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11 - 2010 >
Ein Seelenhirt, der es versteht, die Herzen der Menschen zu erreichen
Ein Seelenhirt, der es versteht, die Herzen der Menschen zu erreichen
Die Anziehungskraft, die das Christentum auf die Welt und die jungen Menschen ausübt, hat nicht nur mit seiner – wenngleich natürlich nicht unwichtigen – Form zu tun, sondern vor allem mit seiner Substanz: es geht nämlich darum, den Menschen die Gewissheit zu vermitteln, dass dem Gesagten eine Realität entspricht.
Giulio Andreotti
![Giulio Andreotti in Audienz bei Benedikt XVI. (Juni 2009). [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1298043662357.jpg)
Giulio Andreotti in Audienz bei Benedikt XVI. (Juni 2009). [© Osservatore Romano]
Benedikt XVI. scheint mit derartigen Instrumenten keine Probleme zu haben: in seinem Interview-Buch Licht der Welt zeigt er sich als ein Seelenhirt, der weiß, wie man zu den Herzen der Menschen vordringt – vor allem zu den Jugendlichen. Und ist es angesichts unserer heutigen Situation nicht das Allerwichtigste, zu den Herzen der Menschen vorzudringen?
Das Interview mit dem Papst ging um die Welt, und so haben wir Kardinal Cottier gebeten, es für uns zu kommentieren. Wir wollen unseren Lesern aber auch eine Auswahl der in dem Buch enthaltenen Fragen und Antworten anbieten.
Einige Antworten des Papstes haben Debatten ausgelöst, denen ich nichts hinzufügen möchte – außer der Anmerkung vielleicht, dass ein Papst das Recht und die Pflicht hat, die Augen stets offen zu halten, und dass das, was er vorschlägt, zum Teil bewusst von ihm gewollt, zum Teil aber auch von einer objektiven Realität diktiert ist, der er sich nicht entziehen kann.
Man hat mich gefragt, welcher Unterschied zwischen dem Benedikt XVI. aus Licht der Welt und den anderen Päpsten bestünde, die ich kennengelernt habe: hierzu muss man sagen, dass zum einen schon die Unterschiedlichkeit der Situationen unterschiedliche Stellungnahmen von Seiten der Päpste erforderlich macht. Und dann darf man auch nicht verges sen, dass jeder Papst seine eigene Sensibilität, seinen eigenen Stil hat: jeder hat eine eigene Persönlichkeit, und das geht aus den hochoffiziellen Papstbotschaften ebenso hervor wie aus dem, was der Papst dem Christenvolk bei den öffentlichen Generalaudienzen mitteilt. Das einmal gesagt, gibt es eine Konstante, die der Papst mit seinen Vorgängern gemeinsam hat und die bewirkt, dass die Botschaft, die an die Welt ergeht, unverändert bleibt.
Aber nur der Herr selber hat die Macht, die Menschen auch im Glauben zu halten
Niemals zuvor hatte die katholische Kirche mehr Gläubige, noch nie eine solche Ausdehnung, buchstäblich bis zu den Enden der Welt.
Natürlich sind diese Statistiken wichtig. Sie zeigen an, wie weit die Kirche verbreitet ist und wie groß diese Gemeinschaft, die Rassen und Völker, Kontinente, Kulturen, Menschen aller Art umspannt, wirklich ist. Aber der Papst hat durch diese Zahlen nicht Macht.
Warum nicht?
Die Art der Gemeinschaft mit dem Papst ist anders, und die Art der Zugehörigkeit zur Kirche natürlich auch. Unter den 1,2 Milliarden sind viele, die innerlich nicht mit dabei sind. Der heilige Augustinus hat schon zu seiner Zeit gesagt: Es sind viele draußen, die drinnen zu sein scheinen; und es sind viele drinnen, die draußen zu sein scheinen. Bei einer Sache wie dem Glauben, der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, ist Innen und Außen geheimnisvoll miteinander verwoben. Darin hatte Stalin schon Recht, dass der Papst keine Divisionen hat und nicht gebieten kann. Er hat auch kein großes Unternehmen, in dem gleichsam alle Gläubigen der Kirche seine Angestellten oder seine Untertanen wären.
Insofern ist der Papst einerseits ein ganz ohnmächtiger Mensch. Andererseits steht er in einer großen Verantwortung. Er ist gewissermaßen der Anführer, der Repräsentant und zugleich der Verantwortliche dafür, dass der Glaube, der die Menschen zusammenhält, geglaubt wird, dass er lebendig bleibt und dass er in seiner Identität unangetastet ist. Aber nur der Herr selber hat die Macht, die Menschen auch im Glauben zu halten.
(SS. 20-21)
![Benedikt XVI. [© Paolo Galosi]](/upload/articoli_immagini_interne/1298043662388.jpg)
Benedikt XVI. [© Paolo Galosi]
Die christliche Bereitschaft zum Widerspruch durchzieht Ihre eigene Biographie wie ein stetes Webmuster. [...]. Haben diese Grundlinien nun auch Einfluss darauf, wie Sie Ihr Pontifikat gestalten?
Natürlich bedeutet eine so lange Erfahrung auch eine Formung des Charakters, sie prägt das Denken und das Tun. Ich war natürlich nicht einfach immer nur grundsätzlich dagegen. Es gab viele schöne Situationen des Einverständnisses. Wenn ich an meine Kaplanszeit denke, war zwar schon das Aufbrechen der säkularen Welt in den Familien spürbar, aber trotzdem gab es so viel Freude im gemeinsamen Glauben, in der Schule, mit den Kindern, mit der Jugend, dass ich richtiggehend von dieser Freude getragen wurde. Und so war es auch in der Zeit, als ich Professor war.
Durch mein ganzes Leben hat sich immer auch die Linie hindurch gezogen, dass Christentum Freude macht, Weite gibt. Schließlich könnte man als einer, der immer nur dagegen ist, das Leben wohl auch gar nicht ertragen.
Aber gleichzeitig war immer gegenwärtig, wenn auch in unterschiedlichen Dosierungen, dass das Evangelium gegen machtvolle Konstellationen steht. Dies war in meiner Kindheit und Jugend bis zum Kriegsende natürlich besonders drastisch. Seit den 1968er Jahren geriet der christliche Glaube dann in den Gegensatz zu einem neuen Gesellschaftsentwurf, so dass er immer wieder gegen machtvoll auftrumpfende Meinungen bestehen musste. Anfeindungen zu ertragen und Widerstand zu leisten, gehört also dazu – ein Widerstand aber, der dazu dient, das Positive ins Licht zu bringen.
(SS. 25-26)
... vor allem bettelnd, aber auch dankend – oder ganz einfach freudig
Und wie betet Papst Benedikt?
Was den Papst angeht, so ist auch er ein einfacher Bettler vor Gott – mehr noch als alle anderen Menschen. Natürlich bete ich zuallererst immer zu unserem Herrn, mit dem mich einfach sozusagen diese alte Bekanntschaft verbindet. Aber ich rufe auch die Heiligen an. Ich bin mit Augustinus, mit Bonaventura, mit Thomas von Aquin befreundet. Man sagt dann auch zu solchen Heiligen: „Helft mir!“ Und die Mutter Gottes ist ohnehin immer ein großer Bezugspunkt. In diesem Sinn gebe ich mich in die Gemeinschaft der Heiligen 1298041709966">
Gut und Böse wurden vertauschbar
Das Gros der Missbrauchsfälle ist in den 70er und 80er Jahren zu verzeichnen [...].
Natürlich hat die geistige Konstellation der 70er Jahre, die sich bereits in den 50er Jahren anbahnte, dazu beigetragen. Damals wurde nicht zuletzt auch die Theorie entwickelt, Pädophilie sei als etwas Positives zu betrachten. Vor allen Dingen aber wurde die These vertreten – und sie ist auch in die katholische Moraltheologie eingedrungen –, dass es etwas in sich Schlechtes nicht gebe. Es gebe nur „relativ“ Schlechtes. Was gut oder schlecht ist, hänge von den Folgen ab.
In einem solchen Kontext, in dem alles relativ ist und das in sich Böse nicht existiert, sondern nur das relativ Gute und das relativ Böse, sind dann Menschen, die eine Neigung zu solchem Verhalten haben, bodenlos geworden. Natürlich ist Pädophilie zunächst eher eine Krankheit Einzelner, aber dass sie dann so wirksam werden und sich so ausbreiten konnte, hing auch mit einer geistigen Konstellation zusammen, durch die in der Kirche die Grundlagen der Moraltheologie, Gut und Böse, fragwürdig geworden waren. Gut und Böse wurden vertauschbar, sie standen nicht mehr in aller Klarheit gegeneinander.
(SS. 55-56)
Es gibt Initiativen, die nicht von einer Struktur, von einer Bürokratie befohlen sind
Könnte man nicht auch davon ausgehen, dass sich nach 2000 Jahren das Christentum einfach erschöpft hat, so wie sich in der Geschichte der Zivilisation auch andere Großkulturen erschöpft haben?
Wenn man es oberflächlich betrachtet und nur die westliche Welt im Blickfeld hat, könnte man das denken. Aber wenn man genauer hinschaut, wie es mir gerade durch die Besuche der Bischöfe aus aller Welt und durch viele andere Begegnungen möglich ist, sieht man, dass das Christentum in dieser Stunde zugleich eine ganz neue Kreativität entfaltet. [...]
Weniger deutlich, aber dennoch unverkennbar gibt es auch bei uns im Westen den Aufbruch neuer katholischer Initiativen, die nicht von einer Struktur, von einer Bürokratie befohlen sind. Die Bürokratie ist verbraucht und müde. Diese Initiativen kommen von innen heraus, aus der Freude junger Menschen. Das Christentum nimmt vielleicht ein anderes Gesicht, auch eine andere kulturelle Gestalt an. Es hat nicht den Kommandoplatz in der Weltmeinung inne, da regieren andere. Aber es ist die Lebenskraft, ohne die auch die anderen Dinge nicht weiterbestehen würden. Insofern bin ich durch das, was ich selber sehen und erleben darf, ganz optimistisch, dass das Christentum vor einer neuen Dynamik steht.
(SS. 78-79)
![Benedikt XVI. [© Osservatore Romano/Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1298043662404.jpg)
Benedikt XVI. [© Osservatore Romano/Associated Press/LaPresse]
Der Philosoph Robert Spaemann wurde einmal gefragt, ob er, ein international renommierter Wissenschaftler, denn wirklich daran glaube, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde und Wunder wirkte, dass er vom Tod auferstanden sei und man mit ihm ewiges Leben erhalte. Dies wäre doch ein richtiger Kinderglaube. Der 83jährige Philosoph antwortete: „Wenn Sie so wollen, gewiss. Ich glaube ungefähr dasselbe, was ich als Kind geglaubt habe – nur dass ich inzwischen mehr darüber nachgedacht habe. Das Nachdenken hat mich am Ende im Glauben immer bestärkt.“
Glaubt auch der Papst immer noch, was er als Kind geglaubt hat?
Ich würde das ähnlich sagen. Ich würde sagen: Das Einfache ist das Wahre – und das Wahre ist einfach. Unsere Problematik besteht darin, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen; dass wir vor so viel Wissen nicht mehr die Weisheit finden. In dem Sinn hat auch Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen die Gescheitheit unserer Zeit ironisiert und gezeigt, wie dabei das Wesentliche übersehen wird und wie der Kleine Prinz, der nichts von all den gescheiten Dingen versteht, letztlich mehr sieht und besser sieht. Worauf kommt es an? Was ist das Eigentliche, das Tragende? Das Einfache sehen, darauf kommt es an.
(S. 196)
Wirklich entscheidend ist, dass sie Ihn gibt…
Muss es einem da, gerade wenn man sich auch als Autor noch einmal ganz neu in diese Geschichte hineinbegibt, nicht auch schummerig werden, wie weit die Kirche immer wieder von dem Weg abgewichen ist, den ihr der Sohn Gottes gewiesen hat?
Tja, das haben wir ja gerade in dieser Zeit der Skandale erlebt, dass es einem wirklich schummerig wird darüber, wie armselig die Kirche ist und wie sehr ihre Mitglieder in der Nachfolge Jesu Christi versagen. Das ist das eine, was wir zu unserer Demütigung, zu unserer wirklichen Demut erfahren müssen. Das andere ist, dass Er sie trotzdem nicht loslässt. Dass Er sie trotz der Schwachheit der Menschen, in denen sie sich darstellt, hält, in ihr die Heiligen erweckt und durch sie da ist. Ich glaube, diese beiden Empfindungen gehören zusammen: Die Erschütterung über die Armseligkeit, die Sündigkeit in der Kirche – und die Erschütterung darüber, dass er dieses Werkzeug nicht loslässt, sondern damit wirkt; dass er sich durch die Kirche und in ihr immer wieder zeigt.
(SS. 204-205)
[...] Jesus machte seine Jünger immerhin stark genug, dass sie neben der Verkündigung auch Dämonen austreiben und heilen konnten.
Ja, das ist entscheidend. Die Kirche legt den Menschen nicht irgendetwas auf und bietet nicht irgendein Moralsystem dar. Wirklich entscheidend ist, dass sie Ihn gibt. Dass sie die Türen zu Gott aufmacht und damit den Menschen das gibt, was sie am meisten erwarten, was sie am meisten brauchen, und was ihnen auch am meisten helfen kann. Sie tut es vor allen Dingen durch das große Wunder der Liebe, das immer wieder geschieht. Wenn Menschen – ohne einen Profit zu haben, ohne das als Job machen zu müssen – von Christus motiviert anderen beistehen und ihnen helfen. Dieser, wie Eugen Biser sagt, therapeutische Charakter des Christentums, der heilende und schenkende, müsste in der Tat viel deutlicher in Erscheinung treten.
(SS. 205-206)