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NOVA ET VETERA – TURINER...
Aus Nr. 04 - 2010

Archiv 30Tage

Von kleinen Indizien zum Staunen des Glaubens


Die Apostel Petrus und Johannes vor dem leeren Grab. Petrus sah. Johannes sah und glaubte. Interview mit Jean Galot, emeritierter Professor für Christologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana.


Interview mit Jean Galot von Gianni Valente


<I>Der auferstandene Jesus und Thomas</I> von Santi di Tito (1536-1603), Kathedrale „Sansepolcro“, Arezzo, Toskana.

Der auferstandene Jesus und Thomas von Santi di Tito (1536-1603), Kathedrale „Sansepolcro“, Arezzo, Toskana.

Sie waren Fischer aus Galiläa, Leute, die keine Flausen im Kopf hatten. Von wegen mystische Visionen. Nach dem, was da auf dem Kalvarienberg geschehen war, waren sie schnell wieder nach Hause gegangen und hatten sich verbarrikadiert, „aus Furcht vor den Juden.“ Er war tot, daran gab es nichts zu rütteln, und damit war für diese armen Kerle wirklich alles aus.
Aber an jenem Sonntag morgen, vor dem leeren Grab, bröckelte etwas von dieser schmerzlichen, aber realen Resignation ab.
Der Jesuit Jean Galot, 81, emeritierter Professor für Christologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana, hat diese Szene vor kurzem wieder heraufbeschwört. In einem in der La Civiltà Cattolica veröffentlichten Artikel, gespickt mit Verweisen auf exegetische Studien und dokumentierten Nachforschungen über die Beerdigungsriten im jüdischen Altertum, beschritt er noch einmal gemeinsam mit Johannes und Petrus den Weg ins Grab Jesu. Wobei er zu verstehen versuchte, warum Johannes in diesem Moment zum ersten, allerersten Mal ahnte, daß sie nicht verloren, sondern gewonnen hatten.
Schon der Titel des von Galot verfaßten Artikels ist vielsagend: Sehen und Glauben. Denn so hat alles begonnen. Als Ihn die Seinen, die Ihn sterben sahen, mit eigenen Augen gesehen und als Auferstandenen berührt haben.

Rufen wir uns die Fakten ins Gedächtnis. An jenem Morgen kam Maria Magdalena vom Grab zurück und sagte, daß der Stein am Eingang weggerückt war…
JEAN GALOT: Und auf diese Nachricht hin liefen sofort zwei der Jünger, Petrus und Johannes, zum Grab, um zu sehen, was passiert war. Johannes, der schneller lief, kam als erster an, ging aber nicht hinein. Er beschränkte sich darauf, sich vorzubeugen und die Leinenbinden zu betrachten, die noch dort lagen. Dann traf auch Petrus ein, ging in das Grab und sah als erster, was dort war. Johannes ging hinter ihm hinein…
Im Evangelium heißt es, die beiden reagierten unterschiedlich auf das, was sie vorfanden: Petrus „sah“, Johannes „sah und glaubte.“
GALOT: Petrus ist betroffen, ja fast schon verwirrt über das, was er sieht, bleibt aber in einem Zustand der Perplexität. Bei Johannes ist das Staunen größer, denn er hat bereits eine erste Intuition vom Mysterium der Auferstehung.
Was bedeutet diese unterschiedliche Reaktion?
GALOT: Jedenfalls nicht, daß der Glaube Petri kleiner gewesen wäre als der des Johannes. Es deutet lediglich darauf hin, daß die beiden unterschiedliche Temperamente hatten. Der Glaube des Petrus braucht, um es einmal so zu sagen, mehr Zeit. Petrus braucht Zeit, um die Realität, die er da sieht, zu verarbeiten. Als Jesus die Apostel gefragt hatte: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“, da war das eine Frage, die er gestellt hatte, als er lange Zeit schon mit ihnen gelebt und bereits zu erkennen gegeben hatte, wer er war. Damals war es gerade Petrus, der eine verblüffende Antwort gab. Er hatte Zeit gehabt, zu beobachten und nachzudenken. Seine prompte Antwort war das Resultat eines langen Zusammenlebens. Johannes dagegen erkennt im Grab, trotz der wenigen Hinweise, wenn auch nur in Form einer Ahnung, was sich hier wirklich abgespielt hat. Daß nämlich der Leichnam nicht geraubt wurde, sondern Jesus lebend das Grab verlassen hat, in seinem auferstandenen Leib, und die Leinenbinden, in die er eingewickelt war, zurückgelassen hat. Auch eine andere Episode, die sich später ereignete, bestätigt diese bei Johannes ausgeprägtere Intuitionsgabe. Als Jesus an den Ufern des Sees erscheint und die Apostel dazu auffordert, ihre Netze auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen, ist es Johannes, der –angesichts dieses wundersamen Fischfangs – Jesus sofort erkennt: „Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See“ ( Joh 21, 7). Auch in diesem Fall erkennt Johannes sofort, wem das Wunder zu verdanken ist, während Petrus sich mehr auf das Resultat des Wunders zu konzentrieren scheint und sich über die große Menge der gefangenen Fische den Kopf zerbricht. Eine ähnliche Situation wie die im leeren Grab also, wo Petrus seinen Blick auf das gerichtet hat, was das Verschwinden des Leichnams bedeutete, während Johannes darin das Zeichen der Auferstehung erkannt hatte. Der Blick des Johannes, der über das Grab und die Spuren, die von der Präsenz Jesu blieben, hinausging, begann, in den österlichen Glauben einzutreten.
Kann es sein, daß Johannes die Anzeichen, auch die kleinsten, besser verstand, weil er der Lieblingsjünger Jesu war?
GALOT: Die Vorliebe, die Jesus für ihn hatte, half ihm dabei, die Augen zu öffnen, ihn die Dinge so sehen zu lassen, wie Christus sie sah. Aber trotz dieser besseren und spontaneren Intuition hat Johannes doch sichtlich Respekt vor der Autorität des Petrus. Für sich beansprucht er keinerlei Autorität, keinen Primat. Er kommt als erster beim Grab an, geht aber nicht hinein, sondern bleibt am Eingang stehen und wartet auf Petrus, den er zuerst eintreten läßt, obwohl er doch sicher neugierig war zu sehen, was sie dort vorfinden würden. Außerdem hätte er dieses anfängliche Erkennen dessen, was passiert war, doch sicher mit seinem Freund Petrus teilen wollen, aber er wußte, daß die Zeit dafür, die Zeit für diesen selben Blick, noch nicht reif war. Und so drängt er auch nicht, drängt seinen klareren Blick nicht auf, sondern respektiert die Zeit, die Petrus braucht, um das zu sehen, was er bereits erkannt hat.
Was fanden sie dort eigentlich vor? Was haben die beiden wirklich gesehen?
GALOT: Anhand von jüngsten exegetischen Studien konnte der tatsächliche Inhalt des Textes präzisiert und einige das Verständnis erschwerende Ungenauigkeiten bei geläufigen Übersetzungen aufgedeckt werden. Der erste Fehler, der in vielen Übersetzungen auftaucht,zeigt sich bei dem Wort Tücher, bzw. dem griechischen otónia, mit dem in Wahrheit alle Tücher gemeint sind, in die der Verstorbene eingewickelt wurde, auch das Grabtuch, das größte Tuch, das den ganzen Leib umhüllte. Außerdem heißt es in vielen Übersetzungen, daß die Apostel die Leinenbinden auf dem Boden liegend vorgefunden hätten, auch das Schweißtuch (das zusammengerollte Tuch, das dem Toten um den Kopf gebunden wurde, damit der Mund geschlossen blieb), „aber nicht bei den Leinenbinden, sondern daneben an einer besonderen Stelle“ ( Joh 20, 7). In Wahrheit aber, und das geht aus neuen Übersetzungen hervor, die auf einer genauen grammatikalischen Analyse des griechischen Originals basieren, war alles an seinem Platz geblieben. Auch das Schweißtuch lag immer noch bei den Leinenbinden. Man konnte es deutlich unter dem leeren und daher eingesunkenen Grabtuch erkennen.
Sind diese Details denn so wichtig?
GALOT: Sie helfen zu verstehen, was das Staunen und diesen Beginn des Glaubens bei Johannes ausgelöst hat. Wenn der Leichnam von jemandem weggebracht worden wäre, wären die Binden wohl kaum unversehrt an derselben Stelle gelegen, und das Schweißtuch wäre in dem Moment, als man den Körper mitnahm, aus den anderen Binden herausgezogen und weggeworfen worden, wie viele geläufige Übersetzungen anzudeuten scheinen. Der Leib Jesu war aber nicht mehr da, alle anderen Dinge dagegen – die Binden, das Schweißtuch – lagen wie unberührt an ihrem Platz. Aber nicht nur das: das Schweißtuch lag sogar noch bei den anderen Leinenbinden, also an seinem ursprünglichen Platz. Als er das sah, ahnte Johannes wohl, daß Jesus nicht von irgendjemandem fortgebracht worden war, sondern sein Grab lebend verlassen hatte, sich also wie durch ein Wunder von den Leinenbinden, in die er eingewickelt war, und von dem Schweißtuch befreit hatte, die unerklärlicherweise vollkommen intakt waren und wie unberührt aussahen. Eindeutige Anzeichen für ein übernatürliches Ereignis, denn es gab keine Erklärung dafür, wie Jesus sich aus seiner ursprünglichen Lage befreit haben sollte, ohne die Grabtücher zu berühren. Daher kann man sagen, daß er hier, angesichts der vor ihm liegenden Tücher, begann, an das Ereignis der Auferstehung zu glauben.
Ein Ereignis, das Jesus aber doch sogar mehrfach angekündigt hatte…
GALOT: Immer wenn Jesus von seiner Passion sprach, sagte er auch, daß der Menschensohn am dritten Tage von den Toten auferstehen würde. Trotzdem dachte nach der Kreuzigung niemand mehr an diese Worte. Viele nicht einmal dann, als sie den Auferstandenen sahen. Sie alle hatten es vergessen, alle außer Maria, die diesen Leib neun Monate in ihrem Schoß getragen hatte, diesen Leib, der gekreuzigt worden war. Man kann sagen, daß in diesen drei Tagen die Hoffnung der ganzen Welt von Maria genährt wurde. Johannes selbst hatte mehrfach diese Worte Jesu gehört, der von der Auferstehung sprach. Zusammen mit Petrus und Jakobus war er bei der Verklärung Jesu dabei gewesen, als sie Jesus ermahnt hatte, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ Sie hatten ihm gehorcht, doch „dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen“ ( Mk 9, 9. 10). Johannes hätte also eigentlich auf das Mysterium der Auferstehung gefaßt sein müssen. Und doch kommen ihm diese Worte erst dann wieder in den Sinn, als er das Grabtuch und das Schweißtuch unberührt in dem Grab vorfindet, das Jesus lebend verlassen hat. Der Beginn seines Anhängens an den Glauben, wie es im Evangelium heißt, gründet auf dem, was er im Grab gesehen hat. Wird durch kleine, aber reale, sichtbare Indizien ausgelöst.
Wie wächst dieser eben geborene Glaube bei Johannes? Vielleicht durch eine religiöse Reflexion?
GALOT: Bei dieser ersten Erfahrung in dem leeren Grab hatte Johannes nur eine vage und indirekte Ahnung von der Auferstehung Jesu Christi. Als er feststellen mußte, daß Jesus nicht mehr in dem Grab war, hat er vielleicht das Übernatürliche, das sich ereignet hatte, erahnt. Aber erst die direkten Kontakte mit Jesus in den folgenden 40 Tagen, die konkreten Kontakte mit dem Auferstandenen ermöglichen es ihm, sich über seine Sendung als Zeuge klarzuwerden. Bei ihren Begegnungen zeigt sich Jesus, um Glauben zu wecken, um dem Glauben ein deutlicheres objektives Fundament zu geben. Er zögert nicht, seinen Leib zu zeigen, einen Leib, der noch die Spuren der Kreuzigung aufweist. Er verstärkt das Sehen, damit das Glauben entstehen kann. Mit Zunahme der Indizien kommt es zum Übergang von einer ersten Ahnung zum Erkennen einer unvorstellbaren Realität, einer realen Tatsache, die größer und überraschender ist als jede Erwartung.

Viele geistliche Lehrer in der Kirche lehren heute, daß die innere Reinheit des Glaubens keiner äußeren Anzeichen bedarf. Ein Glaube, der vom Sehen und Anfassen abhängt, ist ihrer Meinung nach roh und grob.
GALOT: Und doch war genau das das Zeugnis der Apostel. Ihr Glaube liegt ganz in der Einfachheit einer Feststellung, beginnt bei ihnen, als sie Ihn gesehen haben und Ihn, den Auferstanden, berührten. Als Petrus nach einem Nachfolger für Judas sucht, geht er nur nach einem Kriterium vor: derjenige, der an Judas statt im Kreis der Apostel aufgenommen werden soll, muß nicht ein Zeuge des Lebens, sondern der Auferstehung Jesu sein. Die Apostel sind Augenzeugen der Auferstehung Jesu. Und alles hängt von ihrer Erfahrung ab, da Jesus keinen schriftlichen Lehrtext hinterlassen hat, keine kodifizierte geistliche Lehre. Kurzum: am Anfang des Glaubens der Kirche stand ein Sehen. Der Glaube der Kirche könnte niemals von diesem anfänglichen Sehen getrennt werden, sein Fundament wird immer in der von den Aposteln gemachten Erfahrung und in ihrem Zeugnis bestehen. Wie schrieb schon Augustinus in De civitate Dei? „Resurrexit tertia die sicut apostoli suis etiam sensibus probaverunt.“ „Am dritten Tage ist er auferstanden, wovon sich die Apostel, auch mit ihren Sinnen, überzeugen konnten.


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