Ein lokaler Krieg von globalem Interesse
Im August veröffentlichte die UNO einen Bericht über die Verbrechen, die von 1990-2003 in der Demokratischen Republik Kongo begangen wurden, als zwei Kriege das Land ausbluteten. Besagtes Dossier berichtet von einem Konflikt, der immer noch andauert und von enormen Interessen genährt wird. Das Dokument war auch Thema einer Studientagung, die im November 2010 an der Universität Parma abgehalten wurde.
von Davide Malacaria

Die östlichen provinzen der Demokratischen Republik Kongo.
Eingeleitet wurde die Begegnung vom Dekan der neusprachlichen und philosophischen Fakultät, Roberto Greci. Er erläutert, warum die akademische Welt diese Initiative unterstützt hatte: als „Humanisten“ könne man diesen erschütternden Dramen gegenüber nicht gleichgültig bleiben, erklärte er. Nach dem Beitrag des Dekans ergriff Sr. Teresina Caffi das Wort, eine Xaverianer-Missionarin, die im Osten des Kongo tätig ist. Sie erklärte sich bereit, uns zu berichten, was in jenen düsteren Jahren, in denen der Krieg laut einer Studie des „International Rescue Committees“ 3.800.000 Menschenleben forderte, wirklich in ihrem Land passiert ist.
Ein Reichtum, der einen hohen Blutzoll fordert
Begonnen hat alles – erzählt Sr. Teresina – am 1. Oktober 1990, als der damalige Chef der ugandischen Informationsdienste, Paul Kagame, eine Revolte anzettelte, um die Regierung Ruandas zu stürzen. Eines Landes, das als strategisch erachtet wurde für den Zugang zu den Reichtümern im Osten des Kongo. Unterstützt wurde dieses Vorhaben „von den englischsprachigen Mächten, die Frankreich den Zugang zu diesen Reichtümern streitig machen wollten“. Kagame versuchte, sich die Rachsucht der Tutsi zunutze zu machen, die von der mehrheitlichen Ethnie des Landes – den Hutu – abgesetzt worden waren. Der Krieg zwischen Regierungstreuen und Regierungsgegnern zog sich bis 1994 hin, jenem Jahr, in dem das Schlachten seinen Höhepunkt erreichte. Am 6. April wurden die Präsidenten Ruandas und Burundis, die sich gerade auf dem Rückflug von einer Verhandlungsrunde befanden, Opfer eines Attentats: beide Präsidenten verloren bei dem Flugzeugabsturz ihr Leben. Die Vergeltungsaktion ließ nicht lange auf sich warten: 800.000 Menschen fielen dem Rachedurst der Hutu zum Opfer, ein Großteil davon Tutsi, aber auch eine beträchtliche Zahl der eigenen Leute. Ein Völkermord vor den Augen der Weltöffentlichkeit, bei dem es aber – wie Sr. Teresina meint – noch einiges zu klären gibt. Das Morden ging 100 Tage lang weiter – bis es Kagame gelang, in Ruanda die Macht an sich zu reißen. Die Hutu, die nun kollektive Vergeltungsmaßnahmen befürchten mussten, verließen in Scharen das Land, bevölkerten die Flüchtlingslager in der Demokratischen Republik Kongo. Da diese Lager aber nahe bei Ruanda lagen, wurden – wie einige humanitäre Organisationen meinten – die Spannungen nicht verringert, sondern letztendlich noch vermehrt. Das neue ruandische Regime betrachtete sie als Bedrohung, und begann im Oktober 1996, nach dem x-ten Ultimatum, mit den Bombardierungen. Der erste Krieg hatte begonnen: ruandische, burundische und ugandische Truppen marschierten im Kongo ein. Angeführt wurden sie von einem Gegner des Gewaltregimes von Kinshasa, dem Kongolesen Laurent-Désiré Kabila: auf diese Weise „konnte man den Krieg als Befreiungskrieg etikettieren“, merkt Sr. Teresina an, „auch wenn sich die Regierung von Kinshasa mit fortschreitender Krankheit des Diktators Mobutu Sese Seko für einen vom Ausland dirigierten Demokratisierungsprozess aufgeschlossen zeigte...“ Im Mai 97 war der Krieg zu Ende, und Laurent-Désiré Kabila ließ sich zum Präsidenten ausrufen. Aber der Frieden war nicht von langer Dauer. Nur knapp ein Jahr später forderte der neue Präsident „unter dem Druck der Bevölkerung“ die ausländischen Truppen auf, das Land zu verlassen. Die Folge war, dass im August der zweite Krieg ausbrach: dieses Mal war es das “Rassemblement Kongolais pour la démocratie”, das sich gegen die Regierung von Kinshasa erhob: eine Gruppe Aufständischer, deren Basen in den östlichen Regionen des Landes lagen. Aber diese “Rebellion” war – wie Sr. Teresina erklärt – eine Farce, hinter der in Wahrheit Ruanda und Uganda steckten. Kabila dagegen wurde von Angola, Simbabwe, Namibia und Tschad unterstützt.
Verbrechen gegen die Menschheit
Im Laufe dieser Kriege, die bis 2003 dauerten, wurden in den kongolesischen Wäldern unbeschreibliche Gräueltaten verübt. Die UNO-Experten haben in ihrer Liste 617 „Verbrechen gegen die Menschheit“ und „Kriegsverbrechen“ aufgeführt. Emma Bonino, Vizepräsidentin des italienischen Senats, war zur Zeit des ersten Krieges Kommissarin der Europäischen Union. Zu ihrer Meinung befragt, gibt sie unumwunden zu: „Was die Zeit betrifft, in der ich direkte Zeugin war, kann ich sagen, dass der UNO-Bericht den Nagel auf den Kopf trifft“. Sie erzählt auch, dass damals massiv Druck ausgeübt wurde, um die Veröffentlichung des Berichts zu verhindern. Die italienische Abgeordnete berichtet vom Beginn des ersten Krieges, von den schrecklichen Bombardierungen der Flüchtlingslager, obwohl dort die Fahne der Vereinten Nationen wehte. Sie weiß auch von einer Episode zu berichten, die sie selbst erlebt hat. Es war in der ersten Kriegsphase: die ruandische Regierung hatte aus Furcht vor Gegenschlägen behauptet, die Hutu-Flüchtlinge wären in ihre Heimat zurückgekehrt: 500.000 Menschen. Die Nachricht wurde von dem General bestätigt, der die multinationalen UNO-Truppen im Kongo leitete. Es schien alles geklärt, und man hatte beschlossen, die internationalen Truppen abzuziehen. Aber schon bald war klar, dass hier einiges nicht stimmen konnte: zu Beginn der Konflikte hatte man von 1.200.000 Flüchtlingen gesprochen, aber nur 500.000 waren in ihre Häuser zurückgekehrt... Die Rechnung ging nicht auf. Schreckliche Zweifel wurden laut, die sich noch verhärteten, als Missionare, die auf kongolesischem Territorium tätig waren, von wahren Menschenmassen berichteten, die sich in die Wälder geflüchtet hatten. „Wir beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen“, berichtet Emma Bonino. „Nach längerer Suche stießen wir auf das Lager der Tingi-Tingi: 250.000 Menschen, die 400km von der Grenze entfernt auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Hunderttausende Flüchtlinge, die für die Welt einfach nicht existierten. Sie hatten zu Fuß 400km zurückgelegt... man kann sich unschwer vorstellen, in welchem Zustand sie waren...“. Seit damals – erinnert sie sich – hat es immer wieder Appelle und Versuche gegeben, den Kriegshandlungen Einhalt zu gebieten. Leider umsonst. Emma Bonino zeigt uns die zahlreichen Dokumente, die das belegen. „Im Laufe dieses ersten Krieges war die internationale Gemeinschaft bereit, jede nur erdenkliche Schandtat zu akzeptieren, um dem Regime Mobutu ein Ende zu bereiten...“, erklärt die Abgeordnete und verweist auch auf die Propagandastrategie der Invasionstruppen, die den ruandischen Völkermord geschickt für sich ausschlachteten. Für das Morden machte man einfach alle ruandischen Hutu verantwortlich, drückte ihnen einen Stempel auf, der in der Folge jede Gräueltat ihnen gegenüber rechtfertigte. „Die Drahtzieher dieses Völkermordes waren zu Zehntausenden... die Hutu-Flüchtlinge im Kongo mehr als eine Million, die meisten davon Frauen und Kinder ...“, hält Emma Bonino fest.
Die Berichte der UNO-Experten sind ein Schrecken ohne Ende: Massenmorde, unglaubliche Gräueltaten, bei lebendigem Leib verbrannte Menschen, Fälle von Kannibalismus... Verbrechen, die von den Truppen verübt wurden, die sich der kongolesischen Regierung entgegenstellten, aber auch (wenngleich – wie aus dem UNO-Bericht hervorgeht – in geringerem Ausmaß) von den Regierungstruppen. Das Dossier schildert auch den modus operandi der “Befreiungs”-Truppen: wenn sie in ein Dorf kamen, befahlen sie der ausgehungerten Zivilbevölkerung, sich zur Verteilung von Nahrung und Kleidung zu versammeln. Jene, die man als Opfer auserkoren hatte (vor allem Hutus ruandischer Herkunft), wurden abgesondert, gefesselt und brutal erschlagen. Manchmal Dutzende, oft aber auch Hunderte von Menschen, auch Frauen und Kinder. Ähnlich ging man an den Grenzposten vor: auch hier wurden die Menschen, die nach Ruanda zurückkehren sollten, von den anderen getrennt und ermordet – die Leichen verscharrte man in Massengräbern, warf sie in Flüsse oder Latrinen. Eine andere Strategie, Opfer aufzuspüren, war es, den humanitären Organisationen Zutritt zum Territorium zu verschaffen, damit sie – unter der Kontrolle der “Befreiungs”-Truppen – den in den Wäldern versteckten Flüchtlingen helfen konnten. Alles nur eine Farce: in Wahrheit waren die “Kontrolleure” der “Befreiungs”-Truppen Spione, die herausfinden sollten, wo sich die Flüchtigen befanden... Im UNO-Bericht ist von Frauen und Kindern die Rede, die man lebendig begraben hat, von Kleinkindern, die mit dem Kopf gegen Mauern oder Bäume geschmettert wurden. Wir haben es hier also mit einem methodischen Morden zu tun – weshalb die UNO-Experten die ruandischen Hutu, die in den Kongo geflüchtet waren, auch als Opfer eines wahren Völkermordes betrachten. Die UNO fordert die Einrichtung eines Sondertribunals, das feststellen soll, wie fundiert diese Hypothesen sind. Zu diesen Verbrechen gehören auch die Massenentführungen von Kindern, die dann als Kindersoldaten eingesetzt oder sexuell missbraucht wurden. Aber Fälle von Pädophilie machen in der Demokratischen Republik Kongo gewiss keine Schlagzeilen...
![Flüchtlinge in Nord-Kivu (November 2008). [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1298044422466.jpg)
Flüchtlinge in Nord-Kivu (November 2008). [© Associated Press/LaPresse]
Auch Mathilde Muhindo Mwamini, ehemalige nationale Abgeordnete der Demokratischen Republik Kongo, hielt bei der Studientagung in Parma eine Rede. Sie berichtete, wie die systematischen sexuellen Missbräuche damals sogar als Waffe benutzt wurden: man hatte einen Weg gefunden, AIDS zu verbreiten und das soziale Gewebe der Zivilgesellschaft zu zersetzen. Die psychologischen Folgen dieser „Vernichtungsstrategie“ waren katastrophal und führen zur Zerstörung jeglicher Familienbande. Da in der kongolesischen Gesellschaft vor allem die Frauen für den Lebensunterhalt sorgen (besonders durch die Arbeit auf den Feldern), entzog man so vielen Familien auch die einzige Einnahmequelle. Diese Praxis konnte sich – da die Urheber normalerweise ungestraft davonkommen – ungestört verbreiten, ja, sie wird noch heute praktiziert. Thema der Studientagung in Parma war nicht nur die Tragödie der Vergangenheit, sondern auch die der Gegenwart. Die Lage in den östlichen Regionen der Demokratischen Republik Kongo ist nämlich auch heute noch alles andere als entspannt. Auch nach dem Ende des Krieges herrschen noch Angst und Schrecken. Mehr als einmal haben sich Milizen, die von selbsternannten Abenteurern angeführt werden und vom ruandischen Regime (und nicht nur diesem) unterstützte Milizen gegen die Regierung in Kinshasa erhoben. Die letzte große Rebellion wurde von Laurent Nkunda, Leiter des CNDP (National Congress for the Defence of the People) angeführt. Er hatte die Region Jahre lang unsicher gemacht und konnte im Januar 2009 in Ruanda verhaftet werden. Aber auch heute noch verbreiten vereinzelte bewaffnete Gruppen Angst und Schrecken: Streitkräfte der anti-ruandischen Hutu, noch aktive ehemalige Elemente des CNDP (in einem der letzten UNO-Berichte wird übrigens bekanntgegeben, dass Nkunda keineswegs seine alten “Kontakte” abgebrochen hat, sondern selbst vom Gefängnis aus noch die Fäden zieht) und viele andere. Die verschiedenen Kriegsherren liegen in ständigem Wettstreit um Territorium, Straßen, Minen, Flüsse – und tragen das alles auf dem Rücken der ohnehin schon geplagten Bevölkerung aus. Und die internationale Gemeinschaft schweigt. Marco Deriu, Soziologe und Dozent an der Abteilung für Politik- und Gesellschaftsstudien der Universität Parma, erläutert, welch enorme Interessen bei diesem Krieg auf dem Spiel stehen: im östlichen Teil des Kongo, einer der reichsten Zonen der Welt, befinden sich enorme Goldvorkommen, Diamanten, Erdöl, Kobalt, Uran, Kassiterit, Wolfram, Kupfer, Kaffee und hochwertiges Holz…: 17% der weltweiten Rohdiamentenproduktion, 34% der weltweiten Kobalterzeugung, 10% der weltweiten Kupferproduktion, 4-5% der weltweiten Zinn-Produktion. 60-80% der Koltan-Reserven stammen aus dem Kongo – ein Mineral, das für die Herstellung von Telefon- und Computerkomponenten eingesetzt wird, aber auch für die Konsolen elektronischer Spiele, wie Deriu mit tragischer Ironie feststellt. Das Chaos dieses nicht enden wollenden Krieges begünstigt die skrupellose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen weiter. Und davon profitieren so ziemlich alle: die Kriegsherren, die verschiedenen Waffenhändler (auf lokaler und internationaler Ebene), und die großen multinationalen Konzerne, denen es so gelingt, wertvolle Mineralien zu Schleuderpreisen zu erwerben. Ein Konflikt, der sich selbst nährt, werden die Erlöse doch zum Teil dazu genutzt, den Krieg und das Chaos anzuheizen, um die Geschäfte florieren zu lassen. Leidtragende sind die lokalen Bevölkerungen, die aus den Abbau-Zonen vertrieben, als billige Arbeitskräfte ausgebeutet oder zwangsrekrutiert werden, um die „Soldatenbestände“ aufzustocken. Frauen und Kinder dagegen werden als Sexsklaven missbraucht. Ein Teufelskreis, der wegen der gewichtigen – lokalen und internationalen – Interessen, die ihn nähren, nur schwer zu unterbrechen ist. „Der Bericht der UNO stellt für uns einen Hoffnungsschimmer dar“, berichtet Frau Muhindo Mwamini, „und ist gleichzeitig auch der Beweis dafür, dass die Wahrheit früher oder später ans Licht kommt.“ An der Studientagung nahmen zahlreiche Kongolesen teil, viele davon junge Studenten. Einige von ihnen waren dank der Xaverianer hier, mit denen sie ein tiefes Band der Freundschaft verbindet. Sie stellen Fragen, erzählen aus ihrem Leben. Sie fordern Gerechtigkeit, wollen den Frieden. Und da schwingt erstaunlicherweise keine Bitterkeit mit – trotz der schrecklichen Dinge, die in ihrem Land passiert sind und noch passieren. Sie haben fröhliche Gesichter, lachende Augen. Und das ist mehr als nur ein Hoffnungsschimmer.