KIRCHE. Konfuzianismus, Katholizismus und die Erfahrung der Konkretheit.
Die Anfänge des christlichen Korea
Begegnung mit Francis Ji-Young Kim, Botschafter Südkoreas beim Hl. Stuhl.
Interview mit Francis Ji-Young Kim von Giovanni Cubeddu
Matteo Ricci war von 1582 bis zu seinem Tod 1610 als
Jesuitenmissionar in China tätig. Das Echo seines Werkes drang bis
nach Korea. Zu Wort kommt Francis Ji-Young Kim, Botschafter Südkoreas
beim Hl. Stuhl.

Exzellenz, beginnen wir mit einem kurzen Abriss der
Beziehungen zwischen Korea und China zu Zeiten der Mission Riccis.
FRANCIS JI-YOUNG KIM: Zu Beginn waren die Beziehungen der koreanischen Yi-Dynastie (1392-1910, Anm.d.Red.) zum China der Ming gut – so gut, dass viermal im Jahr diplomatische Handelsdelegationen aus Korea geschickt wurden. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dank dieser Begegnungen waren die Kontakte freundschaftlich und wurden durch einen gegenseitigen Austausch der notwendigen Güter, Technologien und – allgemeiner – Wissen bereichert. Im 16. Jahrhundert konnten dann aber in der Mandschurei die Jurchen die Macht übernehmen, die später die Nation Keum begründen sollten. 1636, nachdem es ihnen gelungen war, die Ming-Dynastie zu besiegen, wurden sie Ch’ing genannt und mischten sich in die Beziehungen zwischen den Dynastien Yi und Ming ein.
Zu welchem Zweck?
JI-YOUNG KIM: Die Jurchen wollten das China der Ming besetzen. Das war aber nur möglich, wenn die Yi politisch neutral blieben, und zwar sowohl ihnen als auch den Ming gegenüber. König Kwanghaegun aus der Yi-Dynastie, der von 1608 bis 1623 herrschte, schaffte es, diese Politik der Neutralität zu bewahren. Der spätere König Injo aber, der von 1623 bis 1649 an der Macht war, kehrte wieder zu der traditionell Ming-freundlichen Haltung zurück, obwohl Korea keine ausreichenden Kräfte hatte, um den Jurchen-Stämmen standhalten zu können. In der Zeit von Dezember 1636 bis Januar 1637 griffen diese auch tatsächlich Korea an und machten den Norden des Landes dem Erdboden gleich.
Wie war es dort damals um die Religion bestellt?
JI-YOUNG KIM: Während der Yi-Dynastie war die am weitesten verbreitete Religion der Konfuzianismus, im Kontrast zum Buddhismus, der vorherrschenden Religion in Korea während der vorherigen Reiche der Koryo und der Silla. Obwohl sich der Buddhismus und der Taoismus auch weiterhin bei den unteren Gesellschaftschichten großer Beliebtheit erfreuten, bekannten sich die königliche Familie und die gehobene Kaste der Intellektuellen, die Yangban, größtenteils zum Konfuzianismus. Die Konfuzius-Kenner maßen der traditionellen Schrift in Alt-Chinesisch große Bedeutung bei, und zwar sowohl was literarische Werke betraf als auch geisteswissenschaftliche Studien über die Spiritualität, Zermoniale usw. Ihr Ziel war der Aufstieg zum „geistigen Leben.“
Der Einfluss, den die Schriften von Matteo Ricci auf die koreanischen Intellektuellen der damaligen Epoche ausübten, war einer so bekannten Schule des Denkens wie der Silhak-Bewegung zu verdanken. Was war das genau?
JI-YOUNG KIM: Sie war einfach nur ein Zweig des Konfuzianismus. Ihr Name bedeutete „praktisches Lernen“, „Konkretheit“. Sie zielte darauf ab, ein neues Studien- und Wissenschaftsmodell zu schaffen, wenn erst einmal die Konflikte und Probleme überwunden waren, die in der konfuzianischen Gesellschaft immer noch spürbar waren. Immerhin wurde die Lehre des Konfuzius auch als Waffe im Kampf zwischen den politischen Parteien und den Intellektuellen der Yangban missbraucht. Die nicht konservativen Intellektuellen versuchten, die verloren gegangenen Elemente des Konfuzianismus wieder zu erlangen. Sie zielten auf eine gute Regierungsführung im Bezug auf die Landeswirtschaft ab, wobei sie auf den Pragmatismus setzten, der die Produktivität und die Entwicklung des sozialen Lebens fördern konnte. Die Vertreter der Silhak-Bewegung wiesen rein logische Argumente zurück, die sie als unproduktiv betrachteten, und konzentrierten sich vielmehr auf die praktischen Wissenschaften, die dem Gesellschaftsleben und der Produktion zugute kamen.

Zu den politischen Spannungen kamen noch jene hinzu,
die die Lehre betrafen.
JI-YOUNG KIM: Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts musste die Yi-Dynastie soziale und wirtschaftliche Probleme bewältigen, die hauptsächlich auf die Angriffe von Seiten Japans zurückzuführen waren (1592 bis 1598), danach durch die Jurchen-Stämme. Der Zusammenbruch des Regierungssystems führte zur Entstehung verschiedener Faktionen, die sich gegenseitig bekämpften: überall gab es Spannungen und Konflikte. Auch die Gesellschaftshierarchie erfuhr eine Veränderung. Bisher waren Bauern und Kaufleute als minderwertig betrachtet worden, jetzt dagegen sahen sie die progressiven Intellektuellen als grundlegendes Element der sozialen Stabilität der gesamten Nation. Und auch der Konfuzianismus büßte seine Rolle als führende Lehre der Yi-Dynastie ein, auch wenn einige Vertreter der intellektuellen Elite nach wie vor auf der Suche nach der reinen Logik waren und sich sozusagen von der zivilen Realität der zeitgenössischen Gesellschaft losgelöst hatten. So kam es, dass sich die koreanische Intelligenzia in einzelne Gruppen aufspaltete und verschiedene politische Parteien entstehen konnten.
Wie hat man in Korea versucht, in Dialog mit dem christlichen Westen zu treten?
JI-YOUNG KIM: Das Wissen, das man zur Zeit der Yi-Dynastie über das westliche Denken hatte, stammte aus den in chinesischer Sprache verfassten Büchern der Missionare der Gesellschaft Jesu, die seit dem 16. Jahrhundert in China lebten. Bevor Matteo Ricci De Deo verax disputatio veröffentlichte, brachte er die Gedanken der Gläubigen zu Papier. Ein Werk, in dem er die den östlichen und westlichen Kulturen gemeinsamen Charakteristiken nach Kategorien geordnet darlegte und versuchte, sie verständlich zu machen. Mit diesem Buch, das also sozusagen die Denkweise der Kulturen in Ost und West beleuchtete, konnte Ricci eine Gesprächsbasis mit den Intellektuellen der renommiertesten Zirkel Chinas und Koreas schaffen. Aber damit nicht genug. Indem Ricci erläuterte, welche Beziehungen die Gläubigen zueinander aufbauen konnten, erklärte er auch die Lehre von der Auferstehung und der Autorität Gottes. So kam es, dass die progressiven koreanischen Denker, nachdem sie die Lehren der katholischen Missionare in China erhalten und deren Werke gelesen hatten, nicht nur an der modernen westlichen Kultur Anteil haben wollten, sondern auch an deren Technologie und Wissenschaft. Man hoffte, so eine gesunde und starke koreanische Nation aufbauen und die Krise überwinden zu können, die die japanischen Angriffe ausgelöst hatten. Vor diesem Hintergrund konnte der Progressist Yi Su-gwang (1563-1628) das westliche katholische Denken Anfang des 17. Jahrhunderts in die Yi-Dynastie einführen. Später verwirklichten andere berühmte Gelehrte wie Yi Ick (1681-1763) und Jung Yak-yong (1762-1836) ihre Kritiker der damaligen Intellektuellen, die Altchinesisch zu lesen und zu schreiben pflegten und ihre Zeit mit Müßiggang verbrachten, ohne irgendetwas Produktives zu tun… Er beschrieb die Übel, die sich in die Gesellschaft unter der Yi-Dynastie eingeschlichen hatten und beharrte auf der Einführung einer hoch entwickelten westlichen Kultur, der Vermehrung des wissenschaftlichen Wissens und dem Ausbau des wirtschaftlichen Austausches. Sein Jibong yuseol ist ein enzyklopädisches Buch, in dem die Arbeit seines ganzen Lebens gesammelt ist. Er hatte ein umfassendes Wissen in Sachen Astronomie, Geologie, Geometrie, Militärdoktrin und bürgerlicher Ordnung, Religionen und vielem anderen mehr. Er legte auch das katholische westliche Denken dar und bot seinen Mitbürgern, die in einer konfuzianischen Sicht des Kosmos gefangen waren, einen erweiterten, universalen Horizont der menschlichen Geschicke an. Sein gesamtes Verhalten war im Grunde Frucht seiner Neugier… Er war ein Mann mit Weitblick. Einer, der verstanden hatte, wie die neue Welt aussah, die Matteo Ricci durch seine Bücher erschlossen hatte. Er war eine derart herausragende und geschätzte Persönlichkeit, dass man ihm drei Ministerien anvertraute, ja ihn sogar zum Premierminister ernannte. An dieser Stelle möchte ich aber noch einen anderen Intellektuellen und Zeitgenossen Riccis erwähnen: Yu Mong-in (1559-1623).
Können Sie uns mehr über ihn erzählen?
JI-YOUNG KIM: Sein Erwoo yadam ist ein Essay der traditionellen koreanischen Literatur, dessen kritischer Inhalt sich auf die moralischen Kriterien und Werte der damaligen Zeit stützte. Yu Mong-in, der mit dem Namen „Er-woo“ zeichnete, gehörte derselben Generation an wie Matteo Ricci. Er analysierte und diskutierte die konfuzianischen Traditionen und den Katholizismus. Er verstand das Konzept, das der katholische Glaube von Gott hat und verglich es mit dem des Kaisers des Himmels der konfuzianischen Tradition. Er kritisierte jedoch die katholische Lehre von Hölle und Paradies, weil er darin ein Mittel sah, mit dem man das Volk einzulullen versuchte. Ebenso verwarf er auch den Gedanken, dass katholische Ordensleute nicht heiraten durften – ein Konzept, das seiner Meinung nach der Menschlichkeit zuwiderlief. Das katholische westliche Denken hatte zwar Yu Mong-ins Neugier geweckt, aber er war nicht in der Lage, die Grundlagen des katholischen Glaubens zu verstehen…

Lassen wir den akademischen Bereich einmal beiseite:
wer waren die ersten koreanischen Christen?
JI-YOUNG KIM: Beispielsweise Yi Seung-hun. Er lebte von 1756 bis 1801 und war der erste Koreaner, der die Taufe empfing. Er war auch einer der Gründer der katholischen Gemeinde in Korea. 1783 kam er mit dem Pater nach Peking, der Mitglied der nach China geschickten diplomatischen „Winter“-Delegation war. Der Katechismus wurde ihm von den Jesuitenmissionaren gelehrt. Pater Jean-Joseph de Grammont taufte ihn. Ein Jahr später kehrte er mit einer großen Menge katholischer Publikationen nach Korea zurück. Er betätigte sich als Lehrer und taufte einige Koreaner, darunter auch Jung Yak-yong, bekanntes Mitglied der Silhak. 1794 wurde über einige seiner Freunde die Todesstrafe verhängt, weil sie die Einreise des chinesischen Paters Ju Moon-mo nach Korea begünstigt hatten. Er selbst wurde aus demselben Grund ins Exil geschickt und später zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1801 im Seosomoon-Gefängnis in Seoul vollstreckt.
Wie stand die Yi-Dynastie zur Präsenz der Christen?
JI-YOUNG KIM: Das Christentum, das ab 1600 in Korea weitestgehend erlaubt war, weckte im nachfolgenden Jahrhundert das Interesse zahlreicher progressiver Intellektueller, die sich für die westliche Kultur begeisterten. Sie wurden in ihrer Übernahme des katholischen Glaubens nicht behindert. Ende des 18. Jahrhunderts kam es dann aber zum Ausbruch politischer Konflikte, mit dem Ergebnis, dass jede Faktion versuchte, ihrem politischen Gegner Steine in den Weg zu legen. So wurden im 19. Jahrhundert viele Katholiken hingerichtet, vor allem durch Gruppen, die den Katholizismus hassten. 1846 war der erste koreanische Priester an der Reihe. Der erst 25-jährige Kim Tae-Gun war im Oktober 1845 aus China in seine koreanische Heimat zurückgekehrt. Im August 1845 hatte ihn Bischof Ferréol in Shanghai zum Priester geweiht. Ebenso wie er mussten die Christen in der letzten Periode der Yi-Dynastie viele Prüfungen bestehen. Die koreanischen Gläubigen von heute können diesen Glaubenszeugen dankbar sein.
Es war eine Epoche der Begegnung zwischen zwei Universalismen.
JI-YOUNG KIM: Konfuzianismus und Katholizismus haben in dieser koreanischen Erfahrung ein gemeinsames Terrain gefunden, auf der praktischen Grundlage der „Konkretheit“. Die Silhak-Bewegung war natürlich ein Experiment, das nicht alle miteinbezog, wie man das gewollt hätte. Es war aber durchaus bedeutungsvoll für die Beziehungen zwischen ziviler und kirchlicher Macht, die ich gerne mit Ihnen gemeinsam nachvollzogen habe.

Botschafter Francis Ji- Young Kim.
FRANCIS JI-YOUNG KIM: Zu Beginn waren die Beziehungen der koreanischen Yi-Dynastie (1392-1910, Anm.d.Red.) zum China der Ming gut – so gut, dass viermal im Jahr diplomatische Handelsdelegationen aus Korea geschickt wurden. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dank dieser Begegnungen waren die Kontakte freundschaftlich und wurden durch einen gegenseitigen Austausch der notwendigen Güter, Technologien und – allgemeiner – Wissen bereichert. Im 16. Jahrhundert konnten dann aber in der Mandschurei die Jurchen die Macht übernehmen, die später die Nation Keum begründen sollten. 1636, nachdem es ihnen gelungen war, die Ming-Dynastie zu besiegen, wurden sie Ch’ing genannt und mischten sich in die Beziehungen zwischen den Dynastien Yi und Ming ein.
Zu welchem Zweck?
JI-YOUNG KIM: Die Jurchen wollten das China der Ming besetzen. Das war aber nur möglich, wenn die Yi politisch neutral blieben, und zwar sowohl ihnen als auch den Ming gegenüber. König Kwanghaegun aus der Yi-Dynastie, der von 1608 bis 1623 herrschte, schaffte es, diese Politik der Neutralität zu bewahren. Der spätere König Injo aber, der von 1623 bis 1649 an der Macht war, kehrte wieder zu der traditionell Ming-freundlichen Haltung zurück, obwohl Korea keine ausreichenden Kräfte hatte, um den Jurchen-Stämmen standhalten zu können. In der Zeit von Dezember 1636 bis Januar 1637 griffen diese auch tatsächlich Korea an und machten den Norden des Landes dem Erdboden gleich.
Wie war es dort damals um die Religion bestellt?
JI-YOUNG KIM: Während der Yi-Dynastie war die am weitesten verbreitete Religion der Konfuzianismus, im Kontrast zum Buddhismus, der vorherrschenden Religion in Korea während der vorherigen Reiche der Koryo und der Silla. Obwohl sich der Buddhismus und der Taoismus auch weiterhin bei den unteren Gesellschaftschichten großer Beliebtheit erfreuten, bekannten sich die königliche Familie und die gehobene Kaste der Intellektuellen, die Yangban, größtenteils zum Konfuzianismus. Die Konfuzius-Kenner maßen der traditionellen Schrift in Alt-Chinesisch große Bedeutung bei, und zwar sowohl was literarische Werke betraf als auch geisteswissenschaftliche Studien über die Spiritualität, Zermoniale usw. Ihr Ziel war der Aufstieg zum „geistigen Leben.“
Der Einfluss, den die Schriften von Matteo Ricci auf die koreanischen Intellektuellen der damaligen Epoche ausübten, war einer so bekannten Schule des Denkens wie der Silhak-Bewegung zu verdanken. Was war das genau?
JI-YOUNG KIM: Sie war einfach nur ein Zweig des Konfuzianismus. Ihr Name bedeutete „praktisches Lernen“, „Konkretheit“. Sie zielte darauf ab, ein neues Studien- und Wissenschaftsmodell zu schaffen, wenn erst einmal die Konflikte und Probleme überwunden waren, die in der konfuzianischen Gesellschaft immer noch spürbar waren. Immerhin wurde die Lehre des Konfuzius auch als Waffe im Kampf zwischen den politischen Parteien und den Intellektuellen der Yangban missbraucht. Die nicht konservativen Intellektuellen versuchten, die verloren gegangenen Elemente des Konfuzianismus wieder zu erlangen. Sie zielten auf eine gute Regierungsführung im Bezug auf die Landeswirtschaft ab, wobei sie auf den Pragmatismus setzten, der die Produktivität und die Entwicklung des sozialen Lebens fördern konnte. Die Vertreter der Silhak-Bewegung wiesen rein logische Argumente zurück, die sie als unproduktiv betrachteten, und konzentrierten sich vielmehr auf die praktischen Wissenschaften, die dem Gesellschaftsleben und der Produktion zugute kamen.

Pater Matteo Ricci auf einem Gemälde von Emmanuel Yu Wen-Hui (gen. Pereira), 1610, Sakristei der Kirche Il Gesù, Rom; im Hintergrund, die Weltkarte von Pater Matteo Ricci, die 1603 von Li Zhizao in Peking gedruckt wurde und sich im Museum von Shenyang befindet.
JI-YOUNG KIM: Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts musste die Yi-Dynastie soziale und wirtschaftliche Probleme bewältigen, die hauptsächlich auf die Angriffe von Seiten Japans zurückzuführen waren (1592 bis 1598), danach durch die Jurchen-Stämme. Der Zusammenbruch des Regierungssystems führte zur Entstehung verschiedener Faktionen, die sich gegenseitig bekämpften: überall gab es Spannungen und Konflikte. Auch die Gesellschaftshierarchie erfuhr eine Veränderung. Bisher waren Bauern und Kaufleute als minderwertig betrachtet worden, jetzt dagegen sahen sie die progressiven Intellektuellen als grundlegendes Element der sozialen Stabilität der gesamten Nation. Und auch der Konfuzianismus büßte seine Rolle als führende Lehre der Yi-Dynastie ein, auch wenn einige Vertreter der intellektuellen Elite nach wie vor auf der Suche nach der reinen Logik waren und sich sozusagen von der zivilen Realität der zeitgenössischen Gesellschaft losgelöst hatten. So kam es, dass sich die koreanische Intelligenzia in einzelne Gruppen aufspaltete und verschiedene politische Parteien entstehen konnten.
Wie hat man in Korea versucht, in Dialog mit dem christlichen Westen zu treten?
JI-YOUNG KIM: Das Wissen, das man zur Zeit der Yi-Dynastie über das westliche Denken hatte, stammte aus den in chinesischer Sprache verfassten Büchern der Missionare der Gesellschaft Jesu, die seit dem 16. Jahrhundert in China lebten. Bevor Matteo Ricci De Deo verax disputatio veröffentlichte, brachte er die Gedanken der Gläubigen zu Papier. Ein Werk, in dem er die den östlichen und westlichen Kulturen gemeinsamen Charakteristiken nach Kategorien geordnet darlegte und versuchte, sie verständlich zu machen. Mit diesem Buch, das also sozusagen die Denkweise der Kulturen in Ost und West beleuchtete, konnte Ricci eine Gesprächsbasis mit den Intellektuellen der renommiertesten Zirkel Chinas und Koreas schaffen. Aber damit nicht genug. Indem Ricci erläuterte, welche Beziehungen die Gläubigen zueinander aufbauen konnten, erklärte er auch die Lehre von der Auferstehung und der Autorität Gottes. So kam es, dass die progressiven koreanischen Denker, nachdem sie die Lehren der katholischen Missionare in China erhalten und deren Werke gelesen hatten, nicht nur an der modernen westlichen Kultur Anteil haben wollten, sondern auch an deren Technologie und Wissenschaft. Man hoffte, so eine gesunde und starke koreanische Nation aufbauen und die Krise überwinden zu können, die die japanischen Angriffe ausgelöst hatten. Vor diesem Hintergrund konnte der Progressist Yi Su-gwang (1563-1628) das westliche katholische Denken Anfang des 17. Jahrhunderts in die Yi-Dynastie einführen. Später verwirklichten andere berühmte Gelehrte wie Yi Ick (1681-1763) und Jung Yak-yong (1762-1836) ihre Kritiker der damaligen Intellektuellen, die Altchinesisch zu lesen und zu schreiben pflegten und ihre Zeit mit Müßiggang verbrachten, ohne irgendetwas Produktives zu tun… Er beschrieb die Übel, die sich in die Gesellschaft unter der Yi-Dynastie eingeschlichen hatten und beharrte auf der Einführung einer hoch entwickelten westlichen Kultur, der Vermehrung des wissenschaftlichen Wissens und dem Ausbau des wirtschaftlichen Austausches. Sein Jibong yuseol ist ein enzyklopädisches Buch, in dem die Arbeit seines ganzen Lebens gesammelt ist. Er hatte ein umfassendes Wissen in Sachen Astronomie, Geologie, Geometrie, Militärdoktrin und bürgerlicher Ordnung, Religionen und vielem anderen mehr. Er legte auch das katholische westliche Denken dar und bot seinen Mitbürgern, die in einer konfuzianischen Sicht des Kosmos gefangen waren, einen erweiterten, universalen Horizont der menschlichen Geschicke an. Sein gesamtes Verhalten war im Grunde Frucht seiner Neugier… Er war ein Mann mit Weitblick. Einer, der verstanden hatte, wie die neue Welt aussah, die Matteo Ricci durch seine Bücher erschlossen hatte. Er war eine derart herausragende und geschätzte Persönlichkeit, dass man ihm drei Ministerien anvertraute, ja ihn sogar zum Premierminister ernannte. An dieser Stelle möchte ich aber noch einen anderen Intellektuellen und Zeitgenossen Riccis erwähnen: Yu Mong-in (1559-1623).
Können Sie uns mehr über ihn erzählen?
JI-YOUNG KIM: Sein Erwoo yadam ist ein Essay der traditionellen koreanischen Literatur, dessen kritischer Inhalt sich auf die moralischen Kriterien und Werte der damaligen Zeit stützte. Yu Mong-in, der mit dem Namen „Er-woo“ zeichnete, gehörte derselben Generation an wie Matteo Ricci. Er analysierte und diskutierte die konfuzianischen Traditionen und den Katholizismus. Er verstand das Konzept, das der katholische Glaube von Gott hat und verglich es mit dem des Kaisers des Himmels der konfuzianischen Tradition. Er kritisierte jedoch die katholische Lehre von Hölle und Paradies, weil er darin ein Mittel sah, mit dem man das Volk einzulullen versuchte. Ebenso verwarf er auch den Gedanken, dass katholische Ordensleute nicht heiraten durften – ein Konzept, das seiner Meinung nach der Menschlichkeit zuwiderlief. Das katholische westliche Denken hatte zwar Yu Mong-ins Neugier geweckt, aber er war nicht in der Lage, die Grundlagen des katholischen Glaubens zu verstehen…

Eine Landkarte Koreas aus dem Jahr 1682.
JI-YOUNG KIM: Beispielsweise Yi Seung-hun. Er lebte von 1756 bis 1801 und war der erste Koreaner, der die Taufe empfing. Er war auch einer der Gründer der katholischen Gemeinde in Korea. 1783 kam er mit dem Pater nach Peking, der Mitglied der nach China geschickten diplomatischen „Winter“-Delegation war. Der Katechismus wurde ihm von den Jesuitenmissionaren gelehrt. Pater Jean-Joseph de Grammont taufte ihn. Ein Jahr später kehrte er mit einer großen Menge katholischer Publikationen nach Korea zurück. Er betätigte sich als Lehrer und taufte einige Koreaner, darunter auch Jung Yak-yong, bekanntes Mitglied der Silhak. 1794 wurde über einige seiner Freunde die Todesstrafe verhängt, weil sie die Einreise des chinesischen Paters Ju Moon-mo nach Korea begünstigt hatten. Er selbst wurde aus demselben Grund ins Exil geschickt und später zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1801 im Seosomoon-Gefängnis in Seoul vollstreckt.
Wie stand die Yi-Dynastie zur Präsenz der Christen?
JI-YOUNG KIM: Das Christentum, das ab 1600 in Korea weitestgehend erlaubt war, weckte im nachfolgenden Jahrhundert das Interesse zahlreicher progressiver Intellektueller, die sich für die westliche Kultur begeisterten. Sie wurden in ihrer Übernahme des katholischen Glaubens nicht behindert. Ende des 18. Jahrhunderts kam es dann aber zum Ausbruch politischer Konflikte, mit dem Ergebnis, dass jede Faktion versuchte, ihrem politischen Gegner Steine in den Weg zu legen. So wurden im 19. Jahrhundert viele Katholiken hingerichtet, vor allem durch Gruppen, die den Katholizismus hassten. 1846 war der erste koreanische Priester an der Reihe. Der erst 25-jährige Kim Tae-Gun war im Oktober 1845 aus China in seine koreanische Heimat zurückgekehrt. Im August 1845 hatte ihn Bischof Ferréol in Shanghai zum Priester geweiht. Ebenso wie er mussten die Christen in der letzten Periode der Yi-Dynastie viele Prüfungen bestehen. Die koreanischen Gläubigen von heute können diesen Glaubenszeugen dankbar sein.
Es war eine Epoche der Begegnung zwischen zwei Universalismen.
JI-YOUNG KIM: Konfuzianismus und Katholizismus haben in dieser koreanischen Erfahrung ein gemeinsames Terrain gefunden, auf der praktischen Grundlage der „Konkretheit“. Die Silhak-Bewegung war natürlich ein Experiment, das nicht alle miteinbezog, wie man das gewollt hätte. Es war aber durchaus bedeutungsvoll für die Beziehungen zwischen ziviler und kirchlicher Macht, die ich gerne mit Ihnen gemeinsam nachvollzogen habe.