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REPORTAGE AUS DEM LIBANON
Aus Nr. 06/07 - 2010

„Die Zukunft liegt in Gottes Hand, wir dürfen gelassen bleiben“


Interview mit Monsignor Paul Youssef Matar, maronitischer Erzbischof von Beirut.


Interview mit Paul Youssef Matar von Davide Malacaria und Lorenzo Biondi


Monsignor Paul Youssef Matar wurde 1965 zum Priester geweiht und 1991 zum maronitischen Bischof von Tarsus ernannt. Seit 1996 ist er maronitischer Erzbischof von Beirut.

Erzbischof Paul Youssef Matar. <BR>[© Lorenzo Biondi]

Erzbischof Paul Youssef Matar.
[© Lorenzo Biondi]

In der Vergangenheit hat es in Ihrem Land blutige Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen gegeben. Wie ist die Situation heute?
Die Geschichte des Zusammenlebens von Christen und Muslimen im Libanon ist nicht nur eine Geschichte der Konflikte, sondern auch des Miteinanders, der Dörfer, in denen Christen und Muslime seit der Frühzeit des Islam Seite an Seite leben. Natürlich hat es auch Auseinandersetzungen gegeben, und gibt sie noch: Es gibt Konflikte in den Familien, zwischen Vätern, Müttern und Kindern. Wir wissen aus dem Evangelium, dass sich die Kinder gegen die Väter wenden, und umgekehrt, und dass der Herr Mittel und Wege finden wird, die Generationen zu versöhnen. Und das wird auch in unserem Land so sein. Im Libanon ist die Situation anders als in Europa. Bei euch sind die Muslime die Ausländer, die Christen sind hier zuhause. In Saudi-Arabien dagegen sind die Christen die Ausländer und die Muslime die Einheimischen. Im Libanon aber sind sowohl Christen als auch Muslime zuhause. Wir sprechen dieselbe Sprache, haben eine gemeinsame Geschichte. Wir haben zwei verschiedene Religionen, aber es ist interessant zu sehen, wie es dazu kam, dass sich die beiden akzeptiert haben. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, miteinander zu leben, sondern richtig zu regieren: die Konflikte sind nicht religiöser, sondern politischer Art. In der Geschichte der Christenheit hat es die Kreuzzüge gegeben, wobei die Christen die Muslime bezwingen wollten, die Muslime wollten ihrerseits wieder die Christen bezwingen. Es hat Konflikte gegeben, aber heute versuchen wir sie zu überwinden und gemeinsam die Verantwortung der Macht zu tragen. Das war ein Anfang, und wir hoffen, in dieser Richtung weiterzumachen.
In Ihrem Land sind die Christen in zwei verschiedenen Parteien vertreten, eine ist an der Regierung, die andere in der Opposition, beide sind mit islamischen Parteien alliiert...
In Italien unterstützen die einen die Rechte, die anderen die Linke: das ist die Dynamik der Politik. Und das ist eine gute Sache, solange keiner davon die Kirche verfolgt. Wenn es verschiedene Denkweisen gibt, muss man lernen, einander zu akzeptieren und durch die Wahlen in Wettbewerb miteinander zu treten. Leider hat man diese gegenseitige Anerkennung manchmal vergessen: Ich denke an das, was während des Bürgerkrieges passiert ist. Aber Gewalt gibt es auch anderswo. Die Deutschen sind getaufte Christen, obwohl sie Europa den Krieg gebracht haben. Und wer hat den Frieden gebracht? Benedikt XV... Ich glaube, dass der derzeitige Papst den Namen Benedikt XVI. annehmen wollte, um das christliche Europa an seine Verantwortung zu gemahnen.
In den letzten Jahren war oft vom „Zusammenprall der Kulturen“ die Rede. Welche Auswirkungen hatte das auf die christlichen Kirchen des Orients?
Wir Christen des Orients mussten doppelt leiden. Wir hatten unter den Kreuzzügen zu leiden, unter den Repressalien nach der Einnahme Jerusalems im Jahr 1099. Und wir hatten unter dem europäischen und amerikanischen Imperialismus zu leiden, weil die Muslime geglaubt haben, es wäre ein christlicher Imperialismus. Als Palästina besetzt wurde, rief ein französischer Offizier aus: „Saladin, wir sind zurück!“... Wir orientalischen Christen sind hier, um zu sagen, dass das hier unsere Heimat ist. Wir sind die orientalischen Kirchen, nicht das Trojanische Pferd des Westens. Wir haben mit dem Westen kulturelle und religiöse Affinitäten, aber wir bleiben doch Orientalen. Die Muslime sind unsere Brüder und Schwestern, und wir versuchen, unsere Probleme gemeinsam zu lösen. Wenn es überhaupt einen „Zusammenprall der Kulturen“ gibt, dann einen politischen, keinen religiösen. Man darf die Religion nicht „benutzen“, sondern muss sich darum bemühen, die Religion des anderen zu verstehen. Der Islam stiftet nicht zum Verbrechen an, will nicht, dass wir unseren Nächsten umbringen. In Wahrheit enthält der Koran zahlreiche Textstellen, in denen zur Barmherzigkeit aufgerufen wird: diese Textstellen müssen wir uns zu Herzen nehmen und eine Kultur schaffen, in der einer den anderen akzeptiert. Und das ist die Aufgabe der Universitäten, der öffentlichen Meinung... In Wahrheit haben sich die Dinge auf unserer Welt nicht ganz so abgespielt, wie es laut der Theorie vom „Zusammenprall der Kulturen“ beschrieben wird. Man dachte an eine nach Nationen und Religionen geteilte Welt, aber heute ist die Welt gemischt. Es ist eine neue Welt. Und die Kirche hat die Aufgabe ihres dritten Jahrtausends noch lange nicht erfüllt. Ich habe den Eindruck, dass wenn das erste Jahrtausend die Zeit der Kirche in Nahost und Europa war und das zweite Jahrtausend das der Kirche in Amerika und Afrika, dann kann das dritte Jahrtausend das der Kirche Asiens sein, wo mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt. Asien, wo man Christus nicht kennt und die Christen in der Minderheit sind, aber dennoch Verantwortung tragen. Da ist China mit seinen beiden Kirchen, der offiziellen und der im Untergrund... Die Zukunft liegt in Gottes Hand, wir dürfen gelassen bleiben.
Palästina befindet sich in einer tragischen Lage...
Die Schaffung zweier Staaten ist notwendig, es gibt keine andere Lösung. Die Israelis müssen akzeptieren, mit den anderen zu leben. Auf der anderen Seite sind sie niemals allein: seit der Zeit König Davids gab es die Philister und andere Völker. In Israel leben eine Million Palästinenser, zwei oder drei weitere Millionen leben in Gaza und im Westjordanland. Ich kann nur hoffen, dass die beiden Völker zum Frieden bereit sind. Manchmal waren die Araber nicht dazu bereit, sondern hätten die Israelis am liebsten ins Meer geworfen. Andere Male wieder waren es die Israelis, die die Palästinenser am liebsten in die Wüste geschickt hätten... Die Lösung ist, dass sich die beiden Völker nicht bekriegen, sondern harmonisch zusammenleben... Hoffen wir das Beste...
In der letzten Zeit hat es mehrere wohlwollende Gesten Benedikts XVI. dem Islam gegenüber gegeben. Weiß man das zu schätzen?
Natürlich. Das deutlichste war wohl der Besuch des Papstes beim saudischen König. Der saudische König ist der „Fürst der Gläubigen“, der Hüter Mekkas. Aber nicht nur das: der Papst hat einen Apostolischen Nuntius nach Kuwait und an den Persischen Golf geschickt. Gewiss, die Priester haben es in Saudi-Arabien nicht leicht, aber ihre Aufgabe ist es ja, die Lage zu verbessern. Wir hoffen, dass die Wogen geglättet werden können. Die Muslime haben nicht mit dem Papst Schwierigkeiten, sondern mit den christlichen Politikern, die nur nach außen Christen sind, in Wahrheit aber gegen das Christentum handeln. Das Christentum setzt das Völkerrecht voraus... Wir müssen nur an die Palästinenser denken: ihr Problem ist ungelöst, und die Muslime denken, dass alles gelöst werden könnte, wenn der Westen nur resoluter wäre. Ich glaube, es gibt da ein grundsätzliches Missverständnis, das auszuräumen wäre: Europa ist nicht christlich, sondern einfach nur ein Kontinent, auf dem Christen leben. Hoffen wir, dass die Christen des Westens verstehen, welche Verantwortung sie tragen: wenn sie nämlich hier bei uns Böses tun, sind wir es, die dafür bezahlen.
Im Oktober wird in Rom die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten abgehalten. Welche Hoffnungen verbinden Sie damit?
Wir hoffen auf eine Reflexion der orientalischen Kirchen, besonders darüber, was ihre Sendung im Nahen Osten ist, welches Zeugnis sie ablegen sollen. Die Christen des Orients sind eine kleine Minderheit in einer großen muslimischen Masse. Manchmal mag das den ein oder anderen veranlassen, sich zu sagen: wir sind eine Minderheit, warum sollen wir bleiben? Wandern wir doch lieber nach Europa oder nach Amerika aus. Und wenn man bleibt, riskiert man, sich zu isolieren. Aber unsere Sendung ist es, der Sauerteig zu sein, uns für die ganze Gesellschaft einzusetzen. Ich hoffe, dass die Christen durch die Synode verstehen, dass sie der Herr bittet, sich auch in den schwierigsten Momenten die Hoffnungen der Muslime im Herzen zu nehmen; für die Würde und die Befreiung der Muslime zu arbeiten. Ich hoffe auch für die Muslime, dass die Synode eine Möglichkeit sein mag, die Gegenwart der Christen im Orient als eine Bereicherung zu empfinden. Und dass sie verstehen, dass die Flucht der Christen aus dem Nahen Osten eine Verarmung bedeuten würde.


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