DIE MUTTER GOTTES – DIE ALLHEILIGE
Die Entschlafung der Theotokos
Mariologische Gedanken über Leben, Tod und Auferstehung
von Seiner Heiligkeit Bartholomaios I.
Aus Anlass des 60. Jahrestages der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in die
Herrlichkeit des Himmels (1. November 1950) haben wir Bartholomaios I. um einen
Kommentar gebeten.
Der Text, den er uns gesandt hat, ist ein Grund zur Dankbarkeit für den Glauben, den wir gemeinsam bekennen, und Anlass, den Herrn zu bitten, die volle Einheit zu schenken.
![Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Kostantinopel, bei der Liturgie des Festes der Entschlafung der allheiligen Gottesmutter im Kloster von Sumela in der türkischen Provinz Trabzon am 15. August 2010.
[© Reuters/Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1298045115326.jpg)
Die orthodoxe Kirche hegt eine tiefe Verehrung für die Gottesmutter – die Theotokos (die Mutter Gottes) oder Panaghia (die Allheilige), wie wir sie vorzugsweise nennen –, und sie preist sie nicht als fromme Ausnahmeerscheinung, sondern als konkretes
Vorbild für das christliche Vertrauen und die Antwort auf die Berufung, Jünger Christi zu sein. Maria ist außergewöhnlich nur in ihrer gewöhnlichen menschlichen Tugend, die wir als fromme Christen anerkennen und
nachahmen sollen. Ihres Todes wird am 15. August gedacht, es ist eines der zwölf großen Feste des orthodoxen Kalenders.
Um den „heiligen Bund“ oder das Geheimnis Mariens, dem sich „niemand mit unerfahrenen Händen nähern kann“, zu verstehen, richtet die orthodoxe Theologie ihren Blick auf die Heilige Schrift, vor allem aber auf die Tradition, und hier insbesondere auf die Liturgie und die Ikonographie. In dieser Hinsicht verbinden die orthodoxen Christen mit Maria vor allem ihre Rolle bei der Menschwerdung Gottes als Mutter unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, während sie sie zugleich mit einer langen Reihe von menschlichen - und nicht göttlichen - Wesen verbinden, die die Kontinuität der Heilsgeschichte impliziert und bis zur Geburt des Gottessohnes Jesus von Nazaret vor zweitausend Jahren hinführt. Maria von diesem vorbereitenden oder „der Heilsökonomie angehörenden“ Geschlecht zu isolieren, bedeutet, sie von unserer Wirklichkeit zu trennen, und drängt sie im Hinblick auf unser Heil an den Rand. Auch Maria ist heilsbedürftig wie alle Menschen, doch auch wenn sie als „frei von persönlichen Sünden“ betrachtet wird, bleibt sie dennoch der Knechtschaft der Erbsünde unterworfen. Selbst wenn sie „ehrwürdiger als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim“ ist, gilt das, was für uns gilt, auch für Maria. Auch wenn sie „gebenedeit unter allen Frauen“ ist, verkörpert sie das einzige, was für alle Menschen notwendig ist: sich dem Wort Gottes zu widmen und sich dem Willen Gottes anzuvertrauen.
Blicken die orthodoxen Christen in der Kirche nach oben, sehen sie den Pantokrator („den, der alles umfasst“), also Christus, der während des Gottesdienstes über ihren Köpfen emporragt. Dagegen befinden sie sich unmittelbar der Platytera gegenüber („diejenige, die weiter als alles ist“), also der Mutter Gottes, die sich unmittelbar vor ihnen befindet, in der großen Apsis, die den Altar mit dem Himmel verbindet. Weil sie das Wort Gottes geboren und in ihrem Schoß den „Unfassbaren empfangen (umfasst) hat“. So vermochte sie demjenigen Raum zu geben, den der Raum nicht zu fassen vermag, und den beschreibbar zu machen, der unzugängliches Geheimnis ist.
Aus der Heiligen Schrift erfahren wir, dass Unser Herr, als er am Kreuz hing, seine Mutter und seinen Jünger Johannes sah und sich mit folgenden Worten an die Jungfrau Maria wandte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und zu Johannes sagte er: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 25-27). Von jener Stunde an nahm der Apostel und Evangelist der Liebe die Theotokos zu sich und sorgte für sie. Über die Erwähnung in der Apostelgeschichte hinaus (Apg 2, 14), die bestätigt, dass die Jungfrau Maria am Pfingstfest mit den Aposteln des Herrn zusammen war, hält die Überlieferung der Kirche daran fest, dass die Theotokos im Haus des Johannes in Jerusalem blieb, wo sie ihre Sendung in Wort und Tat fortsetzte.
Die ikonographische und liturgische Tradition der Kirche bekräftigt auch, dass die Jünger im Augenblick ihres Todes auf der ganzen Welt verstreut waren, um das Evangelium zu verkünden, aber nach Jerusalem zurückkamen, um der Theotokos die Ehre zu erweisen. Mit Ausnahme von Thomas fanden sich alle – auch der Apostel Paulus – an ihrem Sterbebett ein. Bei ihrem Tod stieg Jesus Christus vom Himmel herab, um ihre Seele in den Himmel zu tragen. Der Leib der Theotokos wurde nach ihrem Tod in Prozession zu einem Grab in der Nähe des Gartens Gethsemani gebracht und dort bestattet. Als der Apostel Thomas drei Tage später kam und ihren Leib sehen wollte, war das Grab leer. Die leibliche Aufnahme der Theotokos in den Himmel wurde von der Verkündigung des Engels und der Erscheinung Mariens vor den Aposteln bestätigt. All dies ist ein Widerschein der mit dem Tod, der Grablegung und der Auferstehung Christi verbundenen Ereignisse.

Die Ikone und die Liturgie des Festes von Tod und Begräbnis Mariens skizzieren ganz klar eine Begräbnisliturgie und unterstreichen zugleich die grundlegenden Lehren in bezug auf
die Auferstehung des Leibes Mariens. In dieser Hinsicht ist der Tod Mariens ein
Fest, das unseren Glauben und unsere Hoffnung auf das ewige Leben bekräftigt. Hinzu kommt, dass die orthodoxen Christen dieses Fest eher „Entschlafung“ (Koimisis, oder „das Einschlafen“) der Theotokos nennen als „Aufnahme“ (körperliche „Übertragung“) in den Himmel. Denn zu betonen, dass Maria Mensch ist, der gestorben ist und
begraben wurde wie andere Menschen, gibt uns die Sicherheit, dass Maria – auch wenn „weder Grab noch Tod die Theotokos halten können, unsere unerschütterliche Hoffnung und immer wachsamen Schutz“ (wie es im kontakion des Festtages heisst) – uns in Wirklichkeit viel näher ist, als wir denken; sie hat uns nicht verlassen. Wie es auch das apolytikion des Festes zum Ausdruck bringt: „Im Gebären hast du die Jungfräulichkeit bewahrt und im Entschlafen die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin. Du bist hinübergegangen zum Leben, die du selbst bist die Mutter des Lebens, und erlöst durch deine Bitten vom Tode unsere Seelen.“
Für die orthodoxen Christen ist Maria nicht nur die „Auserwählte“. Sie symbolisiert vor allem die Entscheidung, zu der jeder von uns aufgerufen ist als Antwort auf die göttliche Initiative zur Menschwerdung (oder zur Geburt Christi in unseren Herzen) und zur Umgestaltung (oder zur Bekehrung unserer Herzen vom Bösen zum Guten). Wie der heilige Symeon der Neue Theologe im 10. Jahrhundert gesagt hat, sind wir alle dazu berufen, Christotokoi (Christusgebärer) und Theotokoi (Gottesgebärer) zu werden.
Mögen wir alle durch ihre Fürsprache werden wie Maria, die Theotokos.
(Wir danken P. John Chryssavgis für seine Mitarbeit)
Der Text, den er uns gesandt hat, ist ein Grund zur Dankbarkeit für den Glauben, den wir gemeinsam bekennen, und Anlass, den Herrn zu bitten, die volle Einheit zu schenken.
![Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Kostantinopel, bei der Liturgie des Festes der Entschlafung der allheiligen Gottesmutter im Kloster von Sumela in der türkischen Provinz Trabzon am 15. August 2010.
[© Reuters/Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1298045115326.jpg)
Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Kostantinopel, bei der Liturgie des Festes der Entschlafung der allheiligen Gottesmutter im Kloster von Sumela in der türkischen Provinz Trabzon am 15. August 2010. [© Reuters/Contrasto]
Um den „heiligen Bund“ oder das Geheimnis Mariens, dem sich „niemand mit unerfahrenen Händen nähern kann“, zu verstehen, richtet die orthodoxe Theologie ihren Blick auf die Heilige Schrift, vor allem aber auf die Tradition, und hier insbesondere auf die Liturgie und die Ikonographie. In dieser Hinsicht verbinden die orthodoxen Christen mit Maria vor allem ihre Rolle bei der Menschwerdung Gottes als Mutter unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, während sie sie zugleich mit einer langen Reihe von menschlichen - und nicht göttlichen - Wesen verbinden, die die Kontinuität der Heilsgeschichte impliziert und bis zur Geburt des Gottessohnes Jesus von Nazaret vor zweitausend Jahren hinführt. Maria von diesem vorbereitenden oder „der Heilsökonomie angehörenden“ Geschlecht zu isolieren, bedeutet, sie von unserer Wirklichkeit zu trennen, und drängt sie im Hinblick auf unser Heil an den Rand. Auch Maria ist heilsbedürftig wie alle Menschen, doch auch wenn sie als „frei von persönlichen Sünden“ betrachtet wird, bleibt sie dennoch der Knechtschaft der Erbsünde unterworfen. Selbst wenn sie „ehrwürdiger als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim“ ist, gilt das, was für uns gilt, auch für Maria. Auch wenn sie „gebenedeit unter allen Frauen“ ist, verkörpert sie das einzige, was für alle Menschen notwendig ist: sich dem Wort Gottes zu widmen und sich dem Willen Gottes anzuvertrauen.
Blicken die orthodoxen Christen in der Kirche nach oben, sehen sie den Pantokrator („den, der alles umfasst“), also Christus, der während des Gottesdienstes über ihren Köpfen emporragt. Dagegen befinden sie sich unmittelbar der Platytera gegenüber („diejenige, die weiter als alles ist“), also der Mutter Gottes, die sich unmittelbar vor ihnen befindet, in der großen Apsis, die den Altar mit dem Himmel verbindet. Weil sie das Wort Gottes geboren und in ihrem Schoß den „Unfassbaren empfangen (umfasst) hat“. So vermochte sie demjenigen Raum zu geben, den der Raum nicht zu fassen vermag, und den beschreibbar zu machen, der unzugängliches Geheimnis ist.
Aus der Heiligen Schrift erfahren wir, dass Unser Herr, als er am Kreuz hing, seine Mutter und seinen Jünger Johannes sah und sich mit folgenden Worten an die Jungfrau Maria wandte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und zu Johannes sagte er: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 25-27). Von jener Stunde an nahm der Apostel und Evangelist der Liebe die Theotokos zu sich und sorgte für sie. Über die Erwähnung in der Apostelgeschichte hinaus (Apg 2, 14), die bestätigt, dass die Jungfrau Maria am Pfingstfest mit den Aposteln des Herrn zusammen war, hält die Überlieferung der Kirche daran fest, dass die Theotokos im Haus des Johannes in Jerusalem blieb, wo sie ihre Sendung in Wort und Tat fortsetzte.
Die ikonographische und liturgische Tradition der Kirche bekräftigt auch, dass die Jünger im Augenblick ihres Todes auf der ganzen Welt verstreut waren, um das Evangelium zu verkünden, aber nach Jerusalem zurückkamen, um der Theotokos die Ehre zu erweisen. Mit Ausnahme von Thomas fanden sich alle – auch der Apostel Paulus – an ihrem Sterbebett ein. Bei ihrem Tod stieg Jesus Christus vom Himmel herab, um ihre Seele in den Himmel zu tragen. Der Leib der Theotokos wurde nach ihrem Tod in Prozession zu einem Grab in der Nähe des Gartens Gethsemani gebracht und dort bestattet. Als der Apostel Thomas drei Tage später kam und ihren Leib sehen wollte, war das Grab leer. Die leibliche Aufnahme der Theotokos in den Himmel wurde von der Verkündigung des Engels und der Erscheinung Mariens vor den Aposteln bestätigt. All dies ist ein Widerschein der mit dem Tod, der Grablegung und der Auferstehung Christi verbundenen Ereignisse.

Die Entschlafung der Gottesmutter, Mosaik aus der Erlöserkirche in Chora (um 1320), Museum von Kariye Camii, Istanbul, Türkei.
Für die orthodoxen Christen ist Maria nicht nur die „Auserwählte“. Sie symbolisiert vor allem die Entscheidung, zu der jeder von uns aufgerufen ist als Antwort auf die göttliche Initiative zur Menschwerdung (oder zur Geburt Christi in unseren Herzen) und zur Umgestaltung (oder zur Bekehrung unserer Herzen vom Bösen zum Guten). Wie der heilige Symeon der Neue Theologe im 10. Jahrhundert gesagt hat, sind wir alle dazu berufen, Christotokoi (Christusgebärer) und Theotokoi (Gottesgebärer) zu werden.
Mögen wir alle durch ihre Fürsprache werden wie Maria, die Theotokos.
(Wir danken P. John Chryssavgis für seine Mitarbeit)