Kleine Herde. Keine „Minderheit“
Interview mit Grégoire III., griechisch-melkitischer Patriarch von Antiochia von Gianni Valente
Grégoire III. Laham ist seit 2000 griechisch-melkitischer Patriarch von Antiochia.
Und seine Beschreibung der Befindlichkeit der christlichen Gemeinden im Nahen
Osten trifft die Lage auf den Punkt, weit entfernt von den üblichen abgedroschenen Klischees.
![Der griechisch-melkitische Patriarch von Antiochia, Grégoire III. [© Massimo Quattrucci]](/upload/articoli_immagini_interne/1291732615940.jpg)
Die katholische Kirche hat dem Nahen Osten eine Bischofssynode gewidmet. Was
sagt man in Damaskus dazu?
GRÉGOIRE III. LAHAM: Hier haben sich die Dinge in der letzten Zeit nicht geändert. Ein nützliches Element, um auch unsere rechtliche Lage aufzuzeigen, ist nach wie vor der Präsidentenerlass, den das Parlament 2006 approbiert hat und der das Eherecht und andere bürgerrechtliche Fragen betrifft. Mit diesem Gesetz wurde festgelegt, dass für die Katholiken in diesen Punkten eigene rechtliche Normen gelten, die dem Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen entnommen wurden und somit praktisch ins Bürgerrecht eingeflossen sind. Außerdem haben wir hier Kultfreiheit; wir können Prozessionen und öffentliche Feiern abhalten; es gibt Katechismus-Unterricht für Kinder und Jugendliche auch an den staatlichen Schulen – und wir haben christliche Parlamentarier und Minister. Im Vatikan sagt man aber, dass wir dem Islam gegenüber auf dem Thema der Religionsfreiheit beharren sollten, verstanden auch als die Freiheit, zu einem anderen Glauben zu konvertieren…
Ist das denn nicht fundiert?
In Syrien ist es nicht verboten, zum Christentum zu konvertieren. Das kommt vor. Wer Christ wird, riskiert nichts, es sei denn, er hat irgendeinen fanatischen Verwandten. Ein Syrer, der zum Christentum übergetreten ist, kann das allerdings nicht in seinen Personalausweis eintragen lassen. Dieser Punkt muss klar sein, man muss die Dinge so sehen wie sie sind. Dieses Bewusstsein von Gewissensfreiheit können die arabischen Länder noch nicht haben. Und hier insistieren zu wollen, wäre engstirnig, würde der Mentalität nicht gerecht werden. In unseren Ländern gibt es eine enge Verflechtung von Religion und staatlicher Politik.
Und doch hat die Regierung erst vor kurzem das Schleierverbot für Lehrerinnen an Schulen und Universitäten erlassen.
Das ist eine Norm, die der französischen Linie folgt. Ich persönlich halte sie für positiv. Es ist eine Art zu verstehen zu geben, dass man den Fundamentalismus nicht in die öffentlichen Einrichtungen Syriens eindringen lassen wird. Wenn man es genau nimmt, dürften nicht einmal die Schwestern, die unterrichten, einen Schleier tragen. In den meisten Fällen werden sie toleriert. Und wenn sich doch jemand daran stoßen sollte, nehmen sie ihn ab. Das ist kein Problem.
Wie steht man in Syrien zu Mischehen?
Hier ist Vorsicht geboten. Wenn eine christliche Frau einen Muslim heiratet, kann sie Christin bleiben, die Kinder aber können nicht getauft werden, und sie kann nicht erben. Hier kommt es oft zu gesellschaftlichem Druck und problematischen Situationen, die man, wenn es geht, besser vermeiden sollte.
In Syrien leben immer noch mehr als eine Million irakischer Flüchtlinge. Darunter auch viele Christen.
Der militärische Eingriff seitens des Westens hatte für diese Christen, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen, verheerende Folgen. Ich hoffe wirklich, dass es in keinem anderen Land des Orients zu einer solchen Situation kommt. Die einzige wirkliche Garantie für die christliche Präsenz in diesen Ländern ist nämlich der Frieden. Bei jeder Krise kommt es unweigerlich zu Auswanderungswellen. Das Problem ist nicht religiöser Art, hat mit dem Islam nichts zu tun. Wenn es Frieden gibt, werden auch Christen hier sein; wenn es keinen Frieden gibt, gehen sie fort. Das ist nicht zu vermeiden.
Der Weg zum Frieden wird immer noch von der Situation im Heiligen Land behindert. Wie beurteilen Sie die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen?
Das Problem sind die Kolonien. Wenn es die Kolonien auf palästinensischem Böden nicht gäbe, könnten wir schon morgen Frieden haben. Irgendjemand hat offensichtlich Angst vor dem Frieden. Die Präsenz der Araber in Galiläa wird als Gefahr empfunden, das demographische Wachstum geht weiter. Und damit auch der Zustand kontinuierlicher Spannung.
Wie würde Ihrer Meinung nach eine realistische Beschreibung der Befindlichkeit der Christen in Nahen Osten aussehen?
Ich habe vorgeschlagen, nicht den Begriff „Minderheit“ zu verwenden, wenn man von den Christen im Nahen Osten spricht. Bei dem Wort Minderheit denkt man an etwas, das fremd bleibt, das dialektisch als Gegensatz zur Mehrheit definiert wird. Wir sind eine kleine Herde. „Fürchte dich nicht, kleine Herde“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Wir sind eine kleine Realität geworden. Wir haben viele Gründe, uns Sorgen zu machen, aber die Worte Jesu sagen uns, dass unsere Zukunft nicht von Angst geprägt sein darf. Wir dürfen uns nicht als Minderheitengruppe empfinden, die in einem Ambiente lebt, in dem sie von allen Seiten bedroht wird.
![Gläubige empfangen in der Kirche der
hl. Therese in Damaskus die Kommunion. [© Massimo Quattrucci]](/upload/articoli_immagini_interne/1291732615971.jpg)
Oft spricht man von Reziprozität. Ein Erfolgsrezept?
Meiner Meinung nach geht es darum, in dem Land, in dem man lebt, dieselben Rechte zu haben, wie alle Bürger, ohne Diskriminierung. Aber die Reziprozität verstanden als do ut des zwischen den Religionen überzeugt mich nicht. Das Evangelium kennt dieses Kriterium nicht. Hier geht es nicht darum, dass alle religiösen Gruppen die gleiche Behandlung erfahren – es geht um Gleichheit vor dem Staat. Und so wird von den politischen Institutionen eingefordert, das zivile Zusammenleben aller Bürger zu garantieren, ohne Diskriminierung vor dem Gesetz.
Es geht also nicht um einen Tauschhandel. Ich gebe dir eine Moschee in Europa, wenn du mir dafür eine Kirche in einem Land islamischer Mehrheit gibst.
In unseren Ländern haben wir viele Kirchen… Das ist nicht das Problem.
Die Verantwortlichen der christlichen Kirchen – Patriarchen, Bischöfe, ja der Apostolische Stuhl – bitten die Christen des Nahen Ostens, nicht auszuwandern. Aber schenkt man ihnen Gehör? Auf welche Grundlagen stützen sich diese Bitten?
Dass in dieser Region der Welt auch Christen leben, ist wichtig für die ganze Kirche und für alle Christen der Welt. Denn hier ist Jesus geboren worden, hier hat er gelebt und hier hat sich die Verkündigung seiner Auferstehung verbreitet. Wir haben Verantwortung allen Christen der Welt gegenüber, und das gilt auch für unsere Beziehung zum Islam. Das ist eine Tatsache. Und wenn die Christen von hier diese universale Perspektive ihrer gewöhnlichen Befindlichkeit verstehen, kann man ihnen helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden und an den Orten, die ihnen Gott bestimmt hat, ein ruhiges Leben zu führen.
Also die Zähne zusammenbeißen und durchhalten? Aber wer glaubt, dass sein Leben andernorts besser wäre, lässt sich doch wohl kaum so einfach aufhalten.
Niemand muss sich gezwungen fühlen. Und das Schlimmste ist gerade das: die Befindlichkeit der Christen in Nahen Osten als die von isolierten Einzelkämpfern zu empfinden, die immer mit dem Umfeld, in dem sie leben, zu kämpfen haben. Dieser Gedanke macht alles schwer, und auf lange Sicht ist er auch schädlich. Wenn man sich dagegen von diesem Schema löst, das alles auf dialektische Weise definiert – Mehrheit gegen Minderheit, Christen gegen Muslime, usw. – kann das nur guttun. So kann sich die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde von einer tiefen künstlichen Verbitterung lösen. Wir wollen nicht hier leben, weil wir durch den Umstand, dass wir Christen sind, dazu gezwungen sind, sondern weil wir hier geboren wurden. Wir sind Bürger dieses Landes, wir wollen zum Fortschritt beitragen, gemeinsam mit allen unseren Mitbürgern, damit es nicht mehr nötig ist, anderswo nach besseren Lebensbedingungen Ausschau zu halten.
Um hier „ein ruhiges Leben zu führen, in Frieden und Würde“…
![Der griechisch-melkitische Patriarch von Antiochia, Grégoire III. [© Massimo Quattrucci]](/upload/articoli_immagini_interne/1291732615940.jpg)
Der griechisch-melkitische Patriarch von Antiochia, Grégoire III. [© Massimo Quattrucci]
GRÉGOIRE III. LAHAM: Hier haben sich die Dinge in der letzten Zeit nicht geändert. Ein nützliches Element, um auch unsere rechtliche Lage aufzuzeigen, ist nach wie vor der Präsidentenerlass, den das Parlament 2006 approbiert hat und der das Eherecht und andere bürgerrechtliche Fragen betrifft. Mit diesem Gesetz wurde festgelegt, dass für die Katholiken in diesen Punkten eigene rechtliche Normen gelten, die dem Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen entnommen wurden und somit praktisch ins Bürgerrecht eingeflossen sind. Außerdem haben wir hier Kultfreiheit; wir können Prozessionen und öffentliche Feiern abhalten; es gibt Katechismus-Unterricht für Kinder und Jugendliche auch an den staatlichen Schulen – und wir haben christliche Parlamentarier und Minister. Im Vatikan sagt man aber, dass wir dem Islam gegenüber auf dem Thema der Religionsfreiheit beharren sollten, verstanden auch als die Freiheit, zu einem anderen Glauben zu konvertieren…
Ist das denn nicht fundiert?
In Syrien ist es nicht verboten, zum Christentum zu konvertieren. Das kommt vor. Wer Christ wird, riskiert nichts, es sei denn, er hat irgendeinen fanatischen Verwandten. Ein Syrer, der zum Christentum übergetreten ist, kann das allerdings nicht in seinen Personalausweis eintragen lassen. Dieser Punkt muss klar sein, man muss die Dinge so sehen wie sie sind. Dieses Bewusstsein von Gewissensfreiheit können die arabischen Länder noch nicht haben. Und hier insistieren zu wollen, wäre engstirnig, würde der Mentalität nicht gerecht werden. In unseren Ländern gibt es eine enge Verflechtung von Religion und staatlicher Politik.
Und doch hat die Regierung erst vor kurzem das Schleierverbot für Lehrerinnen an Schulen und Universitäten erlassen.
Das ist eine Norm, die der französischen Linie folgt. Ich persönlich halte sie für positiv. Es ist eine Art zu verstehen zu geben, dass man den Fundamentalismus nicht in die öffentlichen Einrichtungen Syriens eindringen lassen wird. Wenn man es genau nimmt, dürften nicht einmal die Schwestern, die unterrichten, einen Schleier tragen. In den meisten Fällen werden sie toleriert. Und wenn sich doch jemand daran stoßen sollte, nehmen sie ihn ab. Das ist kein Problem.
Wie steht man in Syrien zu Mischehen?
Hier ist Vorsicht geboten. Wenn eine christliche Frau einen Muslim heiratet, kann sie Christin bleiben, die Kinder aber können nicht getauft werden, und sie kann nicht erben. Hier kommt es oft zu gesellschaftlichem Druck und problematischen Situationen, die man, wenn es geht, besser vermeiden sollte.
In Syrien leben immer noch mehr als eine Million irakischer Flüchtlinge. Darunter auch viele Christen.
Der militärische Eingriff seitens des Westens hatte für diese Christen, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen, verheerende Folgen. Ich hoffe wirklich, dass es in keinem anderen Land des Orients zu einer solchen Situation kommt. Die einzige wirkliche Garantie für die christliche Präsenz in diesen Ländern ist nämlich der Frieden. Bei jeder Krise kommt es unweigerlich zu Auswanderungswellen. Das Problem ist nicht religiöser Art, hat mit dem Islam nichts zu tun. Wenn es Frieden gibt, werden auch Christen hier sein; wenn es keinen Frieden gibt, gehen sie fort. Das ist nicht zu vermeiden.
Der Weg zum Frieden wird immer noch von der Situation im Heiligen Land behindert. Wie beurteilen Sie die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen?
Das Problem sind die Kolonien. Wenn es die Kolonien auf palästinensischem Böden nicht gäbe, könnten wir schon morgen Frieden haben. Irgendjemand hat offensichtlich Angst vor dem Frieden. Die Präsenz der Araber in Galiläa wird als Gefahr empfunden, das demographische Wachstum geht weiter. Und damit auch der Zustand kontinuierlicher Spannung.
Wie würde Ihrer Meinung nach eine realistische Beschreibung der Befindlichkeit der Christen in Nahen Osten aussehen?
Ich habe vorgeschlagen, nicht den Begriff „Minderheit“ zu verwenden, wenn man von den Christen im Nahen Osten spricht. Bei dem Wort Minderheit denkt man an etwas, das fremd bleibt, das dialektisch als Gegensatz zur Mehrheit definiert wird. Wir sind eine kleine Herde. „Fürchte dich nicht, kleine Herde“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Wir sind eine kleine Realität geworden. Wir haben viele Gründe, uns Sorgen zu machen, aber die Worte Jesu sagen uns, dass unsere Zukunft nicht von Angst geprägt sein darf. Wir dürfen uns nicht als Minderheitengruppe empfinden, die in einem Ambiente lebt, in dem sie von allen Seiten bedroht wird.
![Gläubige empfangen in der Kirche der
hl. Therese in Damaskus die Kommunion. [© Massimo Quattrucci]](/upload/articoli_immagini_interne/1291732615971.jpg)
Gläubige empfangen in der Kirche der hl. Therese in Damaskus die Kommunion. [© Massimo Quattrucci]
Meiner Meinung nach geht es darum, in dem Land, in dem man lebt, dieselben Rechte zu haben, wie alle Bürger, ohne Diskriminierung. Aber die Reziprozität verstanden als do ut des zwischen den Religionen überzeugt mich nicht. Das Evangelium kennt dieses Kriterium nicht. Hier geht es nicht darum, dass alle religiösen Gruppen die gleiche Behandlung erfahren – es geht um Gleichheit vor dem Staat. Und so wird von den politischen Institutionen eingefordert, das zivile Zusammenleben aller Bürger zu garantieren, ohne Diskriminierung vor dem Gesetz.
Es geht also nicht um einen Tauschhandel. Ich gebe dir eine Moschee in Europa, wenn du mir dafür eine Kirche in einem Land islamischer Mehrheit gibst.
In unseren Ländern haben wir viele Kirchen… Das ist nicht das Problem.
Die Verantwortlichen der christlichen Kirchen – Patriarchen, Bischöfe, ja der Apostolische Stuhl – bitten die Christen des Nahen Ostens, nicht auszuwandern. Aber schenkt man ihnen Gehör? Auf welche Grundlagen stützen sich diese Bitten?
Dass in dieser Region der Welt auch Christen leben, ist wichtig für die ganze Kirche und für alle Christen der Welt. Denn hier ist Jesus geboren worden, hier hat er gelebt und hier hat sich die Verkündigung seiner Auferstehung verbreitet. Wir haben Verantwortung allen Christen der Welt gegenüber, und das gilt auch für unsere Beziehung zum Islam. Das ist eine Tatsache. Und wenn die Christen von hier diese universale Perspektive ihrer gewöhnlichen Befindlichkeit verstehen, kann man ihnen helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden und an den Orten, die ihnen Gott bestimmt hat, ein ruhiges Leben zu führen.
Also die Zähne zusammenbeißen und durchhalten? Aber wer glaubt, dass sein Leben andernorts besser wäre, lässt sich doch wohl kaum so einfach aufhalten.
Niemand muss sich gezwungen fühlen. Und das Schlimmste ist gerade das: die Befindlichkeit der Christen in Nahen Osten als die von isolierten Einzelkämpfern zu empfinden, die immer mit dem Umfeld, in dem sie leben, zu kämpfen haben. Dieser Gedanke macht alles schwer, und auf lange Sicht ist er auch schädlich. Wenn man sich dagegen von diesem Schema löst, das alles auf dialektische Weise definiert – Mehrheit gegen Minderheit, Christen gegen Muslime, usw. – kann das nur guttun. So kann sich die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde von einer tiefen künstlichen Verbitterung lösen. Wir wollen nicht hier leben, weil wir durch den Umstand, dass wir Christen sind, dazu gezwungen sind, sondern weil wir hier geboren wurden. Wir sind Bürger dieses Landes, wir wollen zum Fortschritt beitragen, gemeinsam mit allen unseren Mitbürgern, damit es nicht mehr nötig ist, anderswo nach besseren Lebensbedingungen Ausschau zu halten.
Um hier „ein ruhiges Leben zu führen, in Frieden und Würde“…