Sartre und die Geburt Jesu
Weihnachten 1940: in einem deutschen Kriegsgefangenenlager schreibt – und inszeniert – der französische Schriftsteller sein erstes Theaterstück. Das Weihnachtsspiel Bariona oder Der Sohn des Donners. Darin begegnen wir einem ungewohnten Sartre; einem, der gerührt zu sein scheint über die verwunderte Zuneigung Mariens, den Blick Josefs und die Hoffnung der Heiligen Drei Könige, der Hirten angesichts dieses Gotteskindes. „Sie haben die Hände gefaltet und denken: Etwas hat angefangen. Und sie täuschen sich natürlich...“
von Massimo Borghesi

Muttergottes mit Kind, Giovanni Bellini, Museum von Castelvecchio, Verona.
„Welches ist das wahre Gesicht Sartres?“ fragte sich Charles Moeller in einem herrlichen Essay, den er diesem Schriftsteller gewidmet hat1. „Ist es die wesentliche Erfahrung der angesichts des blinden, obszönen Überflusses der Natur empfundenen Übelkeit? Oder ist diese Übelkeit nichts anderes als eine Folge? Steht am Ursprung eine Wahl, eine Entscheidung für eine gewisse Art menschlicher Erfahrung auf Kosten anderer? Mit anderen Worten: Ist die Übelkeit das grundlegende Faktum oder verpflichtet sie die Wahl des atheistischen Denkens dazu, nur eine Seite des Lebens, und stets dieselbe, zu sehen?“2. Bei dem Versuch, hierauf eine Antwort zu finden, wagt sich Moeller daran, das „Paradox“ des Menschen Sartre zu entschlüsseln, um die Erfahrung herausfiltern zu können, die hinter seinem Denken steht. Was er dabei entdeckt, ist ein Mangel, der des Vaters; etwas, das sich auf die gesamte Weltanschauung des Philosophen auswirkt. Schließlich hat er selbst in seinen Kindheitserinnerungen geschrieben, daß „wir damals alle, mehr oder weniger, väterlicherseits Waisen waren: die meisten unserer Herren Väter waren tot oder an der Front, und die wenigen noch übrigen waren behindert, ohne Rückgrat, wollten von ihren Kindern vergessen werden; es war die Herrschaft der Mütter“3. Moellers Meinung nach „scheint Sartre eine grundlegende Erfahrung gefehlt zu haben, die der Vaterschaft. [...] Was ihm fehlte, war die innige Beziehung, die den Sinn für Gott mit dem Sinn für die Vaterschaft verbindet“4. Als Waise bekommt er schon in jungen Jahren einen Stiefvater, tritt ein neuer Ehemann der Mutter in sein Leben. Er macht also eine ähnliche Erfahrung wie Baudelaire, ein Schriftsteller, mit dem sich Sartre eingehend befaßt hatte, bei dem er eine ähnliche Situation feststellen konnte wie bei sich selbst. „Er hat vielleicht dasselbe Drama erlebt, ist aber auf andere Weise damit umgegangen, nämlich mit stolzer Ablehnung der Vaterfigur, brutaler Bekräftigung einer absoluten Autonomie, die er schon bald zum Angelpunkt seiner Philosophie macht“5. Eine Hypothese, die zwar nur schwer bewiesen werden kann, der man sich aber – so der Kritiker – auch nur schwer entziehen kann. „Ich werde den Eindruck nicht mehr los, daß das in seinem Werk so übermächtig spürbare Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein‘ (denken wir nur an die Szene der Wurzel in La nausée) darin wurzelt, daß Sartre seinen Vater verloren hatte, das Verhältnis zu seinem Stiefvater immer ein unterkühltes war, sie einander fremd waren“6. Als „Fremder“ (A. Camus) findet sich der Mensch in einer absurden Existenz wieder, ist „fünftes Rad am Wagen“, ein von niemandem gewolltes Geschöpf, trübseliger, anonymer Passant in dem in dichten Nebel getauchten Großstadtgewimmel. Jean-Paul Sartre wollte – so Moeller – „seine ‚Sohnschaft‘ abstreiten“7. Ebenso wie der moderne Mensch, der „‚ohne Vater und ohne Mutter‘ sein will“8, lehnt seine Philosophie jeden Gedanken an Abhängigkeit ab. Die Freiheit als absolute, schöpferische Autonomie ist die Negation des Andersseins, der Natur, Gottes. Freiheit ist die Negation einer jeglichen Wurzel, einer jeglichen Bindung, Beziehung. Sartre hat den Geschmack des „Nichts“: das „Für-sich-Sein“, das Bewußtsein, ist die Leere, die die rohe „Dinglichkeit“ der Welt auflöst. Dazwischen, zwischen dem „Nichts“ des Ich und der verdinglichten Realität, gibt es keine Personen, Gesichter, Gefühlsbindungen mehr. Die Philosophie der Freiheit als Negativität schließt – bis zu L’être et le néant – jede Erfahrung der Positivität aus. In einer derart von Böswilligkeit beherrschten Welt erscheint das Sartresche Universum zwielichtig, gefühllos, beunruhigend. Das Licht der Gnade kann die Nacht nicht zerreißen. Wie Gabriel Marcel feststellen konnte, ist das System Sartres das logischste System der Ablehnung einer jeglichen Gnade, das je angeboten wurde. Für Gott, den Fremden schlechthin, den Feind der Freiheit und der Autonomie, ist kein Platz. Der Sartresche Existentialismus ist ein rigoros atheistischer.
All das stimmt. Moeller hat die Dynamik, die Sartre dazu bringt, jedes Anderssein zu leugnen, den doppelten Ausschluß Gottes und der Welt, gut auf den Punkt gebracht. Ebenso gut erkennt er auch die Notwendigkeit, aufgrund derer der Atheismus zur radikalen Form des Antitheismus werden muß, zur Option gegen Gott. Dennoch bleiben in seiner Analyse noch einige Punkte offen, die geklärt werden müssen. Vor allem einmal der Gedanke, daß das Antichristentum Sartres damit zu tun hat, daß er ohne seinen leiblichen Vater aufgewachsen ist, mit seiner ödipalen Abneigung gegen den Stiefvater. In Wahrheit ist das Problem jedoch viel komplexer. Ein Problem, das Moeller allerdings in seinem 1957 erschienenen Essay nicht lösen konnte, weil ihm noch nicht Sartres wertvolles autobiographisches Geständnis zur Verfügung stand: Das 1964 im Verlag Gallimard erschienene Les mots. Sartres Ablehnung Gottes, sein stolzes Autonomiebedürfnis, waren für Moeller ein „geheimnisumwitterter Knoten“, der nicht leicht zu lösen war, „da sich Sartre, im Gegensatz zu Gide, nie in den Mittelpunkt stellt“9. Genau das geschieht aber in Les mots, wo der Philosoph seine Kindheit beschreibt, von seinen geheimsten Wünschen, seinem Bezug zur Religion spricht. Letzterer ist allerdings weniger von der fehlenden Vaterfigur beeinflußt, als vielmehr von Sartres Großvater, Charles Schweitzer, einem stark katholikenfeindlichen Protestanten. „Im privaten Kreis, aus Treue zu unseren vergessenen Provinzen, zum schwerfälligen Humor der Anti-Papisten, seiner Brüder, ließ er keine Gelegenheit aus, sich über den Katholizismus lustig zu machen: seine Tischreden erinnerten an die Luthers. Besonders Lourdes hatte es ihm angetan: Bernadette hatte – so seine Version –‚ein einfaches Weib gesehen, das sein Hemd wechselte‘ [...]. Den hl. Labre beschrieb er als vollkommen verlaust, und von der hl. Marie Alacoque wußte er zu berichten, daß sie mit der Zunge die Exkremente der Kranken aufleckte. Diese Lügengeschichten waren mir mehr als nützlich [...], wäre ich doch fast der Heiligkeit zum Opfer gefallen, was mir mein Großvater so aber gründlich ausgetrieben hat: ich sah sie [die Heiligkeit] mit seinen Augen, als einen grausamen Wahn, der mit seinen abgeschmackten Ekstasen Übelkeit bei mir hervorrief und mich mit seiner Todesverachtung für den Körper erschreckte“10.

Geburt Jesu, Detail, Giotto, Cappella degli Scrovegni, Padua.
Die von Gott hinterlassene Leere wird von der Literatur ausgefüllt, von der Kunst des Schreibens. „Dieser verfehlte Priester, hielt, dem Wunsch seines Vaters entsprechend, am Göttlichen fest, um es in Kultur zu gießen. [...] Ich erkannte diese ungezügelte Religion und machte sie mir zueigen, um meine verblaßte Berufung aufzupolieren [...]. Ich wurde Katharer, verwechselte die Literatur mit dem Gebet, machte ein Menschenopfer daraus“13. Sartre fühlt sich vorbestimmt, erwählt, „Annalist der Unterwelt“. „Daher rührte jene helle Blindheit, mit der ich dreißig Jahre lang geschlagen war. Eines Morgens, 1917, in La Rochelle, wartete ich auf Schulkameraden, die mit mir aufs Gymnasium gingen; sie kamen nicht, und um mir die Zeit zu vertreiben, beschloß ich, an den Allmächtigen zu denken. Er verflüchtigte sich sofort in den Himmel, verschwand ohne jede Erklärung: es gibt ihn nicht, sagte ich mir mit höflichem Staunen, und meinte, das Problem damit gelöst zu haben. Und irgendwie war es auch gelöst: immerhin habe ich danach nie mehr auch nur die mindeste Versuchung verspürt, dieses Kapitel wieder aufzuschlagen. Aber der Andere blieb, der Unsichtbare, der Heilige Geist, jener, der Garant meines Mandats war, und der mein Leben durch große anonyme und heilige Kräfte beherrschte. Mich davon zu befreien, kostete mich umso mehr Mühe als es sich in meinem Hinterkopf festgesetzt hatte [...]. Schreiben war lange Zeit, als würde man den Tod, die Religion, in versteckter Form, bitten, mein Leben dem Zufall zu entreißen“14. Dieser Glaube war zu dem Zeitpunkt, als Sartre Les mots schrieb, verlorengegangen. „Die retrospektive Illusion ist zerbrochen; Martyrium, Heil, Unsterblichkeit, alles bröckelt ab, das Gebäude verfällt zur Ruine, ich habe den Heiligen Geist in den Keller gesperrt, ihn verjagt; der Atheismus ist ein grausames Unterfangen und von langer Dauer“15. In dem Bewußtsein, daß „die Kultur nichts und niemanden rettet, nichts rechtfertigt“16, da „man eine Neurose loswird, nicht sich selbst heilt“17, kommt Sartre jedoch nicht umhin, zu erkennen, daß „der Demoralisierte, der Ausgelöschte, der Gedemütigte, in eine Ecke Gedrängte, Übergangene noch da ist; daß all diese Züge des Kindes auch noch im Fünfzigjährigen vorhanden sind“18. Die in der Jugend so sehr geliebten literarischen Helden leben weiter. „Griselda ist nicht tot. Pardaillan lebt immer noch in mir. Und Strogoff. Ich hänge nur von ihnen ab, die wiederum nur von Gott abhängen, und ich glaube nicht an Gott. Seht, wie ihr damit klarkommt. Ich für meinen Teil komme nicht damit klar, und ich frage mich manchmal, ob ich nicht ein von vornherein verlorenes Gesellschaftsspiel spiele und nicht versuche, meine damaligen Hoffnungen mit Füßen zu treten, nur damit mir alles hundertfach zurückgegeben wird. In diesem Fall wäre ich Philoctetes: prächtig und stinkend hat dieser Krüppel alles hergegeben, selbst seinen Bogen, bedingungslos: aber man kann doch sicher sein, daß er insgeheim auf seine Belohnung wartet“19.
2. Die Geburt Jesu als „erster Morgen der Welt“
Sartre ist nicht Atheist geworden, weil er als Kind die Figur des Stiefvaters ablehnte. Der heftige Widerwille, den Charles Schweitzer dem Katholizismus gegenüber empfand, hatte einen entscheidenden Einfluß darauf, daß der Glaube seines jungen Enkels verlorenging. Bewiesen wird das in einem 1940 geschriebenen Werk, in dem man sich von der These Moellers, nach der Sartre „leugnen wollte, ‚Sohn‘ zu sein“, zu distanzieren scheint. Es handelt sich um das Theaterstück Bariona oder Der Sohn des Donners, das nun beim Rowohlt Taschenbuchverlag in deutscher Neuübersetzung20 vorliegt. Geschrieben hat es Sartre in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Ein Umstand, auf den Moeller nur flüchtig hinweist: „In einem deutschen Kriegsgefangenenlager hat er ein Weihnachtsspiel geschrieben, das in einer Baracke aufgeführt wurde“21; und mehr hätte er auch nicht sagen können, denn schließlich wurde das Werk, 500 privat gedruckte Kopien, erst 1962 veröffentlicht. Darin begegnen wir einem nie gekannten Sartre, weit entfernt von dem Nihilisten von La nausée; einem der für die vom novum der Geburt geweckte Hoffnung offen ist. Ein Sartre, der die Positivität des Seins anerkennt und es mit seltenem Taktgefühl versteht, die verwunderte Zuneigung Mariens und den Beschützerinstinkt, den Josef dem „Gotteskind“ gegenüber an den Tag legt, zu beschreiben.

Die Anbetung der Könige, Detail, Gentile da Fabriano, Uffizien, Florenz.
In diesem Kontext wurde die Idee zu dem von Sartre 1940 geschriebenen Theaterstück geboren. Die Proben fanden in der Baracke statt, die Pater Boisselot vom Lageraufseher für die Messe, für Konzerte und Theateraufführungen zur Verfügung gestellt worden war. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Dorfvorstehers, Bariona, der zwar die vom römischen Prokurator verordnete Erhöhung der Kopfsteuer akzeptiert, von den Dorfbewohnern aber verlangt, keine Kinder mehr zu zeugen. Rom sollte somit also seine Macht nur über eine Wüste ausüben können. In seinem selbstmörderischen Imperativ weiß Bariona noch nicht, daß seine eigene Frau, Sarah, ein Kind erwartet. Die dramatische Entdeckung der Wahrheit läßt ihn aber nicht von seiner Entscheidung abweichen, gegen die sich seine Frau jedoch zur Wehr setzt. Vor diesem Hintergrund berichten die Hirten Bariona von der Geburt des Messias in einem Stall in Bethlehem; eine Nachricht, die in seinen Augen wie eine große Illusion, eine Täuschung aussieht. Der jüdische Dorfvorsteher trägt sich mit dem Gedanken, das Kind zu töten, diese leere Hoffnung im Keim zu ersticken. Als er in Bethlehem ankommt, findet er dort Sarah vor und eine kniende Menge, die sichtlich bewegt und glücklich ist. Er ist so überrascht, daß er von seinem Vorhaben abkommt, und als er erfährt, daß Herodes Jesus töten lassen will, versammelt er seine Männer; sie greifen zu den Waffen und stellen sich, sich dem sicheren Tod bewußt, den Häschern den Königs entgegen. Sartre war sehr zufrieden mit seiner Arbeit. In einem Brief an Simone de Beauvoir schrieb er: „Ich habe ein sehr bewegendes Weihnachtsgeheimnis geschrieben; einem der Schauspieler ging es so zu Herzen, daß er sogar weinen mußte“25. Dreißig Jahre später sollte er sein Stück dagegen negativ beurteilen: „Ich habe Bariona geschrieben. Zwar nichts Tolles, zugrunde lag ihm aber die Idee eines Theaterstücks [...]. Die Deutschen hatten die Anspielung auf das Engagement nicht verstanden, einfach nur ein Weihnachtsspiel darin gesehen“26. Und weiter: „Wenn ich das Thema der Mythologie des Christentums entnommen habe, dann nicht etwa deshalb, weil ich meine Meinung – vielleicht momentan, während der Gefangenschaft – geändert hätte. Es ging vielmehr darum, und da war ich mir mit den Priestern unter meinen Mithäftlingen einer Meinung, ein Thema zu finden, das am Weihnachtsabend die größtmögliche Einheit zwischen Christen und Nicht-Gläubigen herstellen konnte“27.
An all dem ist etwas Wahres. Wie sollte man sich sonst auch das – politisch eindeutig anti-deutsche – Finale des Werkes erklären? Dennoch stimmt auch, was Cohen-Solal festhielt, daß es sich nämlich für Sartre „um eine wichtigere Erfahrung handelte, als es den Anschein hatte“28. Es ist kein Zufall, daß er gerade zu jenem Zeitpunkt auch seine Leidenschaft für Claudel und Bernanos entdeckte: „Die beiden großen Entdeckungen, die ich im Gefangenenlager gemacht habe, waren Le Soulier de satin und das Journal d’un curé de campagne. Es sind die einzigen Bücher, die bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben“29. Bariona ist in Wahrheit sehr viel mehr als ein zum Kampf aufrufendes politisches Pamphlet – wenn dieser Eindruck auch unweigerlich entstehen muß. Sartre ist darin einer Vorstellung vom Geheimnis der Geburt und der Mutterschaft, aber auch dem christlichen Geheimnis, so nahe gekommen wie nie zuvor und niemals wieder in seinen Werken. So gesehen stellt es, wie Antonio Delogu in der Einleitung zur italienischen Ausgabe feststellte, „eine wirkliche Ausnahme“30 im Sartreschen Denken dar. Bariona ist vor allem das Abkommen von der noch in La nausée und den Erzählungen in Le mur enthaltenen Weltanschauung, einer Weltanschauung, die auch noch im Zentrum von L’être et le néant steht. Die Worte, die Bariona zu Sarah sagt, um sie davon zu überzeugen, ihr noch ungeborenes Kind zu töten, zeigen den existentialistischen Nihilismus des jungen Sartre: „Frau, dieses Kind, das du gebären willst, ist wie eine neue Ausgabe der Welt. Durch es werden die Wolken und das Wasser und die Sonne und die Häuser und das Leid der Menschen einmal mehr existieren. Du wirst die Welt wiedererschaffen, sie wird sich wie eine dicke, schwarze Kruste um ein kleines entsetztes Bewußtsein herum bilden, das dort wohnen wird, gefangen mitten in der Kruste, wie ein Wurm. Verstehst du, was für eine maßlose Ungehörigkeit, was für eine ungeheure Taktlosigkeit es wäre, von der mißratenen Welt neue Exemplare zu machen? Ein Kind machen heißt die Schöpfung aus tiefstem Herzen gutheißen, dem Gott, der uns quält, sagen: ‚Herr, alles ist gut, und ich danke dir, daß du die Welt gemacht hast‘ [...]. Die Welt ist ein furchtbarer Aussatz, der uns alle zerfrißt, und unsere Eltern haben sich schuldig gemacht“31.
Nicht zu zeugen bedeutet, die Schuld der Eltern zu sühnen, die Schuld Gottes. Bedeutet, eine unreine, schlecht gelungene Schöpfung abzulehnen. Bariona bringt sein ganzes Ressentiment gegen die gnostische, „katharische“ Rebellion, eines Nihilismus, der das Sein haßt, zum Ausdruck. Die Negation des Sohnes ist die Negation eines neuen Anfangs. Das, was existiert, verdient den Untergang: der Tod ist das Gericht über die Welt. Auf die Frage Sarahs: „Und wenn es dennoch Gottes Wille wäre, daß wir zeugen?“32, verlangt Bariona ein Zeichen, die Manifestation Gottes. Verlangt ein Zeichen, aber in Wahrheit will er gar nicht glauben: „Ich werde um keine Gnade bitten und nicht danke sagen [...]. Und hätte der Ewige mir sein Gesicht zwischen den Wolken gezeigt, ich würde mich noch weigern, ihn zu hören, denn ich bin frei; und Gott selbst vermag nichts gegen einen freien Menschen. Er kann mich zu Staub machen oder mich wie eine Fackel anzünden [...], aber er vermag nichts gegen diesen ehernen Pfeiler, gegen diese unbeugsame Säule: die Freiheit des Menschen“33.
Bariona ist Sartre, der Prometheusche Sartre der absoluten Freiheit, der Negation des Andersseins als höchste Form der Autonomie. Der Sartre, der sich jede mögliche Hoffnung verbietet, verstanden als Fahnenflucht vor der unerbittlichen Härte der Existenz. Bariona kann nicht hoffen, nicht auf den Messias warten. „Diese Welt ist ein unendlicher Absturz, ihr wißt es genau. Der Messias, das wäre jemand, der diesen Absturz aufhalten würde, der den Lauf der Dinge plötzlich umkehren würde [...], und wir würden als Greise geboren werden, um uns dann zu verjüngen bis zur frühen Kindheit“34. Das ist nicht möglich: „Die Würde des Menschen liegt in seiner Verweiflung“35. Bis dahin nichts Neues. Hier haben wir den alten Sartre, den „existentialistischen“ Sartre. In seinem Werk kommt jedoch die Figur eines der Heiligen Drei Könige vor, Balthasar, der von keinem Geringeren als Sartre selbst dargestellt wurde. Balthasar repräsentiert den neuen Moment, der bei Sartre zutage tritt, den Moment der Hoffnung: „Es ist wahr, daß wir sehr alt und sehr gelehrt sind und alles Übel der Erde kennen. Doch als wir diesen Stern am Himmel sahen, haben unsere Herzen vor Freude geklopft wie bei Kindern, und wir waren wie Kinder und haben uns auf den Weg gemacht, denn wir wollten unsere Menschenpflicht erfüllen und hoffen. Wer die Hoffnung verliert, Bariona, der wird aus seinem Dorf vertrieben werden [...]. Aber dem, der hofft, ist alles Lächeln, und die Welt wird ihm geschenkt“36.
Die Hoffnung Balthasars ist die Hoffnung Sarahs. Auch sie will nach Bethlehem gehen: „Da unten ist eine überglückliche Frau, eine Mutter, die geboren hat für alle Mütter, und das ist, als hätte sie mir eine Erlaubnis gegeben: die Erlaubnis, mein Kind zur Welt zu bringen. Ich möchte sie sehen, sie sehen, diese glückliche, geheiligte Mutter“37.
Die Absicht seiner Frau läßt Bariona nicht von seinem Vorhaben abweichen. Nachdem er von einer Art Seher erfahren hat, daß es das Schicksal des Messias war, den Kreuzestod zu sterben, reift in ihm die Überzeugung, das Kind dem Wohl seines Volkes opfern zu müssen, um „in ihnen die reine Flamme des Aufruhrs erhalten!“38. In Bethlehem angekommen, vor dem Stall, erblickt Bariona Maria, die mit dem Rücken zu ihm steht, sieht nicht das Kind in ihren Armen, sieht nur Josef. „Aber ich sehe den Mann. Es ist wahr: wie er sie ansieht! Mit was für Augen! Was kann da alles sein, hinter diesen beiden hellen Augen, hell wie zwei Abwesenheiten in diesem festen, zerfurchten Gesicht? Welche Hoffnung! [...]. Wenn ich den Mut hätte finden wollen, dieses junge Leben zwischen meinen Fingern auszulöschen, hätte ich es nicht vorher in den Augen seines Vaters wahrnehmen dürfen. So bin ich denn besiegt“39. Der Blick Josefs, der auf Jesus ruht, gebietet der meuchlerischen Hand Barionas Einhalt, der nicht umhin kann, Neid zu empfinden angesichts der Glückseligkeit dieser verwunderten Menge, die gekommen ist, um das Kind anzubeten. Ein für ihn illusorisches Glück und dennoch ein so offensichtliches: „Sie haben die Hände gefaltet und denken: Etwas hat angefangen. Und sie täuschen sich natürlich, sie sind in eine Falle gegangen, und sie werden das später teuer bezahlen; aber trotzdem, diese Minute werden sie erlebt haben; sie haben Glück, an einen Anfang glauben zu können. Was ist rührender für ein Menschenherz als der Anfang einer Welt und die Jugend voller Ungewissheit und der Anfang einer Liebe, wenn alles noch möglich ist, wenn die Sonne, noch bevor sie sich gezeigt hat, in der Luft und in den Gesichtern anwesend ist [...]. Und ich bleibe in der großen irdischen Nacht, in der tropischen Nacht des Hasses und des Unglücks. Aber – o trügerische Macht des Glaubens – für meine Männer bricht in diesem Stall, bei der Heiligkeit einer Kerze, Jahrtausende nach der Schöpfung der erste Morgen der Welt an“40.
Bariona hat keinen Anteil an dieser Hoffnung. „Sieh da, sie singen, und ich stehe allein auf der Schwelle zu ihrer Freude. [...] Sie haben mich verlassen, und meine Frau ist bei ihnen, sie freuen sich und haben vergessen, daß es mich überhaupt gibt. Mein Weg ist auf der Seite der Welt, die zu Ende geht, und sie sind auf der Seite der Welt, die beginnt. Am Rand ihrer Freude und ihres Gebets fühle ich mich noch einsamer als in meinem ausgestorbenen Dorf“41. Erst jetzt, unfähig, an der allgemeinen Freude Anteil zu haben, ist Bariona wirklich allein. Eine Einsamkeit, die im siebten Bild, dem letzten des Stückes, nur augenscheinlich überwunden ist. Dem nämlich, in dem Bariona schließlich doch noch zur Besinnung kommt und seine Männer versammelt, um Jesus vor den Häschern des Herodes zu retten. Es ist der „politischste“ Teil und, vielleicht, der am wenigsten gelungene, der folgendes, spontanes Urteil bestätigt, das Abt Perrin am Tag nach der Vorstellung abgegeben hat: „An diesem Bariona ist nichts von dem Geheimnis des klassischen Weihnachten: man sieht weder die Jungfrau Maria noch das Jesuskind, denn nicht als Schattenbilder [...]. Die Männer Barionas treten ab, gehen vielleicht in den Tod, aber sie werden sterben, damit die Hoffnung der freien Menschen nicht sterben muß“42.
Ein zwar sachliches, aber doch nicht vollkommen erschöpfendes Urteil. In Wahrheit war Sartre nie so nahe an der Intuition des christlichen Geheimnisses, jenem neuen Anfang, der die Hoffnung möglich macht. Wie Bariona bekräftigt: „Ein Gottmensch, ein Gott aus unserem erniedrigten Fleisch, ein Gott, der bereit wäre, diesen salzigen Geschmack kennenzulernen, den wir im Mund haben, wenn die ganze Welt uns verläßt, ein Gott, der im voraus bereit wäre, zu leiden, was ich heute leide... Also, das ist Blödsinn!“43. Dieser Blödsinn wird zu „ängstlicher Verwunderung“ im zärtlichen und besorgten Blick Mariens. „Sie betrachtet ihn und denkt: „Dieser Gott ist mein Kind. Dieses göttliche Fleisch ist mein Fleisch. Er ist aus mir gemacht, er hat meine Augen, und diese Form seines Mundes ist auch die Form von meinem. Er sieht mir ähnlich. Er ist Gott, und er sieht mir ähnlich.“ Und keine Frau hat ihren Gott derart für sich allein gehabt. Einen ganz kleinen Gott, denn man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken, einen ganz warmen Gott, der lächelt und atmet, einen Gott, den man berühren kann und der lebt“44.
Sartre sollte nie wieder so schreiben, weder über Gott noch über den Menschen. Das Theaterstück von jenem Weihnachtsabend des Jahres 1940 sollte, so gesehen, eine „Ausnahme“ bleiben, so als hätte ihn die besondere Atmosphäre des Gefangenenlagers dem Geheimnis der Existenz näher gebracht. Nah genug jedenfalls, um uns eine der schönsten Weihnachtsdarstellungen der Literatur des 20. Jahrhunderts zu schenken.
Anmerkungen
1 Ch. Moeller, Littérature du XXe siècle et christianisme, II, La foi en Jésus-Christ, Tournai-Paris 1957, Kapitel „Jean-Paul Sartre ou la méconnaissance du surnaturel“, S. 52.
2 Op. cit., S. 52.
3 J.-P. Sartre, Les mots, Paris 1964, S. 189.
4 C. Moeller, „Jean-Paul Sartre ou la méconnaissance du surnaturel“, cit., S. 53.
5 Op. cit., SS. 53-54.
6 Op. cit., S. 54.
7 Op. cit., S. 107.
8 Op. cit., S. 103.
9 Op. cit., S. 54.
10 J.-P. Sartre, Les mots, cit., S. 80.
11 Op.cit., S. 81-82.
12 Op.cit., S. 83.
13 Op.cit., SS.147-149.
14 Op.cit., S. 209.
15 Op.cit., S. 210.
16 Op.cit., S. 211.
17 Ebd.
18 Op.cit., S. 212.
19 Op.cit., S. 212.
20 J.-P. Sartre, Bariona oder Der Sohn des Donners, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2002.
21 Ch. Moeller, „Jean-Paul Sartre ou la méconnaissance du surnaturel“, cit., S. 51-52.
22 J.-P. Sartre, Oeuvres romanesques, Paris 1981, S. LXI.
23 A. Cohen-Solal, Sartre, Paris, Gallimard, S. 216.
24 M. Merleau-Ponty, Sens et non sens, Paris 1948.
25 J.-P. Sartre, Lettres au Castor et à quelques autres, Paris 1983.
26 Cit. in: S. De Beauvoir, La Cérémonie des adieux, Paris 1981, S. 238.
27 M. Contant - M. Rybalka, Les Ecrits de Sartre – Chronologie, Bibliographie commentée, Paris 1970, S. 564.
28 A. Cohen-Solal, Sartre, cit., S. 219.
29 Interview von Claire Vervin mit Sartre für den Artikel Lectures de prisonniers, in Les lettres françaises, 2. Dezember 1944, S. 3.
30 A. Delogu, „Un mistero di Natale molto commovente“, Einleitung zu: J.-P. Sartre, Bariona o il Figlio del Tuono , cit., S.VII.
31 J.-P. Sartre, Bariona oder Der Sohn des Donners, cit., S. 30.
32 Op.cit., S. 31.
33 Op.cit., S. 46.
34 Op.cit., S. 48.
35 Op.cit., S. 51.
36 Op.cit., S. 53
37 Op.cit., S. 53-54
38 Op.cit., S. 65.
39 Op.cit., S. 71.
40 Op.cit., S. 73.
41 Op.cit., S. 74.
42 M. Perrin, Avec Sartre au Stalag XII D, Paris 1980, S. 93.
43 J.-P. Sartre, Bariona oder der Sohn des Donners, cit., S.57.
44 Op.cit., S. 66.