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VEREINIGTE STAATEN
Aus Nr. 06/07 - 2010

TENDENZEN. Obama, die Kirche und die gegenseitige Abhängigkeit

Unsere Arbeit ist Brückenbauen


„Wir sind eine Nation, in der es viele Glaubensformen gibt. Keiner davon werden Beschränkungen auferlegt. Ein guter Leader muss fähig sein, ein gemeinsames Terrain zu finden.“ Interview mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten beim Heiligen Stuhl, Miguel Humberto Díaz.


Interview mit Miguel Humberto Díaz von Giovanni Cubeddu


Der amerikanische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Miguel Humberto Díaz, hat bei unserem Treffen den Bericht über die nationale Sicherheitsstrategie der Regierung Obama dabei. Die Anthologie erleuchtender Einsichten über den neuen Kurs, den Amerika einzuschlagen gedenkt, wurde im Mai dieses Jahres von Präsident Obama unterzeichnet. Naheliegend also, den Professor und Theologen Diaz zu den Kernpunkten dieser Strategie zu befragen.

US-Präsident Obama mit Botschafter Díaz. [© US-Botschaft beim Hl. Stuhl]

US-Präsident Obama mit Botschafter Díaz. [© US-Botschaft beim Hl. Stuhl]

MIGUEL H. DÍAZ: Zuhören, lernen, handeln: das ist das Motto der US-Administration auf nationaler und internationaler Ebene. Dazu kommen noch die drei Schlagworte Dialog, Verschiedenheit, gegenseitige Abhängigkeit. Diese Sicht des Präsidenten teile ich voll und ganz; ich schätze den Wunsch, dieses „Wir“, das die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den anderen zeigt, in den Mittelpunkt zu stellen. Die Quintessenz der nationalen Sicherheitsstrategie liegt gerade in dieser „interdependence“ – dieser gegenseitigen Abhängigkeit. Es ist kein Zufall, dass dieses Schlagwort im Text so häufig vorkommt.
Wie kann man in diesem Kontext gegenseitiger Abhängigkeiten seine Führungsposition behaupten?
DÍAZ: In der nationalen Sicherheitsstrategie hat der US-Präsident eine Stellungnahme zitiert, die Sie im September 2009 vor der UNO abgegeben haben: „Die Interessen der Nationen und der Völker sind heute mehr denn je gemeinsame Interessen. Unsere religiösen Überzeugungen können neue Beziehungen schaffen, sie können aber auch zerstören. Die Technologie, auf die wir uns stützen, kann den Weg des Friedens erhellen, ihn aber auch verdunkeln, kann unsere Welt bereichern oder verarmen lassen.“ Das ist nicht Pessimismus, sondern Realismus. Und genau das ist der Inhalt des kooperativen Leaderships, das von Amerika angestrebt wird.
Ist diese Art von Kooperation beispielsweise mit der arabischen Welt möglich?
DÍAZ: Der Schlüssel liegt in der Gegenseitigkeit, der Reziprozität. Für uns Amerikaner ist das Prinzip der Religionsfreiheit von grundlegender Bedeutung. Aber wie überall, wo Menschen beteiligt sind, machen wir manchmal einen Schritt nach vorn, und dann wieder drei zurück. Wir müssen uns auf die Kunst des Kompromisses verstehen, denn dann gibt es auch ein gemeinsames Terrain, das das Gemeinwohl fördert.
Und dann wird auch die Zeit als etwas Positives gesehen.
DÍAZ: Präsident Obama greift Niebuhr und damit die gesamte augustinische Tradition wieder auf, wenn er bekräftigt, dass in dieser Mutualität und Reziprozität die Anerkennung der Tatsache liegt, dass die Menschen nicht vollkommen sind; dass es auf unserer Welt das Böse gibt; dass wir nicht immer zum Wohl Gottes und des Nächsten handeln. In seinem Vortrag an der Notre-Dame-Universität hat er gesagt, dass „sich kein Mensch, keine Religion, kein Land der Welt den Herausforderungen alleine stellen kann“. Dass wir mit der Suche nach diesem gemeinsamen Terrain anerkennen, dass unsere Schicksale – wie Martin Luther King sagte –, miteinander verflochten sind. Er betonte aber auch, „dass dies nicht einfach ist und ein Teil des Problems in der Unvollkommenheit des Menschen liegt“, „in all den kleinen und großen Grausamkeiten, die jeder, der wie wir in der christlichen Tradition steht, in der Ursünde begründet weiß!“.
Am Schluss seines Beitrags wollte Obama an den Kardinal von Chicago, Bernardin, erinnern.
DÍAZ: Die christliche Tradition bezieht das Naturgesetz mit ein, weil es auch eine „Tradition der Vernunft“ gibt. Ich glaube, dass diese „vernunftgelenkte“ Einstellung zum Glauben typisch ist für Präsident Obama. Die Betonung der Vernunft ist ein besonderer Aspekt, der mit dem jüdisch-christlichen Erbe zu tun hat; dem Bewusstsein, dass Vernunft und Glaube einander nicht ausschließen, sondern miteinander einhergehen. Das Ganze hat also nichts mit Extremismus zu tun. Und das ist auch die Auffassung von Präsident Obama.
Wie kann man Pluralität garantieren?
DÍAZ: Dieses Problem stellt sich nicht nur dem jetzigen Präsidenten; es hat sich schon seinen Vorgängern gestellt und wird sich auch den zukünftigen Präsidenten stellen. Wir sind eine Nation, in der es viele Glaubensformen gibt, die allesamt frei sind. Ein guter Leader muss in der Lage sein, ein gemeinsames Terrain zu finden. Dass die Menschen voneinander abhängen, wissen nicht nur die Theologen und die Philosophen, sondern auch die Anthropologen… Die Frage aber ist: wie setzen wir diese gegenseitige Abhängigkeit in die Praxis um? Zum Wohl unseres Landes und unserer Kinder müssen wir den Menschen, die nicht unserer Meinung sind, auf halbem Weg entgegen gehen. Und genau das versucht Präsident Obama in seiner Innen- und Außenpolitik zu beherzigen.
Eine gute Schule war diesbezüglich die Erfahrung, die er gemacht hat, als er das soziale Entwicklungsprogramm in Chicago leitete.
DÍAZ: Ja, zweifellos eine wichtige Erfahrung, aber nicht die einzige dieser Art. Die katholische Kirche, der damalige Erzbischof Bernardin, haben sicher einen gewissen Einfluss auf ihn ausgeübt. Wer immer in der Pfarrei dieser großen Stadt wirken durfte weiß, was es bedeutet, die Bedürfnisse unserer Nächsten zu verstehen. Auf den Dialog mit der uns umgebenden Welt übertragen heißt das, dass wir ein gemeinsames Terrain schaffen müssen, in dem die Möglichkeiten der Amerikaner, mit den Europäern, den Asiaten, den muslimischen Völkern zu interagieren, ausgebaut werden. Es ist eine Frage der Kreativität. Man verlangt von uns nicht, für eine immer größere Zahl von Tischgenossen immer mehr zu kochen, sondern eine Vielzahl von Rezepten parat zu haben…
Wie beurteilen die ethnischen Minderheiten in Amerika den neuen Präsidenten?
DÍAZ: Als Barack Obama seinen Amtseid ablegte, sind meine Frau Marian und ich mit dem Zug nach Washington gefahren. In unserer Begleitung befand sich eine Bekannte unserer Familie, eine Franziskaner-Schwester. Die Wagons waren voll mit Menschen, die meisten davon Afroamerikaner. Ich habe sie gefragt, wie sie sich jetzt fühlen, wo wir zum ersten Mal einen dunkelhäutigen Präsidenten haben. Dann habe ich ihnen die Geschichte eines Amerikaners erzählt, der der Sohn eines kubanischen Kellners war, der Kuba verlassen hat. Ich erzählte ihnen von den Opfern, die die Eltern auf sich genommen haben, damit ihr Sohn studieren und es im Leben weiterbringen konnte: dieser Sohn war ich. An diesem Tag habe ich mich sehr gefreut, auch für meine vier Kinder. Die Afroamerikaner in meinem Abteil hatten Tränen in den Augen, sie konnten sich noch gut an die Tage der Sklaverei erinnern, an die Apartheid, den Rassismus. Es gibt historische Momente, in denen manche Menschen etwas verkörpern, das größer ist als sie selbst, und ich würde sagen, dass Präsident Obama in jenem Moment zum Symbol der Hoffnung, der Integration, einer Verschiedenheit wurde, die akzeptiert und angenommen wird.
Das ist Amerika. Und all das ist realistischer als Sie glauben…
Wie meinen Sie das?
DÍAZ: Eine Umfrage in den Vereinigten Staaten hat erst vor Kurzem ergeben, dass wir an einem Wendepunkt angelangt sind: 48,3 % der amerikanischen Kinder stammen aus Familien, die ethnischen Minderheiten angehören. Das bedeutet, dass es bei uns bald keine Gruppe mehr geben wird, die sich als Minderheit bezeichnen kann. Jede siebte Ehe ist eine Mischehe. Wie das kommt? Die jungen Leute studieren auswärts, und dann verlieben sie sich. Und genau das macht unser „e pluribus unum“ aus.
US-Präsident Barack Obama mit seiner Frau Michelle bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan (10. Juli 2009). <BR>[© Paolo Galosi/Vatican pool]

US-Präsident Barack Obama mit seiner Frau Michelle bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan (10. Juli 2009).
[© Paolo Galosi/Vatican pool]

In On being human zitieren Sie den amerikanischen Theologen kubanischer Abstammung, Justo González, der betont, dass „es eine Zeit gab, in der die Hauptstadt Georgias Havanna war“, und dass „die lateinamerikanische Tradition in Amerika weitaus älter ist als die angloamerikanische.“
DÍAZ: Ja, was González damit sagen wollte ist, dass die Geschichte jenes Gebildes, aus dem später die „Vereinigten Staaten von Amerika“ wurden, eng mit der Präsenz der Lateinamerikaner im Südosten und Südwesten des Landes verbunden ist. Er erinnert auch daran, dass die Spanier – aus Kuba, aus anderen Teilen der Karibik und des amerikanischen Kontinents – bereits 19 Jahre vor der Gründung der Kolonie Virginia durch die Engländer eine Stadt gegründet hatten, die es immer noch gibt: St. Augustine, in Florida… Und die Nachkommen der ersten Schwarzen, die aus der Sklaverei befreit werden konnten, ließen sich in Fort Mose nieder, in der Nähe von St. Augustine. Sie kämpften Seite an Seite mit den katholischen Spaniern, die ihnen versprochen hatten, sie von ihren Ketten zu befreien. Die Probleme, die sich uns heute stellen, liegen dagegen im religiösen Bereich, im Dialog zwischen Muslimen und Christen, im Dialog mit dem Judentum. Dank des Ersten Amendments gibt es diesbezüglich in den Vereinigten Staaten keine Unklarheit. Wir respektieren die Religionsfreiheit aller, wir haben herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die unterschiedlichen Traditionen und Religionsgemeinschaften angehören. Wer in Amerika seinen Glauben praktizieren will, kann diesen Anspruch sogar vor dem Zivilrichter geltend machen...
Sie haben zwei Vorträge über Jacques Maritain gehalten, der die Stellungnahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Befindlichkeit der Kirche in der Welt unserer Zeit nachhaltig geprägt hat. Bei Maritain dagegen haben die Jahre, die er in Amerika verbrachte, igen Stuhl nur befürworten kann, Präsident Obama und Benedikt XVI. sicher einig.
Welche Fragen meinen Sie?
DÍAZ: Konzepte wie gegenseitige Abhängigkeit, menschliche Gemeinschaft und Dialog, und das Konzept der Beziehung zwischen Vernunft und Glaube, das den Papst die positive Dimension der Modernität bejahen lässt und bewirkt, dass der US-Präsident die Modernität nicht unkritisch betrachtet.
Welche Bilanz kann man zum Thema Zusammenarbeit zwischen US-Regierung und Heiligem Stuhl ziehen?
DÍAZ: Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass es nicht dann und wann zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann. Ich würde allerdings sagen, dass die amerikanische Außenpolitik eindeutig ihren Kurs gewechselt hat und wir uns wirklich um eine Reduzierung der Atomwaffen bemüht haben – was uns im Vatikan hoch angerechnet wird. Wir bemühen uns aber auch um den Ausbau des interreligiösen Dialogs, um den Umweltschutz, die Achtung des Rechts und die Schließung des Gefängnisses von Guantánamo Bay. Wir wollen keine Konflikte im Irak wieder aufleben lassen. Und da wäre noch das Problem des „Werkzeugs“ Krieg, das – wie der Präsident gesagt hat – zwar „der Bewahrung des Friedens dienen kann, aber doch immer auch eine menschliche Tragödie darstellt.“ Es gibt noch viel zu tun, und wir sind ehrlich darum bemüht, unseren Verpflichtungen nachzukommen.
Erst unlängst haben Sie Thomas Jefferson zitiert, der über Amerika folgendes gesagt hat: „Ich hoffe, dass nicht nur unsere Macht, sondern auch unsere Weisheit größer wird.“
DÍAZ: Ja, was er damit sagen wollte ist wohl, dass wir darauf hinarbeiten müssen, die Sorgen der anderen zu erkennen, unsere Verantwortung zu teilen. Im Juli 2008 hat Obama in Berlin als Präsidentschaftsanwärter gesagt, dass nicht nur unsere alten Mauern fallen müssten, sondern auch die neuen; dass die Zeit gekommen sei, Brücken zu bauen. Und genau das ist nun meine Aufgabe.


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