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01 - 2004 >
Ein ganz kleiner Gott, den man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken
Ein ganz kleiner Gott, den man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken
Drei Auszüge aus Bariona oder Der Sohn des Donners. Ein Weihnachtsspiel für Christen und Nicht-Glaubende, das erst kürzlich in Neuübersetzung im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist. Lesen Sie eine Passage des Prologs und zwei des fünften Bildes, dritte Szene.
von Jean-Paul Sartre
[Prolog, SS. 7-8]
[...] Meine Herrschaften, nun der Prolog. Ich bin blind durch einen Unfall, aber bevor ich das Augenlicht verlor, habe ich mir mehr als tausendmal die Bilder angesehen, die Sie betrachten werden, und ich kenne sie auswendig, denn mein Vater war wie ich Bildervorführer und hat mir diese hier als Erbe hinterlassen. Das, was Sie hinter mir sehen und auf das ich mit dem Stock zeige, stellt, wie ich weiß, Maria von Nazareth dar. Ein Engel kommt ihr verkündigen, daß sie einen Sohn bekommen wird und daß dieser Sohn Jesus sein wird, unser Herr. Der Engel ist riesig, mit Flügeln wie zwei Regenbogen. Sie können ihn sehen; ich sehe ihn nicht mehr, aber ich habe ihn noch im Kopf. Er ist wie eine Überschwemmung in das bescheidene Haus Mariens geströmt und erfüllt es jetzt mit seinem ätherischen heiligen Leib und seinem großen wallenden Gewand. Wenn Sie das Bild aufmerksam betrachten, werden Sie merken, daß man durch den Leib des Engels hindurch die Möbel des Zimmers sieht. So wollte man seine engelhafte Transparenz andeuten. Er steht vor Maria, und Maria sieht ihn kaum an. Sie überlegt. Er brauchte seine Stimme nicht wie einen Orkan zu entfesseln. Er hat nicht gesprochen, denn Maria hat seine Botschaft ohne Worte verstanden; sie spürte ihn schon in ihrem Innern. Jetzt steht der Engel vor Maria, und Maria ist unermeßlich und dunkel wie ein Wald in der Nacht, und die frohe Botschaft hat sich in ihr verloren, wie ein Wanderer sich im Wald verirrt. Und Maria ist erfüllt von Vögeln und Nachtgesichtern und langem Rauschen der Blätter. Und tausend Gedanken ohne Worte erwachen in ihr, schwere Gedanken von Frauen, die den Schmerz spüren. Und sehen Sie, der Engel sieht bestürzt aus angesichts dieser allzu menschlichen Gedanken: er bedauert, Engel zu sein, weil Engel weder geboren werden noch leiden können. Und dieser Morgen der Verkündigung vor den überraschten Augen eines Engels ist das Fest der Menschen, denn jetzt ist der Mensch dran, geheiligt zu werden. Sehen Sie sich das Bild gut an, meine Herrschaften, und weiter geht’s mit Musik; der Prolog ist zu Ende, die Geschichte beginnt neun Monate später, am 24. Dezember, in den hohen Bergen von Juda.
[Es spricht der Bänkelsänger, SS. 65-67]
[...] Das Gebirge wimmelt von frohen Menschen, und der Wind trägt die Echos ihrer Fröhlichkeit bis zu den Tieren der Gipfel. Ich werde die Zeit nützen, um Ihnen Christus im Stall zu zeigen, denn Sie werden ihn sonst nicht sehen: er tritt nicht auf im Stück, auch Josef und die Jungfrau Maria nicht. Aber da heute Weihnachten ist, haben Sie das Recht, zu verlangen, daß Ihnen die Krippe gezeigt wird. Hier ist sie. Hier ist die Jungfrau und hier Josef und hier das Jesuskind. Der Künstler hat seine ganze Liebe in dieses Bild gelegt, aber Sie werden es vielleicht etwas naiv finden. Sehen Sie, die Personen sind schön herausgeputzt, aber sie sind ganz steif: man könnte sie für Marionetten halten. Sie waren sicher nicht so. Wenn Sie wie ich geschlossene Augen hätten... Aber hören Sie: Sie müssen nur die Augen schließen und mir zuhören, und ich werde Ihnen sagen, wie ich sie in mir sehe. Die Jungfrau ist blaß und betrachtet das Kind. Was man auf ihr Gesicht malen müßte, ist eine ängstliche Verwunderung, wie sie nur einmal auf einem menschlichen Antlitz erschienen ist. Denn Christus ist ihr Kind, Fleisch von ihrem Fleisch und die Frucht ihres Leibes. Sie hat ihn neun Monate getragen, und sie wird ihm die Brust geben, und ihre Milch wird Gottes Blut werden. Und manchmal ist die Versuchung so stark, daß sie vergißt, daß er Gott ist. Sie drückt ihn an sich, und sagt: Mein Kleiner! Aber dann wieder bleibt sie ganz sprachlos und denkt: Gott ist da – und sie fühlt sich von einem frommen Schauder ergriffen vor diesem stummen Gott, vor diesem erschreckenden Kind. Denn alle Mütter stehen manchmal so vor diesem rebellischen Stück ihres Fleisches, das ihr Kind ist, und fühlen sich verbannt zwei Schritte vor diesem neuen Leben, das man aus ihrem Leben gemacht hat und das fremde Gedanken bewohnen. Aber kein Kind ist grausamer und schneller seiner Mutter entrissen worden, denn es ist Gott und übersteigt in jeder Hinsicht alles, was sie sich vorstellen kann. Und es ist eine harte Prüfung für eine Mutter, sich ihrer selbst und ihres Menschseins vor ihrem Sohn zu schämen. Aber ich denke, daß es auch andere Momente gibt, kurze, flüchtige, in denen sie gleichzeitig spürt, daß Christus ihr Sohn ist, ihr Kleiner, und daß er Gott ist.
Sie betrachtet ihn und denkt: „Dieser Gott ist mein Kind. Dieses göttliche Fleisch ist mein Fleisch. Er ist aus mir gemacht, er hat meine Augen, und diese Form seines Mundes ist auch die Form von meinem. Er sieht mir ähnlich. Er ist Gott, und er sieht mir ähnlich.“ Und keine Frau hat ihren Gott derart für sich allein gehabt. Einen ganz kleinen Gott, denn man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken, einen ganz warmen Gott, der lächelt und atmet, einen Gott, den man berühren kann und der lebt.
Und in einem dieser Momente würde ich Maria malen, wenn ich Maler wäre, und ich würde versuchen, den Ausdruck sanfter Kühnheit und Schüchternheit wiederzugeben, mit dem sie den Finger ausstreckt, um die zarte kleine Haut dieses Gotteskindes zu berühren, dessen warmes Gewicht sie auf den Knien spürt und das sie anlächelt. Das zu Jesus und zur Jungfrau Maria.
Und Josef? Josef würde ich nicht malen. Ich würde nur einen Schatten im Hintergrund der Scheune zeigen und zwei glänzende Augen. Denn ich weiß nicht, was ich über Josef sagen soll, und Josef weiß nicht, was er zu sich selbst sagen soll. Er betet an und ist glücklich, daß er anbeten kann, und er fühlt sich ein bißchen verbannt. Ich glaube, er leidet, ohne es sich einzugestehen. Er leidet, weil er sieht, wie sehr die Frau, die er liebt, Gott ähnlich ist, wie sehr sie schon auf Gottes Seite ist. Denn Gott ist wie eine Bombe in die Intimität dieser Familie geplatzt. Josef und Maria sind für immer getrennt durch diesen Ausbruch von Licht. Und sein ganzes Leben lang, stelle ich mir vor, wird Josef lernen müssen, sich damit abzufinden. Meine Herrschaften, das zur Heiligen Familie. Jetzt werden wir die Geschichte Barionas wieder aufnehmen, denn Sie wissen, er will dieses Kind erwürgen.
[Es spricht Bariona, S. 72-74]
Was machen sie? Man hört kein Geräusch mehr, aber diese Stille ist nicht die unserer Berge, die eisige Stille, die in der dünnen Luft zwischen den Granitblöcken herrscht. Das ist eine dichtere Stille als die des Waldes. Eine Stille, die sich in den Himmel erhebt und zu den Sternen rauscht wie ein großer alter Baum, dessen Wipfel sich im Wind wiegt. Sind sie niedergekniet? Ach, könnte ich unter ihnen sein, unsichtbar: denn es muß eigentlich ein ungewöhnliches Schauspiel sein; alle diese harten und ernsten Männer, versessen auf Mühe und Gewinn, die vor einem schreienden Kind knien. Der Sohn Chalams, der seinen Vater mit fünfzehn Jahren verließ, weil er zu viele Maulschellen bekommen hatte, er würde lachen, wenn er ihn ein Kind anbeten sähe. Wird das die Herrschaft der Kinder über die Eltern bedeuten? Schweigen. Da sind sie, naiv und glücklich, im warmen Stall, nach ihrem langen Marsch durch die Kälte.
Sie haben die Hände gefaltet und denken: Etwas hat angefangen. Und sie täuschen sich natürlich, sie sind in eine Falle gegangen, und sie werden das später teuer bezahlen; aber trotzdem, diese Minute werden sie erlebt haben; sie haben Glück, an einen Anfang glauben zu können. Was ist rührender für ein Menschenherz als der Anfang einer Welt und die Jugend voller Ungewissheit und der Anfang einer Liebe, wenn alles noch möglich ist, wenn die Sonne, noch bevor sie sich gezeigt hat, in der Luft und in den Gesichtern anwesend ist wie feiner Staub und man in der prickelnden Frische des Morgens schon die schweren Verheißungen des Tages spürt. In diesem Stall bricht ein Morgen an... In diesem Stall ist es Morgen. Und hier draußen ist es Nacht. Nacht auf der Straße und in meinem Herzen. Eine Nacht ohne Sterne, tief und stürmisch wie die hohe See. Ja, ich werde von der Nacht geschaukelt wie ein Faß von den Wogen, und hinter mir ist der erleuchtete, verschlossene Stall, wie die Arche Noah treibt er auf der Nacht und birgt den Morgen der Welt. Ihren ersten Morgen. Denn einen Morgen hatte es nie gegeben. Sie war ihrem unwilligen Schöpfer aus den Händen gefallen und stürzte in einen glühenden Ofen, ins Schwarze, und die großen, brennenden Zungen dieser Nacht ohne Hoffnung strichen über sie, bedeckten sie mit Brandblasen und ließen Asseln und Wanzen sich hemmungslos vermehren. Und ich bleibe in der großen irdischen Nacht, in der tropischen Nacht des Hasses und des Unglücks. Aber – o trügerische Macht des Glaubens – für meine Männer bricht in diesem Stall, bei der Heiligkeit einer Kerze, Jahrtausende nach der Schöpfung der erste Morgen der Welt an.
[...] Meine Herrschaften, nun der Prolog. Ich bin blind durch einen Unfall, aber bevor ich das Augenlicht verlor, habe ich mir mehr als tausendmal die Bilder angesehen, die Sie betrachten werden, und ich kenne sie auswendig, denn mein Vater war wie ich Bildervorführer und hat mir diese hier als Erbe hinterlassen. Das, was Sie hinter mir sehen und auf das ich mit dem Stock zeige, stellt, wie ich weiß, Maria von Nazareth dar. Ein Engel kommt ihr verkündigen, daß sie einen Sohn bekommen wird und daß dieser Sohn Jesus sein wird, unser Herr. Der Engel ist riesig, mit Flügeln wie zwei Regenbogen. Sie können ihn sehen; ich sehe ihn nicht mehr, aber ich habe ihn noch im Kopf. Er ist wie eine Überschwemmung in das bescheidene Haus Mariens geströmt und erfüllt es jetzt mit seinem ätherischen heiligen Leib und seinem großen wallenden Gewand. Wenn Sie das Bild aufmerksam betrachten, werden Sie merken, daß man durch den Leib des Engels hindurch die Möbel des Zimmers sieht. So wollte man seine engelhafte Transparenz andeuten. Er steht vor Maria, und Maria sieht ihn kaum an. Sie überlegt. Er brauchte seine Stimme nicht wie einen Orkan zu entfesseln. Er hat nicht gesprochen, denn Maria hat seine Botschaft ohne Worte verstanden; sie spürte ihn schon in ihrem Innern. Jetzt steht der Engel vor Maria, und Maria ist unermeßlich und dunkel wie ein Wald in der Nacht, und die frohe Botschaft hat sich in ihr verloren, wie ein Wanderer sich im Wald verirrt. Und Maria ist erfüllt von Vögeln und Nachtgesichtern und langem Rauschen der Blätter. Und tausend Gedanken ohne Worte erwachen in ihr, schwere Gedanken von Frauen, die den Schmerz spüren. Und sehen Sie, der Engel sieht bestürzt aus angesichts dieser allzu menschlichen Gedanken: er bedauert, Engel zu sein, weil Engel weder geboren werden noch leiden können. Und dieser Morgen der Verkündigung vor den überraschten Augen eines Engels ist das Fest der Menschen, denn jetzt ist der Mensch dran, geheiligt zu werden. Sehen Sie sich das Bild gut an, meine Herrschaften, und weiter geht’s mit Musik; der Prolog ist zu Ende, die Geschichte beginnt neun Monate später, am 24. Dezember, in den hohen Bergen von Juda.
[Es spricht der Bänkelsänger, SS. 65-67]
[...] Das Gebirge wimmelt von frohen Menschen, und der Wind trägt die Echos ihrer Fröhlichkeit bis zu den Tieren der Gipfel. Ich werde die Zeit nützen, um Ihnen Christus im Stall zu zeigen, denn Sie werden ihn sonst nicht sehen: er tritt nicht auf im Stück, auch Josef und die Jungfrau Maria nicht. Aber da heute Weihnachten ist, haben Sie das Recht, zu verlangen, daß Ihnen die Krippe gezeigt wird. Hier ist sie. Hier ist die Jungfrau und hier Josef und hier das Jesuskind. Der Künstler hat seine ganze Liebe in dieses Bild gelegt, aber Sie werden es vielleicht etwas naiv finden. Sehen Sie, die Personen sind schön herausgeputzt, aber sie sind ganz steif: man könnte sie für Marionetten halten. Sie waren sicher nicht so. Wenn Sie wie ich geschlossene Augen hätten... Aber hören Sie: Sie müssen nur die Augen schließen und mir zuhören, und ich werde Ihnen sagen, wie ich sie in mir sehe. Die Jungfrau ist blaß und betrachtet das Kind. Was man auf ihr Gesicht malen müßte, ist eine ängstliche Verwunderung, wie sie nur einmal auf einem menschlichen Antlitz erschienen ist. Denn Christus ist ihr Kind, Fleisch von ihrem Fleisch und die Frucht ihres Leibes. Sie hat ihn neun Monate getragen, und sie wird ihm die Brust geben, und ihre Milch wird Gottes Blut werden. Und manchmal ist die Versuchung so stark, daß sie vergißt, daß er Gott ist. Sie drückt ihn an sich, und sagt: Mein Kleiner! Aber dann wieder bleibt sie ganz sprachlos und denkt: Gott ist da – und sie fühlt sich von einem frommen Schauder ergriffen vor diesem stummen Gott, vor diesem erschreckenden Kind. Denn alle Mütter stehen manchmal so vor diesem rebellischen Stück ihres Fleisches, das ihr Kind ist, und fühlen sich verbannt zwei Schritte vor diesem neuen Leben, das man aus ihrem Leben gemacht hat und das fremde Gedanken bewohnen. Aber kein Kind ist grausamer und schneller seiner Mutter entrissen worden, denn es ist Gott und übersteigt in jeder Hinsicht alles, was sie sich vorstellen kann. Und es ist eine harte Prüfung für eine Mutter, sich ihrer selbst und ihres Menschseins vor ihrem Sohn zu schämen. Aber ich denke, daß es auch andere Momente gibt, kurze, flüchtige, in denen sie gleichzeitig spürt, daß Christus ihr Sohn ist, ihr Kleiner, und daß er Gott ist.
Sie betrachtet ihn und denkt: „Dieser Gott ist mein Kind. Dieses göttliche Fleisch ist mein Fleisch. Er ist aus mir gemacht, er hat meine Augen, und diese Form seines Mundes ist auch die Form von meinem. Er sieht mir ähnlich. Er ist Gott, und er sieht mir ähnlich.“ Und keine Frau hat ihren Gott derart für sich allein gehabt. Einen ganz kleinen Gott, denn man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken, einen ganz warmen Gott, der lächelt und atmet, einen Gott, den man berühren kann und der lebt.
Und in einem dieser Momente würde ich Maria malen, wenn ich Maler wäre, und ich würde versuchen, den Ausdruck sanfter Kühnheit und Schüchternheit wiederzugeben, mit dem sie den Finger ausstreckt, um die zarte kleine Haut dieses Gotteskindes zu berühren, dessen warmes Gewicht sie auf den Knien spürt und das sie anlächelt. Das zu Jesus und zur Jungfrau Maria.
Und Josef? Josef würde ich nicht malen. Ich würde nur einen Schatten im Hintergrund der Scheune zeigen und zwei glänzende Augen. Denn ich weiß nicht, was ich über Josef sagen soll, und Josef weiß nicht, was er zu sich selbst sagen soll. Er betet an und ist glücklich, daß er anbeten kann, und er fühlt sich ein bißchen verbannt. Ich glaube, er leidet, ohne es sich einzugestehen. Er leidet, weil er sieht, wie sehr die Frau, die er liebt, Gott ähnlich ist, wie sehr sie schon auf Gottes Seite ist. Denn Gott ist wie eine Bombe in die Intimität dieser Familie geplatzt. Josef und Maria sind für immer getrennt durch diesen Ausbruch von Licht. Und sein ganzes Leben lang, stelle ich mir vor, wird Josef lernen müssen, sich damit abzufinden. Meine Herrschaften, das zur Heiligen Familie. Jetzt werden wir die Geschichte Barionas wieder aufnehmen, denn Sie wissen, er will dieses Kind erwürgen.
[Es spricht Bariona, S. 72-74]
Was machen sie? Man hört kein Geräusch mehr, aber diese Stille ist nicht die unserer Berge, die eisige Stille, die in der dünnen Luft zwischen den Granitblöcken herrscht. Das ist eine dichtere Stille als die des Waldes. Eine Stille, die sich in den Himmel erhebt und zu den Sternen rauscht wie ein großer alter Baum, dessen Wipfel sich im Wind wiegt. Sind sie niedergekniet? Ach, könnte ich unter ihnen sein, unsichtbar: denn es muß eigentlich ein ungewöhnliches Schauspiel sein; alle diese harten und ernsten Männer, versessen auf Mühe und Gewinn, die vor einem schreienden Kind knien. Der Sohn Chalams, der seinen Vater mit fünfzehn Jahren verließ, weil er zu viele Maulschellen bekommen hatte, er würde lachen, wenn er ihn ein Kind anbeten sähe. Wird das die Herrschaft der Kinder über die Eltern bedeuten? Schweigen. Da sind sie, naiv und glücklich, im warmen Stall, nach ihrem langen Marsch durch die Kälte.
Sie haben die Hände gefaltet und denken: Etwas hat angefangen. Und sie täuschen sich natürlich, sie sind in eine Falle gegangen, und sie werden das später teuer bezahlen; aber trotzdem, diese Minute werden sie erlebt haben; sie haben Glück, an einen Anfang glauben zu können. Was ist rührender für ein Menschenherz als der Anfang einer Welt und die Jugend voller Ungewissheit und der Anfang einer Liebe, wenn alles noch möglich ist, wenn die Sonne, noch bevor sie sich gezeigt hat, in der Luft und in den Gesichtern anwesend ist wie feiner Staub und man in der prickelnden Frische des Morgens schon die schweren Verheißungen des Tages spürt. In diesem Stall bricht ein Morgen an... In diesem Stall ist es Morgen. Und hier draußen ist es Nacht. Nacht auf der Straße und in meinem Herzen. Eine Nacht ohne Sterne, tief und stürmisch wie die hohe See. Ja, ich werde von der Nacht geschaukelt wie ein Faß von den Wogen, und hinter mir ist der erleuchtete, verschlossene Stall, wie die Arche Noah treibt er auf der Nacht und birgt den Morgen der Welt. Ihren ersten Morgen. Denn einen Morgen hatte es nie gegeben. Sie war ihrem unwilligen Schöpfer aus den Händen gefallen und stürzte in einen glühenden Ofen, ins Schwarze, und die großen, brennenden Zungen dieser Nacht ohne Hoffnung strichen über sie, bedeckten sie mit Brandblasen und ließen Asseln und Wanzen sich hemmungslos vermehren. Und ich bleibe in der großen irdischen Nacht, in der tropischen Nacht des Hasses und des Unglücks. Aber – o trügerische Macht des Glaubens – für meine Männer bricht in diesem Stall, bei der Heiligkeit einer Kerze, Jahrtausende nach der Schöpfung der erste Morgen der Welt an.