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DIE ORTHODOXEN
Aus Nr. 01 - 2004

Interview mit Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel

Die Wurzel des Schismas: weltliches Denken in der Kirche


„Von all diesen Unstimmigkeiten ist das, was am leichtesten verständlich ist, daß die Kirche des Westens ihre Hoffnung auf ihre weltliche Macht setzte.“


von Gianni Valente


Bartholomaios I. bei  seiner Begegnung mit den Journalisten von 30Tage.

Bartholomaios I. bei seiner Begegnung mit den Journalisten von 30Tage.

Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, will nach seinem überraschenden Besuch Ende Januar in Kuba zur Einweihung der orthodoxen Kathedrale St. Nikolaus (gebaut mit dem „Segen“ Fidel Castros) nun auch nach Rom kommen. In ein paar Monaten, nach Beendigung der Restaurierungsarbeiten, wird die katholische Kirche San Teodoro am Palatin endlich den Popen der orthodoxen Diözese für Italien übergeben werden: Womit dann die pastorale Betreuung der in Rom lebenden griechisch-sprachigen orthodoxen Gläubigen vorangetrieben werden kann. Ein Anlaß, zu dem auch die Ankunft des primus inter pares unter den Primaten der orthodoxen Kirchen in der Ewigen Stadt erwartet wird, sozusagen als „Ehrung“ dieser „Übergabe“ von unleugbarer ökumenischer Bedeutung. Und der Patriarch wird auch Johannes Paul II. im apostolischen Palast besuchen.
Die neuerliche Begegnung der Nachfolger der beiden Fischer und Brüder Petrus und Andreas hätte schon Mitte Februar stattfinden sollen. Offiziell gerechtfertigt wurde die Verschiebung des Besuchs auf nach Ostern mit der Verspätung bei den Umbauarbeiten der zukünftigen orthodoxen Pfarrei für Rom. Durch die sich 2004 jährenden suggestiven historischen Gedenktage erhält die auf der Tagesordnung stehende Begegnung des Papstes mit dem Patriarchen einen ganz besonderen Beigeschmack. So jährt sich beispielsweise bald der 950. Jahrestag jener Episode, die historischen Rekonstruktionen zufolge als Katalysator für das große Morgenländische Schisma gilt: am 16. Juli 1054 legte der Päpstliche Legat Humbert von Silva Candida die Bannbulle gegen den damaligen Patriarchen von Konstantinopel, Michael Kerularios, auf dem Altar der Hagia Sophia nieder, worauf Letzterer prompt mit dem gleichen Bann antwortete. 800 Jahre dagegen sind seit dem 4. Kreuzzug des Jahres 1204 vergangen, als die christlichen Milizen des Abendlandes, die ausgezogen waren, um die Heiligen Stätten zu befreien, eine „Kursänderung“ einlegten und stattdessen lieber erst einmal Byzanz plünderten, um dann mit dem erbeuteten Gold und Marmor die Kirchen Venedigs zu schmücken. Nach diesem schrecklichen „Zwei:Eins“ stand das gesamte 2. christliche Jahrtausend im Zeichen der Spaltung zwischen morgenländischer und abendländischer Kirche. Doch auch der 40. Jahrestag eines Ereignisses ganz anderer Art konnte bereits begangen werden: der Umarmung zwischen Athenagoras und Paul VI. in Jerusalem, am 5. Januar 1964, die darauf hoffen ließ, daß der tiefe Abgrund der Feindschaft zwischen Brüdern doch nicht unwiderruflich bis ans Ende der Geschichte bestehen müsse.
Am 1. Dezember, dem Tag nach den Zelebrationen zum Patronatsfest des hl. Andreas, empfing sein 264. Nachfolger, Bartholomaios, die Journalisten von 30Tage in seinem Patriarchatssitz. In einem von den blutigen Attentaten im November noch sichtlich erschütterten Istanbul. Bei dieser Gelegenheit baten wir den Patriarchen auch um einen kurzen Abriß der Fakten und Motive, die der Spaltung der einen Kirche Christi während des zweiten Jahrtausends zugrundelagen.
Im Rahmen seiner Schilderung der Dinge, die sich vor Hunderten von Jahren ereigneten, schlägt er überaus aktuelle Perspektiven zur Befindlichkeit des Glaubens und der Kirche in der Welt vor. So sieht er beispielsweise als der Spaltung zugrundeliegendes Motiv das erste Aufkommen eines weltlichen Denkens in der Kirche.

Eure Heiligkeit, seit dem Schisma von 1054 sind 950 Jahre vergangen. Seit jenem Moment also, den Historiker als Bruch zwischen morgenländischer und abendländischer Kirche ansehen. Welches historische und theologische Urteil läßt sich heute, nach so langer Zeit und im Licht der nachfolgenden Ereignisse wie auch der heutigen Situation über diese Episode abgeben?
BARTHOLOMAIOS I.: In der Tat handelt es sich um eine Episode, bzw. eine Tatsache, die wenig Bedeutung hat. Und das nicht, weil das Schisma keine schwerwiegenden Folgen gehabt hätte, sondern weil die Episode der offiziellen Manifestation des Schismas für Geschichte und Theologie nicht wesentlich ist. Das wichtige für sie sind die Mentalität und der Geist, der im Westen vorherrschte, und als solche haben diese, nach und nach, so sehr den Bogen überspannt, der Ost und West kirchlich zusammenhielt, daß dieser letzten Endes zu Bruch gegangen ist.
ýur offiziellen Manifestation des Schismas Ð wenn sich dieses 1054 nicht unter den Umständen ereignet hätte, wie das der Fall war – wäre es sicher später gekommen, und unter anderen Umständen. Im Westen hatte sich nämlich ein Geist einschleichen können, der anders war als der, der sich im Osten bewahrt hatte.
Wer also die geistlichen Gesetze kennt, für den war das Schisma die unvermeidliche Folge eines Prozesses, dessen Wurzel in den ersten Manifestationen des weltlichen Denkens in der Kirche zu suchen ist. Da dieses Denken dann nicht sofort als antichristlich verworfen wurde, war es unvermeidlich, daß daraus ein Geist entstehen würde, der anders war als der der vereinten Urkirche, was dann eben auch das Schisma zur Folge hatte.
Diese und folgende Seiten, Momente der heiligen Liturgie, die in der Kathedrale St. Georg, beim Sitz des Ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel, gefeiert wurde (30. November 2003). Anlaß: das Patronatsfest des  Apostels Andreas. Links, der armenische Patriarch von Istanbul, Mesrop II. Mutafyan, bei der Feier.

Diese und folgende Seiten, Momente der heiligen Liturgie, die in der Kathedrale St. Georg, beim Sitz des Ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel, gefeiert wurde (30. November 2003). Anlaß: das Patronatsfest des Apostels Andreas. Links, der armenische Patriarch von Istanbul, Mesrop II. Mutafyan, bei der Feier.

Im Jahr 1054 sind lediglich offiziell einige der Abweichungen zutage getreten, die bereits zuvor entstehen und reifen konnten. Und an denen man sehen konnte, daß die Kirche des Ostens und die des Westens in vielen grundlegenden Dingen nicht einer Meinung waren, einige davon dogmatischer Natur, wie das Filioque und der päpstliche Primat der universalen Jurisdiktion, und andere kanonischer Natur, wie der Priesterzölibat.
Von all diesen Unstimmigkeiten ist das, was am leichtesten verständlich ist, daß die Kirche des Westens ihre Hoffnung auf ihre weltliche Macht setzte. Vielleicht macht der Umstand, daß fast alle modernen Gesellschaften ihre Hoffnung auf den Menschen und seine Errungenschaften, auf Forschung, Militärkraft, Technik und ähnliches setzen, es unmöglich, den orthodoxen Menschen zu verstehen, der – ohne das alles unterzubewerten oder völlig zu verwerfen – seine Hoffnung hauptsächlich auf Gott setzt.
Die Kirche muß ihre Kraft auf ihre menschliche Schwäche stützen, auf die Verrücktheit des Kreuzes (den Juden ein Anstoß, Torheit den Griechen). Bar jeder weltlichen Macht, verfolgt und täglich mit dem Tod bedroht, bringt sie Heilige hervor, die die Gnade Gottes in irdenen Gefäßen besitzen, im Licht der Verklärung leben, und von Gott zum Martyrium und zum Opfer geführt werden, und nicht zur gewaltsamen Schaffung eines selbsternannten Gottesstaates in der Welt. Seine Heiligen sind nicht einfach nur eine Art Sozialarbeiter, Menschenfreunde oder Wunderheiler. Sie bringen die menschliche Person mit der Person Christi zusammen, führen den geschaffenen Menschen zur ungeschaffenen Göttlichkeit, führen in ihm nicht eine einfache Verbesserung oder moralische Perfektionierung herbei, sondern eine ontologische Veränderung der Natur des Menschen. Deshalb liegt die Hoffnung der orthodoxen Kirche nicht in dieser Welt.
Katholische Historiker haben darauf aufmerksam gemacht, daß es bereits im Laufe des 1. Jahrtausends Spannungen zwischen der Kirche des Ostens und der des Westens gegeben hat, vor allem bezüglich der Rolle des Papstes. Weshalb man das 1. Jahrtausend auch nicht als eine Art goldenes Zeitalter bezeichnen sollte. Würden Sie dem zustimmen?
BARTHOLOMAIOS I.: Die Welt, in der die Kirche in ihrer historischen Befindlichkeit lebt, ist wahrlich kein Erholungsort. Während des 1. Jahrtausends mußte sich die Kirche mit Hunderten von Häresien, Abweichungen, allen möglichen Arten von Abstürzen von Gruppen von Gläubigen herumschlagen. Niemand, der die Tatsachen kennt, könnte das 1. Jahrtausend also als goldenes Zeitalter bezeichnen, und auch in den Beziehungen zwischen der Kirche des Ostens und der des Westens hat es im 1. Jahrtausend die ein oder andere Schattenseite gegeben.
Trotz allem hatten die Kirchen von Ost und West im 1. Jahrtausend doch noch das Band des Friedens und der Einheit des Glaubens bewahren können, zumindest in den grundlegenden Fragen. Die Abweichungen hatten sich zwar bereits abgezeichnet, galten aber noch nicht als „unkittbar.“ Der Dialog war ein aktiver, man bewahrte den Sinn der Einheit und der Gemeinschaft, bekräftigt in Leib und Blut Christi, also in den Sakramenten, während man alle Mühe darauf verwandte, die Abweichungen schwinden zu lassen.
Leider erzielte man nicht den gewünschten Erfolg, und letzten Endes konnte die Gegen-Bewegung Oberhand gewinnen, die des Pochens auf die Unterschiede und, wie bereits gesagt, des Schismas. Folglich war das 1. Jahrtausend, wenn es einerseits auch kein goldenes Zeitalter war, was die Beziehungen zwischen Ost und West angeht, dennoch eine Epoche geistlicher Gemeinschaft, und das ist sehr wichtig.
Kardinal Walter Kasper ist der Meinung, daß die gegenseitige Exkommunizierung von Patriarch Kerularios und dem Päpstlichen Legaten Humbert von Silva Candida kein Schisma zwischen zwei Kirchen war, sondern eine Exkommunikation „zwischen zwei alten, starrköpfigen Kirchenmännern, die beide Fehler begangen haben und deren Handeln Folgen hatte, die über die Polemiken ihrer Zeit hinausgingen.“ Teilen Sie dieses Urteil?
BARTHOLOMAIOS I.: Nicht ganz. Wie bereits erklärt, handelte es sich bei den Kirchenbannen von 1054 um eine Episode, die an sich keine große Bedeutung hatte, aber das Ergebnis eines langen Prozesses war, sozusagen das „Aufplatzen“ einer lang währenden eitrigen Entzündung. Ihre Personen und Darsteller haben zwar sicher ihre Rolle gespielt, aber es waren nicht diese Faktoren, die den Lauf der Geschichte bestimmt haben. Die Kräfte, von denen dieser Kurs festgelegt wurde, waren tiefgründiger, weitreichender, spiritueller und effizienter. Betrafen ganze Völker und Mentalitäten, nicht einzelne Personen, wie mächtig diese in der zivilen oder kirchlichen Hierarchie auch gewesen sein mögen, betrafen also nicht deren einzelne und unvorhersehbare Reaktionen.
Patriarch Bartholomaios I. mit 12 Metropoliten des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel bei der Liturgie.

Patriarch Bartholomaios I. mit 12 Metropoliten des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel bei der Liturgie.

Wenn sich die Christen des Ostens und die des Westens nicht schon lange geistlich voneinander entfernt hätten, wäre das, was Kerularios und Humbert getan hatten, von ihren unmittelbaren Nachfolgern rückgängig gemacht worden. Die Tatsache, daß diese Akte ein Jahrtausend gültig geblieben sind bezeugt, daß der vorherrschende allgemeine Geist das Schisma als Ausdruck der existierenden geistlichen Diversifikation gutgeheißen hat.
Außerdem wird dieses Empfinden der geistlichen Diversifikation zwischen Ost und West, oder, mit anderen Worten, zwischen römisch-katholischer und protestantischer Welt einerseits (da sich diese beiden Welten, trotz ihrer Unstimmigkeiten, einander näher fühlen) und der orthodoxen auf der anderen, auch von den größten Intellektuellen der modernen Zeit erkannt und proklamiert.
Der Dominikaner und Theologe Yves Congar stellte fest, daß es auch nach 1054 und bis zum Konzil von Florenz 1431 soviele Gemeinsamkeiten gegeben hat, daß man nicht von einem vollständigen Bruch sprechen konnte. Was hat die Trennung in den nachfolgenden Jahrhunderten dann „vorerst definitiv“ gemacht?
BARTHOLOMAIOS I.: Ein geistlicher Bruch, der Millionen von Gläubigen und ganze Kontinente betrifft, vollzieht sich nicht von einem Moment auf den anderen, und auch nicht in uniformer Weise. Die Krankheit und der Schaden, der dadurch entstanden ist, befällt nicht gleichzeitig alle Zellen. So ist es auch verständlich, daß sich lokal und zeitweise Elemente der Gemeinschaft aufrechterhalten konnten. Aber das ändert nichts an der allgemeinen Situation, die sich leider immer mehr verschlechtert hat.
Im Jahr 1204 kam es zur unmenschlichen und barbarischen Plünderung Konstantinopels, als wäre es eine Stadt von Ungläubigen, und nicht Menschen desselben christlichen Glaubens. Hier und auch in vielen anderen Städten kam es zur Einsetzung einer lateinischen kirchlichen Hierarchie, so als wäre die orthodoxe keine christliche. Es wurde proklamiert, daß es außerhalb der Kirche des Papstes kein Heil gäbe, was bedeutet, daß die orthodoxe Kirche kein Heil bietet. Man unternahm große Anstrengungen für die Einführung und Umsetzung einer breitangelegten Latinisierungskampagne fränkischer Prägung der orthodoxen Kirche des Ostens.
Diese unerbittliche Haltung hat den psychologischen Abgrund zwischen Ost und West noch größer gemacht und zu der Situation geführt, die wir heute haben. In der viele der orthodoxen Kirchen, einstimmig oder zumindest eine große Mehrheit, die Aufrichtigkeit der unionistischen Absichten der römisch-katholischen Kirche der orthodoxen Kirche gegenüber in Abrede stellen und warnen vor den Hoffnungen, durch den Dialog ein unionistisches Resultat zu erreichen. Sie sehen diesen Versuch als eine Methode, sich die Orthodoxen „einzuverleiben“ und dem Papst untertänig zu machen. Wir persönlich sehen den Dialog stets als nützlich an und erwarten, daß er Früchte tragen wird, auch wenn diese natürlich langsam reifen müssen. Wir zählen nicht nur auf die menschlichen Versuche des guten Willens, sondern auch auf die Erleuchtung des Heiligen Geistes, auf die göttliche Gnade, die stets von Krankheit heilt und das Fehlende ergänzt.
Humbert von Silva Candida war ein Repräsentant der Erneuerer, die in der Kirche des Abendlandes die gregorianische Reform einleiteten. Warum hat diese Bewegung zu einer Entfernung und einem Bruch zwischen der Kirche des Abendlandes und der des Morgenlandes geführt?
BARTHOLOMAIOS I.: Die gregorianische Reform hat in der orthodoxen Kirche und ihrer Herde wegen des Geistes Reaktionen ausgelöst, der die Art ihrer Umsetzung hervorbrachte (Geist des Autoritarismus, unilaterale Macht- und Handlungsbefugnisse, die alte Traditionen zunichte machten). Die Reaktionen waren gegen die geistliche Vorherrschaft gerichtet, gegen die geistliche Knechtschaft, gegen den geistlichen Autoritarismus. Allgemein könnte man sagen, daß die Reaktionen auf einem Sinn für die Freiheit der Person gründeten, der in der Kultur des orthodoxen Ostens zuhause ist.
Mit der gregorianischen Reform entfernt sich die historische Entwicklung der Päpstlichen Macht in den Augen der Orthodoxen von dem Petrus und den anderen Aposteln von Christus selbst erteilten Auftrag. Welche sind Ihrer Meinung nach die auffälligsten und grundlegendsten Elemente dieses Prozesses?
BARTHOLOMAIOS I.: Aus dem bisher Gesagten geht wohl, wie wir meinen, deutlich hervor, daß der Geist Christi, der sich in dem Satz widerspiegelt: „Ich bin nicht gekommen, daß man mir dient, sondern um zu dienen“, und vor allem im „seine Seele hingeben für das Heil von vielen“, an dem sich auch seine Apostel inspirieren sollen, nach orthodoxer Vorstellung, nicht in einer zentralisierten kirchlichen Macht Ausdruck findet.
Nach orthodoxer Vorstellung ist die Theorie einer Vormachtstellung Petri über die Apostel falsch, weil Petrus auf der einen Seite zwar hervorgehoben war, auf der anderen aber in gleicher Weise Apostel war wie alle anderen auch. Die Vorrangstellung Petri den anderen gegenüber wird herausgestellt, um einen Machtprimat zu rechtfertigen.
Darüber hinaus warnen die Orthodoxen natürlich auch vor allen anderen päpstlichen Ansprüchen, wie der Unfehlbarkeit und den neueren päpstlichen Dogmen, da sie in diesen Ansprüchen ein Abkommen vom Glauben der ersten Christen, von der Ekklesiologie der Urkirche sehen.
Bartholomaios I. umarmt Kardinal Walter Kasper, Chef der vom Hl. Stuhl zum Patronatsfest  des Ökumenischen Patriarchats nach Istanbul gesandten Delegation.

Bartholomaios I. umarmt Kardinal Walter Kasper, Chef der vom Hl. Stuhl zum Patronatsfest des Ökumenischen Patriarchats nach Istanbul gesandten Delegation.

Aber die negativen Auswirkungen des Schismas betrafen nicht nur die Kirche des Abendlandes. Katholische Experten betonen, daß sich die Fragilität der Kirchen des Ostens und ihre strukturelle Unterwerfung unter die staatliche Macht nach der Trennung stärker ausgeprägt hat. Sind Sie auch dieser Meinung?
BARTHOLOMAIOS I.: Nein, wir teilen diese Meinung nicht. Die orthodoxen Kirchen des Ostens haben niemals nach weltlicher Macht gestrebt, und sie haben ihre Existenz und ihr Leben auch niemals darauf gestützt. Sie haben stets das vor Augen, was Gott zu Paulus gesagt hat: „Meine Gnade genügt Dir, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (2Kor 12,9). Aber auch, was Christus dem Pilatus sagte: er hat nicht die Hilfe von 12 Heeren von Engeln herbeigerufen, um aus seinen Händen befreit zu werden.
Und schließlich haben die orthodoxen Kirchen, trotz aller manchmal unternommenen Bemühungen, die Kirchen in den Staatsorganismus einzubinden, oder der von Zeit zu Zeit auftretenden Tendenz nationalistischer Auffassungen, den Ethnophiletismus [die theologische Rechtfertigung der nationalistischen Ideologien, Anm.d.Red.] als Häresie angezeigt und den Sinn ihrer spirituellen Einheit bewahrt, trotz der administrativen Autokephalie, die in vielen von ihnen besteht.
Nach Jahrhunderten gegenseitiger Fremdheit wollten Paul VI. und Athenagoras, am Ende des II. Vatikanischen Konzils, mit der gemeinsamen Erklärung vom Dezember 1965 die Exkommunikationen von 1054 „aus dem Gedächtnis der Kirche löschen“. Welche Erinnerung haben Sie daran?
BARTHOLOMAIOS I.: Es war ein überaus bewegender Moment, der die Hoffnung nährte, der Einheit näherzukommen. Leider haben sich diese Hoffnungen bis zum heutigen Tage nicht erfüllt. Obwohl die Möglichkeit dazu bestanden hat. Aber wir haben nicht aufgehört, zu hoffen, wenn wir, wie bereits gesagt, die Schwierigkeiten auch kennen. In einem Brief, den wir in diesen Tagen an den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II, geschickt haben, haben wir dem Jahrestag der Begegnung unserer Vorgänger, dem Patriarchen Athenagoras und Papst Paul VI., in Jerusalem als einem großen historischen Moment gedacht.
Athenagoras definierte jene Geste als „Unterpfand zukünftiger Ereignisse“. Viele hatten damals den Eindruck, die katholische und die orthodoxe Kirche würden sich wieder als einzige Kirche anerkennen, bis hin zur sakramentalen Gemeinschaft. Wie beurteilen Sie im Vergleich zu jener Phase die letzten Jahrzehnte des ökumenischen Dialogs?
BARTHOLOMAIOS I.: Wenig konkrete Resultate, aber reich an innerer Arbeit auf der Ebene des Bewußtseins der Gläubigen. Wir sind weit entfernt von der Epoche des Athenagoras, weil wir auch weit entfernt sind von seinem wachen Geist, seinem Weitblick. Leider zeigen die Tatsachen, daß die Vergangenheit in vielen Dingen bestimmend ist für die Zukunft. Es ist genauso wie mit einer Kugel, die wenn sie aus dem Gewehrlauf kommt, unweigerlich ihrem vorgegebenen Weg folgt. Es bedarf großen Einsatzes, einer tieferen Bekehrung, um den Kurs der Welt umzukehren und, insbesondere, den Weg des Schismas.
ách würde Ihnen abschließend gerne ein paar aktuelle Fragen stellen. Wie steht der orthodoxe Glaube zu all den Kriegen, Terroranschlägen, all dem Schmerz in unserer Welt? Nach welchen Kriterien beurteilt er diese Ereignisse?
BARTHOLOMAIOS I.: Die orthodoxe Kirche betrachtet das Böse unserer Zeit als Manifestation des Bösen im allgemeinen. Natürlich verurteilt sie die abscheulichen Terroranschläge, welcher Herkunft auch immer, aufs Schärfste, betet für den Frieden auf der Welt. Aber die definitive Eliminierung dieser der Menschheit geschlagenen Wunden wird nur zustande gebracht, wenn wir den wahren Gott lieben und seinen Willen erfüllen.
Immer wieder wird vom Zusammenprall der Zivilisationen gesprochen, versucht, den Islam zu verteufeln. Was haben die Orthodoxen aus einem tausendjährigen Zusammenleben mit Völkern muslimischer Religion gelernt?
BARTHOLOMAIOS I.: Es kann jedem Menschen passieren, dämonisiert zu werden, unabhängig von der Religion, der er angehört. Im Evangelium selbst heißt es, daß die Stunde kommen wird, in der diejenigen, welche die Gläubigen töten meinen werden, Gott Kult erwiesen zu haben. Die Geschichte liefert uns bekannte Beispiele vom Teufel besessener Christen, die im Namen Christi schreckliche Verbrechen begangen haben. Folglich ist es also nicht der Islam als solcher, der verteufelt werden muß, sondern dessen fanatische Interpretationen – wie bei vielen fanatischen Meinungen einiger Christen oder Jünger anderer Religionen auch.
Was die Zivilisationen angeht, so stehen diese in offenen Gesellschaften, wie denen der modernen Welt, in ständigem Dialog miteinander, üben einen ausgewogenen Einfluß aus. Wenn die Menschen für den kulturellen Dialog offen sind, sind Kriege keine unausweichliche Notwendigkeit. Nur Menschen, die den Dialog ablehnen oder Angst davor haben, benützen den Krieg als Mittel, anderen ihre religiösen oder kulturellen Anschauungen aufzudrängen. Dabei steht selbst im Koran, auf den sich Fanatiker so gern berufen, daß die Religion nicht aufgedrängt werden kann.
Auch die Türkei, wo eine gemäßigte islamistische Partei regiert, ist Opfer des Terrorismus geworden, nachdem sich viele in Europa, darunter auch Kirchenleute, gegen seine Zulassung zur Europäischen Union gestellt hatten. Was ist Ihre Meinung dazu?
BARTHOLOMAIOS I.: Wir finden, daß die Zulassung der Türkei sowohl für die Türkei selbst als auch für Europa günstig ist, was wir übrigens auch wiederholt betont haben. Die Türkei wird sicherlich die in Europa geltenden Parameter bezüglich der Menschenrechte, der Religionsfreiheit und anderer Freiheiten übernehmen müssen, die gemeinsamen Gesetze zu Umwelt, Handel, usw., und es ist tröstlich, daß in dieser Richtung wichtige Fortschritte gemacht worden sind. Natürlich sind viele legislative, administrative und soziale Reformen notwendig, einige davon sind bereits angelaufen, andere werden noch folgen.
Das ist die Antwort auch für jene, welche sich gegen den Eintritt der Türkei stellen. Und da dieser nicht automatisch, sondern kontrolliert ist, wird es erst dann dazu kommen, wenn die von der Europäischen Union festgelegten Bedingungen erfüllt sind. Wenn das der Fall ist, darf die religiöse Verschiedenheit der Türkei von der Mehrheit der europäischen Staaten christlicher Prägung kein ausreichendes Motiv dafür sein, die Ablehnung dieses Eintritts von Seiten eines toleranten und laizistischen Europa zu rechtfertigen, in dem ohnehin schon Millionen von Muslimen leben.
Sie werden in den nächsten Monaten nach Rom kommen. Werden Sie den Papst treffen? Was werden Sie ihm sagen?
BARTHOLOMAIOS I.: Ich werde ihm meine besten Wünsche für seine Gesundheit überbringen, ihn unserer Liebe versichern und dessen, daß wir darum beten, daß zu gegebener Zeit die Voraussetzungen für die Einheit der Kirchen Gottes reifen werden.



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