zu Wort kommt Giovanni Innocenzo Martinelli.
von Giovanni Cubeddu

Der libysche Leader Gaddafi bei einer Versammlung der Afrikanischen Union.
Der 60jährige Italiener Giovanni Innocenzo Martinelli, Apostolischer Vikar von Tripolis, hat aus seiner Liebe zu Libyen nie ein Hehl gemacht. Der Franziskaner leitet das Vikariat seit dem 3. Mai 1985 und hat das ganze Auf und Ab in der Haltung des Regimes zur katholischen Kirche miterlebt (1986, nachdem die Amerikaner Tripolis, und die Libyer Lampedusa bombardiert hatten, war er sogar im Gefängnis gelandet). Heute hofft die Kirche in Libyen, wie alle Bürger auch, auf die vollständige internationale Rehabilitierung, die das Land auch wirklich entschlossen anzustreben scheint. Papst Wojtyla hat sich immer gegen das Embargo ausgesprochen, und schon 1997 konnte durch Abkommen über volle diplomatische Beziehungen zwischen Hl. Stuhl und Libyen ein Pluspunkt für den Dialog mit dem Westen verzeichnet werden. Der sunnitische Islam Gaddafis hat nichts mit religiösem Fundamentalismus zu tun. Bei diesen Überlegungen nimmt unser Interview mit dem Bischof von Tripolis seinen Ausgang.
GIOVANNI INNOCENZO MARTINELLI: Gaddafi hat schon immer den Wunsch nach Dialog mit den Religionen gezeigt, und zwar schon mit dem großen internationalen Kongress in Tripolis 1976, mit dem er den Eindruck berichtigen wollte, daß sein Regime gegen die Religionen wäre (wenn man auch sagen muß, daß die Kultstätten der Christen – als mit dem kolonialistischen Faschismus kollaborierend angesehen – in der Vergangenheit geschlossen worden waren). Als – überdies in Libyen geborener – katholischer Bischof von Tripolis habe ich nie erlebt, daß das Regime gegen die Religionen „Front gemacht“ hätte, vielmehr wurde immer eine Konfrontation vorgeschlagen. Darüber hinaus ist Gaddafi in der letzten Zeit noch einen Schritt weiter gegangen, um eben ein positives Bild des Islam in Libyen voranzutreiben, als „gegen“ den sogenannten terroristischen und fundamentalistischen Islam. Di Dawa al-Islamiya, die offizielle libysche Einrichtung für den interreligiösen Dialog, hat verschiedene wichtige Begegnungen organisiert, durch die das internationale Augenmerk auf Libyen gerichtet wurde. Und ich glaube, daß es der Mühe wert ist, auf diese wichtigen Begegnungen, die auf libyschem Boden zwischen christlichem Ökumenismus und interreligiösem Dialog stattfinden, hinzuweisen.

Giovanni Innocenzo Martinelli, Apostolischer Vikar von Tripolis.
MARTINELLI: Vor allem auf den Besuch Seiner Heiligkeit, Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel. Sein Kommen war für uns eine Überraschung, hat dem Dialog in der christlichen Welt in Libyen ein vollkommen neues und wahreres Gesicht gegeben. In Libyen gibt es außer der katholischen Kirche auch die orthodoxe Kirche, die koptische Kirche, die anglikanische Gemeinschaft und die Union Church. Die effiziente und fruchtbare Präsenz Bartholomaios’I. hat uns bei der Arbeit für die Ökumene geholfen. Und nicht nur das. Der Patriarch hat sogar an der islamischen Fakultät von Tripolis vor vierhundert Gästen einen Vortrag gehalten, wurde dann vom türkischen Botschafter empfangen. Die Ansprache des Botschafters faßte mehr oder weniger das zusammen, was wir in diesen Tagen empfunden haben. Er betonte beispielsweise, welch wichtige Rolle Bartholomaios I. bei dem Dialog zwischen Islam und Orthodoxie zukommt. Der orthodoxe Patriarch kommt nämlich aus einem muslimischen, aber nicht theokratischen Land, und ist nun nach Libyen gekommen, um auch zum orthodoxen Christentum dieser Region des arabischen Mittelmeerraumes eine Brücke zu schlagen. Und so erscheint mir dieser Besuch von Bartholomaios I. doch eine schöne Erfindung des Heiligen Geistes, der uns hilft und uns der Universalität der christlichen Botschaft entgegenführt.
Auch der koptische Patriarch Shenouda ist nach Libyen gekommen...
MARTINELLI: ... wo ihm ein Preis für Verdienste um die Menschenrechte verliehen wurde, der Gaddafi Prize dafür, die christliche Stimme gewesen zu sein, die es im Innern einer Welt islamischer Kultur verstanden hat, im Mittelmeerraum eine Botschaft des Friedens zu verbreiten. Der koptische Bischof der Pentapolis Mar Pakomios kommt regelmäßig nach Libyen. Shenouda III. dagegen war zu Beginn der Revolution zum ersten Mal nach Tripolis gekommen. Er kam jetzt zurück, um seinen Preis entgegenzunehmen, was fast schon eine Krönung dieses kontinuierlichen Dialogs mit der koptischen Gemeinschaft Libyens war. Die durch ihre direkte Verbindung mit dem Evangelisten Markus eine privilegierte Gemeinschaft ist. Der Jude Markus stammte aus einer Zone von Kyrene, die die libyschen Beduinen Wadi Marcos nennen, und nach koptischer Überlieferung soll sich Markus, von Libyen ausgehend, aufgemacht haben, Ägypten zu evangelisieren.
Und die Dawa al-Islamiya?
MARTINELLI: Sie war, soweit möglich, bei diesen ökumenischen Begegnungen immer präsent, hat ihnen den gebührenden Respekt gezollt. Aber vom 18. bis 22. September hat sie auch eine islamisch-christliche Begegnung zum Thema der gegenseitigen Anerkennung der Glauben auf die Beine gestellt, die offen war für die Teilnahme der verschiedenen christlichen Konfessionen. Vier Tage lang dauerte dieses positive Beisammensein von Christen und Muslimen. Besonders beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang eine Feststellung des Großmuftis von Moskau: „Wir müssen uns daran gewöhnen, die Christen nicht nur für das zu kennen, was der Koran sagt, sondern das, was die Christen durch das Evangelium selbst über sich sagen.“ Die Forderung also, uns von festgefahrenen Schemata zu befreien, auf die wir zurückgreifen, um einander zu „kennen.“ Und der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog wird im März zusammen mit der Dawa al-Islamiya in Rom eine der Gestalt der Imam und der Priester gewidmete Begegnung organisieren, um herauszustellen, wie wichtig es ist, daß diese Männer für den Dialog offen sind.

Der libysche Leader Gaddafi mit der Delegation des US-Kongresses in Tripoliss am 26. Januar 2004.
MARTINELLI: Solange der schwere Konflikt zwischen Israel und Palästinensern nicht ausgeräumt ist, wird es immer eine offene Wunde geben. Die Welt des Nahen Ostens ist eine Welt, die nach wie vor Zerstörung und Menschenrechtsverletzungen erlebt. Ich glaube jedoch, daß, wenn man wirklich eine Art der Versöhnung in der arabischen Welt finden will, man die Motive der libyschen Politik „gegen“ Israel und „gegen“ Amerika, analysieren muß.
Und Gaddafi setzt bereits seit geraumer Zeit auf Afrika.
MARTINELLI: Libyen setzt alles daran, auf die Rechte der Afrikaner aufmerksam zu machen. In Libyen gibt es viele Einwanderer aus der subsaharianischen Zone, und das ist ein Faktum, das sowohl dem Regime wie auch dem Westen Sorgen bereitet – immerhin ist die libysche Küste die Brücke zu Europa, und manchmal kann sich das illegale Ins-Land-Schmuggeln von Personen mit dem Terrorismus vermischen... Aber schließlich gibt die Gastfreundschaft Libyens diesen armen Menschen auch die Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, aus Kriegsgebieten zu fliehen, dem Elend zu entkommen. Es ist bekannt, daß Gaddafi hofft, einer der Leaders der Afrikanischen Union zu werden, daß er den Entwicklungsprozess des Kontinents vorantreiben will – schließlich nimmt Libyen schon seit geraumer Zeit auf verschiedene subsaharianische Staaten Einfluß... Doch falls die Afrikanische Union noch Zeit brauchen sollte, wird Gaddafi ihr die sicher geben.
Wird die neue Politik des Regimes wirklich die erwarteten Früchte tragen?
MARTINELLI: Ich habe Libyen eigentlich immer positiv beurteilt, habe in schwierigen Momenten immer versucht, die gute Seite zu sehen, weil ich den Eindruck hatte, daß alle negativen Reaktionen der Regierenden von Tripolis auch auf Unverständnis zurückzuführen sind, darauf, daß sie sich als Opfer eines ideologischen Vorurteils ihnen gegenüber fühlen. In der Tat haben es viele europäische und amerikanische Persönlichkeiten mehr als einmal versäumt, die wirklichen Motive des Regimes zu erkennen und zu sehen, wie positiv einige Stellungnahmen Gaddafis waren. Der apostolische Vikar von Tripolis wurde nie instrumentalisiert und weiß, welcher Wunsch nach Gerechtigkeit auch hinter den rüdesten Stellungnahmen der Leaders stand. Manchmal gab es zwar Demagogie, aber Gaddafi wollte immer ein offenes Gespräch. Dem Leader ist jetzt klar geworden, daß der religiöse Fanatismus zu einem Desaster ausartet. Er ist wieder Realist geworden und hat damit begonnen, diese Formen von Extremismus und Terrorismus nicht mehr zu akzeptieren, hat sich bereit erklärt, einen möglichst unblutigen Weg zu finden, diese Kräfte auszuschalten und sich nicht auf deren Seite zu stellen. Diese Entscheidung scheint mir eine sehr wertvolle zu sein.

Der koptische Patriarch von Alexandria, Amba Shenouda III., nimmt in Tripolis den Gaddafi-Preis entgegen.
MARTINELLI: Die katholische Kirche in Libyen handelt, indem sie der Inspiration der universalen Kirche folgt. Der Heilige Vater war uns wirklich ein großes Vorbild, und zwar sowohl, was den Dialog mit dem Islam angeht als auch die entschiedenen Stellungnahmen gegen die Gewalt und den Krieg. In der internationalen Gemeinschaft besteht die Kraft des Dialogs darin, daß auch den kleinen Nationen Bedeutung beigemessen wird, deren Stimmen oft ehrlich sind. Die Stimme der Regierung Tripolis’ zu hören, konnte für uns, die Kirche Libyens, eine Gelegenheit sein, auch den Rest zu verstehen, also zunächst einmal das Empfinden der muslimischen arabischen Welt, und dann das des subsaharianischen Afrika. Die Kirche Libyens, die den Dialog mit dem Regime stets akzeptiert, hat versucht, diese tiefe Gemeinschaft mit der universalen Kirche zu leben.
Soweit unser Interview. Noch eine interessante Bemerkung am Rande: In Tripolis wird die katholische Messe in der dem Heiligen von Assisi geweihten kleinen weißen Kirche gefeiert, und der Bischof soll, wie man hört, seine Freunde immer hierher bringen, damit sie ein wunderschönes Gemälde bewundern können: Franz von Assisi, der die Reihen der Kreuzritter durchschreitet, um dem Sultan von Ägypten den Friedensgruß zu bringen.