Begegnung mit Bischof Maroun Lahham.
Ein Palästinenser in Tunis
Interview mit Maroun Lahham von Stefania Falasca
Maroun Lahham ist der zweite arabische Bischof an
der Leitung der tunesischen Kirche, der aus der Heimat Jesu kommt. Und wenn
sein Vorgänger Fouad Twal, der derzeitige lateinische Patriarch von
Jerusalem, immer wieder gern an seine Beduinen-Vorfahren erinnert, so
vergisst Maroun sicher nie, dass er Palästinenser ist und aus
Jordanien stammt. Und wie sollte er die vielen Jahre in Beit Jala,
Betlehem und Beit Sahour auch vergessen können, wo er als Rektor am
lateinischen Patriarchatsseminar tätig war? Genauso wenig hat er die
köstlichen arabischen Rezepte vergessen, die er von seiner Mutter
gelernt hat, die in weiser Voraussicht zu sagen pflegte: „Als
Priester wirst du keine Frau haben und musst daher lernen, allein zurecht
zu kommen.“
![Msgr. Maroun Lahham. [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1263479890515.jpg)
Ihre Kathedrale ist nach dem hl. Vinzenz von Paul und
der hl. Oliva benannt, einer sehr beliebten sizilianischen Heiligen. Es
scheint das Schicksal der tunesischen Kirche zu sein, von Geschichten
verschiedenster Herkunft geprägt zu sein…
MAROUN LAHHAM: Früher hatten die Franzosen das Sagen, aber auch die Italiener waren schon immer zahlreich vertreten. Das Volk der Gläubigen waren die Italiener … In den zehn Pfarreien Tunesiens gibt es heute 42 Priester der verschiedensten Nationalitäten. Darunter nur ein einziger Araber, aus Jordanien. Vor der Unabhängigkeit gab es hundert Kirchen. Mit dem modus vivendi von 1964, dem Abkommen, das mit dem unabhängigen Staat Tunesien unterzeichnet wurde, hat die Kirche das behalten, was der nach den Abwanderungen noch verbliebene Rest des katholischen Volkes braucht. Alles andere wurde an den Staat abgetreten: 96 von 100 Kirchen wurden entweiht. Wir konnten aber ein paar davon zurückbekommen.
Wo?
LAHHAM: In Djierba ist die Kirche seit kurzem neu geweiht worden. In den letzten Jahren sind viele Touristen ins Land gekommen. Und da es dort auch eine Synagoge gibt, lag der Regierung daran, zu zeigen, wie tolerant Tunesien war. Man wollte also mit einer Kirche, einer Moschee und einer Synagoge aufwarten. Und die Touristen waren zufrieden.
Die Zeiten des Tunise catholique sind vorbei….
LAHHAM: Kardinal Lavigerie wollte Karthago wieder zu altem Ruhm verhelfen. Er ließ sich als „Primas von Afrika“ betiteln. Das bestätigt sogar eine Bulle in lateinischer Sprache. Nach Erlangung der Unabhängigkeit war die Kirche so gut wie inexistent. Die wenigen im Land gebliebenen Gläubigen – einschließlich Bischöfen und Priestern – hatten beschlossen, dem Volk beim Bau seines Staates zu helfen. Es war fast wie ein Akt der Wiedergutmachung: dieses Land wurde neu geboren, und wir, die ehemaligen Kolonialisten, müssen jetzt helfen. Viele Priester arbeiteten in den Ministerien, in den Schulen und Krankenhäusern, weil es in Tunesien nicht genug Personal gab.
Auch katholische soziale Einrichtungen mussten zumachen.
LAHHAM: Die Klinik Saint Augustin z.B., die es seit 1933 gegeben hat. Sie war damals die erste Klinik in Tunesien, die einzige katholische Klinik im gesamten Maghreb.
Und dann gibt es ja auch noch die Schulen.
LAHHAM: Wir haben zehn davon, mit 5.000 muslimischen Studenten und muslimischem Personal. So können wir den Kontakt zu Tausenden Familien aufrecht erhalten, und sie sehen eine Kirche, die im Dienst der Bevölkerung steht. In der Hoffnung, dass das dazu dient, eine den anderen gegenüber offene Generation heranwachsen zu lassen.
Ihre Herde versammelt sich von Zeit zu Zeit auf eine etwas „zufällige“ Weise.
LAHHAM: Ja, es ist sicher eine Kirche sui generis, mit Menschen, die – der Mobilität unserer Zeit entsprechend – ein bisschen von überall her kommen. Seit einigen Jahren kommen Hunderte von Angestellten der Afrikanischen Entwicklungsbank hierher. Sie hat ihren Sitz nach Tunesien verlegt, weil es hier ruhiger ist. Und nun ist auch die Rede von einem französischen Airbus-Großprojekt, das ebenfalls viele ausländische Arbeiter hierher bringen würde. Aber es gibt bereits mehr als 3.000 Firmen, die mehr als 300.000 Tunesiern Arbeit geben. Es gibt keine autochtonen christlichen Gemeinden wie in den Nahost-Ländern. Die wenigen Christen, die auch von hier stammen, kommen aus islamischen Familien.
Warum?
LAHHAM: Proselytenmacherei ist verboten. Aber das gilt für alle, auch für die Anhänger des Islam. Wenn jemand aus freien Stücken die Religion wechselt, büßt er nicht seine Bürgerrechte ein. Und das gilt auch für Muslime, die Christen werden. Gewiss, es ist eine schwierige Entscheidung, der soziale Druck und die Feindseligkeit, der man damit in der Familie ausgesetzt ist, sind nicht leicht zu ertragen. Aber es gibt keine rechtlichen oder institutionellen Hindernisse.

Tunesien ist die Heimat des Tertullian und des Cyprian.
Der schillitanischen Märtyrer, der Perpetua und der Felicitas. Welchen
konkreten Einfluss haben sie auf die Pastoral?
LAHHAM: Wir haben bereits Studientagungen über Augustinus und Tertullian abgehalten. Nächstes Jahr ist eine über Cyprian geplant, in Zusammenarbeit mit der Kathedra Ben Ali für den interreligiösen Dialog. In der gewöhnlichen Pastoral hat sich das Gedächtnis dieser ruhmreichen Vergangenheit allerdings bisher nicht sehr niedergeschlagen. Wohl aber in der Beziehung zur muslimischen arabischen Welt Tunesiens. Sie erkennt sich in jener christlichen Vergangenheit wieder; fühlt instinktiv, dass sie Teil dieser Geschichte ist, ja ist stolz darauf. Das ist dem Geist der Mäßigung zuträglich, der für Tunesien so charakteristisch ist. Diese Menschen wissen, dass das Christentum hier nicht nur ein Derivat der modernen französischen Kolonisierung ist.
Wir haben gehört, dass die Schwestern auch in der Kolonialzeit immer als „guter Teil“ der Kirche betrachtet worden sind. Als diejenigen, die den Armen, den Menschen allgemein, helfen.
LAHHAM: Bei der Synode habe ich von der Beziehung zum Islam gesprochen, die zur Realität der Länder des Maghreb gehört. Wenn man vom Islam in Afrika spricht, denkt man nur an das, was in Schwarzafrika passiert. Man vergisst nur allzu leicht, dass mehr als 200 Millionen der 350 Millionen arabischen Muslime in Nordafrika leben. Unsere Situation ist anders als im übrigen Afrika, wo Christen und Muslime oft in einer Familie leben und Mischehen etwas sehr Häufiges sind. Aber wir sind weit entfernt von der Islamfeindlichkeit, die in Europa um sich gegriffen hat. In Nahost gehören Christen und Muslime demselben Volk an. Die arabischen Kirchen werden auch von Organisationen des politischen Islam wie Hamas und Hisbollah als autochtone Realitäten anerkannt, die es schon vor dem Islam gegeben hat. Wir dagegen sind wie kleine Minderheiten, die zwar nicht länger kolonial, aber doch immer noch ausländisch sind. Minderheiten, die verschiedene Zufälle in eine vollkommen arabische Welt geführt haben. Aber ich habe ganz und gar nicht den Eindruck, dass wir darüber traurig sind!
![Msgr. Maroun Lahham. [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1263479890515.jpg)
Msgr. Maroun Lahham. [© Osservatore Romano]
MAROUN LAHHAM: Früher hatten die Franzosen das Sagen, aber auch die Italiener waren schon immer zahlreich vertreten. Das Volk der Gläubigen waren die Italiener … In den zehn Pfarreien Tunesiens gibt es heute 42 Priester der verschiedensten Nationalitäten. Darunter nur ein einziger Araber, aus Jordanien. Vor der Unabhängigkeit gab es hundert Kirchen. Mit dem modus vivendi von 1964, dem Abkommen, das mit dem unabhängigen Staat Tunesien unterzeichnet wurde, hat die Kirche das behalten, was der nach den Abwanderungen noch verbliebene Rest des katholischen Volkes braucht. Alles andere wurde an den Staat abgetreten: 96 von 100 Kirchen wurden entweiht. Wir konnten aber ein paar davon zurückbekommen.
Wo?
LAHHAM: In Djierba ist die Kirche seit kurzem neu geweiht worden. In den letzten Jahren sind viele Touristen ins Land gekommen. Und da es dort auch eine Synagoge gibt, lag der Regierung daran, zu zeigen, wie tolerant Tunesien war. Man wollte also mit einer Kirche, einer Moschee und einer Synagoge aufwarten. Und die Touristen waren zufrieden.
Die Zeiten des Tunise catholique sind vorbei….
LAHHAM: Kardinal Lavigerie wollte Karthago wieder zu altem Ruhm verhelfen. Er ließ sich als „Primas von Afrika“ betiteln. Das bestätigt sogar eine Bulle in lateinischer Sprache. Nach Erlangung der Unabhängigkeit war die Kirche so gut wie inexistent. Die wenigen im Land gebliebenen Gläubigen – einschließlich Bischöfen und Priestern – hatten beschlossen, dem Volk beim Bau seines Staates zu helfen. Es war fast wie ein Akt der Wiedergutmachung: dieses Land wurde neu geboren, und wir, die ehemaligen Kolonialisten, müssen jetzt helfen. Viele Priester arbeiteten in den Ministerien, in den Schulen und Krankenhäusern, weil es in Tunesien nicht genug Personal gab.
Auch katholische soziale Einrichtungen mussten zumachen.
LAHHAM: Die Klinik Saint Augustin z.B., die es seit 1933 gegeben hat. Sie war damals die erste Klinik in Tunesien, die einzige katholische Klinik im gesamten Maghreb.
Und dann gibt es ja auch noch die Schulen.
LAHHAM: Wir haben zehn davon, mit 5.000 muslimischen Studenten und muslimischem Personal. So können wir den Kontakt zu Tausenden Familien aufrecht erhalten, und sie sehen eine Kirche, die im Dienst der Bevölkerung steht. In der Hoffnung, dass das dazu dient, eine den anderen gegenüber offene Generation heranwachsen zu lassen.
Ihre Herde versammelt sich von Zeit zu Zeit auf eine etwas „zufällige“ Weise.
LAHHAM: Ja, es ist sicher eine Kirche sui generis, mit Menschen, die – der Mobilität unserer Zeit entsprechend – ein bisschen von überall her kommen. Seit einigen Jahren kommen Hunderte von Angestellten der Afrikanischen Entwicklungsbank hierher. Sie hat ihren Sitz nach Tunesien verlegt, weil es hier ruhiger ist. Und nun ist auch die Rede von einem französischen Airbus-Großprojekt, das ebenfalls viele ausländische Arbeiter hierher bringen würde. Aber es gibt bereits mehr als 3.000 Firmen, die mehr als 300.000 Tunesiern Arbeit geben. Es gibt keine autochtonen christlichen Gemeinden wie in den Nahost-Ländern. Die wenigen Christen, die auch von hier stammen, kommen aus islamischen Familien.
Warum?
LAHHAM: Proselytenmacherei ist verboten. Aber das gilt für alle, auch für die Anhänger des Islam. Wenn jemand aus freien Stücken die Religion wechselt, büßt er nicht seine Bürgerrechte ein. Und das gilt auch für Muslime, die Christen werden. Gewiss, es ist eine schwierige Entscheidung, der soziale Druck und die Feindseligkeit, der man damit in der Familie ausgesetzt ist, sind nicht leicht zu ertragen. Aber es gibt keine rechtlichen oder institutionellen Hindernisse.

Die Basilika „Saint Louis“ in Karthago.
LAHHAM: Wir haben bereits Studientagungen über Augustinus und Tertullian abgehalten. Nächstes Jahr ist eine über Cyprian geplant, in Zusammenarbeit mit der Kathedra Ben Ali für den interreligiösen Dialog. In der gewöhnlichen Pastoral hat sich das Gedächtnis dieser ruhmreichen Vergangenheit allerdings bisher nicht sehr niedergeschlagen. Wohl aber in der Beziehung zur muslimischen arabischen Welt Tunesiens. Sie erkennt sich in jener christlichen Vergangenheit wieder; fühlt instinktiv, dass sie Teil dieser Geschichte ist, ja ist stolz darauf. Das ist dem Geist der Mäßigung zuträglich, der für Tunesien so charakteristisch ist. Diese Menschen wissen, dass das Christentum hier nicht nur ein Derivat der modernen französischen Kolonisierung ist.
Wir haben gehört, dass die Schwestern auch in der Kolonialzeit immer als „guter Teil“ der Kirche betrachtet worden sind. Als diejenigen, die den Armen, den Menschen allgemein, helfen.
LAHHAM: Bei der Synode habe ich von der Beziehung zum Islam gesprochen, die zur Realität der Länder des Maghreb gehört. Wenn man vom Islam in Afrika spricht, denkt man nur an das, was in Schwarzafrika passiert. Man vergisst nur allzu leicht, dass mehr als 200 Millionen der 350 Millionen arabischen Muslime in Nordafrika leben. Unsere Situation ist anders als im übrigen Afrika, wo Christen und Muslime oft in einer Familie leben und Mischehen etwas sehr Häufiges sind. Aber wir sind weit entfernt von der Islamfeindlichkeit, die in Europa um sich gegriffen hat. In Nahost gehören Christen und Muslime demselben Volk an. Die arabischen Kirchen werden auch von Organisationen des politischen Islam wie Hamas und Hisbollah als autochtone Realitäten anerkannt, die es schon vor dem Islam gegeben hat. Wir dagegen sind wie kleine Minderheiten, die zwar nicht länger kolonial, aber doch immer noch ausländisch sind. Minderheiten, die verschiedene Zufälle in eine vollkommen arabische Welt geführt haben. Aber ich habe ganz und gar nicht den Eindruck, dass wir darüber traurig sind!