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KIRCHENGESCHICHTE
Aus Nr. 01 - 2010

„Er war leicht zu Tränen gerührt“


Giovanni Battista Montini Erzbischof von Mailand,
7. Dezember 1959


von Giovanni Battista Montini


Ambrosius.

Ambrosius.

„Wer sein Bild von Ambrosius auf jene Episoden gründet, die ihn für seine Stärke rühmen, oder auf die Schriften, die ihn uns als einen Kirchenlehrer zeigen, der zur allegorischen Interpretation der Bibeltexte tendierte, hat seine Persönlichkeit nicht in ihrer ganzen Fülle erfasst: er war kein autoritärer und strenger Mann. Zwar war er energisch und unerschrocken, er war aber auch verständnisvoll und voller Güte. Aus der Güte machte er sogar die Mutter aller Tugenden: ‚Omnes virtutes bonitas tamquam mater fecunda amplectitur‘. Und die Güte legte er auch dem Programm für sich und seine Priester zugrunde. So konnte er in seinem Buch De officiis schreiben: ‚Man muss vor allem wissen, dass nichts so nützlich ist, wie geliebt zu werden, nichts so nutzlos sein kann, wie nicht geliebt zu werden‘, und so wollen wir also versuchen, ‚mit Verstand und Herzensgüte vor allem auf die wohlwollende Bereitschaft der Menschen Einfluss zu nehmen. Die Güte ist nämlich dem Volk wohlgefällig, und es gibt nichts, was das Herz der Menschen mehr rühren könnte‘. Dass die Tugend der Güte in ihm noch offensichtlicher hervortrat als die der Strenge, die bei den Beschreibungen seiner Person so oft herausgestellt wird, sieht man an der Art, wie er mit seinen Mitmenschen umging und zu ihnen sprach: nicht umsonst war der Bienenkorb sein Symbol, und Augustinus wurde nie müde daran zu erinnern, welch herzlichen Empfang ihm Ambrosius in Mailand bereitete und welch angenehm sanfte Redeweise er hatte.
Es war die Redeweise eines Seelenhirten. Und Ambrosius war bekanntlich ein ausgezeichneter Seelenhirt – so sehr, dass seine Güte in den darauffolgenden Jahrhunderten sogar zum Vorbild werden konnte. Diese Güte, die ganz darauf ausgerichtet war, alle Menschen in seiner Umgebung zu verstehen, ihnen Beistand zu leisten, sie zu heilen und zu unterrichten.
Ambrosius war ein großherziger Mann, seine Liebe zur Kirche, die bei vielen Gelegenheiten ans Tageslicht trat, immens. Wenn er von ihr sprach, zitterte seine Stimme vor Begeisterung. Und er liebte bekanntlich das Imperium, als Politiker nicht weniger als als Bischof. Er liebte das Volk: als es darum ging, die Gefangenen nach der von den Römern in Hadrianapolis erlittenen Niederlage freizukaufen, zögerte er keinen Moment, die liturgischen Geräte in seinen Kirchen zu verkaufen, um damit das Lösegeld zu bezahlen. ‚Es ist besser, die Kelche der lebenden Menschen zu bewahren als die aus Metall‘, sollte er später in Erinnerung an diese Episode schreiben. Die Kirche kann nichts verlieren, wenn sie an Liebe gewinnt. Und seine Worte für die Armen sind ebenso liebevoll und herzlich wie jene, die er den prunkliebenden und egoistischen Reichen seiner Zeit vorbehält, hart und unerbittlich. [...]
Dass es Ambrosius verstand, auch die anderen zu rühren, geht deutlich aus seiner Emotivität hervor. Er war leicht zu Tränen gerührt. Und nicht nur, um sich gegen die bewaffnete Übermacht seiner Gegner zur Wehr zu setzen (‚Lacrimae meae arma sunt; talia enim munimenta sunt sacerdotis‘: meine Waffe sind meine Tränen; das ist die Verteidigung eines Bischofs), sondern weil er leicht gerührt war. Der Ambrosius-Biograph Paulinus berichtet, dass Ambrosius immer, wenn sich jemand vor ihm schuldig bekannte und bei ihm Buße tun wollte, ‚so bitterlich weinte, dass auch der Reuige seine Tränen nicht zurückhalten konnte‘. Und diese Rührung des Ambrosius war etwas so Selbstverständliches, dass er sie auch auf die Freude übertrug: ‚Habet et laetitia lacrimas suas‘, auch seine Freude hatte ihre Tränen.
Tränen flossen auch, wenn man ihm die Nachricht vom Tod eines seiner Priester überbrachte; jener ihm aus dem Evangelium geborenen Priester, die er – wie er sagte – nicht weniger geliebt hätte, wenn sie ihm die Natur geboren hätte. Und bei dem Gedanken an all die Wohltaten, die er von Christus empfangen hat, entfährt es ihm fast wie ein Schrei: ‚Vae mihi, si non dilexero!‘, wehe mir, wenn ich nicht liebe!“


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