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ECCLESIAM SUAM
Aus Nr. 10/11 - 2009

Reflexionen über geheimnis und leben der Kirche

Wenn alles Gnade ist, gibt es keine Gnade mehr


Die Wichtigkeit der Unterscheidung, vor allem in einer Zeit, in der die Gnosis zur Alternative zum Glauben wird.


von Kardinal Georges Cottier OP


Jesus und Petrus, Detail der <I>Fußwaschung</I>, Giotto in der Scrovegni-Kapelle, Padua

Jesus und Petrus, Detail der Fußwaschung, Giotto in der Scrovegni-Kapelle, Padua

Seit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen Katholiken und Lutheranern sind zehn Jahre verstrichen. Jener Erklärung zu einem zentralen Streitpunkt der Reformation. Am 31. Oktober 1999 unterzeichneten der heutige Kardinal Walter Kasper und der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Ishmael Noko, nach aufmerksamer Prüfung durch die Kongregation für die Glaubenslehre das Dokument, das zwischen Lutheranern und Katholiken einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre bezeugte. In Erinnerung an jenen Jahrestag sagte Benedikt XVI. beim Angelus zum Hochfest Allerheiligen, dass es dabei um jene Wahrheiten ging, „die uns in die Herzmitte des Evangeliums selbst sowie zu wesentlichen Fragen unseres Lebens hinführen. Gott hat uns angenommen und erlöst; unser Dasein ist in den Horizont der Gnade eingeschrieben und wird von einem barmherzigen Gott geführt, der unsere Sünden vergibt und uns zu einem neuen Leben in der Nachfolge seines Sohnes beruft; wir leben aus der Gnade Gottes und sind gerufen, sein Geschenk zu erwidern.“
So findet man, wenn man die Erklärung und die dazu gehörigen Erläuterungstexte liest, darin ja auch klare Aussagen darüber, wie sich der christliche Glaube in der Welt manifestiert. Ein im Anhang enthaltener Satz des Thomas von Aquin fasst die Quintessenz des christlichen Lebens wie folgt zusammen: „Die Gnade ist es, die den Glauben schafft, nicht nur, wenn der Glaube neu im Menschen anfängt, sondern solange der Glaube währt“ („Gratia facit fidem non solum quando fides de novo incipit esse in homine, sed etiam quamdiu fides durat“, Summa theologiae II-II q.4 a. 4 ad 3).
Heute scheinen gerade die absolute Notwendigkeit der Gnade für jeden Augenblick der christlichen Erfahrung und die Dynamik ihres Handelns aus der theologischen Debatte und aus der Verkündigung verschwunden zu sein. Zu diesem Punkt sind auch auf der Ebene der gewöhnlichen Pastoral Verwirrungen, Ambiguität und Missverständnisse erkennbar, die bezeichnend sind für eine allgemeine Verdunkelung der grundlegenden Begriffe der christlichen Lehre und des Glaubenslebens. Phänomene, die das Volk Gottes vom Weg abzubringen drohen.
Eine erste Verwirrung zeigt sich schon dort, wo es um die verbreitete Konzeption geht, die göttliche Gnade sei etwas, das jeder Mensch a priori erworben habe, was soweit geht, sie tout court mit dem inneren Licht des menschlichen Geschöpfs zu identifizieren. Ähnliche Konzeptionen finden sich auch dort, wo man allen guten Werken und allen religiösen Wegen der Menschen denselben Heilswert beimisst, als könne man alles, was religiös ist, in ein- und derselben Weise dem Heiligen Geist zuschreiben. Oder wenn man die christliche Physiognomie eines Volkes, einer Nation, als selbstverständlich nimmt, als wäre der christliche Glaube eine Art religiöser „Unterboden“ und bereits in einer bestimmten ethnischen, stammesbezogenen oder nationalen Identität impliziert.
Gewisse Identifizierungen müssen differenziert vorgeschlagen werden, und ohne irgendetwas forcieren zu wollen. Man wird nämlich als Jude oder als Muslim geboren, aber man wird nicht als Christ geboren. Christ wird man mit der Taufe und durch den Glauben, wie schon Tertullian erkannt hat. Christen kann man nicht machen, wie man Angehörige anderer Religionen „schaffen“ kann, indem man sie einfach in die Welt setzt. Viele Eltern von heute sind sich dessen bewusst und leiden vielleicht sogar darunter: es ist nicht selbstverständlich, dass die Kinder, auch wenn sie eine gute christliche Erziehung erhalten, die Gabe des Glaubens haben. Das Umfeld, die Katechese, können hilfreich sein. Aber keine soziologische Bedingung kann die Anziehungskraft der Gnade ersetzen, die einen jeden in seiner persönlichen Freiheit anspricht. Das Leben des Glaubens bedarf des persönlichen Einsatzes.
Die Verallgemeinerungen und Gemeinplätze, die das Geschenk der Gnade als selbstverständlich nehmen, sind Symptome des allgemeinen Verkennens einiger wesentlicher Unterscheidungen, die in der Lehre und der Pastoral der Kirche stets anerkannt und in Betracht gezogen worden sind. Beispielsweise die zwischen der natürlichen Ordnung (oder Schöpfungsordnung) und der übernatürlichen Ordnung der Gnade. Für Thomas von Aquin hat jedes Geschöpf eine Natur, die es unweigerlich seinem Zweck zuführt, und es hat auch die Fähigkeit, diesen Zweck zu erfüllen. Das galt auch für die menschliche Natur, bevor ihr die Ursünde eine Wunde geschlagen hat. Nach dem Sündenfall hat Gott sie durch die Erlösung nicht nur von der Sünde geheilt, sondern durch das Opfer seines eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, auch die Annahme der Menschen als seine Kinder bewirkt. Paulus schrieb an die Galater: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott“ (Gal 4, 4-7). Das heißt, dass in der durch Christus bewirkten Freiheit der Erlösung ein zweites Ungeschuldetsein Gottes liegt, das noch bewundernswerter ist als das Ungeschuldetsein der Schöpfung. In der von der Ursünde verwundeten Kreatürlichkeit erfährt der Mensch seine eigene Unzulänglichkeit, wenn er versucht, seinen natürlichen Zweck zu erfüllen. Das Streben nach Erfüllung ist für die gesamte Befindlichkeit der Menschen kennzeichnend. Schon die Natur des Menschen, die von der Ursünde geprägt ist, ist in sich selbst eine offene Frage, die sich keine Antwort zu geben vermag. Und die Antwort, die Gott durch seinen Sohn Jesus Christus gegeben hat, war nicht vorstellbar. Sie ist Überfluss, er hat sie uns überreich gewährt. Wie Paulus im Ersten Brief an die Korinther schreibt, verkündigen wir, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das der Herr denen bereitet hat, die ihn lieben (vgl.1Kor 2, 9).
Augustinus und Thomas von Aquin, Fresken von Giotto

Augustinus und Thomas von Aquin, Fresken von Giotto

Eine andere Verzerrung dessen, was Péguy als „Geheimnis und Wirken der Gnade“ bezeichnete, ist die Angewohnheit, die Gnade überall zu sehen. Eine Angewohnheit, die in kirchlichen Kreisen, auch in jenen, die sich als Experten in spirituellen Fragen betrachten, weit verbreitet zu sein scheint. Es stimmt, dass auch die heilige Therese von Lisieux auf dem Sterbebett wiederholt „alles ist Gnade“ gesagt hat und damit ihre vollkommene Hingabe an die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck bringen wollte. Derselbe Ausdruck findet sich auch auf der letzten Seite des Tagebuchs eines Landpfarrers von Bernanos. Oft führen aber gerade Begriffe, die die Notwendigkeit des Wirkens der Gnade herausstellen wollen, zur Verbreitung von irreführendem Gedankengut und verwirren die Seelen. Das ist beispielsweise bei langweiligen und formalen Begegnungen der Fall, die oft noch bevor sie überhaupt begonnen haben, pauschal als „Gnadenfakten“ definiert werden. So verbreitet man ein irreführendes Bild, als wäre die Gnade eine Art Regen, der unterschiedslos auf alles herabfällt und alle Dinge einhüllt. Oder gar ein per Statut jeder kirchlichen Aktivität aufgedrücktes Siegel. Wo sich die an alle ergehende Verheißung in der Heilsökonomie doch auf sakramentalem Weg mitteilt, bzw. durch die Vorliebe für ein Detail, was ja auch die gewöhnliche Praxis der Sakramente im Leben der Kirche zeigt.
Der Missbrauch von mit der Gnade verbundenen Bezeichnungen und Begriffen kann auch Folgen haben, die alles andere als harmlos sind. So wurde unlängst im Zusammenhang mit einer in Italien stattgefundenen Debatte über das moralische Verhalten der Politiker Die Gnade mit der Sünde gleichzusetzen ist jedoch etwas, das dem christlichen Glauben vollkommen fremd ist, es ist eine verdrehte Sicht, die sich vielmehr im Gnostizismus und in den gnostischen Parodien des Christentums findet. Auf diese Sicht beziehen sich alle – auch modernen – Lehren (die Prof. Massimo Borghesi besonders klar herausgestellt hat), die das Böse in Gott selbst setzen als ein „negatives“ Moment des dialektischen Prozesses der Wiederherstellung der gesamten Realität im göttlichen Pleroma.
Ein ähnlicher, an der Theorie des Mystikers und Schusters Jacob Böhme angelehnter Ansatz findet sich auch bei Hegel, dessen Werk Karl Löwith als große „gnostische Christologie“ definierte. Unzählig sind jedoch die Versuche, in den spirituellen Unbilden unserer Zeit das Böse als Wirkstoff zu sehen, der an der Befreiung des Menschen mitwirkt. Die verzerrten Theorien sind es, die uns den vergifteten Kelch des Bösen trinken lassen, um den Tod zu überwinden, da laut ihnen das Licht aus der Finsternis komme, der Weg des Himmels über die Hölle führe, die Gnade durch die Sünde komme, wir die Erlösung durch Verkehrung erlangten, und die Welt durch den Irrtum gerettet werde. Der Grundgedanke ist, dass Gott die Einheit der Gegensätze sei. Das Gute und das Böse seien beide in Gott und aus Gott, weil es ohne Gegensätze keinen Fortschritt gebe. Ohne Luzifer gebe es keine Befreiung, kein Heil.
Es ist kein Zufall, wenn der jüdische Philosoph Martin Buber im Zusammenhang mit der Gnosis schrieb, dass sie – und nicht der Atheismus, der Gott eliminiert, weil er die Bilder ablehnen muss, die man sich bisher von ihm gemacht hat – der wahre Feind der Glaubenswirklichkeit sei.


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